Aus der Literatur der Weimarer Republik

In einer Welle der schöngeistigen Literatur habe ich in den vergangenen Monaten diverse Werke deutscher Autoren aus der Zeit der Weimarer Republik gelesen. Tatsächlich kam das nicht geplant zustande, die Autoren, die Stilrichtungen und auch mein bleibender Eindruck sind äußerst unterschiedlich. Dieses einigende Band der Entstehungszeit ist mir erst im Nachhinein klargeworden.

 

In unregelmäßigen Abständen, aber immer wieder und mit großem Genuss lese ich den Fabian von Erich Kästner. Es handelt sich um Kästners stärksten Roman und um sein bekanntestes Werk für Erwachsene. Das soll keine Schmälerung seiner (zum Teil grandiosen) Kinderbücher sein, aber ihr Anspruch und ihre Wirkung sind andere und seien hier außen vor gelassen. Aus meiner Schulzeit kannte ich die ursprünglich veröffentlichte Fassung des Fabian, eine in manchen Aspekten bereits entschärfte Version, die dennoch von Goebbels verboten und verbrannt wurde. Vor einigen Monaten habe ich mir die Originalversion zugelegt, die zu Beginn des Textes ein wenig drastischer ist, aber von einem Kapitel abgesehen nur noch redaktionelle Änderungen zum bekannten Text aufzeigt. Kästner selbst hat in späteren Vorworten angemerkt, er habe dem Text den Titel „Der Gang vor die Hunde“ geben wollen. Wie akkurat diese Aussage ist, sei dahingestellt, es kann vermutet werden, dass diese Idee erst in der Rückschau entstanden ist.

Die titelgebende Hauptfigur Jakob Fabian begreift sich als Moralisten, der in der Zeit der Wirtschaftskrise die Welt immer weniger versteht und als immer absurder auffasst. Er unterhält diverse kurzlebige Frauenbekanntschaften, vor denen er sich teilweise aus Abscheu abwendet; die einzige, in der er echtes Potential für Liebe findet, geht in die Brüche als die Frau, Cornelia, sich einem reichen Mann zuwendet, den sie zwar nicht liebt, aber bei dem sie keine wirtschaftlichen Ängste mehr zu fürchten braucht. Fabians Freund Labude ist einer seiner wenigen Rettungsanker, auch wenn die beiden sich in der Beurteilung der Welt nicht einig sind: hier Fabian der schicksalsergebene Fatalist, der die Welt nimmt wie sie ist, weil er glaubt sie nicht ändern zu können („der Faustschlag blieb stumm“); dort Labude, der Romantiker, der glaubt, die Welt und die Menschen zum Vernünftigen verändern zu müssen. Als Labude sich aufgrund eines überzogenen, schlechten Scherzes aus Hoffnungslosigkeit das Leben nimmt, ist Fabian das einzige Mal während des Buches zu tiefen, ehrlichen Emotionen hingerissen. Fast immer bleibt Fabian reiner Beobachter, selbst als er sich in einem nächtlichen Feuergefecht zwischen einem Kommunisten und einem Nationalsozialisten wiederfindet und beide Kontrahenten im gleichen Taxi zum Krankenhaus bringt. Politisch verhält sich Fabian entsprechend seiner auch sonstigen Einstellung nicht extrem, in einer Ausrichtung, die er wohl als „anständig“ bezeichnen würde. Das schlägt sich in seiner Respektlosigkeit gegen nationalistische Denkmäler in Berlin nieder (die er in einer Busfahrt verspottet, die in der Erstausgabe noch herausgestrichen worden war), oder in seiner zurückhaltenden Auseinandersetzung mit einem Schulfreund gegen Ende des Romans. Und wie fast alle Romanhelden Kästners ist auch Fabian ein Muttersöhnchen: die rührige Episode des Besuchs seiner Mutter in Berlin und das heimliche Einanderzustecken von 20 Mark seien genannt.

