Merowinger und Karolinger

Das Buch „Vom Reich der Franken zum Land der Deutschen“ von Hans K. Schulze ist ein Teil der Reihe zur deutschen Geschichte im Siedler Verlag. Die Reihe besteht aus 12 Monographien, die die Zeit von der Antike bis zum Bau der Berliner Mauer abdecken, und von insgesamt 10 renommierten Historikern verfasst wurde. Schon zu Schulzeiten habe ich mich mit dieser Reihe befasst, und noch heute schaue ich gern punktuell hinein. Darunter ist teilweise härtere Kost, aber es gibt auch große, mehrfach gelesene Highlights darunter, etwa die Untersuchung der Weimarer Republik von Hagen Schulze oder die Betrachtungen zum Deutschen Kaiserreich von Michael Stürmer. Diese sind sicherlich ebenfalls gesonderte Texte wert, wenn ich mich wieder einmal mit ihnen befasse. Hier soll es um die Merowinger und Karolinger gehen.

Schulze beginnt seine Beschreibung des Frankenreiches bei den Merowingern um Chlodwig. Im Gegensatz zu den anderen germanischen Königen der Antike ließ er sich katholisch taufen und stellte so die Integration mit der römischen Bevölkerung in seinem Reich her – die übrigen germanischen Herrscher bekannten sich zum arianischen Christentum und standen so stets im Gegensatz zum Gros ihrer Bevölkerung, sicher einer der Gründe für die Kurzlebigkeit der diversen Reiche, etwa der Ostgoten oder Vandalen. Es gibt einen kurzen Exkurs über die Ursprünge des Frankenreichs, das in der Spätphase des Weströmischen Reichs und während der Völkerwanderungszeit aus diversen Völkern und Gruppen entstanden ist, die irgendwann nicht mehr separat in den Quellen auftauchen. Andere Germanenreiche wurden in das Frankenreich integriert, darunter die Thüringer, Bayern und Friesen, deren fassbare Geschichte Schulze knapp, aber etwas konfus zusammenfasst. Daneben stellt er einen Abriss zur kulturellen und religiösen Kontinuität der Germanenreiche mit dem Römischen Reich dar, dieser wiederum ist sehr kompakt und sehr aufschlussreich. In Bezug auf die anderen großen Germanenreiche lässt sich Schulze nicht auf Näheres ein, dazu ist innerhalb der Reihe des Siedler-Verlags mehr bei Herwig Wolfram zu finden.

Insgesamt ist die Quellenlage zu den Merowingern eher dürftig. Nicht nur gibt es wenige Quellen, die vorhandenen Informationen sind häufig auch nicht zeitgenössisch, sondern aus den späteren Zeiten rückblickend und auch entsprechend beeinflusst aufgeschrieben. Das schlägt sich auch auf die Nachfolger Chlodwigs als fränkische Könige nieder: es gibt wenig darüber, außer der Nacherzählung von Herrscherfolgen und Verwandtschaftsverhältnissen (die Schulze uns dankenswerterweise überwiegend erspart).

Tatsächlich ist die Erkenntnis spannender, dass die merowingischen Könige sich mit der Zeit kaum noch durchsetzen konnten, die eigentliche Macht ging auf nachgeordnete Adlige über, die als maior domus (dürftig eingedeutscht als „Hausmeier“) bezeichnet wurden. Ursprünglich handelte es sich um Verwalter des königlichen Hofs, die schließlich immer umfassendere Rechte erstritten und sich durchsetzten. Zum 8. Jahrhundert hin etablierte sich innerhalb der Familie der Karolinger die Erblichkeit dieses Hausmeieramts, die Könige gerieten mehr und mehr in den Hintergrund. Aufgrund des fränkischen Erbrechts entstanden mehrere Teilreiche nebeneinander, wenn nach dem Tod eines Herrschers mehrere Söhne einen Teil des Erbes erhalten sollten. Die Idee des Gesamtreichs blieb unangetastet, aber jeder Erbe sollte einen gleichberechtigten Teil erhalten. Dies führte insbesondere auch zu unklaren Zugehörigkeiten der Randgebiete (gehörte etwa in dieser Phase Thüringen noch zum Reich dazu oder waren die Thüringer de facto unabhängig?). Auch die Karoliner als Hausmeier waren nicht von Beginn an unangefochten, sondern kämpften ihre Widersache nieder – etwas, das in den Quellen nur aus der Rückschau erkenntlich wird, und auch nur unter einer großen Schicht von karolingischer Geschichtsschreibung und zugehöriger Verklärung: sicherlich sind nicht alle Rückschläge und Niederlagen der Karoliner adäquat aufgezeichnet. Für mich war eine neue Information, dass die Karoliner zwischenzeitlich im Mannesstamm ausgestorben waren, so vererben sie sich über eine Nebenlinie, die auf den Bischof Arnulf von Metz zurück geht (aus Zeiten vor seiner Bischofsweihe). Auch eine überraschende Erzählung ist die vom Aufstieg Karl Martells, der den Hausmeiertitel von seiner Stiefmutter und seinem Stiefbruder usurpiert, nachdem er sich aus deren Gefangenschaft befreit hatte. Diese Durchsetzungsfähigkeit bewies er auch während seiner Herrschaft, als er die Araber bei Tours und Poitiers zurückschlug (was ihm, vermutlich eher zu Unrecht, den Nachruhm eintrug, das Abendland vor den Arabern gerettet zu haben, inklusive aller düster ausgemalten Szenarien, dass ganz Europa vom Islam beherrscht worden wäre; es ist ein Fall für alternative Geschichtsschreibung, ob es realistischerweise so hätte kommen können). Karl Martell selbst erscheint in den Quellen aber ebenfalls als eine eher typisierte Figur, ohne wirkliche individuelle Züge, sondern nur als Vorgänger der nachkommenden großen Karolinger-Herrscher.

Wertvoller als die dürftigen schriftlichen Quellen (die Schulze an einer Stelle bezeichnenderweise „trümmerhaft“ nennt) sind archäologische Befunde, von denen es bis heute immer neue gibt. Insbesondere Gräber und alte Siedlungen geben konkretere Hinweise auf die Umstände im Frankenreich, wenn es auch weniger über die eigentlichen Ereignisabläufe aussagt. Bedauerlicherweise lässt sich Schulze nicht übertrieben ausführlich über die Archäologie aus; möglicherweise ist das aber auch im Abfassungsdatum seines Buchs begründet, seit den 1980er Jahren ist auch bei diesen Befunden viel neues passiert.

Ein eigenes Kapitel befasst sich mit dem „Apostel der Deutschen“ Bonifatius (ein Attribut, das durchaus zu hoch gegriffen erscheint; es taucht folgerichtig bei Schulze auch nur als Überschrift auf). Dieser Mönch aus England sorgte sich um die Christianisierung östlich des Rheins. Westlich des Rheins war die Mission bereits aus römischer Zeit umfassend erledigt, aber an den Rändern des Römischen Reichs in den Wirren der Völkerwanderungszeit etwas verschüttet worden (so etwa in Bayern). Im Auftrag des Papstes missionierten Mönche aus England und Irland in Mitteleuropa, darunter war Bonifatius, der ursprünglich Winfrid hieß, einer von vielen. Im Unterschied zu den anderen berief er sich wesentlich auf seinen päpstlichen Auftrag und verband sich eng mit Karl Martell; er konzentrierte sich auf die Mission und Errichtung von Bistümern im heutigen Hessen und Thüringen. Als offiziellen Titel trug er den den Bischofs von Mainz, und bemühte sich als solcher auch um die Reform der fränkischen Kirchenorganisation (was ihn in Konflikte mit seinen Kollegen in den übrigen etablierten Bistümern brachte). Es werden die klassischen Erzählungen referiert, etwa die Fällung der Donareiche, sein Märtyrertod in Friesland und die noch heute aufbewahrte Bibel, mit der er den tödlichen Hieb abzuwehren versuchte. Dass diesem Themenkomplex eine hohe Relevanz zugewiesen wird, erscheint mir, bei Schulze und auch bei ähnlichen referierenden Werken zu diesem Thema, dennoch eigenartig. Natürlich ist die Ausbreitung des Christentums für den weiteren Verlauf der deutschen Geschichte durchaus relevant, aber die angelsächsische Mission kam wiederum auch nur unmerklich über die Elbe hinaus, jenseits dessen fand die Mission auch erst später statt. Ob Bonifatius wirklich eine derart herausgehobene Stellung innerhalb der deutschen Geschichte hatte?

Mit Karl dem Großen erreicht die Geschichte des Frankenreiches ohne Zweifel ihren Höhepunkt. Schulze betrachtet das Karlsreich in mehreren Kapiteln aus verschiedenen Sichtweisen: die Kriege, die Kaiserkrönung und die zugehörigen politischen Implikationen, die Kultur und das Leben im Karlsreich. Bis zur Kaiserkrönung führte Karl nahezu durchgängig Kriege an allen Grenzen seines Reichs. Den langwierigsten Krieg gegen die Sachsen, die sich in mühsamen Kleinkriegen (man könnte anachronistisch sagen „Guerilla“) gegen ihre Eroberung und Integration ins Frankenreich zur Wehr setzten. Für Karl ging es dabei nicht nur um die Eroberung neuen Landes, sondern auch um die Missionierung der Sachsen und um die Festigung seines umfassenden Herrschaftsanspruchs, auch über die direkten Grenzen seines Reiches hinaus. Tatsächlich wurde dieser Krieg gegen die Sachsen auch für die damalige Zeit sehr brutal geführt, sodass auch die kaiserfreundlichen Chroniken den Krieg nur unter Schwierigkeiten rechtfertigten. Auch Karl ließ, wie Bonifatius, ein heidnisches Heiligtum zerstören, bei den Sachsen war es die Irminsul, deren tatsächlicher Ort sich nicht mehr klären lässt. Schließlich schlug er Aufstände sehr blutig nieder (etwa das „Blutgericht von Verden“). Über den Feldzug Karls gegen die Araber gibt es bei Schulze sehr wenig Information, tatsächlich wird weder das Kriegsziel klar, noch der Verlauf (abgesehen von der eher kryptischen Bemerkung, dass auch in den Reichsannalen die Niederlage bei Roncesvalles beschönigt wird). Ein bemerkenswerter Mosaikstein dieser Erzählung ist aber, dass Karl mit seinem Heer auch zwischen den Kriegsschauplätzen pendelte: nach dem Feldzug in Spanien zog er 2000km weit nach Sachsen zurück um einen Aufstand niederzuschlagen – und das bei den damaligen Wegverhältnissen und mit dem Reisen verbundenen Beschwernissen (auch wenn es noch keine scheren Plattenpanzer wie im späten Mittelalter und in modernen Ausstellungen gab; Panzerreiter waren allerdings ebenfalls noch in der Unterzahl, der Großteil hatte sich zu Fuß zu bewegen und am Ankunftsort kampfbereit zu sein). Schließlich gibt Schulze eine Abhandlung zur Unterwerfung der Bayern, die sich mehr als eine politische Intrige mit eher dubiosem Ablauf liest, und einen Text zum Krieg gegen die Awaren, der zum Verschwinden dieses Volks aus den Quellen binnen weniger Jahrzehnte geführt hat. Offenbar wurde auch die fossa carolina (der Versuch eines Kanalbaus im Rhein-Main-Donau-Gebiet) als strategisches Großprojekt für den Krieg gegen die Awaren geplant. Die Franken hatten durch die Eingliederung der Friesen in ihr Reich und in ihr Heer auch Know-How im Bereich der Seekriegsführung und der Schifffahrt gewonnen.

Das Kapitel über das Heerwesen ist als solches ebenfalls sehr aufschlussreich. Die Soldaten waren grundsätzlich die freien Franken, es gab kein Berufsheer im späteren Sinne. Aber da sich die Krieger selbst mit Rüstungen und Waffen ausstatten mussten, war es gerade für die Armen ein Problem, in den Krieg ziehen zu müssen. Durch eine Art von Heeresreform gab es mit der Zeit Abstufungen darin, sodass sich jeder Franke, der in den Krieg zog, entsprechend seiner Möglichkeiten beteiligen konnte. Ursprünglich finanzierte sich der Krieg (wie auch in späteren Kriegen üblich) aus den Beutezügen nach erfolgreichen Schlachten, aber diese Beute lohnte sich irgendwann für die Soldaten nicht mehr. Viele begaben sich aus wirtschaftlicher Not heraus in die Abhängigkeit oder gingen ins Kloster, um vom Heereswesen befreit zu werden – ein Verlauf, der auch den fränkischen Adligen nicht recht gewesen sein konnte. Gleichzeitig entstehen hier die Anfänge des Feudalismus und des Vasallentums (das aus tieferen sozialen Schichten stammen muss, da „Vasall“ im Keltischen „Knecht“ bedeutet). Die Frage, welche Begabungen Karl der Große selbst als Heerführer und strategischer Schlachtenlenker hatte, muss wohl unbeantwortet bleiben; seine großen Operationen und Heeresmärsche waren allerdings offenkundig erfolgreich, große offene Feldschlachten waren selten, da meist schon der Ruf des fränkischen Heeres und die bekanntermaßen qualitativ hochwertigen Waffen der Franken ausreichten, um den Feldzug für die Franken erfolgreich zu gestalten.

Die Umstände der Kaiserkrönung Karls des Großen an Weihnachten 800 sind oft diskutiert worden und sollen nicht umfassend rezitiert werden. Eine Hauptrolle dabei spielte der Papst, der sich als Kaisermacher inszenierte und geradezu als Gegenleistung für die Hilfe in einer Notsituation den Kaisertitel an den mächtigsten Fürsten Westeuropas vergab (ähnlich wie bei Karls Vater Pippin dem Jüngeren – nicht „dem Kurzen“ – der dafür zum König gekrönt wurde). Diplomatisch bedeutete dies einen Drahtseilakt für Karl den Großen, der sich nicht auf einen Konflikt mit dem oströmischen Kaisertum in Byzanz einlassen wollte. Hier liegen die Anfänge der komplexen Herrschertitulaturen des Mittelalters und der frühen Neuzeit: in Karls Fall lautete sie „Kaiser, der über das Römische Reich herrscht, und König der Franken und Langobarden“. Diese Titulatur sollte nicht nur den entsprechenden Anspruch Karls abdecken, sondern musste auch diplomatisch und innenpolitisch unangreifbar sein: Karl wollte sich nicht als Kaiser der Römer verstanden wissen, um seine fränkische Herkunft demonstrativ herauszustellen. Der Gegensatz zu Byzanz und der Kaiserin Irene führte aber bis zum Ende von Karls Herrschaft zu einer friedlichen Koexistenz: die Idee, dass es ein einziges Römisches Reich gebe, blieb bestehen, aber es gab wie in der Antike zwei Kaiser, einen im Westen und einen im Osten. Gegenseitige Usurpationen waren nicht beabsichtigt. Aber Karl war auch in einem historisch geschickten Zeitpunkt gekrönt worden, als Byzanz gerade stark mit sich selbst beschäftigt war (die Legitimität der Kaiserin Irene wurde stark diskutiert und ausgefochten). Schulze gibt schließlich noch eine Übersicht über Karls de facto Residenz Aachen, die natürlich nicht mit Rom oder Byzanz mithalten konnte – das war auch nicht der Anspruch. Aber allein die Tatsache, dass hier der Kaiser residierte, zog Künstler, Gelehrte und fremde Gesandte an. Die Kaiserpfalz mit ihrer oktogonalen Pfalzkapelle ist entsprechend berühmt. Die Kaiseridee wurde aber nicht so fest mit Aachen verknüpft wie sie mit Rom verknüpft blieb. Auch wenn sich das gesamte Mittelalter hindurch die deutschen Könige auf Aachen beriefen und dort gekrönt werden sollten, so blieb die Kaiserkrönung durch den Papst in Rom ein Fixpunkt für das gesamte Mittelalter.

Überhaupt wirkt die Zeit um 800 wie mit einem Blitzlicht erhellt, nicht nur in Schulzes Darstellung, in den Quellen, auch in meiner eigenen Wahrnehmung ist das so. Nicht nur innerhalb des Frankenreiches gibt es ein recht klares Bild von den Verhältnissen dieser Zeit, auch die Herrscher in Byzanz und Spanien (Kaiserin Irene und Kalif Harun al-Raschid) sind hier klar sichtbar. Für die Zeit vorher und nachher ist das Bild deutlich diffuser.

Schulze gibt längere Abschnitte über die Welt in dieser Zeit: die Rechtsprechung, die durch Karl den Großen und seine Herzöge gesetzt wurde, das Staatssystem mit den regionalen Grafen und umherreisenden überwachenden „Beamten“, das Reisekönigtum (das erst im höheren Alter Karls durch die Residenz in Aachen abgelöst wurde, auch nachdem das Reich fest gefügt und Karls Herrschaft unangefochten war). Auch die vielen neu gegründeten Siedlungen nach der unruhigen Völkerwanderungszeit werden dargestellt, etwa die damals mit Waldrodung verknüpften Ortsnamen, die auf -roth, -wald oder ähnliches enden; das Leben war stark diktiert von der unwirtlichen Natur, dem daraus folgenden geringen Ernteertrag und den daher ständig drohenden Hungersnöten. Aber die Bevölkerung wuchs in dieser Zeit stetig, wie sich aus den oben bereits angesprochenen archäologischen Befunden herleiten lässt. Das Handelsnetz war vorhanden und wurde durch das stabile Frankenreich begünstigt, darunter auch die Bemühungen Karls um ein besseres Straßennetz (das natürlich ebenso dem Heer und der staatlichen Verwaltung genutzt hätte). Der Handel verlief zwischen Skandinavien und dem Orient, bevorzugt über die Wasserstraßen, aber aus moderner Sicht darf man sich kaum Illusionen über das Volumen dieses Handels machen. Im Vergleich zum Römischen Reich waren der technische Stand und das Handwerk eher rückschrittlich, viel Detailwissen, etwa im Münzwesen und im Straßenbau, war verloren gegangen. In den Siedlungen gab es häufig Universal-Handwerker, sodass alle wesentlichen Tätigkeiten autark erledigt werden konnten, die Spezialisierung auf bestimmte Handwerke kam erst in den Städten des hohen Mittelalters wieder auf. Schließlich folgt ein Exkurs zur Gesellschaftsstruktur im Frankenreich, die auf sehr strikten Prämissen aufbaute und insbesondere eine Schicht von unfreien Sklaven hatte (auch das Wort stammt aus dieser Zeit). Oft zwang wirtschaftliche Not oder Kriegsgefangenschaft die Leute in diese Abhängigkeit, ein Ausbruch daraus war in dieser Zeit noch durch Kriegstüchtigkeit oder durch die Kirche in manchen Fällen möglich; Schulze thematisiert kurz auch den offenkundigen, und auch damals schon erkannten Widerspruch, der sich aus der Sklaverei im christlichen Glauben ergibt, ohne dass eine wirkliche Lösung gefunden wurde.

