Sprachen und was darüber gesagt werden kann

Durch Zufall bin ich diesen Sommer in der Buchhandlung über das Buch „Sprachen“ von Gaston Dorren gestolpert. Ein kleiner Reiseführer zu den Sprachen Europas, in dem insgesamt 67 Sprachen jeweils auf wenigen Seiten behandelt werden. Darunter sind die großen Sprachen nicht ausführlicher behandelt als die kleinen und vom Aussterben bedrohten. Jede erhält ein wenig Raum, in dem ihre Besonderheiten, Eigenheiten, ihre Geschichte oder ihre Bedeutung vorgestellt werden. Am Ende jedes Abschnitts gibt es eine kurze Liste von Lehnwörtern, die das Deutsche aus dieser Sprache übernommen hat, und ein Wort, das dem Deutschen noch fehlt. Eine wirklich hübsche Zusammenstellung mit vielen kleinen Einheiten von unnützem Wissen. Manchmal sind die einzelnen Sprachen nur der Aufhänger für Phänomene in größeren Familien, sodass man nicht immer etwas über die konkrete Sprache erfährt. Das tut dem Genuss aber keinen Abbruch.

Unter den vielen kleinen Informationen, die in der großen Zeit der Quizshows problemlos für höhere Gewinnbeträge ausgereicht hätten, seien nur erwähnt: dass das Finnische zwar viele Worte für „Schnee“ haben mag (wie die urban legend es auch für die Sprachen der Inuit postuliert), das Deutsche aber auch zwanglos sehr viele Worte für „Regen“ kennt; dass das Monegassische auf Initiative eines heimatverbundenen Geistlichen im Schulunterricht in Monaco verwendet wird – und nur dort (nicht von den offiziellen Institutionen, nicht im Radio, praktisch nicht in der Literatur); dass das Polnische eine der konsequentesten Sprachen ist, wenn es um ihre Transkription in Buchstaben geht (wenn es auch überhaupt nicht so aussieht) – deutlich konsequenter als Deutsch und Englisch.

 

Das Buch befasst sich ausschließlich mit den (noch) lebenden Sprachen Europas. Von Latein ist keine Rede. Ein vergleichbar hübsches Buch, das sich nur auf die Geschichte und Geschichten rund um die lateinische Sprache kapriziert, ist „Latein ist tot, es lebe Latein“ von Wilfried Stroh, das ich bereits vor einigen Jahren in den Händen hatte. In diesem Kontext ist es eine schöne Ergänzung zu Dorrens Buch. Seine Hauptthese ist, dass die lateinische Sprache nicht erst seit dem Ende des römischen Reichs eine tote Sprache war, sondern schon um die Zeitenwende faktisch gestorben ist, jedenfalls als gesprochenes klassisches Latein. Um die, auch noch heute so genannte, „goldene Latinität“ zu bewahren, das Latein von Cicero, Caesar, Sallust oder Vergil, wurde diese Schriftsprache gewissermaßen eingefroren, konserviert, da man sie für einen unübertreffbaren ästhetischen Höhepunkt hielt. Die späteren Autoren wurden bereits als stilistischer und sprachlicher Verfall empfunden, und die gesprochene Sprache entwickelte sich mit den Jahren immer weiter von diesem Idealbild fort. Schließlich wurden aus dem klassischen Latein die heutigen romanischen Sprachen wie Französisch, Spanisch und Italienisch (wenn der Übergang auch schleichend war: noch Dante sagte, er schreibe seine Verse in lateinischer Sprache).

Tatsächlich stellt die „goldene Latinität“ einen sprachlichen Höhepunkt dar, dem meiner Erfahrung nach die so genannte „silberne Latinität“ kaum nachsteht (wenn meine Übersetzungskenntnisse auch auf wenig brillantem schulischem Niveau stehen geblieben sind). Diese Phase wurde die gesamte Antike und bis in die Neuzeit hinein imitiert und als Vorbild festgehalten, so ist die Einhard-Biographie über Karl den Großen in einem makellos gedrechselten Latein verfasst. Das Auseinanderdriften von klassischem Idealbild und natürlicher Sprachentwicklung schlägt sich, abhängig von der Kunst der Autoren und ihrer Treue zum Vorbild, in den Abweichungen nieder, sowohl grammatikalisch, als auch lexikalisch oder in der Rhythmik (vgl. den Quantitätenkollaps).

Es ist aber auch offensichtlich, dass die hoch geschätzten Autoren wie Cicero nicht exakt so gesprochen haben wie sie schrieben – die hohe Literatur ist immer auch eine Kunstform gewesen, die sich von der gesprochenen Sprache unterscheidet. Sicher war das Sprachniveau Ciceros ein anderes als das der Soldaten Caesars, aber dass die lateinische Aussprache sich schon damals von der Schriftform entfernte, wird schon bei Catull (carmen 84, „hinsidias“) deutlich, wie auch einige Jahrzehnte später an den pompeijanischen Graffiti oder an der Cena Trimalchionis, die das Vulgärlatein für uns eingefangen haben.

 

Eine schöne Videoreihe zur Auffrischung meiner Lateinkenntnisse habe ich letztens bei youtube gefunden, sie ist aber auch in der Mediathek des bayrischen Rundfunks verfügbar.

Eigentlich eine Art Telekolleg-Kurs, zu dem es bei seiner Entstehung offenbar auch Begleitmaterial gab, der aus heutiger Sicht etwas hölzern wirkt und doch sehr stringent und kompakt die Eigenheiten der lateinischen Grammatik und Satzlehre offenlegt. Ohne Vorkenntnisse wird man während des ersten Grundkurses wohl sehr schnell abgehängt, ich konnte aber mit meinen verbliebenen Schulkenntnissen gut folgen. Nach drei Grundkursen mit jeweils 13 Videos ist die Grammatik für alle wesentlichen Zwecke vollständig erklärt. Im Aufbaukurs, der wieder aus 13 Videos besteht, werden jeweils kurze in sich abgeschlossene Texte aus der Mythologie übersetzt. Den Abschluss der Reihe bildet ein Übersetzungskurs mit kurzen Abschnitten und den zugehörigen grammatikalischen Analysen aus den bekannten Originaltexten, etwa Caesars Gallischer Krieg. Eine wirklich schöne Gelegenheit, die alten Kenntnisse zu reaktivieren.

 

Abschließend sei noch ein schöner youtube-Kanal erwähnt, der sich ebenfalls mit Sprachen und ihrer Entwicklung befasst. Der nativelang-Kanal hat wunderbare kleine Videos über alle Sprachen der Welt, darunter auch über die klassische Aussprache des Lateinischen (und woher wir darüber wissen können), oder, sehr sehenswert, über die Aussprache des Shakespeare-Englisch.

Daneben viele weitere, der Kanal ist nach wie vor aktiv und bleibt hochinteressant.

Advertisements

Der Sommer des Jahrhunderts

Vor einigen Jahren ist ein Trend gestartet, ganze Bücher über einzelne Jahre zu schreiben. Mit diesen Büchern soll der „runden Geburtstage“ großer Ereignisse gedacht werden, etwa der 100-sten Wiederkehr des Ersten Weltkriegs, der 200-sten Wiederkehr des Wiener Kongresses oder 50-sten Wiederkehr der Studentenrevolution. In diese Reihe passt auch das Buch 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts von Florian Illies. Es unterscheidet sich aber dadurch, dass es sich nicht um ein historisches Überblickswerk handelt. Im Gegenteil ist es ein locker zusammengestelltes Kaleidoskop feuilletonistischer Episoden aus dem Jahr 1913, einem Jahr, das im Wesentlichen nur durch das Hintergrundwissen über das darauffolgende Jahr von Relevanz ist.

Ich selbst habe mir inmitten des Hypes rund um 2013 dieses Buch aus Neugier gekauft und es damals nicht bereut. Jetzt habe ich es aus einer Laune heraus wieder gelesen und werde lebhaft an den Satz erinnert: Ein Buch, das man ein einziges Mal gelesen hat, hat man entweder einmal zu oft oder einmal zu wenig gelesen. Hier ist letzteres der Fall: es verbergen sich eine Menge kleine Perlen in diesem Buch, die sich erst durch mehrmaliges Lesen wirklich erkennen lassen: lege, lege, relege et invenies. Und kurzweilig ist es außerdem noch. Es verleitet durch die Kürze seiner unzähligen Episoden ein wenig dazu, es in vielen sehr kurzen Abschnitten zu lesen. Das ist möglich, aber nicht klug. Seine Pracht entfaltet das Kaleidoskop dadurch, dass es seine ganze Vielfalt aufzeigt – das ist nur möglich durch die Wahrnehmung all der vielen Episoden nebeneinander.

Illies schreibt mit allen literarischen Methoden, die ihm ein Roman an die Hand geben würde. Neben seinen diversen wiederkehrenden Figuren verwendet er auch allerhand Stilmittel und greift episodenübergreifend Themen auf – so etwa das Zitat „Der Rest ist Schweigen“ aus dem akademischen Disput zwischen Freud und C.G.Jung, der zu Jahresbeginn ausbricht und sich nie wieder kitten lässt. Der Satz „Der Rest ist Schweigen“ taucht in der Folge immer wieder unvermittelt, aber nicht unpassend, auf und spannt so den Bogen über viele Schauplätze und über das ganze Jahr hinweg. Tatsächlich wird das Buch in einigen Rezensionen als Roman bezeichnet, es trägt aber vollkommen zurecht nicht diese Selbstbezeichnung und ist in der Spiegel-Bestsellerliste unter den Sachbüchern geführt worden.

Es kann kaum verwundern, dass das Buch dem Feuilleton entnommen zu sein scheint: der Autor Illies war jahrelang Leiter des Feuilletons der FAZ. Ähnliche Beobachtungen wie er sie über das Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs gesammelt hat, hat er bereits aus anderer Perspektive über seine eigene Jugendzeit angestellt: in seinem Erstlingswerk Generation Golf.

Illies entwirft ein Panorama des Jahres 1913, nach Monaten geordnet und mit wiederkehrenden Hauptpersonen. Sein Grundgerüst entnimmt er wahren Begebenheiten, die er leicht ausschmückt und mit sparsamer Erfindung ergänzt. Auf diese Weise entstehen hübsche Charakterstudien etwa von Franz Kafka, Ernst Jünger und Sigmund Freud, auf deren Spuren sich Illies begibt. Er wechselt zwischen den damals schon berühmten Persönlichkeiten wie Freud, Einstein oder Albert Schweitzer hin und her, und er bezieht auch solche Personen ein, die 1913 noch vollkommen unbekannt waren und erst später relevant für den Lauf der Welt werden sollen: neben Kafka etwa auch Hitler und Stalin. Von letzteren beiden erfindet Illies die Episode, dass sie sich im Januar 1913 bei einem Spaziergang durch Wien getroffen haben könnten – unstreitig ist der Fakt, dass beide sich niemals so nahe gekommen sind wie in diesem Monat.

Famos ist die enge Begleitung Kafkas durch das Jahr, die vor allem durch seine umfangreiche Korrespondenz mit seiner Verlobten Felice Bauer möglich wird. Prompt als die beiden sich ein Wochenende lang persönlich treffen lässt sich nichts mehr über sie aussagen, da in diesem Moment keine Briefe geschrieben werden. Aber abgesehen von diesen wenigen Tagen ergibt sich eine 360°-Ansicht von einem gnadenlos neurotischen und unsicheren Kafka, der sogar in seinem Heiratsantrag seitenweise Gründe aufzählt, warum Felice ihn unter keinen Umständen heiraten sollte (was sie auch nicht getan hat).

Überhaupt bewegen sich unverhältnismäßig viele der Akteure des Buches im Künstlermilieu, es tritt zwar der deutsche Kaiser, nicht aber sein Reichskanzler auf (nicht, dass das ein Verlust wäre). Das ist dem Feuilleton-Charakter des Buches geschuldet, erfordert aber eine gewisse Wikipedia-Zeit vom nur allgemeingebildeten Leser, der sich eben nicht tiefgehend in der Kunstgeschichte des Kubismus und Futurismus auskennt. Auch Details über die Literatenfamilie Mann (in der Thomas gerade den Zauberberg beginnt und Heinrich soeben den Untertan beendet), den Wiener Dichter Georg Trakl oder über den Lehrer James Joyce (der in Triest zu seinem Ulysses ermutigt wird, den er im Folgejahr tatsächlich in Angriff nimmt) lassen sich durch ein gewisses Fundament in der Wikipedia besser verkraften.

Ein schöner selbstreflexiver Moment des Buchs ist die Bemerkung, dass in diesem Jahr 1913 der Schöpfer des Kulturfahrplans geboren wird. In tabellarischer Form wäre Illies‘ Werk in den Kulturfahrplan zu gießen, und mit etwas literarischer Ausschmückung entspräche der Kulturfahrplan dem Buch von Illies. Ein wirklich ästhetischer Fixpunkt für meinen Geschmack.

Meistens hält Illies eine strenge zeitgenössische Perspektive ein. Was nach 1913 geschieht, ist seinen Akteuren unbekannt und wird auch durch ihn selbst meist ausgeblendet. Hin und wieder bricht er jedoch auch diesem Korsett aus, mal augenzwinkernd, mal prophetisch. Er erreicht dadurch den Verweis darauf, dass das Jahr erst im Kontrast zum Ersten Weltkrieg heute noch von Interesse ist (sicherlich hätte das Jahr 1912 mehr spektakuläre Ereignisse zu bieten gehabt – aber sein Abstand zum Weltkrieg ist größer, und sicher gewinnt das Buch gerade durch die Belanglosigkeit und Alltäglichkeit vieler seiner Inhalte).

Gelegentlich begibt Illies sich in die Vogelperspektive und blickt etwa losgelöst von allen Episoden auf die vier Zentren der Moderne (Paris, Berlin, München und Wien) und deren unterschiedliche Sicht auf die Welt. Ein anderes Mal zitiert er den Kunstkritiker Meier-Graefe und entspinnt daraus die treffende (und beinahe atemlose) Erkenntnis: „‘Bei dem Namen Picasso wird der Historiker der Zukunft stillhalten und feststellen: Hier hörte es auf.‘ Ende. Unvorstellbar, dass es nach der Formzertrümmerung des Kubismus noch einmal weitergehen könnte. Der große Autor, der vielleicht feurigste kunstkritische Stilist des Jahrhunderts, der ein Meister des Erzählens der ‚Entwicklung‘ der Kunst war, der sieht sie, ganz nüchtern, jetzt an ihr Ende gekommen. Dort, wo wir heute ihren Anfang sehen.

Das Kaleidoskop von 1913 setzt sich mit der Zeit zu einem Gesamtbild, einem Panorama der Epoche zusammen. Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ist hoch ambivalent, das macht ihren Reiz aus heutiger Betrachtung aus: sowohl hochmodern als auch rückwärtsgewandt; sowohl moralisch streng konservativ als auch alle Grenzen testend und überschreitend. Ganz richtig beschwört Illies nicht den „Abendglanz“, der in der Rückschau gern herbeigerufen wird: in der Sicht der Zeitgenossen war das Ende ihrer Welt durch den Krieg nicht absehbar, im Gegenteil. Ein großer Krieg galt als zunehmend unwahrscheinlich, die Welt und die Wirtschaft waren fast wie in heutiger Zeit verflochten und vernetzt. Die Kultur schritt von Höhepunkt zu Höhepunkt voran, das Fin de Siècle war vorbei, die vielen Kunstrichtungen gingen voran und wurden zunehmend abstrakter.

Eine gewisse Untergangsstimmung will Illies sich aber nicht entgehen lassen. Er zitiert die Weltuntergangsszenarien, von denen C.G.Jung träumt, und er führt eine zeitgenössische Novelle an, in der ein spannungsreiches Duell beschrieben wird, „empfindlich und feinschalig wie eine Frucht, die auf dem Südhange gereift ist“ – daraus macht er 1913 zum Jahr „am Südhang der Geschichte“. Als wollte er den Untergang am Horizont sehen können, der für die Zeitgenossen unsichtbar sein musste. Aber die latente Depression muss er bei seinen Künstlern nicht lange suchen, die Empfindsamkeit ist ihnen angesichts der immer weiter voranstürmenden Moderne ganz natürlich zu eigen. Und in der Tat waren einige Zeitgenossen ihrer Umwelt überdrüssig; in welcher Gestalt auch immer sie eine Veränderung wollten.

Das soll für den groben Eindruck genügen. Alles Weitere lässt sich nur durch das Buch selbst erleben – und erleben muss man das Buch, sodass man tatsächlich in das Jahr 1913 eintauchen kann (oder das, was Illies durch seine Auswahl und seinen Blickwinkel daraus gemacht hat). Ein Buch, das sich mit ein wenig Abstand wieder lohnen wird zu lesen.

Aus der Literatur der Weimarer Republik

In einer Welle der schöngeistigen Literatur habe ich in den vergangenen Monaten diverse Werke deutscher Autoren aus der Zeit der Weimarer Republik gelesen. Tatsächlich kam das nicht geplant zustande, die Autoren, die Stilrichtungen und auch mein bleibender Eindruck sind äußerst unterschiedlich. Dieses einigende Band der Entstehungszeit ist mir erst im Nachhinein klargeworden.

 

In unregelmäßigen Abständen, aber immer wieder und mit großem Genuss lese ich den Fabian von Erich Kästner. Es handelt sich um Kästners stärksten Roman und um sein bekanntestes Werk für Erwachsene. Das soll keine Schmälerung seiner (zum Teil grandiosen) Kinderbücher sein, aber ihr Anspruch und ihre Wirkung sind andere und seien hier außen vor gelassen. Aus meiner Schulzeit kannte ich die ursprünglich veröffentlichte Fassung des Fabian, eine in manchen Aspekten bereits entschärfte Version, die dennoch von Goebbels verboten und verbrannt wurde. Vor einigen Monaten habe ich mir die Originalversion zugelegt, die zu Beginn des Textes ein wenig drastischer ist, aber von einem Kapitel abgesehen nur noch redaktionelle Änderungen zum bekannten Text aufzeigt. Kästner selbst hat in späteren Vorworten angemerkt, er habe dem Text den Titel „Der Gang vor die Hunde“ geben wollen. Wie akkurat diese Aussage ist, sei dahingestellt, es kann vermutet werden, dass diese Idee erst in der Rückschau entstanden ist.