Das Buch pendelt stetig zwischen beißender Komik und scharfem Sittenportrait seiner Zeit; es ist dabei stets eine bewusste Überzeichnung der Verhältnisse, und bleibt doch in einem höchst sachlichen, nüchternen Tonfall. Am Ende ertrinkt Fabian beim Versuch, ein Kind aus einem Kanal zu retten – das Kind selbst schwimmt ans Ufer. Kästner wendet sich in der Kapitelüberschrift direkt an das Publikum: „Lernt schwimmen!“ – im übertragenen Sinne: verhaltet euch nicht beobachtend und überfordert wie Fabian, sondern geht mit der Welt um wie sie sich bietet und ändert sie. Aus dieser auch sehr persönlichen Botschaft Kästners, die sich durch das ganze Buch zieht, gewinnt der Roman seine Stärke; bis zu einem gewissen Punkt hat Kästner sich hier selbst verewigt, nicht nur durch die diversen autobiographischen Elemente (Fabian, wie Kästner, ist Werbetexter in Berlin; Kästner, wie Labude, ist promovierter Germanist mit einem Schwerpunkt auf Lessing und seiner Zeit), sondern eben durch eine Botschaft, die ihm damals eine Herzensangelegenheit gewesen sein muss.

Ein kurzweiliges Buch, das sich immer wieder von neuem mit Gewinn lesen lässt. Mag der Humor auch etwas staubig geworden sein, die Geschichte ist es nicht, sie berührt noch immer und regt immer wieder zur Auseinandersetzung an.

 

Über Brecht ist praktisch alles gesagt. Aus einem Gefühl der Neugier heraus habe ich mir einige seiner Stücke wieder zu Gemüte geführt, die ich ebenfalls aus der Schulzeit kannte. So unterschiedlich die Mutter Courage, das Leben des Galilei und der Gute Mensch von Sezuan in ihrer Erzählung sind, so ähnlich sind sie sich doch in dem Punkt, dass der Leser (bzw. Theaterzuschauer) belehrt werden soll. Ganz im Geist Schillers handelt es sich bei diesen, wie vielen der Dramen von Brecht, um Lehrstücke. Schillers Rede „Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet“ hat bereits Ende des 18. Jahrhunderts den Aspekt herausgestellt, dass das Publikum durch den Theaterbesuch gebildet werden solle – erst in zweiter Linie soll das Theater der Unterhaltung dienen, sondern idealerweise wird das Publikum aufgeklärt und in die Lage versetzt, die richtigen Fragen zu stellen. Akkurat dieser Maxime folgt Brecht, und er treibt es im Guten Menschen geradezu auf die Spitze, in dem er das Stück offen enden lässt:

Wir stehen selbst enttäuscht und sehen betroffen / den Vorhang zu und alle Fragen offen. […] Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss! / Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!

Man mag darüber streiten, ob es noch ein unaufgeklärtes Theaterpublikum gibt (soll heißen, ob Menschen, die der Aufklärung bedürfen, überhaupt noch ins Theater gehen), oder ob das Konzept des Lehrstücks aus der Zeit gefallen ist. Alternativ findet die Aufklärung des aufnahmebereiten Publikums eher in anderen Kontexten statt, etwa im nicht allzu plakativen Kabarett und in der qualitativ hochwertigen Presse – wieder vorausgesetzt, dass ein aufklärungsbedürftiges Publikum dort überhaupt vorhanden ist (den Diskurs über die Selbsterkenntnis der Aufklärungsbedürftigkeit wollen wir hier nicht führen). In jedem Fall erscheinen die Lehrstücke Brechts als derart durchschaubar, dass eine moralische Besserung des Publikums von ihnen kaum zu erhoffen ist. Auch die angeprangerten Missstände scheinen in der heutigen Welt weniger von Belang zu sein – zumal die durch Brecht gelegentlich aufgezeigte Alternative des Kommunismus (im Guten Menschen) keine mehr ist und die Schrecken eines großen Kriegs um so viel größer sind als zur Entstehungszeit der Mutter Courage.

Aufgrund ihrer Durchsichtigkeit taugen die Lehrstücke natürlich dennoch als Schullektüre und werden als solche heute noch oft gelesen. Es lassen sich tiefe Charakterstudien daraus machen und für das Verständnis sind nur Hintergründe aus der klassischen humanistischen Gymnasialbildung nötig (etwa im Gegensatz zu manch anderer moderner Literatur aus dem gleichen historischen Umfeld). Ob diese Lehrstücke aber wirklich noch als Lehre taugen, sei dahingestellt. Nennenswert schöner und lehrreicher wirken doch manche Aphorismen, wie in den Geschichten vom Herrn Keuner („Aber Herr K., Sie haben sich ja überhaupt nicht verändert! – Und K. erbleichte.“) oder der auf einen Dritten Weltkrieg gemünzte Satz

Das große Karthago führte drei Kriege: es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.