Auch die Kultur und die Bildung erlebten eine kurze Blütephase in der Zeit um 800. Die Rückbesinnung auf das Studium antiker Autoren führte zur so genannten Karolingischen Renaissance. Auch zur Förderung der Christianisierung wurde das klassische Latein wieder zum Ideal erhoben, an dem sich auch die zeitgenössischen Schreiber orientierten (es sei alleine Einhard genannt, der Verfasser der berühmten Karlsbiographie). Auch die damals entwickelte karolingische Minuskel diente diesem Zweck, um durch Einfachheit und Klarheit in den Texten die Verbreitung von Wissen zu erleichtern. Sie hat nahezu jede der modernen Schriftarten zumindest mit beeinflusst. Schulze erwähnt, dass in einer Größenordnung von 7000 Handschriften aus dieser Zeit überliefert sind, eine für mich bemerkenswert hohe Zahl. Gelesen und geschrieben wurden sie praktisch ausschließlich von Geistlichen, aber auch die Bildung von Adligen wurde gefördert (die Anekdote, dass Karl der Große im hohen Alter erfolglos versuchte, schreiben zu lernen, ist bekannt). Schon aus logistischen Gründen war eine Bildung der breiten Masse oder gar eine Schulpflicht damals unmöglich.

Das ganze Mittelalter hindurch und bis in die heutige Zeit wurde Karl der Große als ein Idealbild des Herrschers portraitiert. Franzosen und Deutsche beginnen ihre Geschichtsschreibung als eigenständige Nationen mit ihm und seinem Reich. Und er dient noch heute als ein Symbol für das geeinte Europa (so etwa beim Aachener Karlspreis), wenn auch seine europäische Einigung ganz andere Ursachen hatte als unsere heutige. Aber er ist eben ein Idealtypus, dessen Überhöhung auch aus den vorhandenen (zeitgenössischen und moderneren) Quellen subtrahiert werden muss. Am ehesten erhält man eine individuelle Schilderung Karls bei Einhard, trotz aller dort vorhandenen Lobhudelei. Die von Schulze in seiner Kapitelüberschrift aufgeworfene Frage „Karl der Große oder Charlemagne“ ist aber mindestens anachronistisch (und Schulze weiß das), denn Karl war weder Deutscher noch Franzose, er war Franke, er sprach die fränkische Sprache und verband sein Bewusstsein der fränkische Kultur auch mit den kaiserlichen Traditionen.

Nach Karls Tod ging es mit dem Zerfall seines Großreiches relativ schnell. Das scheint ein Fixpunkt in der Geschichtsschreibung zu sein, in gewisser Weise ist es aber natürlich auch die Definition einer Blütezeit, dass die Blüte irgendwann verschwindet. Ludwig der Fromme, Karls Alleinerbe, herrscht zunächst noch unangefochten, aber er gerät nach einigen Jahren in Konflikte mit seinen Söhnen über den Erbteil des jüngsten Sohnes Karls des Kahlen. Bis zu dieser Enkelgeneration Karls gelingt Schulze eine sehr durchsichtige Darstellung, bevor es immer weiter in Zersplitterung und auch in die Auseinandersetzungen mit äußeren Feinden übergeht. Auch im Text spricht Schulze von Schneisen, die der Historiker durch das Dickicht schlagen müsse, und von der quellenarmen Zeit, die er behandelt. Im ersten Moment scheint die Lektüre wieder recht deprimierend, wenn auch weniger dramatisch als im Fall des antiken Griechenlands in ähnlicher Zersplitterungs- und Niedergangssituation – beim Frankenreich erscheint dies eher als der Normalfall, zu dem das Reich nach der Hochblüte unter Karl dem Großen zurückkehrte.

Zur Verwirrung in dieser Zeit tragen einerseits die vielen verschiedenen Herrscher bei, die aber nur wenige verschiedene Namen tragen: im Wesentlichen handelt es sich um Ludwig, Lothar, Karl und Pippin. Einige von ihnen tragen Ordnungszahlen, die aber nur innerhalb ihrer Teilreiche stringent verwendet werden, andere tragen Beinamen, die ihnen oft erst in der späteren Geschichtsschreibung verliehen wurden – wie komplex muss die Quellenlektüre sein. Durch einen abgedruckten Stammbaum der Nachfahren Karls des Großen erhellt Schulze das Geflecht etwas, aber die Verwandtschaftsverhältnisse, die entstehenden und vergehenden Bündnisse bleiben kompliziert. Es sind viele unterschiedlich starke Herrscher am Werk, manche mit unglücklich kurzen Regierungszeiten, andere mit schwacher Startstellung nach einer Reichsteilung. Häufig wird nach der Kaiserwürde gegriffen, die aber stets als höchstes, unteilbares Gut aufgefasst wird. Sie verliert aber realpolitisch schon in der Enkelgeneration Karls des Großen an Glanz und wird schließlich zum Spielball italienischer Adliger. Innerhalb des (idealbildlich als einig vorgestellten) Frankenreichs entstehen binnen einiger Jahrzehnte klar abgegrenzte Königreiche, die sich gegenseitig die Einmischung verbeten. Die lokalen Adligen werden stärker, die Königsmacht schwächer, phasenweise bestimmen die Adligen, wer zum König erhoben wird, etwa wenn ein König abgesetzt und aus einem benachbarten Reichsteil ein neuer Herrscher herbeigerufen wird. Eine Frühform dieser Entwicklung sind die Straßburger Eide (die auch eine Frühform der deutschen und der französischen Sprachentwicklung markieren), da Karl der Kahle und Ludwig der Deutsche vor ihren Heeren die Loyalität zum geschlossenen Bündnis miteinander schwören und ihre Heere als Zeugen anrufen – sie sind in ihrer Machtstellung auf den Rückhalt ihrer Heere zwingend angewiesen.

Der letzte Herrscher über das gesamte Fränkische Reich war durch dynastische Zufälle Karl der Dicke, der aber mangels Durchsetzungskraft bald abgesetzt wurde. Danach ist der bedeutendste der Teilherrscher Arnulf von Kärnten, der mir bisher als einer von vielen Diadochen vorkam, aber tatsächlich eine sehr bedeutsame Stellung innehatte. Er war ein illegitimer Nachkomme der Karoliner, aber konnte diesen Makel durch seine Machtpolitik ausgleichen. Er war klug genug, nicht nach allen Teilreichen zu greifen, sondern konzentrierte sich auf das Ostfränkische Reich und das Kaisertum. Nach seinem frühen Tod bleibt in Ostfranken nur noch Ludwig das Kind als letzter Karolinger, der sich aufgrund seiner Jugend tatsächlich nicht mehr durchsetzen konnte. Nach seinem frühen Tod war das Auseinanderdriften der Teilreiche so weit gediehen, dass die ostfränkischen Adligen aus ihrer Mitte neue Könige wählten und keine Karolinger mehr aus Westfranken herbeiriefen. Über Konrad I. ging dann die Herrschaft auf die Ottonen über.

In seinem letzten Abschnitt geht Schulze schließlich auf die vielgestaltigen äußeren Bedrohungen ein, die das gesamte Frankenreich im 9. Jahrhundert bedrohten; die inneren Bedrohungen durch Teilungen, Nachfolgekämpfe und dergleichen wurden bereits ausgiebig dargestellt. Dazu zählen die Wikingerzüge durch ganz Europa bis nach Bagdad, die sich seltsam ambivalent zwischen Handel und Plünderung befinden. Dazu zählen die Sarazenenzüge durch das gesamte Mittelmeer. Dazu zählen schließlich auch die Ungarneinfälle, die besonders für das Ostfränkische Reich gefährlich waren. Ursprünglich waren die Ungarn von Arnulf von Kärnten als Kriegshilfe gegen die Mähren herbeigerufen worden, sie waren aber nach Arnulfs Tod nicht mehr zu bändigen. Die Kämpfe in den Grenzmarken wurden heftiger und erreichten in der hier behandelten Zeit nicht einmal ihren Höhepunkt. Die Bedrohungen kamen von allen Seiten auf das Fränkische Reich zu, auch weil offenbar wurde, dass das Gesamtreich zu groß und zu schwach geworden war, um ihnen standzuhalten.

Die spätkarolingische Zeit war eine Zeit der Übergangs, einerseits mit dem Verfall der kulturellen Errungenschaften Karls des Großen, andererseits aber auch als Ausgangspunkt für die ausgebildete Identität der heute noch vorhandenen Volksgruppen in Westmitteleuropa. Von hier stammen die ältesten sprachlichen Zeugnisse, der Aufstieg des Adels und seine Machtposition nahm hier ihren (bei den damaligen Verwaltungsverhältnissen wohl unvermeidbaren) Anfang. Die Fliehkräfte in der spätkarolingischen Zeit waren so stark geworden, dass wohl auch ein charismatischer Herrscher wie Karl der Große dem wenig hätte entgegensetzen können.

Schulzes Darstellung ist eine sehr klassische Geschichtsschreibung mit weitem Blick und vielen neuen Erkenntnissen. Sie ist stilistisch hervorragend und weitet gleichzeitig den Horizont in Bezug auf die diversen Ursachen für die später vorhandenen mittelalterlichen Strukturen. Selbst die chaotische Endphase kann er stringent und klar darstellen, den meisten anderen Überblicksdarstellungen gelingt insoweit kaum, dass am Ende dennoch ein „blinder Fleck“ bleibt. Insgesamt handelt es sich um eines der Highlights in der Reihe des Siedler-Verlags.

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United States of America

Auf der Suche nach einer lesbaren und modernen Geschichte der USA bin ich beim Buch von Bernd Stöver hängen geblieben, das geeigneterweise nur „United States of America“ heißt, mit dem Untertitel „Geschichte und Kultur“. Es hat den Anspruch einer histoire totale, nicht nur mit dem Blick auf politische Entwicklungen und den Verlauf von Jahreszahlen, sondern auch auf die Gesellschaft, Kunst und alle anderen relevanten Aspekte des Landes zu schauen. Diesem Anspruch wird das Buch auch überwiegend gerecht, wobei eine vollständig umfassende Darstellung in einem Band gar nicht zu leisten ist.

Über weite Strecken hat Stöver eine sehr annalistische Sichtweise, er behandelt alle Ereignisse in ihrem Zeitverlauf. Gelegentlich sind Kapitel eingeschoben, in denen er die übergreifenden Themen geschlossen behandelt, etwa die Außenpolitik bis zum ersten Weltkrieg oder die weltweiten Einflüsse der amerikanischen Kultur. Das Buch beginnt bei der Ankunft der ersten europäischen Siedler und endet mit der Wiederwahl Obamas, das heißt de facto mit der Gegenwart bei Abfassung des Textes. Stövers erklärtes Leitmotiv ist der amerikanische Traum – damit beginnt und endet sein eigentlicher Text. Allerdings ist im Verlauf des Buchs wenig von diesem Leitmotiv die Rede, es dient nicht wirklich als roter Faden. Die Funktion des Leitmotivs übernehmen eher die Grundgedanken aus der Kolonialzeit, die Grundideen der Siedler und die Strukturen, in denen sie lebten – auf diesen Komplex wird in hoher Regelmäßigkeit während des gesamten Buchs zurückgeschaut.

Im Fokus der ersten Abschnitte stehen die europäischen Siedler auf dem Gebiet der heutigen USA, insbesondere die Bewohner der 13 englischen Kolonien. Indianerkulturen spielen in der Erzählung praktisch keine Rolle, abgesehen von ihrer Interaktion mit den Europäern. Nach dem Aufbau der Kolonien und der Etablierung ihrer staatlichen Strukturen kommt es zum Unabhängigkeitskrieg, der bei Stöver seinen Endpunkt erst 1815 findet – eine für mich ungewöhnliche Betrachtung, die Stöver aber überzeugend begründet: erst nach dem Ende des Kriegs gegen England 1815 ist die äußere Bedrohung der jungen USA beendet, erst dann hat England die Unabhängigkeit seiner früheren Kolonien anerkannt und nicht mehr in Frage gestellt.

Anschließend werden die inneren Widersprüche herausgearbeitet, die sich besonders zwischen den Nord- und den Südstaaten schon vor der Unabhängigkeit gezeigt hatten. Sie münden in der Sezession und damit im amerikanischen Bürgerkrieg, der relativ ausführlich dargestellt wird. In die Zeit der Rekonstruktion nach dem Bürgerkrieg fallen auch die Indianerkriege und der „Wilde Westen“, die von Stöver beide vollständig von aller Romantisierung befreit werden – zumal die Behandlung der amerikanischen Ureinwohner wird ausführlich als grausame Vernichtung dargestellt, die nicht das geringste mit der Darstellung in älterer Trivialliteratur oder romantisierenden Filmen zu tun hat. Die Jagd auf die großen Büffelherden in der Prärie hatte beispielsweise ihre Ursache nicht in der Verpflegung der weißen Bevölkerung, sondern sollte nur der Zerstörung der Lebensgrundlage der Indianer dienen. Diese Abschnitte in Stövers Buch sind für den Erkenntnisgewinn ungeheuer wichtig; über die schlechte Behandlung der ehemaligen Sklaven ist vieles bekannt, über die Indianer war mein Wissen deutlich diffuser. Ähnliches gilt für den „Wilden Westen“, der vorwiegend aus Filmen bekannt ist und dessen Bild Stöver ebenfalls deutlich zurecht rückt: einige der bekannten Figuren sind auch damals eher Showstars und gute Selbstdarsteller gewesen, keine wirklichen Outlaws. Allerdings gab es natürlich auch echte Kriminelle, zu denen Stöver eine kompakte Beschreibung gibt, woher die Namen tatsächlich bekannt sind.

Über das sehr lang andauernde „vergoldete Zeitalter“ („gilded age“) bis zum Ersten Weltkrieg verliert Stöver relativ wenig Worte. Einerseits ist es tatsächlich eine Zeit der politischen Windstille, die in den späteren Abschnitten über die Außenpolitik und Gesellschaftsordnung noch beleuchtet wird, andererseits bricht in der Darstellung der Erste Weltkrieg geradezu unvermittelt und plötzlich aus, während man sich gedanklich noch in der Phase kurz nach dem Bürgerkrieg zu befinden glaubt.

In Bezug auf die Außenpolitik folgt Stöver der Gewichtung, die die USA tatsächlich in der Welt hatten – zunächst gab es keine bedeutsame Außenpolitik, da die USA sich erst konstituieren mussten. Die Monroe-Doktrin und ihre Bedeutung werden fachmännisch abgehandelt, aber die daraus folgende Interventionspolitik in Mittelamerika bleibt im Buch recht intransparent, obwohl gerade das spannend gewesen wäre. Tatsächlich fühlt die Darstellung sich eher nach einer Aufzählung der Kolonien und Militärinterventionen der USA an, ohne dass ein wirklicher Gesamtzusammenhang entsteht. Im Ersten Weltkrieg schließlich spielen Wilsons 14 Punkte eine große Rolle, bevor die USA wieder in den Isolationismus mit Bezug auf Europa zurückkehren. Tatsächlich sucht Stöver nach den Ursachen für diesen Isolationismus in der Bevölkerung (wo er tief verwurzelt war, je weiter von den Küsten entfernt, desto mehr); diese Passage ist wieder außergewöhnlich interessant und könnte in ihrer Thematik ebenfalls als Leitmotiv des Buchs dienen (wenn es nicht ein zu spezielles Thema für das viel umfassendere Konzept des Buchs wäre; der „amerikanische Traum“ war sicher das bessere Schlagwort, aus dem Stöver – wie beschrieben – wenig macht). Im Zweiten Weltkrieg und im Kalten Krieg spielt der Isolationismus überhaupt keine Rolle mehr, es wird praktisch von niemandem mehr hinterfragt, dass die USA eine Führungs- und Gestaltungsrolle in der Weltpolitik suchen und annehmen wollen. Hierfür sieht Stöver die Ursache auch in einer starken moralischen Aufladung, die aus der Sicht der US-Bevölkerung den eigenen Einsatz nicht einfach bedeutsam macht, sondern eben auch „wichtig“ und „gut“, nämlich indem es sich um einen „good war“ handelt, bei dem für die „gute Sache“ gekämpft wird. Seit dem Ende des Kalten Kriegs schlägt dieses Pendel wieder zurück, nicht nur aus Kostengründen, sondern auch weil der große Gegenspieler für die Rechtfertigung dieser Einsätze fehlt.

In den Kapiteln über die Gesellschaftsgeschichte kommen alle bunten Themen zur Sprache. Kunst, Kultur, Wirtschaftsimperien, die Verbreitung der amerikanischen Kultur über die Welt und ihr weltweiter Vorbildcharakter. Durchaus interessante Schlaglichter, die in vielen Fällen neue Erkenntnisse bringen, die aber in ihrer Gesamtschau wenig bemerkenswert bleiben. Zu einer histoire totale gehören sie natürlich dazu, sind aber hier in ihrer Gewichtung eher unterrepräsentiert.

Die Angst vor dem Kommunismus beschreibt Stöver schon für die Zwischenkriegszeit, die aber im Zweiten Weltkrieg selbst keine Rolle mehr spielt. Diesem Weltkrieg räumt Stöver einen sehr großen Platz ein, für die 4 Kriegsjahre der USA fast gleich viele Seiten wie für die 45 anschließenden Jahre des Kalten Kriegs. Hier spielt sicher die europäische Sicht der Dinge eine Rolle, die der Autor einnimmt. Dabei wäre die Betrachtung des Kalten Kriegs deutlich interessanter gewesen. Hier beschreibt Stöver gerade solch spannende Themen wie die Ambivalenz zwischen Hysterie und Begeisterung für die Atomkraft, oder gibt einen kompakten Abriss des Vietnamkriegs. Andererseits fehlt auch vieles: die knappe Darstellung der McCarthy-Ära ist das einzige bisschen Innenpolitik der Nachkriegszeit; Kennedy wird nur am Rande erwähnt, seine Ermordung und der Tod von Martin Luther King spielen für die Erzählung gar keine Rolle (sie werden nur in komplett anderem Sinnzusammenhang erwähnt, nämlich in einem Abschnitt über den Einfluss der Zeitungen auf die Gesellschaft – es wirkt als wären im Lektorat größere Sinnabschnitte gestrichen, zusammengefasst und verschoben worden), das Impeachment gegen Nixon und sein Rücktritt werden nur erwähnt, die Zusammenhänge der Watergate-Affäre selbst kommt überhaupt nicht vor. Und erst bei der Reflektion über diese fehlenden Aspekte der Innenpolitik ist mir aufgefallen, dass die Kubakrise gar nicht erst erwähnt wird. Spätestens das lässt über die Gewichtung und die Themenauswahl in diesen Passagen des Buchs viel Verwunderung zurück.