Die titelgebende Hauptfigur Jakob Fabian begreift sich als Moralisten, der in der Zeit der Wirtschaftskrise die Welt immer weniger versteht und als immer absurder auffasst. Er unterhält diverse kurzlebige Frauenbekanntschaften, vor denen er sich teilweise aus Abscheu abwendet; die einzige, in der er echtes Potential für Liebe findet, geht in die Brüche als die Frau, Cornelia, sich einem reichen Mann zuwendet, den sie zwar nicht liebt, aber bei dem sie keine wirtschaftlichen Ängste mehr zu fürchten braucht. Fabians Freund Labude ist einer seiner wenigen Rettungsanker, auch wenn die beiden sich in der Beurteilung der Welt nicht einig sind: hier Fabian der schicksalsergebene Fatalist, der die Welt nimmt wie sie ist, weil er glaubt sie nicht ändern zu können („der Faustschlag blieb stumm“); dort Labude, der Romantiker, der glaubt, die Welt und die Menschen zum Vernünftigen verändern zu müssen. Als Labude sich aufgrund eines überzogenen, schlechten Scherzes aus Hoffnungslosigkeit das Leben nimmt, ist Fabian das einzige Mal während des Buches zu tiefen, ehrlichen Emotionen hingerissen. Fast immer bleibt Fabian reiner Beobachter, selbst als er sich in einem nächtlichen Feuergefecht zwischen einem Kommunisten und einem Nationalsozialisten wiederfindet und beide Kontrahenten im gleichen Taxi zum Krankenhaus bringt. Politisch verhält sich Fabian entsprechend seiner auch sonstigen Einstellung nicht extrem, in einer Ausrichtung, die er wohl als „anständig“ bezeichnen würde. Das schlägt sich in seiner Respektlosigkeit gegen nationalistische Denkmäler in Berlin nieder (die er in einer Busfahrt verspottet, die in der Erstausgabe noch herausgestrichen worden war), oder in seiner zurückhaltenden Auseinandersetzung mit einem Schulfreund gegen Ende des Romans. Und wie fast alle Romanhelden Kästners ist auch Fabian ein Muttersöhnchen: die rührige Episode des Besuchs seiner Mutter in Berlin und das heimliche Einanderzustecken von 20 Mark seien genannt.

Das Buch pendelt stetig zwischen beißender Komik und scharfem Sittenportrait seiner Zeit; es ist dabei stets eine bewusste Überzeichnung der Verhältnisse, und bleibt doch in einem höchst sachlichen, nüchternen Tonfall. Am Ende ertrinkt Fabian beim Versuch, ein Kind aus einem Kanal zu retten – das Kind selbst schwimmt ans Ufer. Kästner wendet sich in der Kapitelüberschrift direkt an das Publikum: „Lernt schwimmen!“ – im übertragenen Sinne: verhaltet euch nicht beobachtend und überfordert wie Fabian, sondern geht mit der Welt um wie sie sich bietet und ändert sie. Aus dieser auch sehr persönlichen Botschaft Kästners, die sich durch das ganze Buch zieht, gewinnt der Roman seine Stärke; bis zu einem gewissen Punkt hat Kästner sich hier selbst verewigt, nicht nur durch die diversen autobiographischen Elemente (Fabian, wie Kästner, ist Werbetexter in Berlin; Kästner, wie Labude, ist promovierter Germanist mit einem Schwerpunkt auf Lessing und seiner Zeit), sondern eben durch eine Botschaft, die ihm damals eine Herzensangelegenheit gewesen sein muss.

Ein kurzweiliges Buch, das sich immer wieder von neuem mit Gewinn lesen lässt. Mag der Humor auch etwas staubig geworden sein, die Geschichte ist es nicht, sie berührt noch immer und regt immer wieder zur Auseinandersetzung an.

 

Über Brecht ist praktisch alles gesagt. Aus einem Gefühl der Neugier heraus habe ich mir einige seiner Stücke wieder zu Gemüte geführt, die ich ebenfalls aus der Schulzeit kannte. So unterschiedlich die Mutter Courage, das Leben des Galilei und der Gute Mensch von Sezuan in ihrer Erzählung sind, so ähnlich sind sie sich doch in dem Punkt, dass der Leser (bzw. Theaterzuschauer) belehrt werden soll. Ganz im Geist Schillers handelt es sich bei diesen, wie vielen der Dramen von Brecht, um Lehrstücke. Schillers Rede „Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet“ hat bereits Ende des 18. Jahrhunderts den Aspekt herausgestellt, dass das Publikum durch den Theaterbesuch gebildet werden solle – erst in zweiter Linie soll das Theater der Unterhaltung dienen, sondern idealerweise wird das Publikum aufgeklärt und in die Lage versetzt, die richtigen Fragen zu stellen. Akkurat dieser Maxime folgt Brecht, und er treibt es im Guten Menschen geradezu auf die Spitze, in dem er das Stück offen enden lässt:

Wir stehen selbst enttäuscht und sehen betroffen / den Vorhang zu und alle Fragen offen. […] Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss! / Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!

Man mag darüber streiten, ob es noch ein unaufgeklärtes Theaterpublikum gibt (soll heißen, ob Menschen, die der Aufklärung bedürfen, überhaupt noch ins Theater gehen), oder ob das Konzept des Lehrstücks aus der Zeit gefallen ist. Alternativ findet die Aufklärung des aufnahmebereiten Publikums eher in anderen Kontexten statt, etwa im nicht allzu plakativen Kabarett und in der qualitativ hochwertigen Presse – wieder vorausgesetzt, dass ein aufklärungsbedürftiges Publikum dort überhaupt vorhanden ist (den Diskurs über die Selbsterkenntnis der Aufklärungsbedürftigkeit wollen wir hier nicht führen). In jedem Fall erscheinen die Lehrstücke Brechts als derart durchschaubar, dass eine moralische Besserung des Publikums von ihnen kaum zu erhoffen ist. Auch die angeprangerten Missstände scheinen in der heutigen Welt weniger von Belang zu sein – zumal die durch Brecht gelegentlich aufgezeigte Alternative des Kommunismus (im Guten Menschen) keine mehr ist und die Schrecken eines großen Kriegs um so viel größer sind als zur Entstehungszeit der Mutter Courage.

Aufgrund ihrer Durchsichtigkeit taugen die Lehrstücke natürlich dennoch als Schullektüre und werden als solche heute noch oft gelesen. Es lassen sich tiefe Charakterstudien daraus machen und für das Verständnis sind nur Hintergründe aus der klassischen humanistischen Gymnasialbildung nötig (etwa im Gegensatz zu manch anderer moderner Literatur aus dem gleichen historischen Umfeld). Ob diese Lehrstücke aber wirklich noch als Lehre taugen, sei dahingestellt. Nennenswert schöner und lehrreicher wirken doch manche Aphorismen, wie in den Geschichten vom Herrn Keuner („Aber Herr K., Sie haben sich ja überhaupt nicht verändert! – Und K. erbleichte.“) oder der auf einen Dritten Weltkrieg gemünzte Satz

Das große Karthago führte drei Kriege: es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.

Derlei ist in den genannten Lehrstücken recht selten.

Die Art der Belehrung ist in den drei Stücken, die ich jetzt neu gelesen habe, sehr unterschiedlich. Im Guten Menschen ist von der schrecklichen Realität des Kapitalismus die Rede, im Leben des Galilei von der Freiheit und Verantwortung der Wissenschaft und der Unfreiheit in der Kirche, bei der Mutter Courage von den Schrecken des Kriegs und davon, wie unterschiedlich die Menschen mit der Moral in Krieg und Frieden umgehen (sichtbar besonders in den drei Kindern der Courage, mehr noch als bei ihr selbst). Tatsächlich habe ich Brechts großen Aufführungserfolg die Dreigroschenoper aus schierer Erschöpfung ausgelassen. Meine Erinnerung ist jedoch durchaus analog zu den anderen Stücken und lässt sich an der bissigen Beschreibung des Hurenhauses als „bürgerliches Idyll“ festmachen – ein klassischer Fall, in dem „Show, don’t tell“ angebrachter gewesen wäre. Aber aus der Dreigroschenoper habe ich die schöne Zeile „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ behalten, tatsächlich ein wahres, wenn auch drastisches Wort.

So wenig spektakulär die Inhalte der Stücke auch sein mögen, sie geben den Schauspielern aber große Möglichkeiten für eine brillante Darstellung der titelgebenden Figuren. Besonders die Rolle der Shen Te erfordert eine hohe schauspielerische Leistung, die selten in der nötigen Komplexität gelingen wird.

Die am schönsten komponierte Szene in den drei Stücken ist die Ankleideszene des Papstes im Leben des Galilei. Der Papst selbst ist Wissenschaftler, der aber während der Ankleide in das Gewand (soll heißen: in die Rolle) des Papstes schlüpft und auf diese Weise andere Prioritäten setzen muss als Galilei. Eine schöne subtile Art, die Zwänge aufzuzeigen, in denen die handelnden Figuren sich bewegen: show, don’t tell.

In der Summe ist dem Eindruck Marcel Reich-Ranickis recht zu geben, den er in der Reihe „Lauter schwierige Patienten“ geäußert hat: die Theaterstücke Brechts werden der Zeit nicht standhalten. Sie werden noch in der Schule gelesen und in den Theatern aufgeführt, aber sie haben an Aktualität und Relevanz eingebüßt. Was von Brecht überdauern mag, ist die Lyrik, seine Songs.

Auf die Stücke in weiteren Details einzugehen erscheint aufgrund ihrer Verbreitung gerade als Schullektüre nicht angebracht. Über Brecht ist alles (und mehr als das) gesagt.

 

Ebenfalls aus schierer Neugier habe ich mich mit Hans Falladas Roman Kleiner Mann – was nun? auseinander gesetzt. Paradoxerweise hat diese durchaus rührige Geschichte vom jungen Ehepaar in kleinen Verhältnissen (sie nennen sich gegenseitig „Junge“ und „Lämmchen“, ihr kleines Kind werden sie immer nur als „Murkel“ bezeichnen) nicht im geringsten meinen Nerv getroffen. Ja – der soziale Abstieg der jungen Familie ist schrecklich und grausam. Ja – die wirtschaftlichen Verhältnisse in der späten Weimarer Republik waren grässlich und schwer. Es ist überhaupt eine Epoche, mit der ich mich lange und ausgiebig auseinandergesetzt habe und die mich fortlaufend fasziniert. Und doch bin ich von dieser Erzählung, diesem (damaligen) Gegenwartsstück, seltsam unberührt geblieben. Im Gegenteil habe ich mich beim Lesen mehrfach entsetzlich für Lämmchen fremdgeschämt; eine in vielen Dingen so weltfremde und überkomplizierte Person, die gleichzeitig nicht aus übertrieben behüteten Verhältnissen kommt und sich doch in der Welt so schlecht zurecht findet (die furchtbare Szene, als sie versucht eine Erbsensuppe zu kochen). Immerhin macht sie im Lauf der Geschichte eine Entwicklung durch und geht resoluter mit der Situation um als ihr Mann. Das Ende ist offen, aber es wird klar, dass beide trotz aller Armut ihre Liebe bewahren.

Tatsächlich hat mich dieser Versuch mit Hans Fallada nicht bewogen, seinen anderen berühmten Roman Jeder stirbt für sich allein zu lesen. Bei aller Anrührung und Realitätsbeschreibung war ich weder gefesselt noch beeindruckt von Kleiner Mann – was nun? Ich habe einfach den Funken nicht gefunden, der von diesem Autor auf mich hätte überspringen können.

 

Schließlich endete mein Rundgang durch die Literatur der 1920er Jahre mit einem Ausflug zu Hermann Hesses Narziß und Goldmund. Unterschiedlicher zu den bisherigen Büchern könnte ein Roman kaum sein. Gänzlich unpolitisch, völlig der (damaligen) Gegenwart entrückt, wird die Geschichte zweier mittelalterlicher Mönche erzählt. Es sind zwei ganz und gar verschiedene Charaktere, die ganz und gar verschiedenen Lebensentwürfen folgen: der abstrakte Denker und Asket Narziß, der sein Leben im Kloster verbringt, und der Schöngeist Goldmund, der sich der Sinnenwelt, der Kunst und den Frauen hingibt und durch die Welt zieht. Beide schließen in der Jugend eine enge Freundschaft und profitieren in ihrer Sicht auf die Welt vom jeweils anderen. Diese Freundschaft überdauert Goldmunds Wanderjahre, bis sie sich nach Jahrzehnten zufällig wiedertreffen. Ein ästhetisch ungemein schönes Buch, dessen Komposition klar ist und doch nicht aufdringlich wirkt. Über die schwülstige Sprache muss man ein wenig hinwegsehen und sich hineinarbeiten, aber dennoch ist diese Sprache klar und vor allem kein Selbstzweck (ich denke an entsetzliche Phrasen bei Thomas Mann).

Etwas befremdlich innerhalb dieser Erzählung sind mystische Motive, etwa das Bild von Goldmunds Mutter, die keine der handelnden Personen kennt, das für Goldmunds Suche nach Schönheit in der Kunst vorantreibt. Gleichzeitig bleibt Goldmunds Handeln auch für den eher verkopften Leser fast zu jeder Zeit nachvollziehbar und klar. Er ist getrieben von der Suche nach Schönheit und folglich nach Inspiration – der Meister, bei dem er die Holzverarbeitung lernt, bleibt ihm einerseits künstlerisches Vorbild, andererseits ein Schreckgespenst bei der Aussicht ebenso gefesselt an einen Ort, eine Profession, eine Werkstatt zu sein.

Durch Narziß und Goldmund habe ich ein grobes Gefühl dafür bekommen, was es in einem geschichtlichen Überblick über die Literaten der Weimarer Republik hieß: „Hermann Hesse schwankt zwischen Ethik und Ästhetik.“ Wirklich greifen kann ich diese Einschätzung noch nicht, aber es dämmert eine Einsicht, wohin dieser Satz abzielen sollte. Im Gegensatz zu Brecht werde ich einmal zu Hesse zurückkehren. Auch die Person Hesse mag es wert sein, näher beleuchtet zu werden, schon aufgrund der komplexen Hintergründe in seinem Werk, aber auch aufgrund seiner Wirkung, etwa durch den Steppenwolf, oder das Glasperlenspiel.

 

Dieser Exkurs hat mir wieder die Faszination der Weimarer Republik aufgezeigt, die eine so breit gefächerte Künstlerlandschaft hervorgebracht hat. Und gleichzeitig ist dies auch ein Zeichen für die Faszination am Deutschen Kaiserreich, das mit seiner humanistischen Bildung und Kultur überhaupt die Grundlagen für eine solche künstlerische Explosion in den 1920er Jahren geschaffen hat. Von den genannten Werken setzen sich außer Narziß und Goldmund alle mit den komplexen und komplexer werdenden Problemen ihrer Gegenwart auseinander (und auch Hesse hat sich nicht im luftleeren Raum bewegt, sondern ist sowohl von seinen Vorbildern als auch sehr spürbar von seiner Umwelt beeinflusst). Es ist beeindruckend zu lesen, wie diese Welt künstlerisch verarbeitet wurde. Eine Epoche, zu der ich noch oft zurückkehren werde.

How does it feel? To be on your own, with no direction home, like a complete unknown, like a rolling stone?

Every October, I get mildly interested in who is going to be Nobel Prize Laureate this year. I don’t get totally excited, since most of the time I don’t understand enough about the physics, the chemistry and (Lord help me) the medicine. I can classify the importance of the Nobel Peace Prize reasonably, and I couldn’t care less about the Non-Nobel Prize for economics. Besides, I was never fond of the Nobel Prize for Literature, since it seems a much more random prize to award, as it is the only one for artists, totally ignoring musicians, sculpturists and whatnot. In particular, if you are not closely familiar with world’s modern literature, you can’t understand the first thing about the Laureates. It depends heavily on where you live, if you are to know the winners and to estimate whether the award is rightful or not. This seems different for the science prizes, as I can at least estimate how important the respective field of research is, and it is quite different for the peace prize, as everyone with an understanding of present-day politics can estimate the importance of the awardee.

This year was different. The Nobel Prize for Literature went to Bob Dylan. This surprised me for two reasons: I knew the winner beforehand, and the winner is not a writer in the classical sense of the word. As far as I know this is the first time that a singer/songwriter wins the Nobel Prize, and this is a fine decision. As a side note, much of the literature of the ancient times used to be presented in the shape of music (since songs and rhymes are easier to memorize, an important thing when you’re without much opportunity for written records), just think of the Iliad and the Odyssey. Today, those are only referred to by their lyrics, as the music has vanished from mankind’s memory, but they are considered classical literature nonetheless. So, a good thing to award the prize for literature to a songwriter.

Now, I haven’t had much time yet to dig deeply into Bob Dylan’s discography, something I urgently need to do in the weeks to come. I had been aware that he was quite an influential writer whose songs have been covered numerous times, like Blowin’ in the Wind and Like a Rolling Stone. But I had not been aware how many songs were originally his: Mr Tambourine Man, Knockin’ on Heaven’s Door, Times are a-chaingin’, It ain’t me Babe, … and that list doesn’t start to be exhaustive. In fact, Dylan seems to be the most-covered musician in the past 100 years; I had believed this had been the Beatles, but they “only” have the most-covered song Yesterday (which is not the strongest Beatles-song by far, actually, but that doesn’t matter here). Of those many covers, most are better-known to be interpreted by other singers though they were written by Bob Dylan in the first place. Which is the phenomenon that happened to me, in fact.