Derlei ist in den genannten Lehrstücken recht selten.

Die Art der Belehrung ist in den drei Stücken, die ich jetzt neu gelesen habe, sehr unterschiedlich. Im Guten Menschen ist von der schrecklichen Realität des Kapitalismus die Rede, im Leben des Galilei von der Freiheit und Verantwortung der Wissenschaft und der Unfreiheit in der Kirche, bei der Mutter Courage von den Schrecken des Kriegs und davon, wie unterschiedlich die Menschen mit der Moral in Krieg und Frieden umgehen (sichtbar besonders in den drei Kindern der Courage, mehr noch als bei ihr selbst). Tatsächlich habe ich Brechts großen Aufführungserfolg die Dreigroschenoper aus schierer Erschöpfung ausgelassen. Meine Erinnerung ist jedoch durchaus analog zu den anderen Stücken und lässt sich an der bissigen Beschreibung des Hurenhauses als „bürgerliches Idyll“ festmachen – ein klassischer Fall, in dem „Show, don’t tell“ angebrachter gewesen wäre. Aber aus der Dreigroschenoper habe ich die schöne Zeile „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ behalten, tatsächlich ein wahres, wenn auch drastisches Wort.

So wenig spektakulär die Inhalte der Stücke auch sein mögen, sie geben den Schauspielern aber große Möglichkeiten für eine brillante Darstellung der titelgebenden Figuren. Besonders die Rolle der Shen Te erfordert eine hohe schauspielerische Leistung, die selten in der nötigen Komplexität gelingen wird.

Die am schönsten komponierte Szene in den drei Stücken ist die Ankleideszene des Papstes im Leben des Galilei. Der Papst selbst ist Wissenschaftler, der aber während der Ankleide in das Gewand (soll heißen: in die Rolle) des Papstes schlüpft und auf diese Weise andere Prioritäten setzen muss als Galilei. Eine schöne subtile Art, die Zwänge aufzuzeigen, in denen die handelnden Figuren sich bewegen: show, don’t tell.

In der Summe ist dem Eindruck Marcel Reich-Ranickis recht zu geben, den er in der Reihe „Lauter schwierige Patienten“ geäußert hat: die Theaterstücke Brechts werden der Zeit nicht standhalten. Sie werden noch in der Schule gelesen und in den Theatern aufgeführt, aber sie haben an Aktualität und Relevanz eingebüßt. Was von Brecht überdauern mag, ist die Lyrik, seine Songs.

Auf die Stücke in weiteren Details einzugehen erscheint aufgrund ihrer Verbreitung gerade als Schullektüre nicht angebracht. Über Brecht ist alles (und mehr als das) gesagt.

 

Ebenfalls aus schierer Neugier habe ich mich mit Hans Falladas Roman Kleiner Mann – was nun? auseinander gesetzt. Paradoxerweise hat diese durchaus rührige Geschichte vom jungen Ehepaar in kleinen Verhältnissen (sie nennen sich gegenseitig „Junge“ und „Lämmchen“, ihr kleines Kind werden sie immer nur als „Murkel“ bezeichnen) nicht im geringsten meinen Nerv getroffen. Ja – der soziale Abstieg der jungen Familie ist schrecklich und grausam. Ja – die wirtschaftlichen Verhältnisse in der späten Weimarer Republik waren grässlich und schwer. Es ist überhaupt eine Epoche, mit der ich mich lange und ausgiebig auseinandergesetzt habe und die mich fortlaufend fasziniert. Und doch bin ich von dieser Erzählung, diesem (damaligen) Gegenwartsstück, seltsam unberührt geblieben. Im Gegenteil habe ich mich beim Lesen mehrfach entsetzlich für Lämmchen fremdgeschämt; eine in vielen Dingen so weltfremde und überkomplizierte Person, die gleichzeitig nicht aus übertrieben behüteten Verhältnissen kommt und sich doch in der Welt so schlecht zurecht findet (die furchtbare Szene, als sie versucht eine Erbsensuppe zu kochen). Immerhin macht sie im Lauf der Geschichte eine Entwicklung durch und geht resoluter mit der Situation um als ihr Mann. Das Ende ist offen, aber es wird klar, dass beide trotz aller Armut ihre Liebe bewahren.