Je aktueller die behandelten Epochen werden, desto ambivalenter wird das Lesen. Einerseits ist es spannend, die erlebte Zeit zusammengefasst und in der Rückschau betrachtet zu finden (erst wenige historische Texte behandeln die Zeit nach 1990), andererseits wird auch offenkundig, dass die Zeit noch nicht überblickt wird und man einfach noch keinen abschließenden Punkt für die Aufnahme einer Bewertung gefunden hat. Tatsächlich erscheinen mir die Bewertungen eine Art von Bias zu haben, wie ich ihn in Kommentaren erwarten würde, aber nicht in einem historischen Überblickswerk wie diesem. So wird der Begriff „Doktrin“ inflationär verwendet: in älteren und gut verstandenen Epochen gibt es ihn im Zusammenhang mit den Namen Monroe und Truman, höchstens noch in ironischer Brechung mit Sinatra („I did it my way“ am Ende des Kommunismus). Danach wird er auch für Carter, Bush, sogar für Cheney verwendet, wobei ich erwarten würde, dass der Name Cheney tendenziell in Vergessenheit geraten wird – ihn mit einer Doktrin aufzuladen scheint mir eher das Symptom eines noch nicht erfolgten umfassenden historischen Überblicks über die jüngste Vergangenheit zu sein. Möglicherweise werde ich aber (nach Definition) nicht mehr erfahren, dass ich mit dieser Einschätzung falsch liege.

Stövers Stil ist sehr gut lesbar, das Thema ist fesselnd und interessant, besonders die Anfänge. Aber die schon angesprochene Themenauswahl ist eigenartig, wenn auch vielleicht durch die Begrenzung auf einen Band bedingt. Überhaupt gibt es wenig Innenpolitik, weniger als ich im Vorfeld erwartet hatte. Die Gesellschaftsthemen sind durchaus spannend, ganz besonders der unverstellte Blick auf die Indianerkriege und die damit zusammenhängende Expansion nach Westen. So entsteht eine interessante und relevante Gesamtschau, die aber häufig wie ein Fragment wirkt und die europäische Brille des Autors nicht ablegt. Einige Themen werden an der erwarteten Stelle im Text ausgespart, aber später in der Rückschau referenziert, ohne dass es tiefere Zusammenhänge gäbe (vielleicht haben bei der Redaktion wirklich deutliche Kürzungen des Originaltexts stattgefunden), ein Beispiel ist das Elektorensystem im Präsidentschafts-Wahlrecht. Auf der positiven Seite gibt es in Stövers Text keine klassischen Heldengeschichten oder ein stures Abarbeiten der Abfolge der US-Präsidenten (wie das in manchen US-Darstellungen der Fall ist). Insgesamt ist der beste Effekt erreicht: meine Neugier nach mehr Details ist in einigen Themen geweckt.

Sprachen und was darüber gesagt werden kann

Durch Zufall bin ich diesen Sommer in der Buchhandlung über das Buch „Sprachen“ von Gaston Dorren gestolpert. Ein kleiner Reiseführer zu den Sprachen Europas, in dem insgesamt 67 Sprachen jeweils auf wenigen Seiten behandelt werden. Darunter sind die großen Sprachen nicht ausführlicher behandelt als die kleinen und vom Aussterben bedrohten. Jede erhält ein wenig Raum, in dem ihre Besonderheiten, Eigenheiten, ihre Geschichte oder ihre Bedeutung vorgestellt werden. Am Ende jedes Abschnitts gibt es eine kurze Liste von Lehnwörtern, die das Deutsche aus dieser Sprache übernommen hat, und ein Wort, das dem Deutschen noch fehlt. Eine wirklich hübsche Zusammenstellung mit vielen kleinen Einheiten von unnützem Wissen. Manchmal sind die einzelnen Sprachen nur der Aufhänger für Phänomene in größeren Familien, sodass man nicht immer etwas über die konkrete Sprache erfährt. Das tut dem Genuss aber keinen Abbruch.

Unter den vielen kleinen Informationen, die in der großen Zeit der Quizshows problemlos für höhere Gewinnbeträge ausgereicht hätten, seien nur erwähnt: dass das Finnische zwar viele Worte für „Schnee“ haben mag (wie die urban legend es auch für die Sprachen der Inuit postuliert), das Deutsche aber auch zwanglos sehr viele Worte für „Regen“ kennt; dass das Monegassische auf Initiative eines heimatverbundenen Geistlichen im Schulunterricht in Monaco verwendet wird – und nur dort (nicht von den offiziellen Institutionen, nicht im Radio, praktisch nicht in der Literatur); dass das Polnische eine der konsequentesten Sprachen ist, wenn es um ihre Transkription in Buchstaben geht (wenn es auch überhaupt nicht so aussieht) – deutlich konsequenter als Deutsch und Englisch.

 

Das Buch befasst sich ausschließlich mit den (noch) lebenden Sprachen Europas. Von Latein ist keine Rede. Ein vergleichbar hübsches Buch, das sich nur auf die Geschichte und Geschichten rund um die lateinische Sprache kapriziert, ist „Latein ist tot, es lebe Latein“ von Wilfried Stroh, das ich bereits vor einigen Jahren in den Händen hatte. In diesem Kontext ist es eine schöne Ergänzung zu Dorrens Buch. Seine Hauptthese ist, dass die lateinische Sprache nicht erst seit dem Ende des römischen Reichs eine tote Sprache war, sondern schon um die Zeitenwende faktisch gestorben ist, jedenfalls als gesprochenes klassisches Latein. Um die, auch noch heute so genannte, „goldene Latinität“ zu bewahren, das Latein von Cicero, Caesar, Sallust oder Vergil, wurde diese Schriftsprache gewissermaßen eingefroren, konserviert, da man sie für einen unübertreffbaren ästhetischen Höhepunkt hielt. Die späteren Autoren wurden bereits als stilistischer und sprachlicher Verfall empfunden, und die gesprochene Sprache entwickelte sich mit den Jahren immer weiter von diesem Idealbild fort. Schließlich wurden aus dem klassischen Latein die heutigen romanischen Sprachen wie Französisch, Spanisch und Italienisch (wenn der Übergang auch schleichend war: noch Dante sagte, er schreibe seine Verse in lateinischer Sprache).

Tatsächlich stellt die „goldene Latinität“ einen sprachlichen Höhepunkt dar, dem meiner Erfahrung nach die so genannte „silberne Latinität“ kaum nachsteht (wenn meine Übersetzungskenntnisse auch auf wenig brillantem schulischem Niveau stehen geblieben sind). Diese Phase wurde die gesamte Antike und bis in die Neuzeit hinein imitiert und als Vorbild festgehalten, so ist die Einhard-Biographie über Karl den Großen in einem makellos gedrechselten Latein verfasst. Das Auseinanderdriften von klassischem Idealbild und natürlicher Sprachentwicklung schlägt sich, abhängig von der Kunst der Autoren und ihrer Treue zum Vorbild, in den Abweichungen nieder, sowohl grammatikalisch, als auch lexikalisch oder in der Rhythmik (vgl. den Quantitätenkollaps).

Es ist aber auch offensichtlich, dass die hoch geschätzten Autoren wie Cicero nicht exakt so gesprochen haben wie sie schrieben – die hohe Literatur ist immer auch eine Kunstform gewesen, die sich von der gesprochenen Sprache unterscheidet. Sicher war das Sprachniveau Ciceros ein anderes als das der Soldaten Caesars, aber dass die lateinische Aussprache sich schon damals von der Schriftform entfernte, wird schon bei Catull (carmen 84, „hinsidias“) deutlich, wie auch einige Jahrzehnte später an den pompeijanischen Graffiti oder an der Cena Trimalchionis, die das Vulgärlatein für uns eingefangen haben.

 

Eine schöne Videoreihe zur Auffrischung meiner Lateinkenntnisse habe ich letztens bei youtube gefunden, sie ist aber auch in der Mediathek des bayrischen Rundfunks verfügbar.

Eigentlich eine Art Telekolleg-Kurs, zu dem es bei seiner Entstehung offenbar auch Begleitmaterial gab, der aus heutiger Sicht etwas hölzern wirkt und doch sehr stringent und kompakt die Eigenheiten der lateinischen Grammatik und Satzlehre offenlegt. Ohne Vorkenntnisse wird man während des ersten Grundkurses wohl sehr schnell abgehängt, ich konnte aber mit meinen verbliebenen Schulkenntnissen gut folgen. Nach drei Grundkursen mit jeweils 13 Videos ist die Grammatik für alle wesentlichen Zwecke vollständig erklärt. Im Aufbaukurs, der wieder aus 13 Videos besteht, werden jeweils kurze in sich abgeschlossene Texte aus der Mythologie übersetzt. Den Abschluss der Reihe bildet ein Übersetzungskurs mit kurzen Abschnitten und den zugehörigen grammatikalischen Analysen aus den bekannten Originaltexten, etwa Caesars Gallischer Krieg. Eine wirklich schöne Gelegenheit, die alten Kenntnisse zu reaktivieren.

 

Abschließend sei noch ein schöner youtube-Kanal erwähnt, der sich ebenfalls mit Sprachen und ihrer Entwicklung befasst. Der nativelang-Kanal hat wunderbare kleine Videos über alle Sprachen der Welt, darunter auch über die klassische Aussprache des Lateinischen (und woher wir darüber wissen können), oder, sehr sehenswert, über die Aussprache des Shakespeare-Englisch.

Daneben viele weitere, der Kanal ist nach wie vor aktiv und bleibt hochinteressant.

Der Sommer des Jahrhunderts

Vor einigen Jahren ist ein Trend gestartet, ganze Bücher über einzelne Jahre zu schreiben. Mit diesen Büchern soll der „runden Geburtstage“ großer Ereignisse gedacht werden, etwa der 100-sten Wiederkehr des Ersten Weltkriegs, der 200-sten Wiederkehr des Wiener Kongresses oder 50-sten Wiederkehr der Studentenrevolution. In diese Reihe passt auch das Buch 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts von Florian Illies. Es unterscheidet sich aber dadurch, dass es sich nicht um ein historisches Überblickswerk handelt. Im Gegenteil ist es ein locker zusammengestelltes Kaleidoskop feuilletonistischer Episoden aus dem Jahr 1913, einem Jahr, das im Wesentlichen nur durch das Hintergrundwissen über das darauffolgende Jahr von Relevanz ist.

Ich selbst habe mir inmitten des Hypes rund um 2013 dieses Buch aus Neugier gekauft und es damals nicht bereut. Jetzt habe ich es aus einer Laune heraus wieder gelesen und werde lebhaft an den Satz erinnert: Ein Buch, das man ein einziges Mal gelesen hat, hat man entweder einmal zu oft oder einmal zu wenig gelesen. Hier ist letzteres der Fall: es verbergen sich eine Menge kleine Perlen in diesem Buch, die sich erst durch mehrmaliges Lesen wirklich erkennen lassen: lege, lege, relege et invenies. Und kurzweilig ist es außerdem noch. Es verleitet durch die Kürze seiner unzähligen Episoden ein wenig dazu, es in vielen sehr kurzen Abschnitten zu lesen. Das ist möglich, aber nicht klug. Seine Pracht entfaltet das Kaleidoskop dadurch, dass es seine ganze Vielfalt aufzeigt – das ist nur möglich durch die Wahrnehmung all der vielen Episoden nebeneinander.

Illies schreibt mit allen literarischen Methoden, die ihm ein Roman an die Hand geben würde. Neben seinen diversen wiederkehrenden Figuren verwendet er auch allerhand Stilmittel und greift episodenübergreifend Themen auf – so etwa das Zitat „Der Rest ist Schweigen“ aus dem akademischen Disput zwischen Freud und C.G.Jung, der zu Jahresbeginn ausbricht und sich nie wieder kitten lässt. Der Satz „Der Rest ist Schweigen“ taucht in der Folge immer wieder unvermittelt, aber nicht unpassend, auf und spannt so den Bogen über viele Schauplätze und über das ganze Jahr hinweg. Tatsächlich wird das Buch in einigen Rezensionen als Roman bezeichnet, es trägt aber vollkommen zurecht nicht diese Selbstbezeichnung und ist in der Spiegel-Bestsellerliste unter den Sachbüchern geführt worden.

Es kann kaum verwundern, dass das Buch dem Feuilleton entnommen zu sein scheint: der Autor Illies war jahrelang Leiter des Feuilletons der FAZ. Ähnliche Beobachtungen wie er sie über das Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs gesammelt hat, hat er bereits aus anderer Perspektive über seine eigene Jugendzeit angestellt: in seinem Erstlingswerk Generation Golf.

Illies entwirft ein Panorama des Jahres 1913, nach Monaten geordnet und mit wiederkehrenden Hauptpersonen. Sein Grundgerüst entnimmt er wahren Begebenheiten, die er leicht ausschmückt und mit sparsamer Erfindung ergänzt. Auf diese Weise entstehen hübsche Charakterstudien etwa von Franz Kafka, Ernst Jünger und Sigmund Freud, auf deren Spuren sich Illies begibt. Er wechselt zwischen den damals schon berühmten Persönlichkeiten wie Freud, Einstein oder Albert Schweitzer hin und her, und er bezieht auch solche Personen ein, die 1913 noch vollkommen unbekannt waren und erst später relevant für den Lauf der Welt werden sollen: neben Kafka etwa auch Hitler und Stalin. Von letzteren beiden erfindet Illies die Episode, dass sie sich im Januar 1913 bei einem Spaziergang durch Wien getroffen haben könnten – unstreitig ist der Fakt, dass beide sich niemals so nahe gekommen sind wie in diesem Monat.

Famos ist die enge Begleitung Kafkas durch das Jahr, die vor allem durch seine umfangreiche Korrespondenz mit seiner Verlobten Felice Bauer möglich wird. Prompt als die beiden sich ein Wochenende lang persönlich treffen lässt sich nichts mehr über sie aussagen, da in diesem Moment keine Briefe geschrieben werden. Aber abgesehen von diesen wenigen Tagen ergibt sich eine 360°-Ansicht von einem gnadenlos neurotischen und unsicheren Kafka, der sogar in seinem Heiratsantrag seitenweise Gründe aufzählt, warum Felice ihn unter keinen Umständen heiraten sollte (was sie auch nicht getan hat).

Überhaupt bewegen sich unverhältnismäßig viele der Akteure des Buches im Künstlermilieu, es tritt zwar der deutsche Kaiser, nicht aber sein Reichskanzler auf (nicht, dass das ein Verlust wäre). Das ist dem Feuilleton-Charakter des Buches geschuldet, erfordert aber eine gewisse Wikipedia-Zeit vom nur allgemeingebildeten Leser, der sich eben nicht tiefgehend in der Kunstgeschichte des Kubismus und Futurismus auskennt. Auch Details über die Literatenfamilie Mann (in der Thomas gerade den Zauberberg beginnt und Heinrich soeben den Untertan beendet), den Wiener Dichter Georg Trakl oder über den Lehrer James Joyce (der in Triest zu seinem Ulysses ermutigt wird, den er im Folgejahr tatsächlich in Angriff nimmt) lassen sich durch ein gewisses Fundament in der Wikipedia besser verkraften.

Ein schöner selbstreflexiver Moment des Buchs ist die Bemerkung, dass in diesem Jahr 1913 der Schöpfer des Kulturfahrplans geboren wird. In tabellarischer Form wäre Illies‘ Werk in den Kulturfahrplan zu gießen, und mit etwas literarischer Ausschmückung entspräche der Kulturfahrplan dem Buch von Illies. Ein wirklich ästhetischer Fixpunkt für meinen Geschmack.

Meistens hält Illies eine strenge zeitgenössische Perspektive ein. Was nach 1913 geschieht, ist seinen Akteuren unbekannt und wird auch durch ihn selbst meist ausgeblendet. Hin und wieder bricht er jedoch auch diesem Korsett aus, mal augenzwinkernd, mal prophetisch. Er erreicht dadurch den Verweis darauf, dass das Jahr erst im Kontrast zum Ersten Weltkrieg heute noch von Interesse ist (sicherlich hätte das Jahr 1912 mehr spektakuläre Ereignisse zu bieten gehabt – aber sein Abstand zum Weltkrieg ist größer, und sicher gewinnt das Buch gerade durch die Belanglosigkeit und Alltäglichkeit vieler seiner Inhalte).

Gelegentlich begibt Illies sich in die Vogelperspektive und blickt etwa losgelöst von allen Episoden auf die vier Zentren der Moderne (Paris, Berlin, München und Wien) und deren unterschiedliche Sicht auf die Welt. Ein anderes Mal zitiert er den Kunstkritiker Meier-Graefe und entspinnt daraus die treffende (und beinahe atemlose) Erkenntnis: „‘Bei dem Namen Picasso wird der Historiker der Zukunft stillhalten und feststellen: Hier hörte es auf.‘ Ende. Unvorstellbar, dass es nach der Formzertrümmerung des Kubismus noch einmal weitergehen könnte. Der große Autor, der vielleicht feurigste kunstkritische Stilist des Jahrhunderts, der ein Meister des Erzählens der ‚Entwicklung‘ der Kunst war, der sieht sie, ganz nüchtern, jetzt an ihr Ende gekommen. Dort, wo wir heute ihren Anfang sehen.

Das Kaleidoskop von 1913 setzt sich mit der Zeit zu einem Gesamtbild, einem Panorama der Epoche zusammen. Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ist hoch ambivalent, das macht ihren Reiz aus heutiger Betrachtung aus: sowohl hochmodern als auch rückwärtsgewandt; sowohl moralisch streng konservativ als auch alle Grenzen testend und überschreitend. Ganz richtig beschwört Illies nicht den „Abendglanz“, der in der Rückschau gern herbeigerufen wird: in der Sicht der Zeitgenossen war das Ende ihrer Welt durch den Krieg nicht absehbar, im Gegenteil. Ein großer Krieg galt als zunehmend unwahrscheinlich, die Welt und die Wirtschaft waren fast wie in heutiger Zeit verflochten und vernetzt. Die Kultur schritt von Höhepunkt zu Höhepunkt voran, das Fin de Siècle war vorbei, die vielen Kunstrichtungen gingen voran und wurden zunehmend abstrakter.