One reason for this is Dylan’s voice which can’t actually be called melodic. In fact, he’s not much of a fantastic singer, as far as my taste is concerned. But his arrangements and his lyrics have been an inspiration for the entire modern popular music ever since the 1960’s. There is a virtually un-ending list of movies that feature a Dylan song in their score, which is why I know so very much of his work – though rather unaware.

Another fact that amazed me was part of the video clip for Homesick Subterranean Blues that was shown in the news after the Nobel Prize was announced: it was the inspiration to the beautiful video clip for Nur ein Wort by Wir sind Helden with their lead-singer Judith Holofernes. I had always given them the credit for the idea with the lyrics cards that they drop as the lyrics come – but again, it was Dylan’s idea. Wir sind Helden evolved this further to use little video tricks of slow-motion, playing backwards and gestures. But the basic is purely due to Dylan. Now, that is influencing new generations of artists. Mesmerizing.

I guess there’s much more down the rabbit hole. There’s a lot to discover in the oeuvre of Bob Dylan. And the few things that I have discovered already tell me he’s a worthy Laureate of the Nobel Prize for Literature.

Die Nicht-Schlafwandler

Vor längerer Zeit hatte ich angekündigt, dass ich mich mit dem stark diskutierten Buch „Die Schlafwandler“ von Christopher Clark befassen wollte. In der Tat hat es etwas länger gedauert, die Diskussion in der Fachwelt scheint sich etwas beruhigt zu haben und das große Augenmerk auf den Ausbruch des Ersten Weltkriegs hat sich auf andere historische Jahrestage verlagert. Mein Zeitverzug ist dem Thema und dem Buch selbst geschuldet. Clarks Schreibstil ist hier ähnlich überzeugend wie in seinem Buch über Preußen, aber der Inhalt konnte mich weniger fesseln als ich erwartet hatte. Denn so schön Clark auch schreiben kann, besonders der mittlere Teil des Buchs ist bedingt durch seine inhaltlichen Schwerpunkte sehr zäh und recht undurchsichtig, sodass ich bei meinem ersten Anlauf durch das Buch dort stecken geblieben bin. Nun habe ich einen zweiten Anlauf erfolgreich hinter mich gebracht. Das Buch ist äußerst lehrreich und regt zur Diskussion an, sowie zum Quervergleich mit der restlichen einschlägigen Literatur. Es ist allerdings in meinen Augen kein solcher Klassiker wie das Preußen-Buch.

Bei meiner Beschäftigung mit der Julikrise habe ich neben Clark auch die einschlägigen Bücher von Golo Mann, Volker Ullrich, Michael Stürmer, Thomas Nipperdey, John Röhl und John Keegan hinzugezogen. Nicht alle sind noch auf dem aktuellsten Stand der Forschung, alle setzen leicht andere Schwerpunkte, und doch helfen sie bei der Einordnung dessen, was Clark zu Papier gebracht hat. Darüber hinaus hat Clark so viel Bewegung in die öffentliche Debatte gebracht, dass es zahlreiche Buchbesprechungen in den großen Zeitungen und Zeitschriften gab. Namentlich die Rezensionen von Ullrich und von Heinrich August Winkler werden im Folgenden gelegentlich eingebunden.

Die grundlegende Erkenntnis ist: der Ausbruch des Ersten Weltkriegs war eine hochkomplexe Angelegenheit. Clark selbst spricht von den kompliziertesten Vorgängen, mit denen es die Geschichtswissenschaft zu tun hat. Und die Auswirkungen der Julikrise auf die ganze Welt waren derart umfassend und nachhaltig, dass es seit jeher ein großes Interesse an der Aufarbeitung gab. Insbesondere waren alle Beteiligten daran interessiert, ihre eigene Rolle in möglichst günstigem Licht darzustellen. Hierzu hat beispielsweise in Deutschland die Politik der Alliierten nach dem Krieg beigetragen, die im Versailler Vertrag die Alleinschuld am Ausbruch des Kriegs auf Deutschland schoben (wenn auch aus formaljuristischen Gründen, um eine Rechtfertigung für die Reparationsleistungen zu haben, und wenn auch im §231 des Vertrags, der schon durch seine Nummer andeutet, dass es sich nicht um die wichtigste Bestimmung des Vertrags handelte – die psychologische Auswirkung auf die Deutschen war in den 20er Jahren dennoch eine unglaublich starke). All dies führt dazu, dass es eine unüberschaubare Fülle von Literatur über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs gibt. Schon Golo Mann schrieb Ende der 50er Jahre, dass kein anderes Ereignis so gründlich durchleuchtet worden sei – und seither ist mehr als ein halbes Jahrhundert an zusätzlicher Forschung und Quellenkritik geschehen. Ganze Forscherleben ließen sich allein mit der Lektüre der Schriften füllen, die zu diesem Thema erschienen sind, und phasenweise gab es Lehrstühle mit ausschließlich dem Forschungsauftrag der Kriegsschuldfrage (die sich jedenfalls nicht so einfach beantworten lässt und die auch Clark nicht zu beantworten beabsichtigt – am Ende mehr dazu).

Clarks Verdienst ist es, viele Quellen aus ganz Europa ausgewertet zu haben. Die meisten Bücher, die mir zur Verfügung stehen, konzentrieren sich aufgrund ihrer Ausrichtung vornehmlich auf Deutschland und dessen Akteure, oder auf Großbritannien. Clark zieht auch alle anderen Großmächte, deren Sichtweisen und Verstrickungen, ihre Vorgeschichte und Absichten heran und nutzt sogar serbische Archive (die schon aufgrund der Sprachbarriere nicht leicht zugänglich sein konnten). Die Arbeit, die hier in die Sichtung und Einordnung geflossen ist, verdient hohe Anerkennung. Dies verbreitert den Blick sehr stark und trägt zur Klarheit in manchen Punkten bei; teilweise verschleiert dies auch die Klarheit, da unermesslich viele Informationen und Akteure in die Studie eingehen – aber genau in dieser Vielzahl besteht auch die Komplexität dieser Krise, die schon die Zeitgenossen erkannt hatten. An vielen Stellen ist Clarks Darstellung verworren, manche Ereignisse werden mehrfach aus unterschiedlichen Sichtweisen geschildert, Nuancen werden aufgezeigt, aber lassen sich für den Leser nur unter großer Konzentration wirklich wertschätzen. Insgesamt gilt ein Dictum, das Clark auch in einem Überblicksvortrag (auf den ich später wieder zurückkomme) zitiert: „The problem is not that we know too little – it’s that we know too much.“

Hierbei ist noch die Bemerkung relevant, dass Clark sich auf Politik und Diplomatie fokussiert. Bevölkerung und Massenstimmungen kommen höchstens am Rande vor. Das ist einerseits ein Versuch in Komplexitätsreduktion, andererseits auch die Konzentration auf die entscheidenden Akteure. Auch wenn es eine starke veröffentlichte Meinung gab, die Entscheidung lag bei den von Clark betrachteten Akteuren, nicht dezentral (und nicht einmal in Parlamenten, wie es heute wenigstens formal der Fall wäre).

Das Buch beginnt mit einer Betrachtung Serbiens und Österreich-Ungarns. Tatsächlich beginnt die Studie mit einer sehr detaillierten Schilderung des Mords an König Alexander von Serbien, die in einem historischen Roman kaum plastischer und spannender sein könnte. Die Hintergründe im Königreich Serbien sind nicht „well-known“, aber für die weiteren Entwicklungen nicht unwesentlich. Der Abriss der Vorgeschichte Österreich-Ungarns ist weniger reißerisch, aber erhellt ebenfalls viele Hintergründe, etwa über die Auswirkungen der Mitte des 19. Jahrhunderts eingerichteten Doppelmonarchie auf Verwaltung, Politik und Militär. Hier tauchen auch zum ersten Mal die Balkankriege auf, die in den späteren Kapiteln immer wieder aus verschiedenen Blickwinkeln diskutiert werden, ohne dass der rote Faden der Erzählung besonders gut heraus käme.

Als Clark in den beiden Kernstaaten der Julikrise im Jahr 1914 angekommen ist, verbreitert er seinen Fokus auf ganz Europa und untersucht die politische Gemengelage in den beiden Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg. Zunächst mit der grundsätzlich schon bekannten Nacherzählung der diversen Bündnisse in Europa, danach mit einer Überlegung, wer wo tatsächlich regierte und die Macht in der Hand hielt. Das Kapitel über die Vielstimmigkeit der Außenpolitik war das, in dem ich bei meinem ersten Versuch hängen geblieben war. Es gibt wenig Ereignisgeschichte, allenfalls in Gestalt der mehrfach unvollständig erzählten Marokkokrisen. In allen Großmächten, vielleicht mit der Ausnahme Großbritanniens, schien das völlige Chaos in der Außenpolitik zu herrschen – in Frankreich wechselten die Minister extrem häufig, in Deutschland handelten die Staatssekretäre auf eigene Faust und trieben die Staatsspitze in Bedrängnis (das sollte auch in der Julikrise so bleiben, so dass in den anderen Staaten gar die Frage aufkam: wer regiert in Deutschland? Tirpitz oder Bethmann?), in Russland konnte sich der schwache Zar gegen die wechselnden Schwerpunkte seiner Entourage nicht durchsetzen. In seiner Konfusion ist dieses Kapitel sehr erhellend, da es die Vielzahl der Akteure ungehindert darstellt. Auch den Zeitgenossen kann das Durcheinander in Europa unmöglich klar geworden sein.

Clark versucht, die Motivationen der vielen verschiedenen Akteure zu durchleuchten, aber er scheitert. Als Beispiel die Entstehung der Triple Entente: Clark beschreibt sie als den Versuch Großbritanniens, mit seinen ärgsten Widersachern in den Kolonialgebieten, Frankreich und Russland, zu Verständigungen zu kommen und sie durch Diplomatie einzufangen – die klassische historische Meinung ist, dass Deutschland durch viele ungeschickte diplomatische Schritte Großbritannien in die Arme seiner bereits feststehenden Gegner trieb. Warum aber hat der britische Außenminister Grey keinen Ausgleich mit Deutschland gesucht, so wie mit den anderen Großmächten auch? Eine mögliche Antwort findet sich bei Stürmer und bei Ullrich – Deutschland war einerseits kein Gegenspieler Englands auf der globalen Bühne, aber war innerhalb Europas entsprechend stark. Großbritannien suchte daher das Bündnis gegen die größte europäische Landmacht, um die Balance in Europa nicht zu gefährden. Ein anderer Aspekt war wieder die Vielstimmigkeit der Politik: die öffentliche Meinung war in allen Ländern sehr lautstark, ebenso die Militärs. Es war praktisch zu jeder Zeit unklar, ob die Falken oder die Tauben in einer Regierung die Oberhand hatten, das wirkte sich entsprechend diffus auf die Signale aus, die diese Regierung aussandte.

Die angesprochenen Fehler Deutschlands auf der diplomatischen Bühne werden von Clark auch hier nicht verschwiegen. Über Jahre galt in Berlin die Gewissheit, dass Großbritannien, Frankreich und Russland sich nicht über ihre Einflusssphären in der Welt würden einigen können. Als es doch dazu kam, wurde die Isolation viel zu spät erkannt. Darüber hinaus war die Stimmung in der veröffentlichten Meinung sehr kriegerisch und neigte dazu, außer Kontrolle zu geraten (so etwa während des Panthersprungs von Agadir). Außerdem verhielt sich der Kaiser bekanntlich wie ein Teenager; die entsetzliche Großsprecherei, die sich mit der Angst vor der eigenen Courage abwechselte, trug nicht zur Verbesserung der Lage bei. Mit den Jahren erkannte Großbritannien, so Clark, dass der deutschen Regierung nur mit einer Politik der Stärke zu begegnen war. Auch wenn diese Einordnung etwas unbegründet im Raum stehen bleibt, gänzlich falsch scheint sie nicht zu sein. Insgesamt legt Clark eine verhältnismäßig zurückhaltende Bewertung der deutschen Außenpolitik an den Tag. Im Gegensatz zu einer Zeitungsrezension Winklers ist diese Einordnung Clarks aber nicht als revisionistisch einzuschätzen – das Wort erscheint mir im Gegenteil fast ein Kampfbegriff Winklers zur Einordnung von Clarks Studie insgesamt zu sein.

Als nächstes werden die Balkankriege und das „Pulverfass“ Europas näher unter die Lupe genommen. Als den ersten Auslöser des Chaos auf dem Balkan macht Clark den Angriff Italiens auf die osmanische Provinz Libyen aus. Die rückständige türkische Armee konnte Italien nichts entgegensetzen, auch aufgrund der damals hochmodernen Kampfmethoden, etwa des ersten Flächenbombardements aus der Luft. Für alle Welt wurde sichtbar, dass das osmanische Reich geschwächt war und seine Provinzen nicht mehr schützen konnte. Daher brach der erste Balkankrieg aus, in dem die Osmanen bis auf den winzigen Rest ihres europäischen Reichs zurückgedrängt wurden, der noch heute zum Staatsgebiet der Türkei gehört. Im zweiten Balkankrieg teilten die Balkanstaaten die Beute untereinander auf. Serbien tritt in Clarks Darstellung als der starke Aggressor gegen Österreich-Ungarn und gegen Bulgarien auf. Insbesondere bemerkt er, mit Blick auf die Julikrise, dass die Serben aus Sicht Österreich-Ungarns nur auf harte Ultimaten reagierten. Andererseits bleibt die Verwirrung zurück, dass der erste Schuss im zweiten Balkankrieg, ohne dass die Beweggründe in Clarks Darstellung klar geworden wären, durch die Bulgaren abgegeben wird.

Ein weiterer Aspekt an den Balkankriegen war das ambivalente Auftreten Russlands. Es trieb die Bündnisse der slawischen Staaten auf dem Balkan voran, um die Türkei und damit die Beherrschung der Meerengen zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer zu schwächen; es bekommt aber vor Ausbruch des ersten Balkankriegs noch Angst vor der eigenen Courage und warnt seine Verbündeten Serbien und Bulgarien vor den Folgen eines Kriegs. Österreich-Ungarn blieb in diesen Konflikten isoliert, auch ohne Unterstützung von seinem einzigen Verbündeten Deutschland. Es versuchte eine Eindämmungspolitik gegen Serbien, um die serbische Minderheit in Österreich-Ungarn unter Kontrolle halten zu können (hier liegt eine der Ursachen für die Gründung eines unabhängigen Albanien, das den Serben den Zugang zum Mittelmeer versperrte). Frankreich schließlich fördert die Rüstung in Russland, um seine eigene Defensive bei einem Krieg gegen Deutschland zu stärken. Hier findet sich ein bemerkenswertes Porträt des Ministerpräsidenten Poincaré, das auch sein Verhalten in der Julikrise erhellen wird: ein Machtpolitiker, der auf der Welle des Nationalismus während der Marokkokrise ins Amt gewählt wurde, aber danach innenpolitisch angeschlagen war; so stark er in der Außenpolitik auftreten konnte, so geschwächt war er im Innern. Er musste mit Bedenken auf die nächste Wahl und daher in eine unsichere Zukunft schauen.

In den Jahren 1912 bis 1914 verzeichnet Clark Entspannung im diplomatischen Europa. In den Augen der Zeitgenossen war nach den Balkankriegen ein weiterer europäischer Krieg eher unwahrscheinlicher geworden: die Diplomatie der Großmächte konnte Krisen verhindern oder wenigstens stark lokal begrenzen. Noch im Mai 1914 erklärte ein hoher Beamter im britischen Außenministerium, er habe in all seinen Dienstjahren nie ein so ruhiges internationales Umfeld erlebt.

Clark stellt auch hier die üblichen Ansichten der Geschichtsschreibung um: die beiden gegenüberstehenden Bündnisse (die in seiner Darstellung schon nicht aus dem Auftrumpfen Deutschlands entstanden waren) waren nicht so starr und unbeweglich wie es schien: zwischen Großbritannien und Russland kam es zu Spannungen aufgrund der Interessenskonflikte in Persien und China. Clark vermutet, dass die Abkommen nach ihrem Auslaufen 1915 nicht verlängert worden wären. Ohnehin erholte sich Russland sehr schnell von den wirtschaftlichen und militärischen Rückschlägen nach der Niederlage gegen Japan, und sowohl Großbritannien als auch die Mittelmächte sahen diesem Erstarken mit Unbehagen entgegen. Trotz des Scheiterns der Haldane-Mission zur Reduktion der deutschen Flottenrüstung kam es zu Annäherungen zwischen Großbritannien und Deutschland – das Scheitern Haldanes wirkt besonders in der Rückschau als Vorbote des Kriegs, in der Ansicht der Zeitgenossen wurde es weniger dramatisch empfunden.

Die vorhandenen Bündnisse, bei aller Bewegung, die Clark dort aufzeichnet, dominierten dennoch die Handlungen der Akteure. So ließ der britische Außenminister Grey 1912 die Warnung an Deutschland verlauten, dass die beiden Staaten im Kriegsfall Gegner wären. Diese deutliche Warnung wurde vom latent anglophilen Kaiser erschrocken aufgenommen, der daraufhin den berüchtigten „Kriegsrat“ mit seinen Generälen einberief. Von Röhl wird diese Besprechung, an der der Reichskanzler Bethmann-Hollweg nicht teilnahm, als Vorbereitung auf einen Angriffskrieg 1914 aufgefasst und dort zu einem zentralen Beweisstück bei der Argumentation der deutschen Kriegsschuld. Der Zeitverzug von eineinhalb Jahren wurde tatsächlich von Admiral Tirpitz gefordert, um die Abwägung zwischen deutscher Flottenrüstung und russischer Aufrüstung zu optimieren. Würde länger gewartet, wäre das Kräfteverhältnis der Gegner zu ungünstig. Die Runde ging auseinander mit dem Plan, diesen Angriffskrieg propagandistisch vorzubereiten – was nicht geschah. Schon der Begriff „Kriegsrat“ ist vom Reichskanzler im Nachhinein ironisch geprägt worden, einer der Teilnehmer notierte sich, das Ergebnis sei praktisch Null gewesen. Daher auch die herrschende Meinung, die auch von Clark unterstützt wird: die Besprechung war nach der britischen Drohung ein reflexartig erschrecktes Gerede ohne Folgen. Es gab keine vorangetriebene Aufrüstung, keine Propaganda, keine Umstellung der Wirtschaft. Schon beim nächsten Aufflackern einer Krise auf dem Balkan wenige Wochen später gab es kein Drängen auf Eskalation mehr. Die Grundidee der Militärs, dass der Krieg besser früher als später zu führen sei, war jedoch auch in der Julikrise noch präsent.