Tatsächlich hat mich dieser Versuch mit Hans Fallada nicht bewogen, seinen anderen berühmten Roman Jeder stirbt für sich allein zu lesen. Bei aller Anrührung und Realitätsbeschreibung war ich weder gefesselt noch beeindruckt von Kleiner Mann – was nun? Ich habe einfach den Funken nicht gefunden, der von diesem Autor auf mich hätte überspringen können.

 

Schließlich endete mein Rundgang durch die Literatur der 1920er Jahre mit einem Ausflug zu Hermann Hesses Narziß und Goldmund. Unterschiedlicher zu den bisherigen Büchern könnte ein Roman kaum sein. Gänzlich unpolitisch, völlig der (damaligen) Gegenwart entrückt, wird die Geschichte zweier mittelalterlicher Mönche erzählt. Es sind zwei ganz und gar verschiedene Charaktere, die ganz und gar verschiedenen Lebensentwürfen folgen: der abstrakte Denker und Asket Narziß, der sein Leben im Kloster verbringt, und der Schöngeist Goldmund, der sich der Sinnenwelt, der Kunst und den Frauen hingibt und durch die Welt zieht. Beide schließen in der Jugend eine enge Freundschaft und profitieren in ihrer Sicht auf die Welt vom jeweils anderen. Diese Freundschaft überdauert Goldmunds Wanderjahre, bis sie sich nach Jahrzehnten zufällig wiedertreffen. Ein ästhetisch ungemein schönes Buch, dessen Komposition klar ist und doch nicht aufdringlich wirkt. Über die schwülstige Sprache muss man ein wenig hinwegsehen und sich hineinarbeiten, aber dennoch ist diese Sprache klar und vor allem kein Selbstzweck (ich denke an entsetzliche Phrasen bei Thomas Mann).

Etwas befremdlich innerhalb dieser Erzählung sind mystische Motive, etwa das Bild von Goldmunds Mutter, die keine der handelnden Personen kennt, das für Goldmunds Suche nach Schönheit in der Kunst vorantreibt. Gleichzeitig bleibt Goldmunds Handeln auch für den eher verkopften Leser fast zu jeder Zeit nachvollziehbar und klar. Er ist getrieben von der Suche nach Schönheit und folglich nach Inspiration – der Meister, bei dem er die Holzverarbeitung lernt, bleibt ihm einerseits künstlerisches Vorbild, andererseits ein Schreckgespenst bei der Aussicht ebenso gefesselt an einen Ort, eine Profession, eine Werkstatt zu sein.

Durch Narziß und Goldmund habe ich ein grobes Gefühl dafür bekommen, was es in einem geschichtlichen Überblick über die Literaten der Weimarer Republik hieß: „Hermann Hesse schwankt zwischen Ethik und Ästhetik.“ Wirklich greifen kann ich diese Einschätzung noch nicht, aber es dämmert eine Einsicht, wohin dieser Satz abzielen sollte. Im Gegensatz zu Brecht werde ich einmal zu Hesse zurückkehren. Auch die Person Hesse mag es wert sein, näher beleuchtet zu werden, schon aufgrund der komplexen Hintergründe in seinem Werk, aber auch aufgrund seiner Wirkung, etwa durch den Steppenwolf, oder das Glasperlenspiel.

 

Dieser Exkurs hat mir wieder die Faszination der Weimarer Republik aufgezeigt, die eine so breit gefächerte Künstlerlandschaft hervorgebracht hat. Und gleichzeitig ist dies auch ein Zeichen für die Faszination am Deutschen Kaiserreich, das mit seiner humanistischen Bildung und Kultur überhaupt die Grundlagen für eine solche künstlerische Explosion in den 1920er Jahren geschaffen hat. Von den genannten Werken setzen sich außer Narziß und Goldmund alle mit den komplexen und komplexer werdenden Problemen ihrer Gegenwart auseinander (und auch Hesse hat sich nicht im luftleeren Raum bewegt, sondern ist sowohl von seinen Vorbildern als auch sehr spürbar von seiner Umwelt beeinflusst). Es ist beeindruckend zu lesen, wie diese Welt künstlerisch verarbeitet wurde. Eine Epoche, zu der ich noch oft zurückkehren werde.