Eine gewisse Untergangsstimmung will Illies sich aber nicht entgehen lassen. Er zitiert die Weltuntergangsszenarien, von denen C.G.Jung träumt, und er führt eine zeitgenössische Novelle an, in der ein spannungsreiches Duell beschrieben wird, „empfindlich und feinschalig wie eine Frucht, die auf dem Südhange gereift ist“ – daraus macht er 1913 zum Jahr „am Südhang der Geschichte“. Als wollte er den Untergang am Horizont sehen können, der für die Zeitgenossen unsichtbar sein musste. Aber die latente Depression muss er bei seinen Künstlern nicht lange suchen, die Empfindsamkeit ist ihnen angesichts der immer weiter voranstürmenden Moderne ganz natürlich zu eigen. Und in der Tat waren einige Zeitgenossen ihrer Umwelt überdrüssig; in welcher Gestalt auch immer sie eine Veränderung wollten.

Das soll für den groben Eindruck genügen. Alles Weitere lässt sich nur durch das Buch selbst erleben – und erleben muss man das Buch, sodass man tatsächlich in das Jahr 1913 eintauchen kann (oder das, was Illies durch seine Auswahl und seinen Blickwinkel daraus gemacht hat). Ein Buch, das sich mit ein wenig Abstand wieder lohnen wird zu lesen.

Aus der Literatur der Weimarer Republik

In einer Welle der schöngeistigen Literatur habe ich in den vergangenen Monaten diverse Werke deutscher Autoren aus der Zeit der Weimarer Republik gelesen. Tatsächlich kam das nicht geplant zustande, die Autoren, die Stilrichtungen und auch mein bleibender Eindruck sind äußerst unterschiedlich. Dieses einigende Band der Entstehungszeit ist mir erst im Nachhinein klargeworden.

 

In unregelmäßigen Abständen, aber immer wieder und mit großem Genuss lese ich den Fabian von Erich Kästner. Es handelt sich um Kästners stärksten Roman und um sein bekanntestes Werk für Erwachsene. Das soll keine Schmälerung seiner (zum Teil grandiosen) Kinderbücher sein, aber ihr Anspruch und ihre Wirkung sind andere und seien hier außen vor gelassen. Aus meiner Schulzeit kannte ich die ursprünglich veröffentlichte Fassung des Fabian, eine in manchen Aspekten bereits entschärfte Version, die dennoch von Goebbels verboten und verbrannt wurde. Vor einigen Monaten habe ich mir die Originalversion zugelegt, die zu Beginn des Textes ein wenig drastischer ist, aber von einem Kapitel abgesehen nur noch redaktionelle Änderungen zum bekannten Text aufzeigt. Kästner selbst hat in späteren Vorworten angemerkt, er habe dem Text den Titel „Der Gang vor die Hunde“ geben wollen. Wie akkurat diese Aussage ist, sei dahingestellt, es kann vermutet werden, dass diese Idee erst in der Rückschau entstanden ist.

Die titelgebende Hauptfigur Jakob Fabian begreift sich als Moralisten, der in der Zeit der Wirtschaftskrise die Welt immer weniger versteht und als immer absurder auffasst. Er unterhält diverse kurzlebige Frauenbekanntschaften, vor denen er sich teilweise aus Abscheu abwendet; die einzige, in der er echtes Potential für Liebe findet, geht in die Brüche als die Frau, Cornelia, sich einem reichen Mann zuwendet, den sie zwar nicht liebt, aber bei dem sie keine wirtschaftlichen Ängste mehr zu fürchten braucht. Fabians Freund Labude ist einer seiner wenigen Rettungsanker, auch wenn die beiden sich in der Beurteilung der Welt nicht einig sind: hier Fabian der schicksalsergebene Fatalist, der die Welt nimmt wie sie ist, weil er glaubt sie nicht ändern zu können („der Faustschlag blieb stumm“); dort Labude, der Romantiker, der glaubt, die Welt und die Menschen zum Vernünftigen verändern zu müssen. Als Labude sich aufgrund eines überzogenen, schlechten Scherzes aus Hoffnungslosigkeit das Leben nimmt, ist Fabian das einzige Mal während des Buches zu tiefen, ehrlichen Emotionen hingerissen. Fast immer bleibt Fabian reiner Beobachter, selbst als er sich in einem nächtlichen Feuergefecht zwischen einem Kommunisten und einem Nationalsozialisten wiederfindet und beide Kontrahenten im gleichen Taxi zum Krankenhaus bringt. Politisch verhält sich Fabian entsprechend seiner auch sonstigen Einstellung nicht extrem, in einer Ausrichtung, die er wohl als „anständig“ bezeichnen würde. Das schlägt sich in seiner Respektlosigkeit gegen nationalistische Denkmäler in Berlin nieder (die er in einer Busfahrt verspottet, die in der Erstausgabe noch herausgestrichen worden war), oder in seiner zurückhaltenden Auseinandersetzung mit einem Schulfreund gegen Ende des Romans. Und wie fast alle Romanhelden Kästners ist auch Fabian ein Muttersöhnchen: die rührige Episode des Besuchs seiner Mutter in Berlin und das heimliche Einanderzustecken von 20 Mark seien genannt.

Das Buch pendelt stetig zwischen beißender Komik und scharfem Sittenportrait seiner Zeit; es ist dabei stets eine bewusste Überzeichnung der Verhältnisse, und bleibt doch in einem höchst sachlichen, nüchternen Tonfall. Am Ende ertrinkt Fabian beim Versuch, ein Kind aus einem Kanal zu retten – das Kind selbst schwimmt ans Ufer. Kästner wendet sich in der Kapitelüberschrift direkt an das Publikum: „Lernt schwimmen!“ – im übertragenen Sinne: verhaltet euch nicht beobachtend und überfordert wie Fabian, sondern geht mit der Welt um wie sie sich bietet und ändert sie. Aus dieser auch sehr persönlichen Botschaft Kästners, die sich durch das ganze Buch zieht, gewinnt der Roman seine Stärke; bis zu einem gewissen Punkt hat Kästner sich hier selbst verewigt, nicht nur durch die diversen autobiographischen Elemente (Fabian, wie Kästner, ist Werbetexter in Berlin; Kästner, wie Labude, ist promovierter Germanist mit einem Schwerpunkt auf Lessing und seiner Zeit), sondern eben durch eine Botschaft, die ihm damals eine Herzensangelegenheit gewesen sein muss.

Ein kurzweiliges Buch, das sich immer wieder von neuem mit Gewinn lesen lässt. Mag der Humor auch etwas staubig geworden sein, die Geschichte ist es nicht, sie berührt noch immer und regt immer wieder zur Auseinandersetzung an.

 

Über Brecht ist praktisch alles gesagt. Aus einem Gefühl der Neugier heraus habe ich mir einige seiner Stücke wieder zu Gemüte geführt, die ich ebenfalls aus der Schulzeit kannte. So unterschiedlich die Mutter Courage, das Leben des Galilei und der Gute Mensch von Sezuan in ihrer Erzählung sind, so ähnlich sind sie sich doch in dem Punkt, dass der Leser (bzw. Theaterzuschauer) belehrt werden soll. Ganz im Geist Schillers handelt es sich bei diesen, wie vielen der Dramen von Brecht, um Lehrstücke. Schillers Rede „Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet“ hat bereits Ende des 18. Jahrhunderts den Aspekt herausgestellt, dass das Publikum durch den Theaterbesuch gebildet werden solle – erst in zweiter Linie soll das Theater der Unterhaltung dienen, sondern idealerweise wird das Publikum aufgeklärt und in die Lage versetzt, die richtigen Fragen zu stellen. Akkurat dieser Maxime folgt Brecht, und er treibt es im Guten Menschen geradezu auf die Spitze, in dem er das Stück offen enden lässt:

Wir stehen selbst enttäuscht und sehen betroffen / den Vorhang zu und alle Fragen offen. […] Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss! / Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!

Man mag darüber streiten, ob es noch ein unaufgeklärtes Theaterpublikum gibt (soll heißen, ob Menschen, die der Aufklärung bedürfen, überhaupt noch ins Theater gehen), oder ob das Konzept des Lehrstücks aus der Zeit gefallen ist. Alternativ findet die Aufklärung des aufnahmebereiten Publikums eher in anderen Kontexten statt, etwa im nicht allzu plakativen Kabarett und in der qualitativ hochwertigen Presse – wieder vorausgesetzt, dass ein aufklärungsbedürftiges Publikum dort überhaupt vorhanden ist (den Diskurs über die Selbsterkenntnis der Aufklärungsbedürftigkeit wollen wir hier nicht führen). In jedem Fall erscheinen die Lehrstücke Brechts als derart durchschaubar, dass eine moralische Besserung des Publikums von ihnen kaum zu erhoffen ist. Auch die angeprangerten Missstände scheinen in der heutigen Welt weniger von Belang zu sein – zumal die durch Brecht gelegentlich aufgezeigte Alternative des Kommunismus (im Guten Menschen) keine mehr ist und die Schrecken eines großen Kriegs um so viel größer sind als zur Entstehungszeit der Mutter Courage.

Aufgrund ihrer Durchsichtigkeit taugen die Lehrstücke natürlich dennoch als Schullektüre und werden als solche heute noch oft gelesen. Es lassen sich tiefe Charakterstudien daraus machen und für das Verständnis sind nur Hintergründe aus der klassischen humanistischen Gymnasialbildung nötig (etwa im Gegensatz zu manch anderer moderner Literatur aus dem gleichen historischen Umfeld). Ob diese Lehrstücke aber wirklich noch als Lehre taugen, sei dahingestellt. Nennenswert schöner und lehrreicher wirken doch manche Aphorismen, wie in den Geschichten vom Herrn Keuner („Aber Herr K., Sie haben sich ja überhaupt nicht verändert! – Und K. erbleichte.“) oder der auf einen Dritten Weltkrieg gemünzte Satz

Das große Karthago führte drei Kriege: es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.

Derlei ist in den genannten Lehrstücken recht selten.

Die Art der Belehrung ist in den drei Stücken, die ich jetzt neu gelesen habe, sehr unterschiedlich. Im Guten Menschen ist von der schrecklichen Realität des Kapitalismus die Rede, im Leben des Galilei von der Freiheit und Verantwortung der Wissenschaft und der Unfreiheit in der Kirche, bei der Mutter Courage von den Schrecken des Kriegs und davon, wie unterschiedlich die Menschen mit der Moral in Krieg und Frieden umgehen (sichtbar besonders in den drei Kindern der Courage, mehr noch als bei ihr selbst). Tatsächlich habe ich Brechts großen Aufführungserfolg die Dreigroschenoper aus schierer Erschöpfung ausgelassen. Meine Erinnerung ist jedoch durchaus analog zu den anderen Stücken und lässt sich an der bissigen Beschreibung des Hurenhauses als „bürgerliches Idyll“ festmachen – ein klassischer Fall, in dem „Show, don’t tell“ angebrachter gewesen wäre. Aber aus der Dreigroschenoper habe ich die schöne Zeile „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ behalten, tatsächlich ein wahres, wenn auch drastisches Wort.

So wenig spektakulär die Inhalte der Stücke auch sein mögen, sie geben den Schauspielern aber große Möglichkeiten für eine brillante Darstellung der titelgebenden Figuren. Besonders die Rolle der Shen Te erfordert eine hohe schauspielerische Leistung, die selten in der nötigen Komplexität gelingen wird.

Die am schönsten komponierte Szene in den drei Stücken ist die Ankleideszene des Papstes im Leben des Galilei. Der Papst selbst ist Wissenschaftler, der aber während der Ankleide in das Gewand (soll heißen: in die Rolle) des Papstes schlüpft und auf diese Weise andere Prioritäten setzen muss als Galilei. Eine schöne subtile Art, die Zwänge aufzuzeigen, in denen die handelnden Figuren sich bewegen: show, don’t tell.

In der Summe ist dem Eindruck Marcel Reich-Ranickis recht zu geben, den er in der Reihe „Lauter schwierige Patienten“ geäußert hat: die Theaterstücke Brechts werden der Zeit nicht standhalten. Sie werden noch in der Schule gelesen und in den Theatern aufgeführt, aber sie haben an Aktualität und Relevanz eingebüßt. Was von Brecht überdauern mag, ist die Lyrik, seine Songs.

Auf die Stücke in weiteren Details einzugehen erscheint aufgrund ihrer Verbreitung gerade als Schullektüre nicht angebracht. Über Brecht ist alles (und mehr als das) gesagt.

 

Ebenfalls aus schierer Neugier habe ich mich mit Hans Falladas Roman Kleiner Mann – was nun? auseinander gesetzt. Paradoxerweise hat diese durchaus rührige Geschichte vom jungen Ehepaar in kleinen Verhältnissen (sie nennen sich gegenseitig „Junge“ und „Lämmchen“, ihr kleines Kind werden sie immer nur als „Murkel“ bezeichnen) nicht im geringsten meinen Nerv getroffen. Ja – der soziale Abstieg der jungen Familie ist schrecklich und grausam. Ja – die wirtschaftlichen Verhältnisse in der späten Weimarer Republik waren grässlich und schwer. Es ist überhaupt eine Epoche, mit der ich mich lange und ausgiebig auseinandergesetzt habe und die mich fortlaufend fasziniert. Und doch bin ich von dieser Erzählung, diesem (damaligen) Gegenwartsstück, seltsam unberührt geblieben. Im Gegenteil habe ich mich beim Lesen mehrfach entsetzlich für Lämmchen fremdgeschämt; eine in vielen Dingen so weltfremde und überkomplizierte Person, die gleichzeitig nicht aus übertrieben behüteten Verhältnissen kommt und sich doch in der Welt so schlecht zurecht findet (die furchtbare Szene, als sie versucht eine Erbsensuppe zu kochen). Immerhin macht sie im Lauf der Geschichte eine Entwicklung durch und geht resoluter mit der Situation um als ihr Mann. Das Ende ist offen, aber es wird klar, dass beide trotz aller Armut ihre Liebe bewahren.

Tatsächlich hat mich dieser Versuch mit Hans Fallada nicht bewogen, seinen anderen berühmten Roman Jeder stirbt für sich allein zu lesen. Bei aller Anrührung und Realitätsbeschreibung war ich weder gefesselt noch beeindruckt von Kleiner Mann – was nun? Ich habe einfach den Funken nicht gefunden, der von diesem Autor auf mich hätte überspringen können.

 

Schließlich endete mein Rundgang durch die Literatur der 1920er Jahre mit einem Ausflug zu Hermann Hesses Narziß und Goldmund. Unterschiedlicher zu den bisherigen Büchern könnte ein Roman kaum sein. Gänzlich unpolitisch, völlig der (damaligen) Gegenwart entrückt, wird die Geschichte zweier mittelalterlicher Mönche erzählt. Es sind zwei ganz und gar verschiedene Charaktere, die ganz und gar verschiedenen Lebensentwürfen folgen: der abstrakte Denker und Asket Narziß, der sein Leben im Kloster verbringt, und der Schöngeist Goldmund, der sich der Sinnenwelt, der Kunst und den Frauen hingibt und durch die Welt zieht. Beide schließen in der Jugend eine enge Freundschaft und profitieren in ihrer Sicht auf die Welt vom jeweils anderen. Diese Freundschaft überdauert Goldmunds Wanderjahre, bis sie sich nach Jahrzehnten zufällig wiedertreffen. Ein ästhetisch ungemein schönes Buch, dessen Komposition klar ist und doch nicht aufdringlich wirkt. Über die schwülstige Sprache muss man ein wenig hinwegsehen und sich hineinarbeiten, aber dennoch ist diese Sprache klar und vor allem kein Selbstzweck (ich denke an entsetzliche Phrasen bei Thomas Mann).

Etwas befremdlich innerhalb dieser Erzählung sind mystische Motive, etwa das Bild von Goldmunds Mutter, die keine der handelnden Personen kennt, das für Goldmunds Suche nach Schönheit in der Kunst vorantreibt. Gleichzeitig bleibt Goldmunds Handeln auch für den eher verkopften Leser fast zu jeder Zeit nachvollziehbar und klar. Er ist getrieben von der Suche nach Schönheit und folglich nach Inspiration – der Meister, bei dem er die Holzverarbeitung lernt, bleibt ihm einerseits künstlerisches Vorbild, andererseits ein Schreckgespenst bei der Aussicht ebenso gefesselt an einen Ort, eine Profession, eine Werkstatt zu sein.

Durch Narziß und Goldmund habe ich ein grobes Gefühl dafür bekommen, was es in einem geschichtlichen Überblick über die Literaten der Weimarer Republik hieß: „Hermann Hesse schwankt zwischen Ethik und Ästhetik.“ Wirklich greifen kann ich diese Einschätzung noch nicht, aber es dämmert eine Einsicht, wohin dieser Satz abzielen sollte. Im Gegensatz zu Brecht werde ich einmal zu Hesse zurückkehren. Auch die Person Hesse mag es wert sein, näher beleuchtet zu werden, schon aufgrund der komplexen Hintergründe in seinem Werk, aber auch aufgrund seiner Wirkung, etwa durch den Steppenwolf, oder das Glasperlenspiel.

 

Dieser Exkurs hat mir wieder die Faszination der Weimarer Republik aufgezeigt, die eine so breit gefächerte Künstlerlandschaft hervorgebracht hat. Und gleichzeitig ist dies auch ein Zeichen für die Faszination am Deutschen Kaiserreich, das mit seiner humanistischen Bildung und Kultur überhaupt die Grundlagen für eine solche künstlerische Explosion in den 1920er Jahren geschaffen hat. Von den genannten Werken setzen sich außer Narziß und Goldmund alle mit den komplexen und komplexer werdenden Problemen ihrer Gegenwart auseinander (und auch Hesse hat sich nicht im luftleeren Raum bewegt, sondern ist sowohl von seinen Vorbildern als auch sehr spürbar von seiner Umwelt beeinflusst). Es ist beeindruckend zu lesen, wie diese Welt künstlerisch verarbeitet wurde. Eine Epoche, zu der ich noch oft zurückkehren werde.

How does it feel? To be on your own, with no direction home, like a complete unknown, like a rolling stone?