In dieser Phase drängten sowohl Frankreich als auch Russland die Serben zu einer Politik der Stärke auf dem Balkan. Clark nennt dies einen „geopolitischen Zündmechanismus“, den die beiden Großmächte auf dem Balkan gelegt hätten. In diesem „Balkan-Szenario“ wollte Frankreich, so Clark, sicherstellen, dass sich Russland als slawische Vormacht in einem möglichen Krieg mit Deutschland ebenfalls engagieren würde. Dies würde offensive Strategien Frankreichs gegen Deutschland ermöglicht haben. Allerdings stellt Clark auch klar, dass weder Frankreich noch Russland Pläne für einen Kriegsbeginn vorangetrieben hätten – solche Pläne gab es nicht. Das Spiel mit dem Feuer an diesem Zündmechanismus (in der älteren Literatur: dem Pulverfass) gab es jedoch schon.

Ein Grundprinzip der europäischen Diplomatie jener Zeit wird dabei deutlich: Alle Beteiligten waren im Unklaren über Absichten und Motive sowohl der Freunde als auch der Feinde. Sie sind durch Spionage und durch offizielle Kanäle gut über die Schritte der anderen Mächte informiert – aber alle Maßnahmen, die subjektiv zur höheren eigenen Sicherheit ergriffen werden, werden anderswo als aggressiv wahrgenommen. So geriet Europa in eine Spirale von Aufrüstung und Unsicherheit, die sich dann in der Julikrise fatal auswirken sollte. Keine der Mächte arbeitete wirklich auf einen Krieg hin, aber jede erwartete, dass der Krieg kommen würde – und möglicherweise in einer subjektiv ungünstigen Situation.

Solche Gedanken gab es in den meisten europäischen Staaten. Alle sahen sich mit dem Rücken zur Wand. Es waren viele Informationen aus den verschiedensten Kanälen verfügbar, aber sie wurden häufig falsch interpretiert oder in den falschen Kontext gesetzt – so stieg allseits die Furcht vor dem nächsten Krieg, die Rüstung wurde vorangetrieben, was wiederum anderswo registriert wurde.

Allerdings stellt Clark sehr deutlich heraus, dass die Zukunft offen war. Der Krieg war nicht unvermeidlich, auch wenn er in der Rückschau so erscheint. Weder die Julikrise selbst, noch der Kriegsausbruch in ihrer Folge waren zwangsläufig.

In der Beschreibung des Attentats von Sarajevo beginnt Clark ein fast journalistisches Kapitel in seiner Studie. Er nimmt die Abläufe des 28. Juni 1914 äußerst akribisch und sehr detailliert unter die Lupe, daneben bringt er die Erinnerung von Zeitgenossen an diesen Tag in einer Art von Blitzlichtmoment zur Sprache. Ähnlich wie bei den Anschlägen vom 11. September 2001 konnten sich viele daran erinnern, wo sie waren als sie vom Attentat auf den Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich und seine Frau Sophie Chotek erfuhren. Unabhängig von der nicht sonderlich hohen Meinung, die der Erzherzog in der damaligen Öffentlichkeit genoss, nahmen die Menschen Anteil am Schicksal des Thronfolger-Ehepaars. Auch die überlieferten letzten Worte Franz Ferdinands „Sopherl, Sopherl, sterbe nicht, bleib am Leben für unsere Kinder“ wurden stark rezipiert („these words went viral“ ist der Ausdruck, den Clark selbst in einem Vortrag dafür verwendet hat).

Die Attentäter waren eine Gruppe bosnischer Serben, die erfolglos ein Bombenattentat versuchten und später mit zwei Pistolenschüssen erfolgreich waren. Das Gift, das sie mit sich führten, wirkte nicht. Die österreichischen Untersuchungsrichter klärten binnen Tagen das Verbrechen auf und fanden Spuren der Attentäter nach Serbien. Der serbische Staat kooperierte zwar offiziell mit den Ermittlungen, aber war dabei objektiv gesehen eher zurückhaltend.

In Österreich-Ungarn wurden sofort Stimmen für einen Krieg gegen Serbien laut, auch der eher besonnene Regierungschef schwenkte auf diese Linie ein. Clark entwirft hier eine Art virtuelles Szenario (das sich in der Literatur aber auch an anderer Stelle findet, so etwas verklausulierter bei Keegan): hätte Österreich-Ungarn sofort Serbien angegriffen und in einer Art Kurzschlusshandlung Vergeltung für das Attentat genommen, hätte es auf der diplomatischen Bühne Verständnis ernten können. Allerdings kam es nicht so weit: Österreich-Ungarn verschleppte seine Reaktion nach den Ermittlungen und setzte zunächst eine diplomatische Mission nach Berlin in Gang, um bei den Verbündeten Rückendeckung zu suchen.

In Berlin erhielten die österreichischen Diplomaten den später berühmt gewordenen Blankoscheck. Kaiser und Reichskanzler erteilten ihn unter der Annahme, dass der Konflikt lokal begrenzt bleiben würde. Insbesondere der Kaiser unterstellte, dass sich keine der anderen Großmächte auf die Seite Serbiens und also der Mörder stellen würde – ein Reflex auf die antiquierten Vorstellungen von Ehre und Zusammenhalt unter Adligen. Die Deutschen unternahmen keine Vorbereitungen auf einen kommenden Krieg, aber wirkten auch explizit nicht deeskalierend auf ihre Verbündeten. Sicher spielte hier auch eine Rolle, dass Österreich-Ungarn als einzige verbliebene verbündete Großmacht nicht im Stich gelassen werden sollte. Der Großmachtstatus der Doppelmonarchie war ohnedies aufgrund der divergierenden nationalen Strömungen innerhalb des Vielvölkerstaates gefährdet, die Entente wartete geradezu auf ihren Zerfall. Auch vor diesem Hintergrund sah Österreich-Ungarn nur den Weg zum Krieg gegen Serbien, es hatte dabei keine Exit-Strategie; allenfalls war eine Strategie, die Rolle des Aggressors anderen zuzuweisen (zunächst an Serbien, später in der Krise an Russland – eine Strategie, die in ganz Europa auf ähnliche Weise anzuwenden versucht wurde). Tatsächlich hatte Österreich-Ungarn nicht nur keine Exit-Strategie, sondern gar keine Kriegsziele. Es wollte den Krieg als Vergeltung für das Attentat, wusste aber nicht, was es im Krieg wirklich erreichen wollte. Ähnlich schlecht war auch Deutschland sortiert, jedenfalls kam in der diplomatischen Korrespondenz während der Krise zwischen diesen Verbündeten auch kein Imperialismus vor, sondern nur die unmittelbare Kriegsvorbereitung.

Allerdings dauerte es auch nach dem Blankoscheck noch Wochen bis Österreich-Ungarn tatsächlich Schritte gegen Serbien unternahm – das Ultimatum, das bewusst als unannehmbar für Serbien konzipiert war, wurde zurückgehalten bis ein Staatsbesuch Poincarés in Russland beendet wäre. Es gab jedoch genügend Agenten in allen Hauptstädten Europas, dass der Text des Ultimatums bereits vorher durchgesickert war. Insbesondere war das Ultimatum, als es überreicht wurde, kein Schock mehr für die Entente (anders als in der älteren Literatur gelegentlich dargestellt wird und anders als manche der Akteure selbst in ihren Memoiren geschildert haben).

Dass das Ultimatum damals als unannehmbar galt, versucht Clark durch einen Vergleich mit jüngeren Ultimaten, etwa eines der Nato an Serbien Ende der 1990er Jahre, abzuschwächen. Dass er hierbei mit zweierlei Maß misst, scheint für seine Studie keine Rolle zu spielen – da aber sein vorher vorgebrachter Einwand, dass die Geschichte stets offen ist, auch hier gilt, ist ein solcher Anspruch an die damalige Diplomatie nicht zulässig. Zwar mag es später auch schärfere Tonarten in der Diplomatie gegeben haben, aber in der damaligen Zeit war ein solches Ultimatum tatsächlich (fast im Wortsinne) unerhört. Und es war auch noch so gemeint wie es verstanden wurde.

Als die Serben das Ultimatum erhalten hatten, trat dort eine Vermeidungsstrategie an den Tag. Der Regierungschef versuchte in der Provinz abzutauchen, die restliche Regierung war gewillt allen Forderungen nachzugeben. Als aber aus Russland Signale kamen, die den Serben den Rücken stärkten, wurde eine sehr geschickte Antwort konzipiert. Der Ton der Antwortnote Serbiens war sehr konziliant, es wurden oberflächlich viele Zugeständnisse an Österreich-Ungarn gemacht, aber es gab auch viel Verschleierung. Nur der härteste Punkt des Ultimatums, der als Angriff auf die Souveränität des Staates Serbien aufzufassen war, wurde klar abgelehnt. Die Antwort wurde erst unmittelbar vor Ablauf der Frist fertig, sie wurde aus Zeitnot sogar handschriftlich überreicht, da keine Zeit mehr für die Drucklegung oder eine maschinelle Abschrift blieb. Unmittelbar danach erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg.

Tatsächlich war der deutsche Kaiser nach Lektüre der Antwortnote überzeugt, dass damit jeder Kriegsgrund wegfalle. Wenn man die sonstigen großsprecherischen Randnotizen Wilhelms II. liest, erscheint das geradezu verblüffend. In der Tat wollte der Kaiser diesen Krieg nicht führen (zumindest nicht als europäischen Krieg), wenn er auch nicht unschuldig war an vielen Schritten, die auf diesen Weg geführt hatten. Umgekehrt zeigt sein Verhalten während der Julikrise auch, dass der Kaiser keine Rolle in diesen politischen Vorgängen spielte – im Gegensatz zu den Grundaussagen Röhls drehte sich Deutschland nicht einzig und allein um die Person des Kaisers. In der Tat wurde er sogar von den Entscheidungen ferngehalten, wurde auf seine Nordlandfahrt geschickt und nahm eher eine formale Position ohne Befugnisse während der Krise ein. Der enge Fokus Röhls lässt keinen scharfen Blick auf das Kaiserreich und den Ersten Weltkrieg zu.

Russland hatte sich schon auf den Krieg vorbereitet, während das Ultimatum an Serbien noch lief. Durch die Mobilisierung wurden alle anderen Armeen Europas ebenfalls in Bereitschaft gesetzt, insofern deutet auch Keegan die russische Generalmobilmachung als den entscheidenden verschärfenden Schritt für die Krise. Diese Wirkung musste auch für die russische Regierung klar sein, die Beweggründe sind ähnlich wie in Deutschland: wenn der Krieg schon sein müsste, dann sollte er lieber früher als später sein, zu Bedingungen, die man jetzt in der Hand hatte. In Russland herrschte die Befürchtung, dass Serbien als befreundeter Staat verloren gehen könnte, dass es in Österreich-Ungarn in den nächsten Jahren zum Umsturz kommen könnte, mit kaum absehbaren Folgen für den Balkan und die slawischen Völker dort. Insbesondere würde Russland am Bosporus vor vollendeten Tatsachen stehen können (eines der Schreckgespenster für die Regierung in St. Petersburg, das bereits im zweiten Balkankrieg aufgekommen war).

Tatsächlich war der Zar lange unentschlossen und widerrief die Planungen seiner militärischen Berater mehrfach: er ordnete zunächst eine militärisch nachteilige Teilmobilmachung an, um die Situation nicht zu forcieren, er setzte auch den Befehl zur Generalmobilmachung für einen Tag aus, nachdem er ein Telegramm des deutschen Kaisers mit Vermittlungsvorschlägen erhalten hatte. Schließlich ließ der Zar sich aber aus Furcht vor einem Angriff auf Russland und durch das starke nationale Pathos beeinflussen.

Nach der russischen Mobilisierung folgte fast automatisch die deutsche. Dennoch glaubte die deutsche Staatsspitze phasenweise, den Krieg lokalisieren zu können. Aufgrund missverständlicher Äußerungen des britischen Außenministers glaubte der Kaiser, dass England neutral bleiben würde. Es wurde sogar erwogen, vom Schlieffenplan abzuweichen, um einen Krieg nur im Osten führen zu können. Als das Missverständnis aufgeklärt wurde, lief der Aufmarsch ab wie geplant, es wurden Ultimaten an Belgien gegeben und schließlich brach der Krieg gegen die Entente aus.

Hier noch eine Bemerkung zum Schlieffenplan, der von Clark nur kurz gestreift wird. Eine tiefere Analyse findet sich bei Keegan und ein wahrer Verriss bei Haffner. Der Plan war der einzige, den die deutsche militärische Führung für einen europäischen Krieg hatte. Er sah einen schnellen Feldzug im Westen gegen Frankreich vor, bevor alle Kräfte gegen Russland geworfen werden würden. Bizarrerweise gab es keine andere Planung: wenn also, wie in der Julikrise, eine Kriegsgefahr im Osten entstand, musste aus militärischen Gründen ein Angriffskrieg im Westen begonnen werden (ein Defensivkrieg gegen Frankreich wäre aufgrund der Bündnissituation auch in der Julikrise im Bereich des Möglichen gewesen). In der Tat: die deutsche Führung erwartete in der Krise einen kurzen Krieg im Osten und begann einen großen Krieg im Westen. So war die Politik und Diplomatie aufgrund der mangelnden Flexibilität des Generalstabs außerordentlich eingeschränkt. Auch Bethmann Hollweg erklärte während des Kriegs, er habe sich von den Militärs zum Krieg gedrängt gefühlt – sowohl vom Zeitpunkt als auch von der Art und Weise her betrachtet („Ja, die Militärs“; übrigens ein Zitat, das sich bei Clark irritierenderweise nicht finden lässt; es weist auf die besondere Forcierung der Krise durch Deutschland hin).

Mit den wechselseitigen Kriegserklärungen endet Clarks Studie. Die titelgebenden Schlafwandler tauchen erst im allerletzten Absatz des Buches auf und erscheinen nach der Lektüre nicht mehr sonderlich glaubwürdig – die Akteure waren tatsächlich keine Schlafwandler, die unbewusst einen unsicheren Weg gingen. Sie waren sich über die Wirkung ihrer Schritte deutlich im Klaren, wenig geschah wirklich zufällig oder war unausweichlich, wenn auch die Schritte nicht immer rational waren oder unter unvollständiger Information litten.

In der Geschichtswissenschaft ist Clarks Studie auf ein geteiltes Echo gestoßen. Clark polarisiert, und das ist in gewisser Weise der beste Beitrag, den er leisten konnte: er regt die Diskussion an und fordert zum Widerspruch heraus. Ein verbreiteter Vorwurf ist, dass er die Verantwortung der deutschen Regierung herunterspielt (bis hin zum oben schon angesprochenen Vorwurf des Revisionismus) und insbesondere den Einfluss der russischen Mobilmachung als bedeutender bewertet als den Blankoscheck an Österreich. Über den Wahrheitsgehalt lässt sich vortrefflich streiten (eskaliert die Krise erst mit der Mobilmachung oder gibt es ohne den Blankoscheck überhaupt keine Krise?).

Ein weiterer Kritikpunkt, den man in der Tat teilen muss, ist die weitgehende Konzentration Clarks auf Politik und Diplomatie. Die Bevölkerung taucht praktisch nur am Ende im nicht vorhandenen Augusterlebnis auf (das immerhin eine hoch relevante Feststellung) und punktuell als veröffentlichte Meinung, die die handelnden Politiker vor sich her trieb. Insofern schreibt Clark eine überraschend altmodische Studie, ohne Berücksichtigung von Strukturen und Gesellschaftsaspekten. Das diskreditiert das Buch nicht per se, aber es verengt den Fokus so weit, dass einige andere Fakten unter den Tisch gefallen sein könnten. Hier ist aber auch die große Leistung Clarks in Rechnung zu stellen, die in der Aufarbeitung unermesslich vieler Quellen aus staatlichen Archiven besteht. Liest man das Buch als eine aufbereitete und kommentierte Quellensammlung aus diesen Archiven, ist es ein äußerst wertvoller Beitrag zur Geschichtswissenschaft und mag als Grundlage weiterer Studien in der Zukunft dienen.

Schließlich gibt es den Kritikpunkt, dass Clark, auch wenn er keine Anklageschrift verfassen wollte, doch einen Schurken in seinem Drama hätte: die Serben. Ullrich führt diesen Punkt in seiner Rezension an, ohne ihn jedoch belastbar zu begründen. Mir selbst war dies beim lesen nicht aufgefallen, die Serben erschienen mir kaum mehr und kaum weniger involviert als alle anderen Beteiligten. In der Tat haben die Attentäter von Sarajevo serbische Verbindungen, aber die von Ullrich beschriebenen negativen Wertungen und Akzente gegen Serbien kann ich nicht wiederfinden.

Eine schöne Ergänzung zu Clarks Buch ist ein Vortrag, den er an mehreren Universitäten bereits gehalten hat.

Dort skizziert er detailliert die Abläufe des 28. Juni 1914 und die Hintergründe der Attentäter, bevor er erklärt, warum er das Buch zu der bereits extrem großen Bibliographie zu den Ursachen des Ersten Weltkriegs hinzugefügt hat. Er möchte sich nicht auf die Suche nach der Schuld machen, sondern eher nach den Ursachen forschen. Nicht das „warum“ (denn daraus folgt sofort „wer“), sondern das „wie“ steht für ihn im Vordergrund. Und in der Tat, die Geschichte ist viel zu komplex um einem einzelnen Akteur, oder auch einer separaten Gruppe von Akteuren, die Schuld zuzuweisen. Es gibt keinen Täter wie in den Romanen von Agatha Christie. Oder wie schon Schulze formuliert hat: „Die Frage nach der Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs, die bis heute die Gemüter bewegt, ist töricht gestellt. Schuld können nur einzelne verantwortlich handelnde Menschen haben und die Ursachen des Ersten Weltkriegs sind viel zu weit gefächert, als dass einzelne verantwortliche Politiker namhaft zu machen wären.“

Ein weiterer Aspekt, den Clark im Vortrag herausstellen kann, ist dass das Thema uns heute näher ist als vor 30 Jahren. Damals herrschte der Kalte Krieg, die Welt war bipolar und relativ klar aufgeteilt. Heute gibt es eine multipolare, komplexere Situation, ähnlich wie vor dem Ersten Weltkrieg. Die Julikrise wurde durch einen terroristischen Anschlag ausgeübt, von Tätern, die zum Selbstmord bereit waren. Und das Missverständnis, dem Clark offenbar begegnen wollte, ist, dass die Szenerie zwar alt wirkt (Männer mit Uniformen, Straußenfedern auf den Hüten und so weiter), aber dass diese Geschichte noch immer lehrreich ist und zu uns sprechen kann.

Insofern ist die Studie Clarks eine sehr wertvolle, hervorragend recherchiert und sehr lehrreich, auch für das heutige Verständnis von der Welt. Über die inhaltlichen und argumentativen Schwächen lässt das nicht ohne weiteres hinwegsehen; allerdings ist es auch sehr weit hergeholt, wenn man Clark Revisionismus unterstellt, oder dass er die Schuld am Krieg von Deutschland weglenken wollte. In der Tat beleuchtet er die Julikrise so, dass man unmöglich von einer Alleinschuld der Mittelmächte sprechen könnte – aber das hat in den letzten Jahrzehnten ohnedies niemand mehr ernsthaft behaupten wollen. Tatsächlich ist die Gegenposition zu Clark, dass eine Schuldfrage sehr wohl relevant wäre, mit der expliziten Bejahung der rhetorischen Frage, ob es wirklich nötig sei, die beteiligten Staaten nach ihrer Schuld zu sortieren und zu bewerten; hier ist tatsächlich explizit Clark zuzustimmen: die Schuldfrage ist natürlich für das Verständnis der Historie relevant, kein Zweifel; aber die Schuldfrage ist für die Lehren, die man aus der Geschichte zieht, vollkommen belanglos. Hier stößt man schnell auf das Grundproblem: was soll die Geschichte leisten? Der Historiker ist ein rückwärtsgewandter Prophet, wer die Geschichte nicht versteht, kann die heutige Welt nicht verstehen. Aber eben hierfür ist das „wie“ entscheidend und nicht das „wer“. Und wenn der Krieg schon vorbei ist und alle jemals daran Beteiligten tot sind – was soll dann die Schuld, wenn es keine Sühne mehr geben kann? Das bedeutet aber explizit nicht, dass man sich nicht dessen bewusst sein soll, was im Krieg geschah und wie es dazu kommen konnte. Denn nur daraus lassen sich die Lehren ziehen, die man aus der Geschichte ziehen muss (das wird analog umso deutlicher beim Zweiten Weltkrieg, bei dem gottlob niemand über die Schuld diskutiert).

Irritierend ist die Begeisterung, die aufgrund dieses angeblichen „Freispruchs“ durch Clark entstanden ist. Diesen Freispruch gibt es in der Studie nicht, aber was würde er auch nützen? Weder die Bundesrepublik Deutschland noch die heutige deutsche Bevölkerung wird heute noch für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs verantwortlich gemacht. Es geht nicht mehr ernsthaft um Schuld und Sühne, der Krieg kann ohnedies nicht ungeschehen gemacht werden. Es ist Geschichte. Die Geschichte dient der Erklärung der heutigen Welt. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Eines Tages werden wir alt sein.

Das Internet bietet jungen Künstlern aller Richtungen eine Plattform, die vor wenigen Jahrzehnten noch undenkbar war. Eine der Künstlerinnen, die aufgrund eines youtube-Mitschnitts bekannt wurde, ist die Poetry Slammerin Julia Engelmann. Sie ist Studentin und schrieb ursprünglich nebenher Gedichte. Als sie in Bielefeld ihren „Reckoning Text“ vortrug (aufbauend auf dem Refrain des „Reckoning Song“ von Asaf Avidan), wurde ihr Auftritt mitgeschnitten und hat inzwischen fast 10 Millionen Klicks gesammelt. Es handelt sich um ihren bekanntesten Text, er ist voller interessanter Gedanken, voller intelligenter und witziger Sprachspiele und er kann die Zuhörer begeistern und beeinflussen. Rundum einfach gelungen.

Aufbauend auf ihrem Internet-Ruhm hat Julia Engelmann inzwischen zwei Bände mit ihren Gedichten in Buchform veröffentlicht, sie geht auf Deutschland-Tour und es ist noch kein Ende abzusehen.

Das youtube-Video, das sie bekannt gemacht hat, ist hochinteressant. Die Autorin trägt ihren Text sehr gefühlvoll vor, sehr mitreißend, sehr spannend, höchstens ein wenig schnell. Und doch wird sichtbar, dass sie eine Rolle spielt: ihre Stimme ist zu Beginn brüchig, sie scheint nervös zu sein – gleichzeitig ist sie so souverän in ihrem Vortrag, mit einer offenbar ausgebildeten Stimme und vielen kleinen Finessen, die zum Flair des Auftritts beitragen. Sie spielt die Rolle der kleinen Studentin auf der großen Bühne und balanciert das mit einem perfekten Vortrag aus. Vortrag und Auftritt ergänzen sich auch inhaltlich: die junge Studentin drückt auf der großen Bühne das postulierte Lebensgefühl ihrer Generation aus. Und all dies natürlich auch als legitimes Mittel, um die Slammer-Konkurrenz zu gewinnen. Das soll jedoch nicht schmälern, wie sympathisch sie auch heute bei Live-Auftritten wirkt und wie stark ihre Texte sind. In Live-Auftritten streut sie auch Gesangseinlagen mit Gitarrenbegleitung in einem Singer/Songwriter-Stil ein, bei denen sie weiter positiv mit ihrer Stimme überraschen kann.

All ihre Gedichte gewinnen immens, wenn man sie von der Autorin gesprochen hört. In Textform geht leider sehr viel von dem Gefühl, vom Sprachwitz und von der angedachten Betonung verloren. Neben dem „Reckoning Text“ seien mindestens „Lass mal ne Nacht drüber tanzen“ und „Ich kann alleine sein“ genannt. Wie die Lyrische Hausapotheke Erich Kästners bieten Julia Engelmanns Gedichte Anlehnung für diverse Lebenslagen – es ist daher problematisch, unterschiedliche Gedichte hervorzuheben. Ein wiederkehrendes Thema ist aber der Versuch der verkopften Studentin aus dem Verkopftsein herauszukommen. Ein Impuls, der mir nicht fremd ist.

Für eine umfassende Analyse des „Reckoning Texts“ ist hier nicht der Ort. Die Kernaussage entspricht dem bekannten, aber nicht direkt erwähnten „Carpe Diem“: Nutze den Tag. Die vielen Möglichkeiten, die sich bieten, sollten genutzt und ausprobiert werden, bevor man es in einigen Jahren nicht mehr kann. An diversen Beispielen und in unterschiedlichen Abwandlungen wird diese Kernaussage variiert. Hier seien nur die geniale Harry Potter-Referenz

Ich bin so furchtbar faul
mein Patronus ist ein Schweinehund

genannt und die nicht minder geniale Zeile

Wer genau guckt, der sieht,
dass Mut auch bloß ein Anagramm von Glück ist

Letztere hat mich aufgeschreckt, als ich das Gedicht erstmals gehört habe.

Man kann über diese Zeile ausgiebig diskutieren, ich habe beispielsweise eine Besprechung gefunden, die diesen Aphorismus auf eine neoliberale politische Haltung hin deutet (was mir über das Ziel der Autorin hinauszuschießen scheint). Tatsächlich glaube ich, die Absicht des Texts ist, Lethargie abzulegen: ein Weg aus dem empfundenen Unglück ist, das Unglück selbst aktiv abwenden zu wollen – Mut wird nicht garantieren, dass Glück kommt, aber ohne Mut ist die Chance auf Glück viel geringer. Man würde in aller Lethargie darauf warten, dass das Glück zu einem kommt und müsste dann auch noch in der Lage sein zuzugreifen.

Alle diese Gedanken sind natürlich nicht neu, aber sie sind hier fabelhaft verpackt und dargestellt. Mir fallen nur zwei Varianten dieser Gedanken sein, die sich ähnlich tief in mir eingeprägt haben. Eine im Film über „Die fabelhafte Welt der Amélie“ mit dem schönen Satz

Das Glück ist wie die Tour de France:
man wartet so lange darauf und dann rast es vorbei.

Die andere in dem Gleichnis vom Lottogewinn, in dem ein Mann zu Gott betet, dass er wegen seiner Geldsorgen um einen Lottogewinn gebrauchen könnte. Über Wochen hinweg betet der Mann jeden Tag dafür, bis sich eines Tages der Himmel auftut und Gott zu ihm spricht: „dann kauf dir doch endlich einen Lottoschein!“ Und auch wenn Julia Engelmann eine leicht andere Zielrichtung mit ihrem Text verfolgt, so ist es doch vergleichbar:

Eines Tages werd ich alt sein und an all die Geschichten denken, die ich hätte erzählen können.

Alle von Julia Engelmanns Texten zeugen von tiefem Nachdenken über den jeweils behandelten Seelenzustand, und von einem ungeheuren Talent für Sprache. Ein Segen, dass sie aufgrund des Internets bekannt wurde und diese Berühmtheit länger als die oft zitierten 15 Minuten andauert. Gemessen daran, dass ich im Allgemeinen mit Prosa viel mehr anfangen kann als mit Lyrik, kann ich der Autorin kein höheres Lob aussprechen als dieses: diese Gedichte lese ich gerne und höre sie noch lieber.

Anmerkungen zu Adenauer

Zu vielen Personen der Zeitgeschichte sind Biographien erschienen, seien es lebende oder nicht. Alle sind auf ihre Weise bedeutend, schließlich wäre eine Biographie sonst eher belanglos. Andererseits gibt es diverse relevante Personen, die nicht durch Biographien erschlossen zu sein scheinen. Ein solches Beispiel ist Konrad Adenauer (1876-1967), der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, der in vielerlei Hinsicht eine bedeutende Persönlichkeit darstellt – allein die politischen Weichenstellungen, für die er während seiner Amtszeit in Westdeutschland gesorgt hat und die auf Jahrzehnte hinaus die Bundesrepublik definiert haben. Und dennoch gibt es nicht viele Untersuchungen über ihn.

Das Standardwerk ist eine zweibändige Biographie von Hans-Peter Schwarz, die bereits Ende der 1980er Jahre geschrieben wurde. Naheliegenderweise standen Schwarz damals nicht alle heute verfügbaren Quellen zur Verfügung, namentlich Unterlagen aus der Sowjetunion, der DDR und auch keine Verschlusssachen der Bundesregierung, die einer Sperrfrist unterlagen. Dennoch ist seine Arbeit noch immer diejenige Schrift, die als Hauptbiographie Adenauers zitiert wird. Schwarz hat außerdem eine verkürzte Fassung veröffentlicht, die „einsteigerfreundlicher“ gehalten ist und deutlich kürzer ausfällt (deren Titel hier zugegeben fälschlicherweise als Titel für diesen Text verwendet wurde). Daneben gibt es eine Art „Konkurrenzarbeit“ von Henning Köhler, von dem im Folgenden noch die Rede sein wird. Alle weiteren mir bekannten Biographien Adenauers sind bestenfalls Exkurse innerhalb größerer Gesamtdarstellungen der Nachkriegszeit oder der bundesdeutschen Geschichte, oder sie sind Teil von Essaysammlungen über alle deutschen Kanzler. Gemessen an der Bedeutung Adenauers erscheint mir dies als ein Mangel in der aktuellen Geschichtsschreibung – das ist nicht als Schmälerung von Schwarz‘ Biographie gemeint, sondern als Schließung der Lücke, die durch seit 1990 neu verfügbare Quellen entstanden ist. Andere Personen (exemplarisch genannt seien Helmut Schmidt, Bismarck oder auch Adolf Hitler) werden mit deutlich mehr Biographien gewürdigt – wobei natürlich nicht die Anzahl relevant ist, sondern die damit verbundene verschieden ausgelegte Quellenarbeit und folglich die ausdifferenzierte Sichtweise, die die aktuelle Wissenschaft auf die jeweilige Person hat.

Nun ist Adenauer insgesamt eine sehr gut beleuchtete Figur. Keine Darstellung der Bundesrepublik kommt ohne einen Abriss seiner Biographie aus und doch bleiben viele Fragen unbeantwortet. Das Werk von Schwarz ist hierbei äußerst aufschlussreich und es soll daher hier dargestellt werden. Dabei ist vorauszuschicken, dass in vielen Belangen Schwarz sehr wohlwollend formuliert. Insbesondere der Kölner Oberbürgermeister und der Familienvater Adenauer werden in den leuchtendsten Farben dargestellt. Erst der Machtmensch, der sich auf den Weg zur Kanzlerschaft macht, erfährt auch ausgiebigere negative Schilderungen. Dabei suche ich nicht aktiv nach den negativen Seiten – im Gegenteil ist es eine Wohltat, in einem Geschichtswerk auch über positive Persönlichkeiten lesen zu dürfen und nicht nur über Tyrannen und Despoten (diese sind aus historischer Sicht allerdings erschreckend häufig die relevanten Figuren).

Schwarz hat seine Biographie sehr fokussiert angelegt. Insgesamt ergeben seine Bände über 1800 Seiten, mit der Trennung der Bände im Jahr 1952. Schon dies lässt erkennen, dass es sich um eine politische Biographie des Bundeskanzlers Adenauer handelt, der eine Art „Ouvertüre“ zugestanden wird. Im ersten Band endet der 2. Weltkrieg nach gut 400 Seiten. Gemessen daran, dass ich besonders an dieser Vorgeschichte vor 1945 interessiert war, habe ich mich beim ersten Blättern durch das Werk darüber durchaus gewundert: Die letzten 22 Lebensjahre nehmen mehr als dreimal so viel Platz ein wie die ersten 69. Beim Lesen wurde mir der Grund für diese Fokussierung jedoch zusehends klarer. Der hier vorliegende Text kehrt das Verhältnis allerdings aufgrund meiner konkreten Interessenlage etwas um und behandelt entsprechend auch nur den ersten Band, der mit „Der Aufstieg“ überschrieben ist. Den zweiten Band hat Schwarz mit „Der Staatsmann“ betitelt, dieser soll hier nicht behandelt werden.

Die Jugend- und Studienjahre Adenauers sind in der Tat für alles spätere erstaunlich belanglos. Natürlich ist Adenauer ein Kind seiner Zeit und ein Produkt seiner Umgebung. Aber er ist darin in keiner Weise besonders. Sein Weg ist nicht vorgezeichnet, er selbst hebt sich nicht wesentlich von seiner Umgebung ab und wenig von seiner tatsächlichen politischen Ausrichtung scheint aus dieser Phase zu stammen. Er wächst jedoch als Rheinländer im besten und im schlechtesten Sinne auf: sein Dialekt, sein Humor und seine Heimatverbundenheit haben natürlich ihre Wurzeln schon in der Kindheit. Eine Aussage Bismarcks lässt sich aber auf Adenauer praktisch wörtlich übertragen: „Als normales Produkt unseres staatlichen Unterrichts verließ ich die Schule“. Und analoges gilt für das Studium der Rechtswissenschaften, das er, entgegen dem Humboldtschen Bildungsideal, als Brotstudium führte. Er strebte eine Stellung als Notar an und zog daher (und auch aus Geldnot) seine Studien möglichst stringent durch.

Schwarz arbeitet in diesem Zusammenhang die Charaktereigenschaften Adenauers sehr anschaulich heraus, die mir das bekannte, geradezu in Stein gemeißelte Denkmal wieder zu einer vollständigen Person werden lassen und mein Adenauerbild deutlich geschärft haben. Eine Art von „no nonsense“-Attitude, voller Fleiß und harter Arbeit, die ihn schon während seiner Studien auszeichnete und aufgrund der er sich außer einer Auslandsreise nur auf das nötige beschränkte; ein Interesse für die Naturwissenschaften (die während seiner Schulzeit in hoher Blüte standen), das er im Alter immer wieder im Rahmen von Erfindungen und Patentanträgen auslebte; auch ein Interesse an Lyrik und Kunst, jedenfalls von Künstlern, die er in seiner Schulzeit kennenlernen konnte: etwa Goethe und Heine, aber nichts von Brecht oder dergleichen; sein tiefer Katholizismus, ohne den er im damaligen Köln kaum aufwachsen konnte.

Sein Studium der Rechtswissenschaften schließt er in der gegebenen Zeit ordentlich ab, um den Beruf einsteigen zu können. Schon aus Geldgründen promoviert er nicht. Er führt als Bundeskanzler den Doktortitel, der ihm von diversen Universitäten ehrenhalber verliehen wird (insbesondere von der Universität zu Köln, für die Verdienste des Oberbürgermeisters um diese Hochschule und für ihre Neugründung). Wie Schwarz treffend schreibt „verwächst“ der Titel im Alter mit seinem Namen.