Every October, I get mildly interested in who is going to be Nobel Prize Laureate this year. I don’t get totally excited, since most of the time I don’t understand enough about the physics, the chemistry and (Lord help me) the medicine. I can classify the importance of the Nobel Peace Prize reasonably, and I couldn’t care less about the Non-Nobel Prize for economics. Besides, I was never fond of the Nobel Prize for Literature, since it seems a much more random prize to award, as it is the only one for artists, totally ignoring musicians, sculpturists and whatnot. In particular, if you are not closely familiar with world’s modern literature, you can’t understand the first thing about the Laureates. It depends heavily on where you live, if you are to know the winners and to estimate whether the award is rightful or not. This seems different for the science prizes, as I can at least estimate how important the respective field of research is, and it is quite different for the peace prize, as everyone with an understanding of present-day politics can estimate the importance of the awardee.

This year was different. The Nobel Prize for Literature went to Bob Dylan. This surprised me for two reasons: I knew the winner beforehand, and the winner is not a writer in the classical sense of the word. As far as I know this is the first time that a singer/songwriter wins the Nobel Prize, and this is a fine decision. As a side note, much of the literature of the ancient times used to be presented in the shape of music (since songs and rhymes are easier to memorize, an important thing when you’re without much opportunity for written records), just think of the Iliad and the Odyssey. Today, those are only referred to by their lyrics, as the music has vanished from mankind’s memory, but they are considered classical literature nonetheless. So, a good thing to award the prize for literature to a songwriter.

Now, I haven’t had much time yet to dig deeply into Bob Dylan’s discography, something I urgently need to do in the weeks to come. I had been aware that he was quite an influential writer whose songs have been covered numerous times, like Blowin’ in the Wind and Like a Rolling Stone. But I had not been aware how many songs were originally his: Mr Tambourine Man, Knockin’ on Heaven’s Door, Times are a-chaingin’, It ain’t me Babe, … and that list doesn’t start to be exhaustive. In fact, Dylan seems to be the most-covered musician in the past 100 years; I had believed this had been the Beatles, but they “only” have the most-covered song Yesterday (which is not the strongest Beatles-song by far, actually, but that doesn’t matter here). Of those many covers, most are better-known to be interpreted by other singers though they were written by Bob Dylan in the first place. Which is the phenomenon that happened to me, in fact.

One reason for this is Dylan’s voice which can’t actually be called melodic. In fact, he’s not much of a fantastic singer, as far as my taste is concerned. But his arrangements and his lyrics have been an inspiration for the entire modern popular music ever since the 1960’s. There is a virtually un-ending list of movies that feature a Dylan song in their score, which is why I know so very much of his work – though rather unaware.

Another fact that amazed me was part of the video clip for Homesick Subterranean Blues that was shown in the news after the Nobel Prize was announced: it was the inspiration to the beautiful video clip for Nur ein Wort by Wir sind Helden with their lead-singer Judith Holofernes. I had always given them the credit for the idea with the lyrics cards that they drop as the lyrics come – but again, it was Dylan’s idea. Wir sind Helden evolved this further to use little video tricks of slow-motion, playing backwards and gestures. But the basic is purely due to Dylan. Now, that is influencing new generations of artists. Mesmerizing.

I guess there’s much more down the rabbit hole. There’s a lot to discover in the oeuvre of Bob Dylan. And the few things that I have discovered already tell me he’s a worthy Laureate of the Nobel Prize for Literature.

Die Nicht-Schlafwandler

Vor längerer Zeit hatte ich angekündigt, dass ich mich mit dem stark diskutierten Buch „Die Schlafwandler“ von Christopher Clark befassen wollte. In der Tat hat es etwas länger gedauert, die Diskussion in der Fachwelt scheint sich etwas beruhigt zu haben und das große Augenmerk auf den Ausbruch des Ersten Weltkriegs hat sich auf andere historische Jahrestage verlagert. Mein Zeitverzug ist dem Thema und dem Buch selbst geschuldet. Clarks Schreibstil ist hier ähnlich überzeugend wie in seinem Buch über Preußen, aber der Inhalt konnte mich weniger fesseln als ich erwartet hatte. Denn so schön Clark auch schreiben kann, besonders der mittlere Teil des Buchs ist bedingt durch seine inhaltlichen Schwerpunkte sehr zäh und recht undurchsichtig, sodass ich bei meinem ersten Anlauf durch das Buch dort stecken geblieben bin. Nun habe ich einen zweiten Anlauf erfolgreich hinter mich gebracht. Das Buch ist äußerst lehrreich und regt zur Diskussion an, sowie zum Quervergleich mit der restlichen einschlägigen Literatur. Es ist allerdings in meinen Augen kein solcher Klassiker wie das Preußen-Buch.

Bei meiner Beschäftigung mit der Julikrise habe ich neben Clark auch die einschlägigen Bücher von Golo Mann, Volker Ullrich, Michael Stürmer, Thomas Nipperdey, John Röhl und John Keegan hinzugezogen. Nicht alle sind noch auf dem aktuellsten Stand der Forschung, alle setzen leicht andere Schwerpunkte, und doch helfen sie bei der Einordnung dessen, was Clark zu Papier gebracht hat. Darüber hinaus hat Clark so viel Bewegung in die öffentliche Debatte gebracht, dass es zahlreiche Buchbesprechungen in den großen Zeitungen und Zeitschriften gab. Namentlich die Rezensionen von Ullrich und von Heinrich August Winkler werden im Folgenden gelegentlich eingebunden.

Die grundlegende Erkenntnis ist: der Ausbruch des Ersten Weltkriegs war eine hochkomplexe Angelegenheit. Clark selbst spricht von den kompliziertesten Vorgängen, mit denen es die Geschichtswissenschaft zu tun hat. Und die Auswirkungen der Julikrise auf die ganze Welt waren derart umfassend und nachhaltig, dass es seit jeher ein großes Interesse an der Aufarbeitung gab. Insbesondere waren alle Beteiligten daran interessiert, ihre eigene Rolle in möglichst günstigem Licht darzustellen. Hierzu hat beispielsweise in Deutschland die Politik der Alliierten nach dem Krieg beigetragen, die im Versailler Vertrag die Alleinschuld am Ausbruch des Kriegs auf Deutschland schoben (wenn auch aus formaljuristischen Gründen, um eine Rechtfertigung für die Reparationsleistungen zu haben, und wenn auch im §231 des Vertrags, der schon durch seine Nummer andeutet, dass es sich nicht um die wichtigste Bestimmung des Vertrags handelte – die psychologische Auswirkung auf die Deutschen war in den 20er Jahren dennoch eine unglaublich starke). All dies führt dazu, dass es eine unüberschaubare Fülle von Literatur über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs gibt. Schon Golo Mann schrieb Ende der 50er Jahre, dass kein anderes Ereignis so gründlich durchleuchtet worden sei – und seither ist mehr als ein halbes Jahrhundert an zusätzlicher Forschung und Quellenkritik geschehen. Ganze Forscherleben ließen sich allein mit der Lektüre der Schriften füllen, die zu diesem Thema erschienen sind, und phasenweise gab es Lehrstühle mit ausschließlich dem Forschungsauftrag der Kriegsschuldfrage (die sich jedenfalls nicht so einfach beantworten lässt und die auch Clark nicht zu beantworten beabsichtigt – am Ende mehr dazu).

Clarks Verdienst ist es, viele Quellen aus ganz Europa ausgewertet zu haben. Die meisten Bücher, die mir zur Verfügung stehen, konzentrieren sich aufgrund ihrer Ausrichtung vornehmlich auf Deutschland und dessen Akteure, oder auf Großbritannien. Clark zieht auch alle anderen Großmächte, deren Sichtweisen und Verstrickungen, ihre Vorgeschichte und Absichten heran und nutzt sogar serbische Archive (die schon aufgrund der Sprachbarriere nicht leicht zugänglich sein konnten). Die Arbeit, die hier in die Sichtung und Einordnung geflossen ist, verdient hohe Anerkennung. Dies verbreitert den Blick sehr stark und trägt zur Klarheit in manchen Punkten bei; teilweise verschleiert dies auch die Klarheit, da unermesslich viele Informationen und Akteure in die Studie eingehen – aber genau in dieser Vielzahl besteht auch die Komplexität dieser Krise, die schon die Zeitgenossen erkannt hatten. An vielen Stellen ist Clarks Darstellung verworren, manche Ereignisse werden mehrfach aus unterschiedlichen Sichtweisen geschildert, Nuancen werden aufgezeigt, aber lassen sich für den Leser nur unter großer Konzentration wirklich wertschätzen. Insgesamt gilt ein Dictum, das Clark auch in einem Überblicksvortrag (auf den ich später wieder zurückkomme) zitiert: „The problem is not that we know too little – it’s that we know too much.“

Hierbei ist noch die Bemerkung relevant, dass Clark sich auf Politik und Diplomatie fokussiert. Bevölkerung und Massenstimmungen kommen höchstens am Rande vor. Das ist einerseits ein Versuch in Komplexitätsreduktion, andererseits auch die Konzentration auf die entscheidenden Akteure. Auch wenn es eine starke veröffentlichte Meinung gab, die Entscheidung lag bei den von Clark betrachteten Akteuren, nicht dezentral (und nicht einmal in Parlamenten, wie es heute wenigstens formal der Fall wäre).

Das Buch beginnt mit einer Betrachtung Serbiens und Österreich-Ungarns. Tatsächlich beginnt die Studie mit einer sehr detaillierten Schilderung des Mords an König Alexander von Serbien, die in einem historischen Roman kaum plastischer und spannender sein könnte. Die Hintergründe im Königreich Serbien sind nicht „well-known“, aber für die weiteren Entwicklungen nicht unwesentlich. Der Abriss der Vorgeschichte Österreich-Ungarns ist weniger reißerisch, aber erhellt ebenfalls viele Hintergründe, etwa über die Auswirkungen der Mitte des 19. Jahrhunderts eingerichteten Doppelmonarchie auf Verwaltung, Politik und Militär. Hier tauchen auch zum ersten Mal die Balkankriege auf, die in den späteren Kapiteln immer wieder aus verschiedenen Blickwinkeln diskutiert werden, ohne dass der rote Faden der Erzählung besonders gut heraus käme.

Als Clark in den beiden Kernstaaten der Julikrise im Jahr 1914 angekommen ist, verbreitert er seinen Fokus auf ganz Europa und untersucht die politische Gemengelage in den beiden Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg. Zunächst mit der grundsätzlich schon bekannten Nacherzählung der diversen Bündnisse in Europa, danach mit einer Überlegung, wer wo tatsächlich regierte und die Macht in der Hand hielt. Das Kapitel über die Vielstimmigkeit der Außenpolitik war das, in dem ich bei meinem ersten Versuch hängen geblieben war. Es gibt wenig Ereignisgeschichte, allenfalls in Gestalt der mehrfach unvollständig erzählten Marokkokrisen. In allen Großmächten, vielleicht mit der Ausnahme Großbritanniens, schien das völlige Chaos in der Außenpolitik zu herrschen – in Frankreich wechselten die Minister extrem häufig, in Deutschland handelten die Staatssekretäre auf eigene Faust und trieben die Staatsspitze in Bedrängnis (das sollte auch in der Julikrise so bleiben, so dass in den anderen Staaten gar die Frage aufkam: wer regiert in Deutschland? Tirpitz oder Bethmann?), in Russland konnte sich der schwache Zar gegen die wechselnden Schwerpunkte seiner Entourage nicht durchsetzen. In seiner Konfusion ist dieses Kapitel sehr erhellend, da es die Vielzahl der Akteure ungehindert darstellt. Auch den Zeitgenossen kann das Durcheinander in Europa unmöglich klar geworden sein.

Clark versucht, die Motivationen der vielen verschiedenen Akteure zu durchleuchten, aber er scheitert. Als Beispiel die Entstehung der Triple Entente: Clark beschreibt sie als den Versuch Großbritanniens, mit seinen ärgsten Widersachern in den Kolonialgebieten, Frankreich und Russland, zu Verständigungen zu kommen und sie durch Diplomatie einzufangen – die klassische historische Meinung ist, dass Deutschland durch viele ungeschickte diplomatische Schritte Großbritannien in die Arme seiner bereits feststehenden Gegner trieb. Warum aber hat der britische Außenminister Grey keinen Ausgleich mit Deutschland gesucht, so wie mit den anderen Großmächten auch? Eine mögliche Antwort findet sich bei Stürmer und bei Ullrich – Deutschland war einerseits kein Gegenspieler Englands auf der globalen Bühne, aber war innerhalb Europas entsprechend stark. Großbritannien suchte daher das Bündnis gegen die größte europäische Landmacht, um die Balance in Europa nicht zu gefährden. Ein anderer Aspekt war wieder die Vielstimmigkeit der Politik: die öffentliche Meinung war in allen Ländern sehr lautstark, ebenso die Militärs. Es war praktisch zu jeder Zeit unklar, ob die Falken oder die Tauben in einer Regierung die Oberhand hatten, das wirkte sich entsprechend diffus auf die Signale aus, die diese Regierung aussandte.

Die angesprochenen Fehler Deutschlands auf der diplomatischen Bühne werden von Clark auch hier nicht verschwiegen. Über Jahre galt in Berlin die Gewissheit, dass Großbritannien, Frankreich und Russland sich nicht über ihre Einflusssphären in der Welt würden einigen können. Als es doch dazu kam, wurde die Isolation viel zu spät erkannt. Darüber hinaus war die Stimmung in der veröffentlichten Meinung sehr kriegerisch und neigte dazu, außer Kontrolle zu geraten (so etwa während des Panthersprungs von Agadir). Außerdem verhielt sich der Kaiser bekanntlich wie ein Teenager; die entsetzliche Großsprecherei, die sich mit der Angst vor der eigenen Courage abwechselte, trug nicht zur Verbesserung der Lage bei. Mit den Jahren erkannte Großbritannien, so Clark, dass der deutschen Regierung nur mit einer Politik der Stärke zu begegnen war. Auch wenn diese Einordnung etwas unbegründet im Raum stehen bleibt, gänzlich falsch scheint sie nicht zu sein. Insgesamt legt Clark eine verhältnismäßig zurückhaltende Bewertung der deutschen Außenpolitik an den Tag. Im Gegensatz zu einer Zeitungsrezension Winklers ist diese Einordnung Clarks aber nicht als revisionistisch einzuschätzen – das Wort erscheint mir im Gegenteil fast ein Kampfbegriff Winklers zur Einordnung von Clarks Studie insgesamt zu sein.

Als nächstes werden die Balkankriege und das „Pulverfass“ Europas näher unter die Lupe genommen. Als den ersten Auslöser des Chaos auf dem Balkan macht Clark den Angriff Italiens auf die osmanische Provinz Libyen aus. Die rückständige türkische Armee konnte Italien nichts entgegensetzen, auch aufgrund der damals hochmodernen Kampfmethoden, etwa des ersten Flächenbombardements aus der Luft. Für alle Welt wurde sichtbar, dass das osmanische Reich geschwächt war und seine Provinzen nicht mehr schützen konnte. Daher brach der erste Balkankrieg aus, in dem die Osmanen bis auf den winzigen Rest ihres europäischen Reichs zurückgedrängt wurden, der noch heute zum Staatsgebiet der Türkei gehört. Im zweiten Balkankrieg teilten die Balkanstaaten die Beute untereinander auf. Serbien tritt in Clarks Darstellung als der starke Aggressor gegen Österreich-Ungarn und gegen Bulgarien auf. Insbesondere bemerkt er, mit Blick auf die Julikrise, dass die Serben aus Sicht Österreich-Ungarns nur auf harte Ultimaten reagierten. Andererseits bleibt die Verwirrung zurück, dass der erste Schuss im zweiten Balkankrieg, ohne dass die Beweggründe in Clarks Darstellung klar geworden wären, durch die Bulgaren abgegeben wird.

Ein weiterer Aspekt an den Balkankriegen war das ambivalente Auftreten Russlands. Es trieb die Bündnisse der slawischen Staaten auf dem Balkan voran, um die Türkei und damit die Beherrschung der Meerengen zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer zu schwächen; es bekommt aber vor Ausbruch des ersten Balkankriegs noch Angst vor der eigenen Courage und warnt seine Verbündeten Serbien und Bulgarien vor den Folgen eines Kriegs. Österreich-Ungarn blieb in diesen Konflikten isoliert, auch ohne Unterstützung von seinem einzigen Verbündeten Deutschland. Es versuchte eine Eindämmungspolitik gegen Serbien, um die serbische Minderheit in Österreich-Ungarn unter Kontrolle halten zu können (hier liegt eine der Ursachen für die Gründung eines unabhängigen Albanien, das den Serben den Zugang zum Mittelmeer versperrte). Frankreich schließlich fördert die Rüstung in Russland, um seine eigene Defensive bei einem Krieg gegen Deutschland zu stärken. Hier findet sich ein bemerkenswertes Porträt des Ministerpräsidenten Poincaré, das auch sein Verhalten in der Julikrise erhellen wird: ein Machtpolitiker, der auf der Welle des Nationalismus während der Marokkokrise ins Amt gewählt wurde, aber danach innenpolitisch angeschlagen war; so stark er in der Außenpolitik auftreten konnte, so geschwächt war er im Innern. Er musste mit Bedenken auf die nächste Wahl und daher in eine unsichere Zukunft schauen.

In den Jahren 1912 bis 1914 verzeichnet Clark Entspannung im diplomatischen Europa. In den Augen der Zeitgenossen war nach den Balkankriegen ein weiterer europäischer Krieg eher unwahrscheinlicher geworden: die Diplomatie der Großmächte konnte Krisen verhindern oder wenigstens stark lokal begrenzen. Noch im Mai 1914 erklärte ein hoher Beamter im britischen Außenministerium, er habe in all seinen Dienstjahren nie ein so ruhiges internationales Umfeld erlebt.

Clark stellt auch hier die üblichen Ansichten der Geschichtsschreibung um: die beiden gegenüberstehenden Bündnisse (die in seiner Darstellung schon nicht aus dem Auftrumpfen Deutschlands entstanden waren) waren nicht so starr und unbeweglich wie es schien: zwischen Großbritannien und Russland kam es zu Spannungen aufgrund der Interessenskonflikte in Persien und China. Clark vermutet, dass die Abkommen nach ihrem Auslaufen 1915 nicht verlängert worden wären. Ohnehin erholte sich Russland sehr schnell von den wirtschaftlichen und militärischen Rückschlägen nach der Niederlage gegen Japan, und sowohl Großbritannien als auch die Mittelmächte sahen diesem Erstarken mit Unbehagen entgegen. Trotz des Scheiterns der Haldane-Mission zur Reduktion der deutschen Flottenrüstung kam es zu Annäherungen zwischen Großbritannien und Deutschland – das Scheitern Haldanes wirkt besonders in der Rückschau als Vorbote des Kriegs, in der Ansicht der Zeitgenossen wurde es weniger dramatisch empfunden.