Wie Adenauer in die Politik gefunden hat, wird merkwürdig diffus und knapp beschrieben. Es scheint sich eine günstige Gelegenheit für den jungen Rechtsassessor ergeben zu haben, Beigeordneter der Stadt Köln zu werden. Warum er seinen Wunsch, Notar zu werden, aufgab, wird nicht erklärt und wie es gelungen ist, die Stadtratsfraktion des Zentrums hinter ihn zu bringen, bleibt ebenso unklar. Dabei wäre gerade dies eine spannende Fragestellung, zumal er in Schwarz‘ Darstellung unmittelbar vor der Wahl zum Beigeordneten noch als „ein unpolitischer junger Mann“ beschrieben wird. Er war offenkundig nicht einmal Parteimitglied des Zentrums, bevor er Beigeordneter wurde. Unabhängig davon ist klar, dass Adenauer sehr schnell großen Gefallen an seiner politischen Tätigkeit fand, die er entsprechend auch zeitlebens nicht mehr aufgeben konnte (wie schnell er nach der erzwungenen Ruhe der Hitlerzeit wieder in die Politik einstieg werden wir noch beleuchten).

Adenauer war mit 30 Jahren jüngster Beigeordneter von Köln und legte weiter eine steile Karriere hin. 1917 wird er schließlich Oberbürgermeister, gemessen an seiner Herkunft ist dies damals im immer noch Wilhelminisch geprägten Deutschland ein sehr großer Erfolg. Als sich die Verhältnisse umstürzen, zeichnet er sich durch ein hervorragendes Krisenmanagement aus: er sorgt für die Verpflegung der Bevölkerung und der heimkehrenden und durchreisenden Soldaten, er arrangiert sich mit der alliierten Besatzung und kann dabei gleichzeitig das maximale für Köln herausschlagen, was Ressourcen und Mitspracherechte angeht. Hier scheint er erstmals ausgiebigen politischen Kontakt mit Franzosen und Briten gehabt zu haben, die ihn als Gesprächspartner schätzen und akzeptieren. Adenauer wird seit damals als politisches Schwergewicht in Deutschland wahrgenommen, insbesondere mit Blick auf die Dezentralisierung und als Gegengewicht zur Regierung in Berlin. Er unternimmt seine ersten außenpolitischen Gehversuche und positioniert sich des öfteren gegen Stresemann.

Über separatistische Bestrebungen Adenauers in den frühen 20er Jahren wird in jeder entsprechenden Abhandlung ausgiebig geschrieben. Die meisten Autoren sind sich darin einig, dass Adenauer kein Separatist war. Er ist stets für die Belange des Rheinlands eingetreten und war kein Anhänger einer allzu mächtigen Zentralregierung in Berlin. Von einer Abscheu gegen alles preußische, wie sie gelegentlich kolportiert wird, kann aber keine Rede sein (Schwarz zitiert einige Quellen hierzu). Auch wird Adenauer damit zitiert, dass aufgrund der politischen Gesamtlage und des damaligen politischen Chaos‘ möglicherweise die Rheinprovinz aus Preußen ausgegliedert würde, aber dann innerhalb Deutschlands bleiben müsste. Insbesondere sorgte sich Adenauer sehr um die Massenstimmung unter dem Eindruck von Arbeitslosigkeit und mangelnder Versorgung, und um die damit verbundene Tendenz, dass sich diese Rheinische Republik zu eng an Frankreich binden würde; nicht zu vergessen die Sorge, dass Frankreich auch von sich aus massiven politischen Einfluss in dieser Republik ausüben könnte. Insgesamt handelt es sich innerhalb des Textes von Schwarz um eine der komplexeren Passagen: die Motive scheinen nicht alle vollständig durchleuchtet, nicht alle Sichtweisen sind transparent geworden. Die Schlussfolgerung ist jedoch klar, im Gegensatz zu manch anderen Texten (so etwa Schulze), in denen es lapidar bei einem Satz der Art „Es steht außer Frage, dass Adenauer keine separatistischen Tendenzen hatte“ belassen wird.

In diesem Zusammenhang verlässt Schwarz kurz seinen sehr ausgewogenen Schreibstil und teilt einen Seitenhieb gegen seinen Kollegen Henning Köhler aus. Konkret übt er Kritik an der Dissertation Köhlers, in der von französischen Einflussagenten bei der Kölnischen Volkszeitung die Rede ist. Die Thesen Köhlers werden von Schwarz (und anderen, die er zitiert) als haltlos dargestellt, und zwar in verblüffend harschem Stil. Gemessen daran, dass Adenauer nur eine Randfigur in dieser Erzählung ist (und aus Symmetriegründen diese Erzählung nur ein Randaspekt in einer Adenauer-Biographie sein sollte), ist die Kritik an Köhler äußerst deutlich. Es ist selten, dass ich mich beim ersten Lesen über eine Textpassage so deutlich gewundert habe wie bei dieser. Ich weiß tatsächlich nicht, wieso die Schärfe hierher kommt. Tatsächlich hat Köhler eine eigene Biographie über Adenauer verfasst, die ich nicht aus eigener Anschauung kenne. Es scheint, eine Art akademischer Fehde zwischen den beiden Autoren zu geben.

Später, im Rahmen der Weltwirtschaftskrise, ist Adenauer nach wie vor Oberbürgermeister von Köln und als solcher eine feste Figur auch in der Berliner Politik. In diese Zeit fällt eine private finanzielle Krise, da er sich massiv in Aktien verspekulierte. Mangels Interesse kümmert er sich nur wenig um seine Geldanlagen und lässt die Sache sehr lange schleifen. Erst spät bemerkt er seinen Fehler, den er aus eigener Kraft nicht korrigieren kann. Er ist sein Vermögen losgeworden und muss mit Hilfe von Bekannten seine Konten umschichten, was zu politischen Problemen führt: er hat die Schulden bei der Deutschen Bank, ist gleichzeitig Mitglied des Aufsichtsrats und die Stadt Köln hält ebenfalls dort Kredite. Das Problem wird schließlich mit Methoden aus der Welt geschafft, die an den berühmten „Kölschen Klüngel“ erinnern – nicht alle Schritte scheinen juristisch wasserdicht zu sein. Als er von den politischen Gegnern deswegen in die Mangel genommen wird, lässt er sich von der Deutschen Bank bescheinigen, dass kein Problem und kein Interessenkonflikt vorlägen. Den heute so genannten „red face test“ besteht er, aber die Angelegenheit hat ihn finanziell und politisch viel von seinem Rückhalt gekostet.

In Bezug auf das Erstarken der Nationalsozialisten teilt Adenauer die Abneigung der meisten damaligen Demokraten gegen Hitler, seine Parolen und seine Methoden. Er ist selbst Zielscheibe politischer Angriffe, auch weil er demonstrativ die jüdische Gemeinde Kölns unterstützt. Politisch ist er ähnlich wie von Papen überzeugt, dass sich Hitler „einfangen“ lassen würde, wenn man ihn in die politische Arbeit einbände. Damit legt Adenauer eine sonst ungewohnte Naivität an den Tag. Insbesondere scheint er trotz allem davon überzeugt gewesen zu sein, dass sich Hitler an die parlamentarischen Spielregeln halten würde. Beispielsweise war Adenauer als Vorsitzender des Staatsrates Teil des Dreimännerkollegiums, das über die Auflösung des preußischen Landtags zu entscheiden hatte. Da nach dem Preußenschlag Papen als Ministerpräsident und der nationalsozialistische Landtagspräsident für die Auflösung stimmten, die nach Lage der Dinge einen handlungsunfähigen Landtag hervorbringen würde, verließ Adenauer demonstrativ den Raum, in dem Glauben damit das Gremium beschlussunfähig zu machen und die Auflösung zu verhindern. Damit blieb er jedoch erfolglos, das Ergebnis ist bekannt.

Als Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, verengte sich der Spielraum für Adenauer zusehends. Er wird schließlich nach kurzer Zeit aus seinem Amt enthoben und stürzt, wie Schwarz schreibt, ins Bodenlose. Er wird aufgrund seiner politischen Vergangenheit und wegen seiner finanziellen Verstrickungen schikaniert, muss sein Privathaus in Köln aufgeben, da er den Kredit nicht mehr bedienen kann und flüchtet sich zu seinem Schulfreund, dem Abt des Klosters Maria Laach. Es kommt schließlich zu einer Vereinbarung mit den neuen Machthabern, die dem fast 60-jährigen eine schmale Pension zugestehen. Er kann sich ein Haus in Rhöndorf kaufen, in dem er mit seiner Familie zurückgezogen und als Privatier lebt. Den Garten, der heute gemeinsam mit dem Haus noch besichtigt werden kann, legt er in dieser Zeit an, außerdem widmet er sich wieder seinen Erfindungen. Politische Betätigung ist ausgeschlossen und jede seiner Regungen wird von der Gestapo genau verfolgt und überwacht. Da er den Demokraten und Widerständlern im Untergrund als einer der Ihren gilt (und das Regime das ebenso sieht), lebt er in der ständigen Angst um seine Familie und sein Wohl.

Trotz aller Schikanen, die er erdulden muss, kommt es nie zu einer längeren Haft, auch nicht wegen der von den Nationalsozialisten unterstellten Dienstvergehen oder den Separatismusvorwürfen während seiner Zeit als Oberbürgermeister von Köln. Das Regime lässt ihn die meiste Zeit in Ruhe in Rhöndorf bleiben. Wie sehr er aber ausgeliefert ist, wird nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 deutlich. Adenauer ist daran unbeteiligt und hat sich aus allen Planungen herauszuhalten versucht. Er kommt dennoch gemeinsam mit seiner Frau in Haft, die er nur mit viel Glück übersteht. Er wartete in ständiger Angst um seine Familie (zwei seiner Söhne waren in der Wehrmacht eingesetzt) auf das, was ihm drohen würde. Schließlich wird er aus gesundheitlichen Gründen wieder entlassen, und er versucht unter dem Radar zu bleiben bis die Alliierten den Rhein erreichen. Seine Frau überlebt die Gefangenschaft ebenfalls, aber wird wenige Jahre später an den Spätfolgen der Haft sterben.

Schwarz‘ Darstellung ist immer wieder durchzogen von Bildbeschreibungen. Das ist nicht unüblich für Biographien, obwohl es sich meistens um eine einmalige Beschreibung handelt. Hier wird die Wandlung Adenauers vom Schulkind zum alten Mann nachvollzogen, inklusive der Einflüsse, die der besagte Sturz ins Bodenlose nach 1933 auf sein Äußeres hatte. Auch die Auswirkungen eines Verkehrsunfalls im Jahr 1917, die ihm die charakteristischen Gesichtszüge verpassten, werden beschrieben. Die Bildbeschreibungen sind ungewöhnlich und werden schließlich seltener, als Schwarz die Uhr seiner erzählten Zeit deutlich verlangsamt und daher weniger Informationen aus seinen Portraits zu ziehen sind.

Ein nur schwach beleuchteter Aspekt ist Adenauer als Familienmensch. Das liegt am Fokus der Biographie auf den politischen Werdegang des Bundeskanzlers, aber der Bereich wird auch nicht vollständig ausgeblendet. Tatsächlich war die Familie für Adenauer sehr bedeutsam, aber schon als Bürgermeister von Köln hatte er weniger Zeit für seine Kinder als er sich gewünscht hätte. Er war zweimal verheiratet und wurde beide Male Witwer (beide Frauen starben an schweren Krankheiten). Aus erster Ehe hatte er drei, aus zweiter Ehe weitere vier Kinder, die insbesondere in ganz unterschiedliche Generationen hineingeboren wurden. Seine jüngsten Kinder wunderten sich, so Schwarz, welch bedeutenden Vater sie hatten, als die Alliierten ihn nach dem 2. Weltkrieg regelmäßig zuhause besuchten und zur Rückkehr in die Politik aufforderten. Dagegen hatten die älteren Kinder den politischen Werdegang ihres Vaters fast vollständig mitverfolgen können und waren später gefragte Diskussionspartner Adenauers. Der Tod seiner Ehefrauen stürzte Adenauer in tiefe Krisen, einmal zum Ende des 1. Weltkriegs, das andere Mal während der Zeit des parlamentarischen Rats. Seine Kinder blieben ihm stets eine große Stütze, sie alle begleiteten auch noch den Bundeskanzler Adenauer in die berühmten Sommerurlaube in Italien.

Nach der Befreiung des westlichen Rheinufers suchen ihn praktisch sofort die Amerikaner auf, um ihn in sein altes Amt in Köln wiedereinzusetzen. Sie haben ihn auf einer Liste der politisch unbelasteten Deutschen geführt, um die Entnazifizierung voranzutreiben. Adenauer lässt sich nicht lange bitten, er wartet jedoch noch bis zur Kapitulation ab, um seine Söhne bei der Wehrmacht nicht durch seine politische Aktivität zu gefährden. Er führt die Amtsgeschäfte wieder wie in der Zeit vor 1933, aber er stößt des Öfteren mit den Briten zusammen, die schon bald die Verwaltung ihrer Besatzungszone, in der Köln liegt, übernehmen. Nach wenigen Monaten wird er sang- und klanglos entlassen, kurzzeitig verbieten die Briten ihm jede politische Betätigung.

Adenauer lässt sich aber immer noch nicht in das Pensionär-Dasein entlassen. Er bringt seine Arbeit in die inzwischen gegründete CDU ein, die noch in ihrer Findungsphase ist: weder Parteiname, noch Abgrenzungen sind klar, es bestehen diverse Parteien in den verschiedenen Ländern, die sich zum Teil assoziieren, zum Teil auch nicht. Viele Parteimitglieder, darunter auch Adenauer, möchten die Trennung zwischen Katholiken und Protestanten aufheben, die noch im Zentrum, der reinen Katholikenpartei, bestanden hatte. Darüber hinaus ist es für lange Zeit unklar, welche der diversen Bewegungen sich zusammenfassen lassen. Die Liberalen finden sich überwiegend in der FDP wieder, die bayrischen Christen bleiben innerhalb der CSU separat, während sich in allen anderen Bundesländern (auch in der sowjetischen Zone) die unterschiedlichen christlichen Parteien unter dem Namen CDU versammeln, der von Adenauer zunächst abgelehnt wurde. Die Partei bleibt aber noch auf Jahre hinaus eine Sammlung verschiedener Strömungen und eigensinniger Köpfe, die sich nur zäh zusammenführen lassen. Die Bundes-CDU entsteht erst 1950.

Adenauer positioniert sich innerhalb der Partei mit einem Machthunger, der seit der Kölner Bürgermeisterzeit nicht überraschen darf. Seine Durchsetzungsstärke hatte sich damals aber stets auf seine Position als Oberbürgermeister bezogen, darauf, dass er seine Mitarbeiter und sein Wahlvolk hinter sich bringen musste. Für höhere Partei- oder Regierungsämter hatte er sich in der Weimarer Zeit nicht interessiert, obwohl er mehrfach als Reichskanzler gehandelt wurde (damals phasenweise ein politisches Himmelfahrtskommando). Sein Engagement für die CDU ist ungleich stärker. Woher diese Energie nach den schweren Rückschlägen seiner zweimaligen Entlassung, in seinem fortgeschrittenen Alter kommt, ist geradezu unerklärlich (ein Aspekt, der auch von Schwarz so beschrieben wird). Adenauer nutzt jede sich bietende Chance mit großer Schnelligkeit und mit großem Geschick aus. Gleichzeitig ist er dabei außerordentlich skrupellos. Er schreibt ein eigenes Parteiprogramm, das für die folgende Diskussion maßgeblich wird, er nimmt an richtungweisenden Gesprächen bei Parteifreunden und Amtsträgern teil und positioniert sich so als einer der führenden Köpfe seiner Partei. Als Beispiel sei eine Besprechung genannt, zu der der Wuppertaler Bürgermeister eingeladen hatte: Adenauer übernahm, da er eine Art Alterspräsident dieser Versammlung sei, sogleich den Vorsitz und damit die Initiative, lenkte das Gespräch daher in seine gewünschten Bahnen und entmachtete so den eigentlichen Gastgeber.

Der Höhepunkt seines Machtstrebens ist die Rhöndorfer Konferenz, zu der er nach der Bundestagswahl 1949 einlädt. Hier ist er selbst Gastgeber, er bestimmt die Teilnehmerliste (die aber nicht nur aus seinen Anhängern, sondern aus den führenden Köpfen unterschiedlicher Strömungen der CDU/CSU besteht) und er wird von verschiedenen Ohrenzeugen mit dem Satz zitiert „Ich will Bundeskanzler werden“. Es ergibt sich auch ein Geschacher um weitere Ämter, aber er bleibt nicht immer erfolgreich: Heinemann als Innenminister und Arnold als Bundesratspräsident kann er nicht verhindern. Als Heuss zum Bundespräsidenten vorgeschlagen wird, gab es, entgegen mancher Quellen, sicher kein „verblüfftes Schweigen“ – die Koalition mit der FDP war zwar nicht zwingend vorgezeichnet, ist aber damals ein Konsens über weite Teile der politischen Akteure hinweg. Heuss als einer der Exponenten der FDP durfte daher kein Überraschungskandidat gewesen sein, um diese Koalition anzubahnen.

Schon zuvor, im Parlamentarischen Rat, hatte Adenauer sich auch außerhalb seiner Partei positioniert. Sicher wurde er von vielen aufgrund seines Alters als Übergangskandidat betrachtet und daher mit seiner politischen Erfahrung als weiser alter Mann auf den Schild gehoben. Man kann streiten, ob es große Hellsichtigkeit oder großes Glück war, dass er Präsident des Parlamentarischen Rates wurde. Der SPD als stärkster Fraktion hätte das Präsidium zugestanden, aber Carlo Schmid übernahm lieber den Vorsitz des Hauptausschusses, da sich dort die meisten Inhalte entscheiden würden. Andererseits fanden die Alliierten im Präsidenten Adenauer den einen zentralen Ansprechpartner, nach dem sie gesucht hatten. Das Renommee und die Bekanntheit, die Adenauer aus diesem Amt zog, waren ihm bei den anstehenden Wahlen sicherlich nicht hinderlich.