Die vorhandenen Bündnisse, bei aller Bewegung, die Clark dort aufzeichnet, dominierten dennoch die Handlungen der Akteure. So ließ der britische Außenminister Grey 1912 die Warnung an Deutschland verlauten, dass die beiden Staaten im Kriegsfall Gegner wären. Diese deutliche Warnung wurde vom latent anglophilen Kaiser erschrocken aufgenommen, der daraufhin den berüchtigten „Kriegsrat“ mit seinen Generälen einberief. Von Röhl wird diese Besprechung, an der der Reichskanzler Bethmann-Hollweg nicht teilnahm, als Vorbereitung auf einen Angriffskrieg 1914 aufgefasst und dort zu einem zentralen Beweisstück bei der Argumentation der deutschen Kriegsschuld. Der Zeitverzug von eineinhalb Jahren wurde tatsächlich von Admiral Tirpitz gefordert, um die Abwägung zwischen deutscher Flottenrüstung und russischer Aufrüstung zu optimieren. Würde länger gewartet, wäre das Kräfteverhältnis der Gegner zu ungünstig. Die Runde ging auseinander mit dem Plan, diesen Angriffskrieg propagandistisch vorzubereiten – was nicht geschah. Schon der Begriff „Kriegsrat“ ist vom Reichskanzler im Nachhinein ironisch geprägt worden, einer der Teilnehmer notierte sich, das Ergebnis sei praktisch Null gewesen. Daher auch die herrschende Meinung, die auch von Clark unterstützt wird: die Besprechung war nach der britischen Drohung ein reflexartig erschrecktes Gerede ohne Folgen. Es gab keine vorangetriebene Aufrüstung, keine Propaganda, keine Umstellung der Wirtschaft. Schon beim nächsten Aufflackern einer Krise auf dem Balkan wenige Wochen später gab es kein Drängen auf Eskalation mehr. Die Grundidee der Militärs, dass der Krieg besser früher als später zu führen sei, war jedoch auch in der Julikrise noch präsent.

In dieser Phase drängten sowohl Frankreich als auch Russland die Serben zu einer Politik der Stärke auf dem Balkan. Clark nennt dies einen „geopolitischen Zündmechanismus“, den die beiden Großmächte auf dem Balkan gelegt hätten. In diesem „Balkan-Szenario“ wollte Frankreich, so Clark, sicherstellen, dass sich Russland als slawische Vormacht in einem möglichen Krieg mit Deutschland ebenfalls engagieren würde. Dies würde offensive Strategien Frankreichs gegen Deutschland ermöglicht haben. Allerdings stellt Clark auch klar, dass weder Frankreich noch Russland Pläne für einen Kriegsbeginn vorangetrieben hätten – solche Pläne gab es nicht. Das Spiel mit dem Feuer an diesem Zündmechanismus (in der älteren Literatur: dem Pulverfass) gab es jedoch schon.

Ein Grundprinzip der europäischen Diplomatie jener Zeit wird dabei deutlich: Alle Beteiligten waren im Unklaren über Absichten und Motive sowohl der Freunde als auch der Feinde. Sie sind durch Spionage und durch offizielle Kanäle gut über die Schritte der anderen Mächte informiert – aber alle Maßnahmen, die subjektiv zur höheren eigenen Sicherheit ergriffen werden, werden anderswo als aggressiv wahrgenommen. So geriet Europa in eine Spirale von Aufrüstung und Unsicherheit, die sich dann in der Julikrise fatal auswirken sollte. Keine der Mächte arbeitete wirklich auf einen Krieg hin, aber jede erwartete, dass der Krieg kommen würde – und möglicherweise in einer subjektiv ungünstigen Situation.

Solche Gedanken gab es in den meisten europäischen Staaten. Alle sahen sich mit dem Rücken zur Wand. Es waren viele Informationen aus den verschiedensten Kanälen verfügbar, aber sie wurden häufig falsch interpretiert oder in den falschen Kontext gesetzt – so stieg allseits die Furcht vor dem nächsten Krieg, die Rüstung wurde vorangetrieben, was wiederum anderswo registriert wurde.

Allerdings stellt Clark sehr deutlich heraus, dass die Zukunft offen war. Der Krieg war nicht unvermeidlich, auch wenn er in der Rückschau so erscheint. Weder die Julikrise selbst, noch der Kriegsausbruch in ihrer Folge waren zwangsläufig.

In der Beschreibung des Attentats von Sarajevo beginnt Clark ein fast journalistisches Kapitel in seiner Studie. Er nimmt die Abläufe des 28. Juni 1914 äußerst akribisch und sehr detailliert unter die Lupe, daneben bringt er die Erinnerung von Zeitgenossen an diesen Tag in einer Art von Blitzlichtmoment zur Sprache. Ähnlich wie bei den Anschlägen vom 11. September 2001 konnten sich viele daran erinnern, wo sie waren als sie vom Attentat auf den Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich und seine Frau Sophie Chotek erfuhren. Unabhängig von der nicht sonderlich hohen Meinung, die der Erzherzog in der damaligen Öffentlichkeit genoss, nahmen die Menschen Anteil am Schicksal des Thronfolger-Ehepaars. Auch die überlieferten letzten Worte Franz Ferdinands „Sopherl, Sopherl, sterbe nicht, bleib am Leben für unsere Kinder“ wurden stark rezipiert („these words went viral“ ist der Ausdruck, den Clark selbst in einem Vortrag dafür verwendet hat).

Die Attentäter waren eine Gruppe bosnischer Serben, die erfolglos ein Bombenattentat versuchten und später mit zwei Pistolenschüssen erfolgreich waren. Das Gift, das sie mit sich führten, wirkte nicht. Die österreichischen Untersuchungsrichter klärten binnen Tagen das Verbrechen auf und fanden Spuren der Attentäter nach Serbien. Der serbische Staat kooperierte zwar offiziell mit den Ermittlungen, aber war dabei objektiv gesehen eher zurückhaltend.

In Österreich-Ungarn wurden sofort Stimmen für einen Krieg gegen Serbien laut, auch der eher besonnene Regierungschef schwenkte auf diese Linie ein. Clark entwirft hier eine Art virtuelles Szenario (das sich in der Literatur aber auch an anderer Stelle findet, so etwas verklausulierter bei Keegan): hätte Österreich-Ungarn sofort Serbien angegriffen und in einer Art Kurzschlusshandlung Vergeltung für das Attentat genommen, hätte es auf der diplomatischen Bühne Verständnis ernten können. Allerdings kam es nicht so weit: Österreich-Ungarn verschleppte seine Reaktion nach den Ermittlungen und setzte zunächst eine diplomatische Mission nach Berlin in Gang, um bei den Verbündeten Rückendeckung zu suchen.

In Berlin erhielten die österreichischen Diplomaten den später berühmt gewordenen Blankoscheck. Kaiser und Reichskanzler erteilten ihn unter der Annahme, dass der Konflikt lokal begrenzt bleiben würde. Insbesondere der Kaiser unterstellte, dass sich keine der anderen Großmächte auf die Seite Serbiens und also der Mörder stellen würde – ein Reflex auf die antiquierten Vorstellungen von Ehre und Zusammenhalt unter Adligen. Die Deutschen unternahmen keine Vorbereitungen auf einen kommenden Krieg, aber wirkten auch explizit nicht deeskalierend auf ihre Verbündeten. Sicher spielte hier auch eine Rolle, dass Österreich-Ungarn als einzige verbliebene verbündete Großmacht nicht im Stich gelassen werden sollte. Der Großmachtstatus der Doppelmonarchie war ohnedies aufgrund der divergierenden nationalen Strömungen innerhalb des Vielvölkerstaates gefährdet, die Entente wartete geradezu auf ihren Zerfall. Auch vor diesem Hintergrund sah Österreich-Ungarn nur den Weg zum Krieg gegen Serbien, es hatte dabei keine Exit-Strategie; allenfalls war eine Strategie, die Rolle des Aggressors anderen zuzuweisen (zunächst an Serbien, später in der Krise an Russland – eine Strategie, die in ganz Europa auf ähnliche Weise anzuwenden versucht wurde). Tatsächlich hatte Österreich-Ungarn nicht nur keine Exit-Strategie, sondern gar keine Kriegsziele. Es wollte den Krieg als Vergeltung für das Attentat, wusste aber nicht, was es im Krieg wirklich erreichen wollte. Ähnlich schlecht war auch Deutschland sortiert, jedenfalls kam in der diplomatischen Korrespondenz während der Krise zwischen diesen Verbündeten auch kein Imperialismus vor, sondern nur die unmittelbare Kriegsvorbereitung.

Allerdings dauerte es auch nach dem Blankoscheck noch Wochen bis Österreich-Ungarn tatsächlich Schritte gegen Serbien unternahm – das Ultimatum, das bewusst als unannehmbar für Serbien konzipiert war, wurde zurückgehalten bis ein Staatsbesuch Poincarés in Russland beendet wäre. Es gab jedoch genügend Agenten in allen Hauptstädten Europas, dass der Text des Ultimatums bereits vorher durchgesickert war. Insbesondere war das Ultimatum, als es überreicht wurde, kein Schock mehr für die Entente (anders als in der älteren Literatur gelegentlich dargestellt wird und anders als manche der Akteure selbst in ihren Memoiren geschildert haben).

Dass das Ultimatum damals als unannehmbar galt, versucht Clark durch einen Vergleich mit jüngeren Ultimaten, etwa eines der Nato an Serbien Ende der 1990er Jahre, abzuschwächen. Dass er hierbei mit zweierlei Maß misst, scheint für seine Studie keine Rolle zu spielen – da aber sein vorher vorgebrachter Einwand, dass die Geschichte stets offen ist, auch hier gilt, ist ein solcher Anspruch an die damalige Diplomatie nicht zulässig. Zwar mag es später auch schärfere Tonarten in der Diplomatie gegeben haben, aber in der damaligen Zeit war ein solches Ultimatum tatsächlich (fast im Wortsinne) unerhört. Und es war auch noch so gemeint wie es verstanden wurde.

Als die Serben das Ultimatum erhalten hatten, trat dort eine Vermeidungsstrategie an den Tag. Der Regierungschef versuchte in der Provinz abzutauchen, die restliche Regierung war gewillt allen Forderungen nachzugeben. Als aber aus Russland Signale kamen, die den Serben den Rücken stärkten, wurde eine sehr geschickte Antwort konzipiert. Der Ton der Antwortnote Serbiens war sehr konziliant, es wurden oberflächlich viele Zugeständnisse an Österreich-Ungarn gemacht, aber es gab auch viel Verschleierung. Nur der härteste Punkt des Ultimatums, der als Angriff auf die Souveränität des Staates Serbien aufzufassen war, wurde klar abgelehnt. Die Antwort wurde erst unmittelbar vor Ablauf der Frist fertig, sie wurde aus Zeitnot sogar handschriftlich überreicht, da keine Zeit mehr für die Drucklegung oder eine maschinelle Abschrift blieb. Unmittelbar danach erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg.

Tatsächlich war der deutsche Kaiser nach Lektüre der Antwortnote überzeugt, dass damit jeder Kriegsgrund wegfalle. Wenn man die sonstigen großsprecherischen Randnotizen Wilhelms II. liest, erscheint das geradezu verblüffend. In der Tat wollte der Kaiser diesen Krieg nicht führen (zumindest nicht als europäischen Krieg), wenn er auch nicht unschuldig war an vielen Schritten, die auf diesen Weg geführt hatten. Umgekehrt zeigt sein Verhalten während der Julikrise auch, dass der Kaiser keine Rolle in diesen politischen Vorgängen spielte – im Gegensatz zu den Grundaussagen Röhls drehte sich Deutschland nicht einzig und allein um die Person des Kaisers. In der Tat wurde er sogar von den Entscheidungen ferngehalten, wurde auf seine Nordlandfahrt geschickt und nahm eher eine formale Position ohne Befugnisse während der Krise ein. Der enge Fokus Röhls lässt keinen scharfen Blick auf das Kaiserreich und den Ersten Weltkrieg zu.

Russland hatte sich schon auf den Krieg vorbereitet, während das Ultimatum an Serbien noch lief. Durch die Mobilisierung wurden alle anderen Armeen Europas ebenfalls in Bereitschaft gesetzt, insofern deutet auch Keegan die russische Generalmobilmachung als den entscheidenden verschärfenden Schritt für die Krise. Diese Wirkung musste auch für die russische Regierung klar sein, die Beweggründe sind ähnlich wie in Deutschland: wenn der Krieg schon sein müsste, dann sollte er lieber früher als später sein, zu Bedingungen, die man jetzt in der Hand hatte. In Russland herrschte die Befürchtung, dass Serbien als befreundeter Staat verloren gehen könnte, dass es in Österreich-Ungarn in den nächsten Jahren zum Umsturz kommen könnte, mit kaum absehbaren Folgen für den Balkan und die slawischen Völker dort. Insbesondere würde Russland am Bosporus vor vollendeten Tatsachen stehen können (eines der Schreckgespenster für die Regierung in St. Petersburg, das bereits im zweiten Balkankrieg aufgekommen war).

Tatsächlich war der Zar lange unentschlossen und widerrief die Planungen seiner militärischen Berater mehrfach: er ordnete zunächst eine militärisch nachteilige Teilmobilmachung an, um die Situation nicht zu forcieren, er setzte auch den Befehl zur Generalmobilmachung für einen Tag aus, nachdem er ein Telegramm des deutschen Kaisers mit Vermittlungsvorschlägen erhalten hatte. Schließlich ließ der Zar sich aber aus Furcht vor einem Angriff auf Russland und durch das starke nationale Pathos beeinflussen.

Nach der russischen Mobilisierung folgte fast automatisch die deutsche. Dennoch glaubte die deutsche Staatsspitze phasenweise, den Krieg lokalisieren zu können. Aufgrund missverständlicher Äußerungen des britischen Außenministers glaubte der Kaiser, dass England neutral bleiben würde. Es wurde sogar erwogen, vom Schlieffenplan abzuweichen, um einen Krieg nur im Osten führen zu können. Als das Missverständnis aufgeklärt wurde, lief der Aufmarsch ab wie geplant, es wurden Ultimaten an Belgien gegeben und schließlich brach der Krieg gegen die Entente aus.

Hier noch eine Bemerkung zum Schlieffenplan, der von Clark nur kurz gestreift wird. Eine tiefere Analyse findet sich bei Keegan und ein wahrer Verriss bei Haffner. Der Plan war der einzige, den die deutsche militärische Führung für einen europäischen Krieg hatte. Er sah einen schnellen Feldzug im Westen gegen Frankreich vor, bevor alle Kräfte gegen Russland geworfen werden würden. Bizarrerweise gab es keine andere Planung: wenn also, wie in der Julikrise, eine Kriegsgefahr im Osten entstand, musste aus militärischen Gründen ein Angriffskrieg im Westen begonnen werden (ein Defensivkrieg gegen Frankreich wäre aufgrund der Bündnissituation auch in der Julikrise im Bereich des Möglichen gewesen). In der Tat: die deutsche Führung erwartete in der Krise einen kurzen Krieg im Osten und begann einen großen Krieg im Westen. So war die Politik und Diplomatie aufgrund der mangelnden Flexibilität des Generalstabs außerordentlich eingeschränkt. Auch Bethmann Hollweg erklärte während des Kriegs, er habe sich von den Militärs zum Krieg gedrängt gefühlt – sowohl vom Zeitpunkt als auch von der Art und Weise her betrachtet („Ja, die Militärs“; übrigens ein Zitat, das sich bei Clark irritierenderweise nicht finden lässt; es weist auf die besondere Forcierung der Krise durch Deutschland hin).

Mit den wechselseitigen Kriegserklärungen endet Clarks Studie. Die titelgebenden Schlafwandler tauchen erst im allerletzten Absatz des Buches auf und erscheinen nach der Lektüre nicht mehr sonderlich glaubwürdig – die Akteure waren tatsächlich keine Schlafwandler, die unbewusst einen unsicheren Weg gingen. Sie waren sich über die Wirkung ihrer Schritte deutlich im Klaren, wenig geschah wirklich zufällig oder war unausweichlich, wenn auch die Schritte nicht immer rational waren oder unter unvollständiger Information litten.

In der Geschichtswissenschaft ist Clarks Studie auf ein geteiltes Echo gestoßen. Clark polarisiert, und das ist in gewisser Weise der beste Beitrag, den er leisten konnte: er regt die Diskussion an und fordert zum Widerspruch heraus. Ein verbreiteter Vorwurf ist, dass er die Verantwortung der deutschen Regierung herunterspielt (bis hin zum oben schon angesprochenen Vorwurf des Revisionismus) und insbesondere den Einfluss der russischen Mobilmachung als bedeutender bewertet als den Blankoscheck an Österreich. Über den Wahrheitsgehalt lässt sich vortrefflich streiten (eskaliert die Krise erst mit der Mobilmachung oder gibt es ohne den Blankoscheck überhaupt keine Krise?).

Ein weiterer Kritikpunkt, den man in der Tat teilen muss, ist die weitgehende Konzentration Clarks auf Politik und Diplomatie. Die Bevölkerung taucht praktisch nur am Ende im nicht vorhandenen Augusterlebnis auf (das immerhin eine hoch relevante Feststellung) und punktuell als veröffentlichte Meinung, die die handelnden Politiker vor sich her trieb. Insofern schreibt Clark eine überraschend altmodische Studie, ohne Berücksichtigung von Strukturen und Gesellschaftsaspekten. Das diskreditiert das Buch nicht per se, aber es verengt den Fokus so weit, dass einige andere Fakten unter den Tisch gefallen sein könnten. Hier ist aber auch die große Leistung Clarks in Rechnung zu stellen, die in der Aufarbeitung unermesslich vieler Quellen aus staatlichen Archiven besteht. Liest man das Buch als eine aufbereitete und kommentierte Quellensammlung aus diesen Archiven, ist es ein äußerst wertvoller Beitrag zur Geschichtswissenschaft und mag als Grundlage weiterer Studien in der Zukunft dienen.

Schließlich gibt es den Kritikpunkt, dass Clark, auch wenn er keine Anklageschrift verfassen wollte, doch einen Schurken in seinem Drama hätte: die Serben. Ullrich führt diesen Punkt in seiner Rezension an, ohne ihn jedoch belastbar zu begründen. Mir selbst war dies beim lesen nicht aufgefallen, die Serben erschienen mir kaum mehr und kaum weniger involviert als alle anderen Beteiligten. In der Tat haben die Attentäter von Sarajevo serbische Verbindungen, aber die von Ullrich beschriebenen negativen Wertungen und Akzente gegen Serbien kann ich nicht wiederfinden.

Eine schöne Ergänzung zu Clarks Buch ist ein Vortrag, den er an mehreren Universitäten bereits gehalten hat.

Dort skizziert er detailliert die Abläufe des 28. Juni 1914 und die Hintergründe der Attentäter, bevor er erklärt, warum er das Buch zu der bereits extrem großen Bibliographie zu den Ursachen des Ersten Weltkriegs hinzugefügt hat. Er möchte sich nicht auf die Suche nach der Schuld machen, sondern eher nach den Ursachen forschen. Nicht das „warum“ (denn daraus folgt sofort „wer“), sondern das „wie“ steht für ihn im Vordergrund. Und in der Tat, die Geschichte ist viel zu komplex um einem einzelnen Akteur, oder auch einer separaten Gruppe von Akteuren, die Schuld zuzuweisen. Es gibt keinen Täter wie in den Romanen von Agatha Christie. Oder wie schon Schulze formuliert hat: „Die Frage nach der Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs, die bis heute die Gemüter bewegt, ist töricht gestellt. Schuld können nur einzelne verantwortlich handelnde Menschen haben und die Ursachen des Ersten Weltkriegs sind viel zu weit gefächert, als dass einzelne verantwortliche Politiker namhaft zu machen wären.“

Ein weiterer Aspekt, den Clark im Vortrag herausstellen kann, ist dass das Thema uns heute näher ist als vor 30 Jahren. Damals herrschte der Kalte Krieg, die Welt war bipolar und relativ klar aufgeteilt. Heute gibt es eine multipolare, komplexere Situation, ähnlich wie vor dem Ersten Weltkrieg. Die Julikrise wurde durch einen terroristischen Anschlag ausgeübt, von Tätern, die zum Selbstmord bereit waren. Und das Missverständnis, dem Clark offenbar begegnen wollte, ist, dass die Szenerie zwar alt wirkt (Männer mit Uniformen, Straußenfedern auf den Hüten und so weiter), aber dass diese Geschichte noch immer lehrreich ist und zu uns sprechen kann.

Insofern ist die Studie Clarks eine sehr wertvolle, hervorragend recherchiert und sehr lehrreich, auch für das heutige Verständnis von der Welt. Über die inhaltlichen und argumentativen Schwächen lässt das nicht ohne weiteres hinwegsehen; allerdings ist es auch sehr weit hergeholt, wenn man Clark Revisionismus unterstellt, oder dass er die Schuld am Krieg von Deutschland weglenken wollte. In der Tat beleuchtet er die Julikrise so, dass man unmöglich von einer Alleinschuld der Mittelmächte sprechen könnte – aber das hat in den letzten Jahrzehnten ohnedies niemand mehr ernsthaft behaupten wollen. Tatsächlich ist die Gegenposition zu Clark, dass eine Schuldfrage sehr wohl relevant wäre, mit der expliziten Bejahung der rhetorischen Frage, ob es wirklich nötig sei, die beteiligten Staaten nach ihrer Schuld zu sortieren und zu bewerten; hier ist tatsächlich explizit Clark zuzustimmen: die Schuldfrage ist natürlich für das Verständnis der Historie relevant, kein Zweifel; aber die Schuldfrage ist für die Lehren, die man aus der Geschichte zieht, vollkommen belanglos. Hier stößt man schnell auf das Grundproblem: was soll die Geschichte leisten? Der Historiker ist ein rückwärtsgewandter Prophet, wer die Geschichte nicht versteht, kann die heutige Welt nicht verstehen. Aber eben hierfür ist das „wie“ entscheidend und nicht das „wer“. Und wenn der Krieg schon vorbei ist und alle jemals daran Beteiligten tot sind – was soll dann die Schuld, wenn es keine Sühne mehr geben kann? Das bedeutet aber explizit nicht, dass man sich nicht dessen bewusst sein soll, was im Krieg geschah und wie es dazu kommen konnte. Denn nur daraus lassen sich die Lehren ziehen, die man aus der Geschichte ziehen muss (das wird analog umso deutlicher beim Zweiten Weltkrieg, bei dem gottlob niemand über die Schuld diskutiert).

Irritierend ist die Begeisterung, die aufgrund dieses angeblichen „Freispruchs“ durch Clark entstanden ist. Diesen Freispruch gibt es in der Studie nicht, aber was würde er auch nützen? Weder die Bundesrepublik Deutschland noch die heutige deutsche Bevölkerung wird heute noch für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs verantwortlich gemacht. Es geht nicht mehr ernsthaft um Schuld und Sühne, der Krieg kann ohnedies nicht ungeschehen gemacht werden. Es ist Geschichte. Die Geschichte dient der Erklärung der heutigen Welt. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Eines Tages werden wir alt sein.

Das Internet bietet jungen Künstlern aller Richtungen eine Plattform, die vor wenigen Jahrzehnten noch undenkbar war. Eine der Künstlerinnen, die aufgrund eines youtube-Mitschnitts bekannt wurde, ist die Poetry Slammerin Julia Engelmann. Sie ist Studentin und schrieb ursprünglich nebenher Gedichte. Als sie in Bielefeld ihren „Reckoning Text“ vortrug (aufbauend auf dem Refrain des „Reckoning Song“ von Asaf Avidan), wurde ihr Auftritt mitgeschnitten und hat inzwischen fast 10 Millionen Klicks gesammelt. Es handelt sich um ihren bekanntesten Text, er ist voller interessanter Gedanken, voller intelligenter und witziger Sprachspiele und er kann die Zuhörer begeistern und beeinflussen. Rundum einfach gelungen.

Aufbauend auf ihrem Internet-Ruhm hat Julia Engelmann inzwischen zwei Bände mit ihren Gedichten in Buchform veröffentlicht, sie geht auf Deutschland-Tour und es ist noch kein Ende abzusehen.

Das youtube-Video, das sie bekannt gemacht hat, ist hochinteressant. Die Autorin trägt ihren Text sehr gefühlvoll vor, sehr mitreißend, sehr spannend, höchstens ein wenig schnell. Und doch wird sichtbar, dass sie eine Rolle spielt: ihre Stimme ist zu Beginn brüchig, sie scheint nervös zu sein – gleichzeitig ist sie so souverän in ihrem Vortrag, mit einer offenbar ausgebildeten Stimme und vielen kleinen Finessen, die zum Flair des Auftritts beitragen. Sie spielt die Rolle der kleinen Studentin auf der großen Bühne und balanciert das mit einem perfekten Vortrag aus. Vortrag und Auftritt ergänzen sich auch inhaltlich: die junge Studentin drückt auf der großen Bühne das postulierte Lebensgefühl ihrer Generation aus. Und all dies natürlich auch als legitimes Mittel, um die Slammer-Konkurrenz zu gewinnen. Das soll jedoch nicht schmälern, wie sympathisch sie auch heute bei Live-Auftritten wirkt und wie stark ihre Texte sind. In Live-Auftritten streut sie auch Gesangseinlagen mit Gitarrenbegleitung in einem Singer/Songwriter-Stil ein, bei denen sie weiter positiv mit ihrer Stimme überraschen kann.

All ihre Gedichte gewinnen immens, wenn man sie von der Autorin gesprochen hört. In Textform geht leider sehr viel von dem Gefühl, vom Sprachwitz und von der angedachten Betonung verloren. Neben dem „Reckoning Text“ seien mindestens „Lass mal ne Nacht drüber tanzen“ und „Ich kann alleine sein“ genannt. Wie die Lyrische Hausapotheke Erich Kästners bieten Julia Engelmanns Gedichte Anlehnung für diverse Lebenslagen – es ist daher problematisch, unterschiedliche Gedichte hervorzuheben. Ein wiederkehrendes Thema ist aber der Versuch der verkopften Studentin aus dem Verkopftsein herauszukommen. Ein Impuls, der mir nicht fremd ist.

Für eine umfassende Analyse des „Reckoning Texts“ ist hier nicht der Ort. Die Kernaussage entspricht dem bekannten, aber nicht direkt erwähnten „Carpe Diem“: Nutze den Tag. Die vielen Möglichkeiten, die sich bieten, sollten genutzt und ausprobiert werden, bevor man es in einigen Jahren nicht mehr kann. An diversen Beispielen und in unterschiedlichen Abwandlungen wird diese Kernaussage variiert. Hier seien nur die geniale Harry Potter-Referenz

Ich bin so furchtbar faul
mein Patronus ist ein Schweinehund

genannt und die nicht minder geniale Zeile

Wer genau guckt, der sieht,
dass Mut auch bloß ein Anagramm von Glück ist

Letztere hat mich aufgeschreckt, als ich das Gedicht erstmals gehört habe.

Man kann über diese Zeile ausgiebig diskutieren, ich habe beispielsweise eine Besprechung gefunden, die diesen Aphorismus auf eine neoliberale politische Haltung hin deutet (was mir über das Ziel der Autorin hinauszuschießen scheint). Tatsächlich glaube ich, die Absicht des Texts ist, Lethargie abzulegen: ein Weg aus dem empfundenen Unglück ist, das Unglück selbst aktiv abwenden zu wollen – Mut wird nicht garantieren, dass Glück kommt, aber ohne Mut ist die Chance auf Glück viel geringer. Man würde in aller Lethargie darauf warten, dass das Glück zu einem kommt und müsste dann auch noch in der Lage sein zuzugreifen.

Alle diese Gedanken sind natürlich nicht neu, aber sie sind hier fabelhaft verpackt und dargestellt. Mir fallen nur zwei Varianten dieser Gedanken sein, die sich ähnlich tief in mir eingeprägt haben. Eine im Film über „Die fabelhafte Welt der Amélie“ mit dem schönen Satz

Das Glück ist wie die Tour de France:
man wartet so lange darauf und dann rast es vorbei.

Die andere in dem Gleichnis vom Lottogewinn, in dem ein Mann zu Gott betet, dass er wegen seiner Geldsorgen um einen Lottogewinn gebrauchen könnte. Über Wochen hinweg betet der Mann jeden Tag dafür, bis sich eines Tages der Himmel auftut und Gott zu ihm spricht: „dann kauf dir doch endlich einen Lottoschein!“ Und auch wenn Julia Engelmann eine leicht andere Zielrichtung mit ihrem Text verfolgt, so ist es doch vergleichbar:

Eines Tages werd ich alt sein und an all die Geschichten denken, die ich hätte erzählen können.

Alle von Julia Engelmanns Texten zeugen von tiefem Nachdenken über den jeweils behandelten Seelenzustand, und von einem ungeheuren Talent für Sprache. Ein Segen, dass sie aufgrund des Internets bekannt wurde und diese Berühmtheit länger als die oft zitierten 15 Minuten andauert. Gemessen daran, dass ich im Allgemeinen mit Prosa viel mehr anfangen kann als mit Lyrik, kann ich der Autorin kein höheres Lob aussprechen als dieses: diese Gedichte lese ich gerne und höre sie noch lieber.

Anmerkungen zu Adenauer

Zu vielen Personen der Zeitgeschichte sind Biographien erschienen, seien es lebende oder nicht. Alle sind auf ihre Weise bedeutend, schließlich wäre eine Biographie sonst eher belanglos. Andererseits gibt es diverse relevante Personen, die nicht durch Biographien erschlossen zu sein scheinen. Ein solches Beispiel ist Konrad Adenauer (1876-1967), der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, der in vielerlei Hinsicht eine bedeutende Persönlichkeit darstellt – allein die politischen Weichenstellungen, für die er während seiner Amtszeit in Westdeutschland gesorgt hat und die auf Jahrzehnte hinaus die Bundesrepublik definiert haben. Und dennoch gibt es nicht viele Untersuchungen über ihn.

Das Standardwerk ist eine zweibändige Biographie von Hans-Peter Schwarz, die bereits Ende der 1980er Jahre geschrieben wurde. Naheliegenderweise standen Schwarz damals nicht alle heute verfügbaren Quellen zur Verfügung, namentlich Unterlagen aus der Sowjetunion, der DDR und auch keine Verschlusssachen der Bundesregierung, die einer Sperrfrist unterlagen. Dennoch ist seine Arbeit noch immer diejenige Schrift, die als Hauptbiographie Adenauers zitiert wird. Schwarz hat außerdem eine verkürzte Fassung veröffentlicht, die „einsteigerfreundlicher“ gehalten ist und deutlich kürzer ausfällt (deren Titel hier zugegeben fälschlicherweise als Titel für diesen Text verwendet wurde). Daneben gibt es eine Art „Konkurrenzarbeit“ von Henning Köhler, von dem im Folgenden noch die Rede sein wird. Alle weiteren mir bekannten Biographien Adenauers sind bestenfalls Exkurse innerhalb größerer Gesamtdarstellungen der Nachkriegszeit oder der bundesdeutschen Geschichte, oder sie sind Teil von Essaysammlungen über alle deutschen Kanzler. Gemessen an der Bedeutung Adenauers erscheint mir dies als ein Mangel in der aktuellen Geschichtsschreibung – das ist nicht als Schmälerung von Schwarz‘ Biographie gemeint, sondern als Schließung der Lücke, die durch seit 1990 neu verfügbare Quellen entstanden ist. Andere Personen (exemplarisch genannt seien Helmut Schmidt, Bismarck oder auch Adolf Hitler) werden mit deutlich mehr Biographien gewürdigt – wobei natürlich nicht die Anzahl relevant ist, sondern die damit verbundene verschieden ausgelegte Quellenarbeit und folglich die ausdifferenzierte Sichtweise, die die aktuelle Wissenschaft auf die jeweilige Person hat.

Nun ist Adenauer insgesamt eine sehr gut beleuchtete Figur. Keine Darstellung der Bundesrepublik kommt ohne einen Abriss seiner Biographie aus und doch bleiben viele Fragen unbeantwortet. Das Werk von Schwarz ist hierbei äußerst aufschlussreich und es soll daher hier dargestellt werden. Dabei ist vorauszuschicken, dass in vielen Belangen Schwarz sehr wohlwollend formuliert. Insbesondere der Kölner Oberbürgermeister und der Familienvater Adenauer werden in den leuchtendsten Farben dargestellt. Erst der Machtmensch, der sich auf den Weg zur Kanzlerschaft macht, erfährt auch ausgiebigere negative Schilderungen. Dabei suche ich nicht aktiv nach den negativen Seiten – im Gegenteil ist es eine Wohltat, in einem Geschichtswerk auch über positive Persönlichkeiten lesen zu dürfen und nicht nur über Tyrannen und Despoten (diese sind aus historischer Sicht allerdings erschreckend häufig die relevanten Figuren).

Schwarz hat seine Biographie sehr fokussiert angelegt. Insgesamt ergeben seine Bände über 1800 Seiten, mit der Trennung der Bände im Jahr 1952. Schon dies lässt erkennen, dass es sich um eine politische Biographie des Bundeskanzlers Adenauer handelt, der eine Art „Ouvertüre“ zugestanden wird. Im ersten Band endet der 2. Weltkrieg nach gut 400 Seiten. Gemessen daran, dass ich besonders an dieser Vorgeschichte vor 1945 interessiert war, habe ich mich beim ersten Blättern durch das Werk darüber durchaus gewundert: Die letzten 22 Lebensjahre nehmen mehr als dreimal so viel Platz ein wie die ersten 69. Beim Lesen wurde mir der Grund für diese Fokussierung jedoch zusehends klarer. Der hier vorliegende Text kehrt das Verhältnis allerdings aufgrund meiner konkreten Interessenlage etwas um und behandelt entsprechend auch nur den ersten Band, der mit „Der Aufstieg“ überschrieben ist. Den zweiten Band hat Schwarz mit „Der Staatsmann“ betitelt, dieser soll hier nicht behandelt werden.

Die Jugend- und Studienjahre Adenauers sind in der Tat für alles spätere erstaunlich belanglos. Natürlich ist Adenauer ein Kind seiner Zeit und ein Produkt seiner Umgebung. Aber er ist darin in keiner Weise besonders. Sein Weg ist nicht vorgezeichnet, er selbst hebt sich nicht wesentlich von seiner Umgebung ab und wenig von seiner tatsächlichen politischen Ausrichtung scheint aus dieser Phase zu stammen. Er wächst jedoch als Rheinländer im besten und im schlechtesten Sinne auf: sein Dialekt, sein Humor und seine Heimatverbundenheit haben natürlich ihre Wurzeln schon in der Kindheit. Eine Aussage Bismarcks lässt sich aber auf Adenauer praktisch wörtlich übertragen: „Als normales Produkt unseres staatlichen Unterrichts verließ ich die Schule“. Und analoges gilt für das Studium der Rechtswissenschaften, das er, entgegen dem Humboldtschen Bildungsideal, als Brotstudium führte. Er strebte eine Stellung als Notar an und zog daher (und auch aus Geldnot) seine Studien möglichst stringent durch.

Schwarz arbeitet in diesem Zusammenhang die Charaktereigenschaften Adenauers sehr anschaulich heraus, die mir das bekannte, geradezu in Stein gemeißelte Denkmal wieder zu einer vollständigen Person werden lassen und mein Adenauerbild deutlich geschärft haben. Eine Art von „no nonsense“-Attitude, voller Fleiß und harter Arbeit, die ihn schon während seiner Studien auszeichnete und aufgrund der er sich außer einer Auslandsreise nur auf das nötige beschränkte; ein Interesse für die Naturwissenschaften (die während seiner Schulzeit in hoher Blüte standen), das er im Alter immer wieder im Rahmen von Erfindungen und Patentanträgen auslebte; auch ein Interesse an Lyrik und Kunst, jedenfalls von Künstlern, die er in seiner Schulzeit kennenlernen konnte: etwa Goethe und Heine, aber nichts von Brecht oder dergleichen; sein tiefer Katholizismus, ohne den er im damaligen Köln kaum aufwachsen konnte.

Sein Studium der Rechtswissenschaften schließt er in der gegebenen Zeit ordentlich ab, um den Beruf einsteigen zu können. Schon aus Geldgründen promoviert er nicht. Er führt als Bundeskanzler den Doktortitel, der ihm von diversen Universitäten ehrenhalber verliehen wird (insbesondere von der Universität zu Köln, für die Verdienste des Oberbürgermeisters um diese Hochschule und für ihre Neugründung). Wie Schwarz treffend schreibt „verwächst“ der Titel im Alter mit seinem Namen.