Während der Nachkriegszeit und der ersten Legislaturperiode des Bundestags war Kurt Schumacher als SPD-Vorsitzender ungewollt einer der besten Verbündeten Adenauers. Mit seinen teils radikalen Ansichten (sowohl streng national, aber auch mit einem strengen Blick gegen den Kapitalismus und gegen die Kirchen) verprellte er viele, mit denen er eine Machtbasis hätte aufbauen können. Für manche von Adenauers parteiinternen Konkurrenten wirkte Schumacher geradezu als ein Schreckgespenst gegen die Vorstellung einer großen Koalition, die angesichts der großen Probleme der jungen Bundesrepublik ausdauernd andiskutiert wurde. Auch den Alliierten gegenüber verhielt Schumacher sich wiederholt bemerkenswert ungeschickt, sodass Adenauer, trotzdem er gelegentlich unbequem war, als die bedeutend bessere Alternative gelten musste. In Schwarz‘ Darstellung wirkt Schumacher häufig derart ungeschickt, dass man sich fragen muss, woher er den großen Rückhalt innerhalb der SPD bezog.

Mit der Wahl zum Bundeskanzler ist Adenauer derart in das Rampenlicht getreten, dass die wesentlichen Schritte von nun an allgemein bekannt sind. Für Schwarz geht die Darstellung hier erst richtig los, aber für mich endet hier der hochrelevante Teil der Biographie. Die Lücken in meinem Adenauerbild sind geschlossen – einer der Gründe, warum der zweite Band noch einen Augenblick lang auf mein Lesen warten wird.

Der erste Band von Schwarz‘ Biographie endet mit der Unterzeichnung der Westverträge, die das große Ziel Adenauers waren: die Bindung an die Westalliierten aus Angst vor einer sowjetischen Übermacht, der die Bundesrepublik alleine nichts entgegenzusetzen hatte. Entsprechend brisant waren die Vorgänge rund um die Wiederbewaffnung Deutschlands, die von Schwarz mit extrem großer Lupe, fast schon im Tageszeitungs-Stil beschrieben werden. Dieses Kapitel ist trotz seiner Bekanntheit noch einmal sehr aufschlussreich. Häufig wird die Wiederbewaffnungsdebatte als Reflex auf den Korea-Krieg beschrieben – dem ist nicht so. Adenauer stieß entsprechende Gedanken bei den Alliierten und bei seinen Parteifreunden bereits früher an, da er einen 3. Weltkrieg befürchtete, wenn es kein Gegengewicht zur Sowjetunion und zur bewaffneten Volkspolizei der DDR gäbe. Die Planungen, die damals durchgeführt wurden, lesen sich aus heutiger Sicht wie Räuberpistolen; die Bundesregierung sollte im Kriegsfall etwa nach Kanada ausweichen, während Adenauer selbst an seinem Schreibtisch in Bonn auf die feindlichen Soldaten warten wollte.

Ähnliches gilt für die Kapitel über die EVG und die Stalin-Noten, wobei Schwarz darunter leidet, dass ihm nicht alle Archive, insbesondere der Sowjetunion, zugänglich waren. Umso bedauerlicher ist es, dass seine Arbeit noch das fast unangefochtene Standardwerk darstellt.

Eine neue Biographie über Adenauer, die neu erschlossene Quellen einbezieht, wäre wünschenswert. Stilistisch handelt es sich um eine hervorragende Arbeit, der dem Leser den ersten deutschen Bundeskanzler sehr viel näher bringt.

Glücklich ist dieser Ort

Die Graffiti aus Pompeji sind ein Glückfall für die Geschichtswissenschaft und die Linguistik. Dieser Satz muss sofort relativiert werden: die Graffiti sind natürlich nur aufgrund des Ausbruchs des Vesuv im Jahr 79 erhalten geblieben, da fast die ganze Stadt luftdicht unter heißer Lava begraben wurde – eine solche Katastrophe kann kaum als Glücksfall bezeichnet werden. Doch um es mit Goethe zu sagen: „Es ist schon viel Unheil in der Welt geschehen, aber wenig, das den Nachkommen so viel Freude gemacht hätte.“ Eine Zusammenstellung dieser Graffiti ist, mit wenig Kommentierung, dafür oft mit Zeichnungen der Fundsituation, unter dem Titel „Felix hic locus est“ erschienen. Im Gegensatz zur üblichen textkritischen Fachliteratur wird hier jedoch auf die diversen Klammern und Bemerkungen verzichtet, die zur Strukturierung und Ergänzung der Fundstellen dienen.

In den Ruinen Pompejis finden sich Tausende von Graffiti an den Wänden, die heute noch lesbar sind. Dies lässt vermuten, dass auch die übrigen Städte der Antike voll von kurzen Botschaften, Grüßen und Beleidigungen waren, allerdings ist nichts mehr davon erhalten. Es wird auch nicht in den überlieferten Quellen erwähnt – ein Indiz wie normal die vielen kurzen Schriften an allen Wänden für den antiken Menschen gewesen sein müssen. Die Eigenart dieser Graffiti ist aber auch genau die fehlende Überlieferung: die Texte sind nicht wie die gewöhnlichen literarischen Quellen immer wieder abgeschrieben worden, sie mussten insbesondere nicht von mittelalterlichen Kopisten für erhaltenswert gehalten werden um bis zu uns zu reichen; die Texte wurden auch nicht wie die sonstigen Inschriften an Gebäuden und Triumphbögen für die Ewigkeit geschrieben. Nur durch den Zufall des Vesuvausbruchs wurden sie für die Ewigkeit konserviert: Werbung, Wahlaufrufe, Preislisten, Dichterzitate, Beleidigungen und Liebeserklärungen.

Linguistisch sind die Graffiti wertvoll, weil sie das gesprochene Latein konservieren. Der antike Mensch schrieb wie er sprach, für die hingekritzelten Schriften ohne Rücksicht auf die grammatikalischen Regeln und die präzise Konjugation. Hier werden Buchstaben verschluckt, da sie stumm sind, dort wird der Konjunktiv missachtet oder eine phantasievolle Rechtschreibung verwendet. All dies weist den Weg fort vom idealisierten Latein Ciceros und Caesars (idealisiert heute wie damals), das mit dem gesprochenen Latein schon nur noch wenig zu tun hatte. Tatsächlich kann man den Weg in das spätantike Vulgärlatein und hin zu den modernen Sprachen erkennen.

Auch Dichterzitate sind den Schreibern zwar präsent, aber oft verfehlen sie den Reim, d.h. die exakte Metrik der Verse. Unzählige Male wird etwa der Anfang der Aeneis auf die Wände geschrieben („Arma virumque cano“ bzw. „Contiquere omnes“) und es finden sich alle denkbaren und manche undenkbare Variante. Was das besondere an der Aeneis war, ist unbekannt. Möglicherweise war das Epos in der Stadt öffentlich vorgetragen worden, vielleicht war es eine Schullektion (auch auf andere Lektionen gibt es viele Hinweise).

Alle schriftlichen Quellen werden gerade dort spannend, wo Worte einmalig gebraucht werden, die ansonsten unbekannt sind. Da es sich in den Graffiti um „geronnene“ Alltagssprache handelt, finden sich besonders viele derbe und vulgäre Begriffe, die sich in den überlieferten Quellen kaum antreffen lassen. Vielfach lassen sich die Worte aus dem dürftigen Kontext erschließen (etwa wenn es sich um Graffiti an der Wand des Bordells handelt) oder aus Quervergleichen zu modernen Sprachen und zu den Anklängen bei gewagteren Dichtern wie Catull. Darüber hinaus muss nicht immer die wortwörtliche Bedeutung gemeint sein: so findet sich häufig die derbe Schmähung „cunnum linges“, die vermutlich eher im Sinne von „du bist ein Waschlappen“ zu verstehen ist. Ähnliches gilt schließlich auch für moderne Beleidigungen in der deutschen Sprache.

Auch die Tatsache, dass es überhaupt so viele Graffiti gibt, ist bemerkenswert. Sie setzt voraus, dass ausreichend viele Leute schreiben konnten und dass es ausreichend viele Adressaten gab, die lesen konnten. Bis in das späte Mittelalter hinein wären in Europa Graffiti nicht sinnvoll gewesen (erst danach schaukeln sich der Buchdruck und die Alphabetisierung gegenseitig auf). In antiken Städten war es offenkundig sinnvoll und nützlich, Preislisten und Wahlaufrufe überall sichtbar anzubringen. Dies gilt umso mehr, als dass viele der Schriften in griechischer Sprache oder zumindest in griechischen Buchstaben geschrieben sind. Die griechische Sprache muss in Italien eine ähnliche Stellung inne gehabt haben wie heute das Englische in Deutschland.

Insgesamt erhält man aus den Graffiti eine lebendige Schilderung alltäglicher Gedanken eines römischen Bürgers der Kaiserzeit. Was sich dort findet und was sich dort nicht findet (beispielsweise Gotteslästerungen und Schmähungen von Minderheiten) sagt viel über die damalige Welt aus. Die klassischen Quellen zeichnen bereits ein sehr scharfes Bild vom Römischen Reich, aber dieses Bild ist auch immer vor dem Hintergrund seiner Überlieferung zu sehen. Pompeji bietet daher einen neuen Blickwinkel und gleichzeitig einen, der nicht durch die Überlieferung mit beeinflusst wurde.

Ein Känguru geht um in Europa.

Die Känguru-Chroniken sind eine bissige Satire auf Gesellschaft und Politik während der Abfassung, der Zeit um 2010. Im Gegensatz zu meinen sonst üblichen Vorgehensweisen habe ich die drei Teile als Hörbuch gehört und nicht gelesen – das hatte den immensen Vorteil, dass ich den Autor bei der Arbeit verfolgen konnte. Marc-Uwe Kling spricht die verschiedenen Charaktere in unverwechselbarer Weise, sodass der Humor noch stärker hervor tritt. Durch geschickte Pausen und Stilmittel wirken die kurzen Episoden noch stärker als in Buchform (wie mir ein Vergleich mit  einer ausgeliehenen Druckausgabe gezeigt hat).

Das Werk besteht aus drei Teilen: den Känguru-Chroniken, dem Känguru-Manifest und der Känguru-Offenbarung. Zu Beginn handelt es sich um lose verbundene Episoden, die sich während des zweiten Teils fast unmerklich zu einem kohärenten Handlungsfaden verdichten, bis der dritte Teil fast konventionell eine geschlossene Handlung (sogar inklusive Cliffhangern) hat. Die grobe Handlung besteht darin, dass ein Kleinkünstler eine WG mit einem kommunistischen Känguru führt. Das Känguru hat zum Nachbarn einen kapitalistischen Pinguin, der im Lauf der Zeit zu seinem Erzfeind wird. Gleichzeitig gründet das Känguru als Rebellion gegen die herrschenden Verhältnisse ein so genanntes „asoziales Netzwerk“ und verübt „Anti-Terror-Anschläge“.

Stilistisch versucht Kling verschiedenste Varianten für seine Episoden. Dies geschieht bewusst und wird im Buch auch fast immer vermerkt. Beispielsweise finden sich gelegentlich Fußnoten des Lektors, in denen Vorschläge für Änderungen gemacht werden, oder ein Polizist „Schmidtchen“ taucht auf und wird sofort als der übliche Sparringspartner in Detektivromanen abgestempelt. Daneben werden running gags aufgebaut, die über extrem weite Handlungsbögen hinweg wiederholt werden und dennoch funktionieren. Als Beispiele sei die Wortschöpfung „pentizikulös“ genannt, oder „la vache qui rit“ Julia Müller. Die Reichhaltigkeit an Nebenfiguren trägt ebenfalls zum Erfolg der Geschichten bei, da die relevanten Nebenfiguren mit der Zeit an ausreichender Tiefe gewinnen – so etwa die Kneipenbesitzerin Herta, die Söhne integrationswilliger türkischer Eltern Friedrich Wilhelm und Otto Von, oder der Grundwehrdienstleistende Krapotke. Auch weitere Highlights wie der „witzig“-Stempel oder die falsche Zuordnung bekannter Zitate seien genannt. Nicht alle Finessen sollen hier verraten werden, es gibt viel zu entdecken 🙂

Regelmäßig diskutiert das Känguru in stringenter Logik über seine Weltsicht, bricht aber auch oft aus seiner Logik aus und verhält sich kindisch. Ähnliches gilt für Kling selbst, der sich regelmäßig als Chronisten bezeichnet und dabei das Känguru als sein Alter Ego verwendet – und sei es nur im Rahmen der Entwicklung der Kino-Preise oder beim Auftreten und Vergehen von Szene-Kneipen.

Eindeutig der beste Part ist der zweite Teil, das Känguru-Manifest. Es erfordert nicht zwingend, den ersten Teil zu kennen (obwohl es überhaupt nichts schadet). Erst der dritte Teil baut vital auf den beiden vorhergehenden auf und zeigt leider die eine oder andere Länge – andererseits ist dies möglicherweise ein bewusstes Stilmittel in ironischer Anlehnung an epische Erzählungen wie „Der Herr der Ringe“ oder Harry Potter; diese beiden und diverse weitere Werke werden sehr lebhaft und andauernd zitiert. Die schönste Anlehnung ist ein Kapitel im zweiten Teil, das eine fast perfekte Kopie des Stils von Franz Kafka ist (was vom Känguru sehr bald bemerkt und reflektiert wird), um einen Handlungsbogen zu untermalen, der eine scharfe, beißende Kritik an der Arbeitsmarktpolitik darstellt.

Insgesamt muss ich sagen, ich hatte großen Spaß an diesen Hörbüchern. Würde ich sie weiterempfehlen? „Also wenn ihr mich fragt…“ – „Wir fragen dich nicht.“ Schluss. Aus. Applaus. Nach Haus.

Das Eiserne Königreich

Wie bereits vor kurzem angekündigt folgt hier ein Text zu Christopher Clarks Buch über die preußische Geschichte. Es ist das Buch, mit dem Clark einer größeren Öffentlichkeit in Deutschland bekannt wurde, ehe er mit seiner großen Studie zum Ausbruch des 1. Weltkriegs eine große Debatte zur 100. Wiederkehr dieses Ereignisses anstieß. Das Buch über Preußen habe ich bereits vor einigen Jahren gelesen und es nun wieder aus dem Regal gezogen, auch als Vorbereitung zu den Schlafwandlern, die ich mir in der Zwischenzeit zugelegt und nun auch begonnen habe.

Das Buch geht, von kleinen Ausnahmen abgesehen, streng chronologisch durch die preußische Geschichte, beginnend mit der Zeit der Reformation und der Konversion des brandenburgischen Herrscherhauses zum Calvinismus. Insbesondere ist dies die Zeit, in der durch Heiratspolitik diverse Anwartschaften auf später relevante Gebiete erworben wurde, namentlich auf das Herzogtum Preußen, das dem Staat später seinen Namen gab. Obwohl im Rückblick viele der dargestellten Schritte als hellsichtig und zukunftweisend erscheinen, handelt es sich vielmehr um die damals üblichen Verflechtungen europäischer Politik. Die künftige Machtstellung des Hauses Hohenzollern hat niemand voraussehen können und es gab keine gezielten Schritte in diese Richtung. Salopp könnte man eher von einem Anwartschaften-Sammeln sprechen, das damals betrieben wurde.

Relevant für den Aufstieg Brandenburg-Preußens waren mehrere Faktoren, die maßgeblich durch die starken Herrscherpersönlichkeiten bestimmt wurden. Darunter sind die Lösung der reichen Provinz Preußen aus der polnischen Herrschaft durch den Großen Kurfürsten, die religiöse Toleranz, die wiederum Einwanderer und deren Fähigkeiten anzieht, der Aufbau einer mächtigen Armee durch Friedrich Wilhelm I., die Organisation des Beamtenwesens und damit des gesamten Staatskörpers und auch ein ausgeklügeltes Bildungssystem. Die Mischung aus all diesen Faktoren hebt Brandenburg-Preußen in der Rückschau aus den sonstigen Mittelstaaten Deutschlands dieser Zeit heraus und war der Grundstein für die spätere Vormachtstellung.

All dies ist nicht denkbar ohne die sehr verschiedenen, und doch sehr begabten Herrscher dieser Zeit. Sie sollen hier nicht rezitiert werden. Ein Gegensatz, der mir vor der Lektüre von Clarks Buch nicht offensichtlich war, sei aber genannt: der Soldatenkönig war stets auf die Anhebung der Lebensverhältnisse seiner Untertanen bedacht, etwa bei der allgemeinen Schulpflicht und bei der Verbesserung der Infrastruktur. Dagegen ist Friedrich der Große ein Anhänger des Junkertums, der die Privilegien des Landadels achtet und verteidigt, etwa bei der Ernennung von Offizieren. In diesem Sinne ist der aufgeklärte, in die Zukunft weisende König der ältere – durchaus im Gegensatz zu dem Bild, das ich im Kopf hatte.

Parallel zu Clarks Arbeit habe ich erneut Sebastian Haffners Buch Preußen ohne Legende aus dem Regal geholt. Auch dies ein Buch, mit dem ich mich schon häufig befasst habe und das immer wieder neue Erkenntnisse bringt. Die Darstellung Haffners ist, wie alle seine Bücher, sehr klar und mit zum Teil sehr streitbaren Thesen – er hat das höchste erreicht, was ein Wissenschaftler mit seinen Texten leisten kann: er fordert den Dialog mit seinen Lesern heraus. Beispielsweise an der Stelle, als er die „wahre“ Persönlichkeit Friedrichs des Großen herausstellt: der Philosophenkönig der frühen Regierungszeit, der den „Anti-Machiavell“ schreibt, die Pressefreiheit verstärkt und die Folter abschafft – im Gegensatz zu dem gleichen König, der die Schlesischen Kriege aus reiner Staatsraison führt, alle Entscheidungen jederzeit selbst trifft, sein eigenes Wesen hinter dem Staat zurückstellt, sich als ersten Diener des Staates begreift und der darüber zum verbitterten Zyniker wird.

Als tiefe Zäsur wird von Clark der Friede von Hubertusburg nach dem Siebenjährigen Krieg beschrieben. Auch dies stark im Gegensatz zu meiner Wahrnehmung, die diesen Friedensschluss nur als einen von vielen betrachtet hatte. Tatsächlich stellt Clark überzeugend dar, wie viel sich dadurch schon in der Wahrnehmung der Zeitgenossen geändert hat, und wie viel stärker diese Zäsur in der Rückschau ist. Nach dem Krieg war die Balance in Europa erstmals seit dem Dreißigjährigen Krieg verändert worden, Preußen war zu einer Großmacht aufgestiegen: in der Tat, wenn eine Macht sich in einem mehrjährigen Krieg gegen drei Großmächte halten konnte, musste sie selbst eine Großmacht geworden sein. Aber Friedrich der Große wog sich dadurch nicht in Sicherheit, sondern war sich der Zerbrechlichkeit dieser Größe stets bewusst. Aber auch die anderen europäischen Mächte hatten sich verändert, Clark zieht etwa weitreichende Linien vom Frieden von Hubertusburg zum Dualismus während des 19. Jahrhunderts und, weniger offensichtlich und als ungewohnte These, zur Französischen Revolution.

Das Motiv, dass Preußen mehrfach in seiner Geschichte vor der Zerschlagung stand (etwa im Siebenjährigen Krieg, im Dreißigjährigen Krieg, nach Jena und Auerstedt, und eben nach dem Zweiten Weltkrieg – selbst die Gebietsverluste im Versailler Vertrag gingen nur zulasten Preußens), kehrt bei Clark oft wieder, und wird bereits im Vorwort als eine der Hauptaussagen herausgestellt. Deutlicher herausgearbeitet ist dies aber in Haffners Buch. Auch hier gibt es wieder den plakativen und streitbaren Punkt, dass Preußen „immer wegzudenken“ war. Sooft es in Krisensituationen kam, war es laut Haffner ein Staat, den man zugunsten der Rivalen aufteilen konnte. Es gab kein preußisches Volk, sondern nur preußische Bürger – ganz im Gegensatz zu den Franzosen, Russen oder auch den Sachsen und Bayern. Preußen war zusammengestellt aus den Erbschaften verschiedener Fürsten, aus Brandenburgern, Preußen, auch Ostfriesen und Rheinländern. Es gab keinen gewachsenen Staat mit Traditionen, sondern nur ein durch Zufälle, Politik und Krieg entstandenes Gebilde mit vielen Völkern. Nach den polnischen Teilungen war Preußen tatsächlich kurzzeitig ein Staat mit ca. 50% deutschsprachigen und 50% polnischsprachigen Untertanen – ein Zustand, der heute wenig beachtet wird und im scharfen Kontrast zum späteren Bismarck-Preußen steht. In diesem Sinne war es im 18. Jahrhundert der modernste Staat Europas, nämlich aufbauend auf einer hochmodernen und extrem integrativen Bürokratie – und im gleichen Sinne war es im 19. Jahrhundert rückständig, nämlich gerade kein Nationalstaat.

Preußische Patrioten gab es dagegen ab dem Siebenjährigen Krieg durchaus. Clark verbringt einen kompletten Abschnitt seines Buches mit diesem Aspekt, der mir für diese frühe Zeit durchaus ebenfalls fremd war. Trotz aller Künstlichkeit des preußischen Staats begannen die Untertanen sich mit Friedrich dem Großen zu identifizieren, besonders im Verlauf des Siebenjährigen Kriegs. Clark führt dies auf den allgemeinen Zeitgeist und die extremen Erfahrungen des Kriegs zurück; leider gibt er keine tiefer gehende Ursache an, wie dieser Patriotismus entstanden ist. Allerdings ist auch einzusehen, dass in der gleichen Phase auch der österreichische Patriotismus entstand und dass es eine Abgrenzung gegenüber den Nachbarn (besonders bei unterschiedlichen Sprachen) schon immer gab. Friedrich selbst ist dieser Patriotismus zuwider gewesen, besonders in Bezug auf die Bindung an seine Person. Dieser preußische Patriotismus sollte sich nie wieder von Friedrich dem Großen lösen, was ihm im Gegensatz zum deutschen Nationalismus oder dem Nationalgefühl anderer Staaten stets eine eigenartige Rückwärtsgewandtheit verlieh. Eine Darstellung des entstehenden deutschen Nationalgefühls in der Zeit der Befreiungskriege ist auch in dem ausgezeichneten Überblickswerk Der lange Weg nach Westen von Heinrich August Winkler zu finden.

Die Aufklärung ist eine der großen Errungenschaften des klassischen Preußen. Dies wird in der Rückschau häufig vor dem Hintergrund des großen Militarismus oft übersehen. Clarks Einleitung zu dem zugehörigen Kapitel trifft auf die zentrale Ursache: „Die Aufklärung in Preußen hatte sehr viel mit gepflegter Konversation zu tun.“ Die Pressefreiheit, die Salons und der Umgang mit der Meinung anderer hat viel zur Modernität dieses Staates beigetragen. Moderne Gesellschaften leben von einer Diskussionskultur und neben den Vereinigten Staaten ist Preußen meiner Kenntnis nach eines der Länder dieser Zeit mit der größten Toleranz in diesen Dingen. Vielleicht ist Pressefreiheit ein zu starker Ausdruck, aber von einer nennenswerten Zensur kann kaum die Rede sein – Kritik am König und der Regierung wurde hingenommen. Auch dies ist stark beeinflusst durch den Herrscher, Friedrich den Großen, der bereits vor seiner Herrschaft von der Aufklärung stark geprägt war. Dass mit Kant und Hegel zwei der Exponenten deutschsprachiger Philosophie in Preußen arbeiteten, kommt sicher nicht von ungefähr – ich bin spontan überfragt, welcher Philosoph in Österreich gewirkt hätte. Das zentrale Motto der Aufklärung stammt von Kant: „Sapere aude!“ – in Kants eigener Übersetzung „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, oder in meinem Küchen-Latein vielleicht knapper und prägnanter: „Wage es, klug zu sein!“ Und aus dieser Aufklärung entspringt in der Krise nach der Niederlage gegen Napoleon die Reform-Ära von Stein und Hardenberg, die mit der Vielzahl an modernen Ideen in keinem anderen Staat dieser Größe in dieser Schärfe denkbar war. Das soll die Leistungen der anderen deutschsprachigen Staaten dieser Zeit nicht schmälern: auch in Bayern wurden neue Wege gesucht und beschritten. Die Abschnitte über die Emanzipation der Juden haben dabei immer wieder, wie auch in der Beschreibung anderer Autoren und Epochen eine seltsame Nebenerkenntnis: die Gleichstellung ist erfolgt oder wird angestrebt, aber stets schwingt in den zeitgenössischen Quellen auch das Ziel mit, dass die Juden doch zum Christentum bekehrt werden sollten. Dies ist aus heutiger Sicht besonders irritierend, da das moderne Bild der Gleichheit aller im Grunde nur das Ziel hat, eine angeblich „fehlgeleitete“ Anschauung korrigieren zu wollen. Dies ist keine Erkenntnis, die Clark neu herausgearbeitet hat – sie ist aber immer wieder irritierend.

Eine sehr eingehende und detaillierte Darstellung erfährt die Epoche der Befreiungskriege (inklusive einem sehr spannenden Exkurs über die Konvention von Tauroggen) und der Restauration nach dem Wiener Kongress, ebenso wie die Phase der 48er Revolution. Mit der klassischen Sicht auf die Ereignisse räumt wieder das Kapitel über die Kriege Bismarcks auf: im Gegensatz zu Bismarcks eigener Darstellung wird die Reichsgründung eher als Zufall und tagesaktuelle Reaktion geschildert denn als lang angelegter Plan. Ähnlich wie im Aufstieg Preußens zur Großmacht kann nach Clarks Analyse nicht mehr die Rede davon sein, dass es einen visionären Plan Bismarcks gab, der zwangsläufig in der Reichsgründung enden müsse – im Gegenteil ist Bismarck zu Beginn eher vorsichtig, vielleicht sogar ein Gegner der kleindeutschen Reichsgründung. In vielen, auch modernen Schilderungen wird Bismarck nach wie vor als der weitsichtige Staatsmann gezeichnet, der gegen alle Widerstände die bekannten Ergebnisse erreicht habe (etwas weniger pathetisch selbst bei Haffner) – allerdings ist Clark hier ganz auf der Linie der anerkannten modernen Geschichtsschreibung, namentlich etwa den Überblickswerken von Lutz und Stürmer.

Damit sind wir bei der Epoche angelangt, die sowohl bei Clark als auch bei Haffner (und auch im Tenor der heutigen Geschichtsschreibung – selbst in der zeitgenössischen Wahrnehmung Wilhelms I.) als der Anfang vom Ende Preußens gilt. Preußen ist nach der Reichsgründung in Deutschland aufgegangen, aber insbesondere endet damit die Geschichte Preußens als selbstständiger Staat. Auf dem Höhepunkt seines Einflusses verschwindet dieser Staat zugunsten des Staatenbundes geradezu von der Bildfläche. Es bleibt nur noch die Erinnerung an den Aufstieg und das Beibehalten der preußischen Staatskunst und Bürokratie. Alles, was an preußischen Tugenden hochgehalten wurde, wurde gleichzeitig als „deutsch“ umgewidmet, beide Begriffe wurden geradezu synonym. Die Entwicklung ist etwa an Wilhelm II. sichtbar, der sich in erster Linie als Deutscher Kaiser auffasste und erst in zweiter Linie als König von Preußen. Dies schlägt sich in Clarks Buch entscheidend dadurch nieder, dass es keine preußische Geschichtsschreibung mehr gibt: das Buch wird zu einer Gesellschaftsgeschichte mit einer lesenswerten Schilderung von Kultur und gesellschaftlichen Strömungen, mit einem Exkurs zum Hauptmann von Köpenick und den zugehörigen Implikationen, aber es findet praktisch keine Ereignisgeschichte mehr statt – diese wäre „deutsch“, nicht „preußisch“ und ist daher nicht im Fokus von Clarks Schrift. Tatsächlich ist es beinahe eine Überraschung, als das entsprechende Kapitel plötzlich und fast unvermittelt mit dem 1. Weltkrieg endet.

In Bezug auf Kunst und Kultur um die Jahrhundertwende steht Clark auf einem Standpunkt, den ich nicht vollständig teile. Er arbeitet einen starken Gegensatz zwischen der modernen Kunst, namentlich der impressionistisch beeinflussten Secessionisten, und der offiziellen Kunst mit ihren Kriegsdenkmälern und Kaiser-Wilhelm-Statuen heraus. Dieser Gegensatz ist unbestreitbar. Dass dieser Gegensatz aber zwischen der Regierung und der Bevölkerung verlaufen sei, wie Clark unausgesprochen zumindest andeutet, ist eine mir fremde Sichtweise. Tatsächlich ist hier der sehr lesenswerte Abschnitt von Volker Ullrich in seinem Buch Die nervöse Großmacht eine solidere und deutlich ausführlichere Analyse: die offizielle Kunst fand großen Anklang besonders bei der Mittelschicht des Kaiserreichs, bei den Patrioten und Konservativen, denen die moderne Kunst fremd oder abschreckend erschien. Ebenso fremd wie moderne Lebensentwürfe oder Veränderungen im Allgemeinen: das Erreichte zu sichern ist eine Grundtendenz in großen Bevölkerungsschichten des Kaiserreichs, was sich sehr gut mit der damaligen Geschichtsschreibung ergänzt, die die Reichsgründung als Höhepunkt eines langen Wegs zur Einheit aufgefasst hat. Aus dieser Tendenz folgt der Konservativismus, der von der Bevölkerung sehr stark getragen wurde. Dass die damals moderne Kunst heute so hoch geschätzt wird, ist Zeitgeist. Im Gegensatz dazu war die damalige Regierung ein Kind ihrer Zeit – besonders Wilhelm II. ist kein Monarch, dessen Wahrnehmung und Gefühlswelt deutlich von der Masse seiner Untertanen unterschieden gewesen wäre. Diese Rückwärts-Gewandtheit lässt sich bedauern und kritisieren, aber sie war nicht an die kleine Oberschicht gebunden, sondern tief in der Gesellschaft verwurzelt. Umgekehrt war es aber auch keine kleine Künstler-Elite und keine kleine Satiriker-Klientel, die Kritik an der konservativen Grundhaltung geäußert hätte – nicht ganz von ungefähr ist in der Weimarer Republik eine große gesellschaftliche Entwicklung entstanden, die lange vorher bereits angelegt war. Die Zerrissenheit der Weimarer Gesellschaft war schon im Kaiserreich angelegt, aber durch die dort vorhandenen Strukturen stark unterbunden. Es handelt sich um einen Punkt, der definitiv mehr Beleuchtung verdient – viele Sichtweisen sind in vielen Überblickswerken dargelegt. Eine einheitliche Betrachtung dieser gesellschaftlichen Entwicklung über die Epochengrenzen hinweg ist mir bisher nicht bekannt.

Aus meinem ersten Kontakt mit Clarks Buch ist mir vor allem die Schilderung Hindenburgs in Erinnerung geblieben, die sich allem entgegenstellt, was die Geschichtsschreibung vorher zu bieten hatte. In den Standardwerken zur Endphase der Weimarer Republik (beispielsweise in Schulzes Darstellung) wird Hindenburg als der alte, senil werdende preußische Offizier behandelt, der die Weimarer Verfassung „hoch hielt wie die preußische Felddienstordnung“, da er von seinem Eid auf die Verfassung nicht abrücken wollte. Erst in der Weltwirtschaftskrise begann er, von seinen Vollmachten gemäß Artikel 48 der Verfassung Gebrauch zu machen. Clarks Darstellung geht ins genaue Gegenteil: Hindenburg als Opportunist, auf seinen eigenen Vorteil und sein Image bedacht, intrigant und explizit kein Produkt des alten preußischen Ideals. Es ist eine Seltenheit, dass ich mir Textstellen in meinen Büchern markiere – an dieser Stelle habe ich Markierungen von vor einigen Jahren wieder gefunden, die mein großes Erstaunen über diese überzeugend vorgebrachte Sichtweise ausdrücken.

In der NS-Zeit war Preußen aus dem täglichen Leben bereits im Wesentlichen verschwunden. Umso stärker wurde, besonders im 2. Weltkrieg, die Legendenbildung. Sowohl die offizielle Propaganda bediente sich der preußischen Geschichte, als auch der Widerstand. Interessanterweise verwendeten beide Seiten ähnliche Epochen für ihre Zwecke: die Zeit Friedrichs des Großen und die Zeit der Befreiungskriege. In einer Dokumentation des RBB über Preußen gab es ein Zitat, das sich an dieser Stelle in seiner vollen Länge lohnt: „Typisch preußisch waren jene Soldaten, die sich nicht am Putsch gegen Hitler beteiligt haben, obwohl sie die Katastrophe sahen. Ein preußischer Feldmarschall meutert nicht. Typisch preußisch waren die Attentäter, die ihrem Gewissen gefolgt sind, ihre Pflicht erfüllten und dafür sogar den Tod in Kauf nahmen. Typisch preußisch waren aber auch jene Militärs, die den Aufstand niedergeschlagen haben, gemäß Eid und Befehl und weiterkämpften bis zuletzt… und damit ist Preußen schließlich auch von der Landkarte verschwunden.“ All diese Aspekte können als preußisch gelten, die vielleicht überraschenderen davon haben wir hier nachgezeichnet, andere eher übergangen (besonders den Militarismus, für den ich wenig übrig habe – der aber unbestreitbar einer der zentralen Punkte an Preußen ist). Für die einen war die Erinnerung an Preußen die Zuflucht, die ihnen das NS-Deutschland nicht (oder nicht mehr) war. Für die anderen war die Erinnerung an Preußen das Vorbild, um auch in schlimmen Zeiten nicht aufzugeben, nicht ohne Grund war der einzige Farbtupfer in Hitlers Bunker ein Portrait Friedrichs des Großen. Gerade die unpassenden Aspekte wurden dabei ausgeblendet: die Toleranz und Aufklärung Friedrichs des Großen spielte für Hitler nicht die geringste Rolle.

Das Wegdenken-Können, das bei Haffner beschrieben wird, ist in der Rückschau besonders im Ende Preußens deutlich. Die Alliierten lösten den Staat 1947 auf, als er de facto schon lange nicht mehr existierte: seit 1932 gab es keine selbständige preußische Regierung mehr, seit 1945 waren auf dem ehemaligen preußischen Gebiet neue Länder gegründet worden. Vermisst wurde der Staat nicht. So integrativ er stets gewirkt hatte, so viele Länder und Völker ihm immer wieder erfolgreich einverleibt wurden um einen funktionierenden Staat zu bilden, so plötzlich war er verschwunden. Die Erinnerung an Preußen ist geblieben, und wie Clark beeindruckend darstellt ist es an vielen Stellen eine sehr ambivalente Erinnerung, oft eine ungerechtfertigt negative. Aber vermisst wird Preußen auch heute nicht. Es gab nur in einer kurzen Phase seiner Geschichte die wirklich überzeugten preußischen Staatsbürger, in der meisten Zeit waren es beispielsweise Brandenburger, Rheinländer oder eben insgesamt Deutsche. Clarks Buch ist ein Meisterwerk, das alle diese Fäden verknüpft, ohne unübersichtlich zu werden. Ein Buch, das ich nun zum zweiten Mal mit großem Gewinn gelesen habe.