Wie Adenauer in die Politik gefunden hat, wird merkwürdig diffus und knapp beschrieben. Es scheint sich eine günstige Gelegenheit für den jungen Rechtsassessor ergeben zu haben, Beigeordneter der Stadt Köln zu werden. Warum er seinen Wunsch, Notar zu werden, aufgab, wird nicht erklärt und wie es gelungen ist, die Stadtratsfraktion des Zentrums hinter ihn zu bringen, bleibt ebenso unklar. Dabei wäre gerade dies eine spannende Fragestellung, zumal er in Schwarz‘ Darstellung unmittelbar vor der Wahl zum Beigeordneten noch als „ein unpolitischer junger Mann“ beschrieben wird. Er war offenkundig nicht einmal Parteimitglied des Zentrums, bevor er Beigeordneter wurde. Unabhängig davon ist klar, dass Adenauer sehr schnell großen Gefallen an seiner politischen Tätigkeit fand, die er entsprechend auch zeitlebens nicht mehr aufgeben konnte (wie schnell er nach der erzwungenen Ruhe der Hitlerzeit wieder in die Politik einstieg werden wir noch beleuchten).

Adenauer war mit 30 Jahren jüngster Beigeordneter von Köln und legte weiter eine steile Karriere hin. 1917 wird er schließlich Oberbürgermeister, gemessen an seiner Herkunft ist dies damals im immer noch Wilhelminisch geprägten Deutschland ein sehr großer Erfolg. Als sich die Verhältnisse umstürzen, zeichnet er sich durch ein hervorragendes Krisenmanagement aus: er sorgt für die Verpflegung der Bevölkerung und der heimkehrenden und durchreisenden Soldaten, er arrangiert sich mit der alliierten Besatzung und kann dabei gleichzeitig das maximale für Köln herausschlagen, was Ressourcen und Mitspracherechte angeht. Hier scheint er erstmals ausgiebigen politischen Kontakt mit Franzosen und Briten gehabt zu haben, die ihn als Gesprächspartner schätzen und akzeptieren. Adenauer wird seit damals als politisches Schwergewicht in Deutschland wahrgenommen, insbesondere mit Blick auf die Dezentralisierung und als Gegengewicht zur Regierung in Berlin. Er unternimmt seine ersten außenpolitischen Gehversuche und positioniert sich des öfteren gegen Stresemann.

Über separatistische Bestrebungen Adenauers in den frühen 20er Jahren wird in jeder entsprechenden Abhandlung ausgiebig geschrieben. Die meisten Autoren sind sich darin einig, dass Adenauer kein Separatist war. Er ist stets für die Belange des Rheinlands eingetreten und war kein Anhänger einer allzu mächtigen Zentralregierung in Berlin. Von einer Abscheu gegen alles preußische, wie sie gelegentlich kolportiert wird, kann aber keine Rede sein (Schwarz zitiert einige Quellen hierzu). Auch wird Adenauer damit zitiert, dass aufgrund der politischen Gesamtlage und des damaligen politischen Chaos‘ möglicherweise die Rheinprovinz aus Preußen ausgegliedert würde, aber dann innerhalb Deutschlands bleiben müsste. Insbesondere sorgte sich Adenauer sehr um die Massenstimmung unter dem Eindruck von Arbeitslosigkeit und mangelnder Versorgung, und um die damit verbundene Tendenz, dass sich diese Rheinische Republik zu eng an Frankreich binden würde; nicht zu vergessen die Sorge, dass Frankreich auch von sich aus massiven politischen Einfluss in dieser Republik ausüben könnte. Insgesamt handelt es sich innerhalb des Textes von Schwarz um eine der komplexeren Passagen: die Motive scheinen nicht alle vollständig durchleuchtet, nicht alle Sichtweisen sind transparent geworden. Die Schlussfolgerung ist jedoch klar, im Gegensatz zu manch anderen Texten (so etwa Schulze), in denen es lapidar bei einem Satz der Art „Es steht außer Frage, dass Adenauer keine separatistischen Tendenzen hatte“ belassen wird.

In diesem Zusammenhang verlässt Schwarz kurz seinen sehr ausgewogenen Schreibstil und teilt einen Seitenhieb gegen seinen Kollegen Henning Köhler aus. Konkret übt er Kritik an der Dissertation Köhlers, in der von französischen Einflussagenten bei der Kölnischen Volkszeitung die Rede ist. Die Thesen Köhlers werden von Schwarz (und anderen, die er zitiert) als haltlos dargestellt, und zwar in verblüffend harschem Stil. Gemessen daran, dass Adenauer nur eine Randfigur in dieser Erzählung ist (und aus Symmetriegründen diese Erzählung nur ein Randaspekt in einer Adenauer-Biographie sein sollte), ist die Kritik an Köhler äußerst deutlich. Es ist selten, dass ich mich beim ersten Lesen über eine Textpassage so deutlich gewundert habe wie bei dieser. Ich weiß tatsächlich nicht, wieso die Schärfe hierher kommt. Tatsächlich hat Köhler eine eigene Biographie über Adenauer verfasst, die ich nicht aus eigener Anschauung kenne. Es scheint, eine Art akademischer Fehde zwischen den beiden Autoren zu geben.

Später, im Rahmen der Weltwirtschaftskrise, ist Adenauer nach wie vor Oberbürgermeister von Köln und als solcher eine feste Figur auch in der Berliner Politik. In diese Zeit fällt eine private finanzielle Krise, da er sich massiv in Aktien verspekulierte. Mangels Interesse kümmert er sich nur wenig um seine Geldanlagen und lässt die Sache sehr lange schleifen. Erst spät bemerkt er seinen Fehler, den er aus eigener Kraft nicht korrigieren kann. Er ist sein Vermögen losgeworden und muss mit Hilfe von Bekannten seine Konten umschichten, was zu politischen Problemen führt: er hat die Schulden bei der Deutschen Bank, ist gleichzeitig Mitglied des Aufsichtsrats und die Stadt Köln hält ebenfalls dort Kredite. Das Problem wird schließlich mit Methoden aus der Welt geschafft, die an den berühmten „Kölschen Klüngel“ erinnern – nicht alle Schritte scheinen juristisch wasserdicht zu sein. Als er von den politischen Gegnern deswegen in die Mangel genommen wird, lässt er sich von der Deutschen Bank bescheinigen, dass kein Problem und kein Interessenkonflikt vorlägen. Den heute so genannten „red face test“ besteht er, aber die Angelegenheit hat ihn finanziell und politisch viel von seinem Rückhalt gekostet.

In Bezug auf das Erstarken der Nationalsozialisten teilt Adenauer die Abneigung der meisten damaligen Demokraten gegen Hitler, seine Parolen und seine Methoden. Er ist selbst Zielscheibe politischer Angriffe, auch weil er demonstrativ die jüdische Gemeinde Kölns unterstützt. Politisch ist er ähnlich wie von Papen überzeugt, dass sich Hitler „einfangen“ lassen würde, wenn man ihn in die politische Arbeit einbände. Damit legt Adenauer eine sonst ungewohnte Naivität an den Tag. Insbesondere scheint er trotz allem davon überzeugt gewesen zu sein, dass sich Hitler an die parlamentarischen Spielregeln halten würde. Beispielsweise war Adenauer als Vorsitzender des Staatsrates Teil des Dreimännerkollegiums, das über die Auflösung des preußischen Landtags zu entscheiden hatte. Da nach dem Preußenschlag Papen als Ministerpräsident und der nationalsozialistische Landtagspräsident für die Auflösung stimmten, die nach Lage der Dinge einen handlungsunfähigen Landtag hervorbringen würde, verließ Adenauer demonstrativ den Raum, in dem Glauben damit das Gremium beschlussunfähig zu machen und die Auflösung zu verhindern. Damit blieb er jedoch erfolglos, das Ergebnis ist bekannt.

Als Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, verengte sich der Spielraum für Adenauer zusehends. Er wird schließlich nach kurzer Zeit aus seinem Amt enthoben und stürzt, wie Schwarz schreibt, ins Bodenlose. Er wird aufgrund seiner politischen Vergangenheit und wegen seiner finanziellen Verstrickungen schikaniert, muss sein Privathaus in Köln aufgeben, da er den Kredit nicht mehr bedienen kann und flüchtet sich zu seinem Schulfreund, dem Abt des Klosters Maria Laach. Es kommt schließlich zu einer Vereinbarung mit den neuen Machthabern, die dem fast 60-jährigen eine schmale Pension zugestehen. Er kann sich ein Haus in Rhöndorf kaufen, in dem er mit seiner Familie zurückgezogen und als Privatier lebt. Den Garten, der heute gemeinsam mit dem Haus noch besichtigt werden kann, legt er in dieser Zeit an, außerdem widmet er sich wieder seinen Erfindungen. Politische Betätigung ist ausgeschlossen und jede seiner Regungen wird von der Gestapo genau verfolgt und überwacht. Da er den Demokraten und Widerständlern im Untergrund als einer der Ihren gilt (und das Regime das ebenso sieht), lebt er in der ständigen Angst um seine Familie und sein Wohl.

Trotz aller Schikanen, die er erdulden muss, kommt es nie zu einer längeren Haft, auch nicht wegen der von den Nationalsozialisten unterstellten Dienstvergehen oder den Separatismusvorwürfen während seiner Zeit als Oberbürgermeister von Köln. Das Regime lässt ihn die meiste Zeit in Ruhe in Rhöndorf bleiben. Wie sehr er aber ausgeliefert ist, wird nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 deutlich. Adenauer ist daran unbeteiligt und hat sich aus allen Planungen herauszuhalten versucht. Er kommt dennoch gemeinsam mit seiner Frau in Haft, die er nur mit viel Glück übersteht. Er wartete in ständiger Angst um seine Familie (zwei seiner Söhne waren in der Wehrmacht eingesetzt) auf das, was ihm drohen würde. Schließlich wird er aus gesundheitlichen Gründen wieder entlassen, und er versucht unter dem Radar zu bleiben bis die Alliierten den Rhein erreichen. Seine Frau überlebt die Gefangenschaft ebenfalls, aber wird wenige Jahre später an den Spätfolgen der Haft sterben.

Schwarz‘ Darstellung ist immer wieder durchzogen von Bildbeschreibungen. Das ist nicht unüblich für Biographien, obwohl es sich meistens um eine einmalige Beschreibung handelt. Hier wird die Wandlung Adenauers vom Schulkind zum alten Mann nachvollzogen, inklusive der Einflüsse, die der besagte Sturz ins Bodenlose nach 1933 auf sein Äußeres hatte. Auch die Auswirkungen eines Verkehrsunfalls im Jahr 1917, die ihm die charakteristischen Gesichtszüge verpassten, werden beschrieben. Die Bildbeschreibungen sind ungewöhnlich und werden schließlich seltener, als Schwarz die Uhr seiner erzählten Zeit deutlich verlangsamt und daher weniger Informationen aus seinen Portraits zu ziehen sind.

Ein nur schwach beleuchteter Aspekt ist Adenauer als Familienmensch. Das liegt am Fokus der Biographie auf den politischen Werdegang des Bundeskanzlers, aber der Bereich wird auch nicht vollständig ausgeblendet. Tatsächlich war die Familie für Adenauer sehr bedeutsam, aber schon als Bürgermeister von Köln hatte er weniger Zeit für seine Kinder als er sich gewünscht hätte. Er war zweimal verheiratet und wurde beide Male Witwer (beide Frauen starben an schweren Krankheiten). Aus erster Ehe hatte er drei, aus zweiter Ehe weitere vier Kinder, die insbesondere in ganz unterschiedliche Generationen hineingeboren wurden. Seine jüngsten Kinder wunderten sich, so Schwarz, welch bedeutenden Vater sie hatten, als die Alliierten ihn nach dem 2. Weltkrieg regelmäßig zuhause besuchten und zur Rückkehr in die Politik aufforderten. Dagegen hatten die älteren Kinder den politischen Werdegang ihres Vaters fast vollständig mitverfolgen können und waren später gefragte Diskussionspartner Adenauers. Der Tod seiner Ehefrauen stürzte Adenauer in tiefe Krisen, einmal zum Ende des 1. Weltkriegs, das andere Mal während der Zeit des parlamentarischen Rats. Seine Kinder blieben ihm stets eine große Stütze, sie alle begleiteten auch noch den Bundeskanzler Adenauer in die berühmten Sommerurlaube in Italien.

Nach der Befreiung des westlichen Rheinufers suchen ihn praktisch sofort die Amerikaner auf, um ihn in sein altes Amt in Köln wiedereinzusetzen. Sie haben ihn auf einer Liste der politisch unbelasteten Deutschen geführt, um die Entnazifizierung voranzutreiben. Adenauer lässt sich nicht lange bitten, er wartet jedoch noch bis zur Kapitulation ab, um seine Söhne bei der Wehrmacht nicht durch seine politische Aktivität zu gefährden. Er führt die Amtsgeschäfte wieder wie in der Zeit vor 1933, aber er stößt des Öfteren mit den Briten zusammen, die schon bald die Verwaltung ihrer Besatzungszone, in der Köln liegt, übernehmen. Nach wenigen Monaten wird er sang- und klanglos entlassen, kurzzeitig verbieten die Briten ihm jede politische Betätigung.

Adenauer lässt sich aber immer noch nicht in das Pensionär-Dasein entlassen. Er bringt seine Arbeit in die inzwischen gegründete CDU ein, die noch in ihrer Findungsphase ist: weder Parteiname, noch Abgrenzungen sind klar, es bestehen diverse Parteien in den verschiedenen Ländern, die sich zum Teil assoziieren, zum Teil auch nicht. Viele Parteimitglieder, darunter auch Adenauer, möchten die Trennung zwischen Katholiken und Protestanten aufheben, die noch im Zentrum, der reinen Katholikenpartei, bestanden hatte. Darüber hinaus ist es für lange Zeit unklar, welche der diversen Bewegungen sich zusammenfassen lassen. Die Liberalen finden sich überwiegend in der FDP wieder, die bayrischen Christen bleiben innerhalb der CSU separat, während sich in allen anderen Bundesländern (auch in der sowjetischen Zone) die unterschiedlichen christlichen Parteien unter dem Namen CDU versammeln, der von Adenauer zunächst abgelehnt wurde. Die Partei bleibt aber noch auf Jahre hinaus eine Sammlung verschiedener Strömungen und eigensinniger Köpfe, die sich nur zäh zusammenführen lassen. Die Bundes-CDU entsteht erst 1950.

Adenauer positioniert sich innerhalb der Partei mit einem Machthunger, der seit der Kölner Bürgermeisterzeit nicht überraschen darf. Seine Durchsetzungsstärke hatte sich damals aber stets auf seine Position als Oberbürgermeister bezogen, darauf, dass er seine Mitarbeiter und sein Wahlvolk hinter sich bringen musste. Für höhere Partei- oder Regierungsämter hatte er sich in der Weimarer Zeit nicht interessiert, obwohl er mehrfach als Reichskanzler gehandelt wurde (damals phasenweise ein politisches Himmelfahrtskommando). Sein Engagement für die CDU ist ungleich stärker. Woher diese Energie nach den schweren Rückschlägen seiner zweimaligen Entlassung, in seinem fortgeschrittenen Alter kommt, ist geradezu unerklärlich (ein Aspekt, der auch von Schwarz so beschrieben wird). Adenauer nutzt jede sich bietende Chance mit großer Schnelligkeit und mit großem Geschick aus. Gleichzeitig ist er dabei außerordentlich skrupellos. Er schreibt ein eigenes Parteiprogramm, das für die folgende Diskussion maßgeblich wird, er nimmt an richtungweisenden Gesprächen bei Parteifreunden und Amtsträgern teil und positioniert sich so als einer der führenden Köpfe seiner Partei. Als Beispiel sei eine Besprechung genannt, zu der der Wuppertaler Bürgermeister eingeladen hatte: Adenauer übernahm, da er eine Art Alterspräsident dieser Versammlung sei, sogleich den Vorsitz und damit die Initiative, lenkte das Gespräch daher in seine gewünschten Bahnen und entmachtete so den eigentlichen Gastgeber.

Der Höhepunkt seines Machtstrebens ist die Rhöndorfer Konferenz, zu der er nach der Bundestagswahl 1949 einlädt. Hier ist er selbst Gastgeber, er bestimmt die Teilnehmerliste (die aber nicht nur aus seinen Anhängern, sondern aus den führenden Köpfen unterschiedlicher Strömungen der CDU/CSU besteht) und er wird von verschiedenen Ohrenzeugen mit dem Satz zitiert „Ich will Bundeskanzler werden“. Es ergibt sich auch ein Geschacher um weitere Ämter, aber er bleibt nicht immer erfolgreich: Heinemann als Innenminister und Arnold als Bundesratspräsident kann er nicht verhindern. Als Heuss zum Bundespräsidenten vorgeschlagen wird, gab es, entgegen mancher Quellen, sicher kein „verblüfftes Schweigen“ – die Koalition mit der FDP war zwar nicht zwingend vorgezeichnet, ist aber damals ein Konsens über weite Teile der politischen Akteure hinweg. Heuss als einer der Exponenten der FDP durfte daher kein Überraschungskandidat gewesen sein, um diese Koalition anzubahnen.

Schon zuvor, im Parlamentarischen Rat, hatte Adenauer sich auch außerhalb seiner Partei positioniert. Sicher wurde er von vielen aufgrund seines Alters als Übergangskandidat betrachtet und daher mit seiner politischen Erfahrung als weiser alter Mann auf den Schild gehoben. Man kann streiten, ob es große Hellsichtigkeit oder großes Glück war, dass er Präsident des Parlamentarischen Rates wurde. Der SPD als stärkster Fraktion hätte das Präsidium zugestanden, aber Carlo Schmid übernahm lieber den Vorsitz des Hauptausschusses, da sich dort die meisten Inhalte entscheiden würden. Andererseits fanden die Alliierten im Präsidenten Adenauer den einen zentralen Ansprechpartner, nach dem sie gesucht hatten. Das Renommee und die Bekanntheit, die Adenauer aus diesem Amt zog, waren ihm bei den anstehenden Wahlen sicherlich nicht hinderlich.

Während der Nachkriegszeit und der ersten Legislaturperiode des Bundestags war Kurt Schumacher als SPD-Vorsitzender ungewollt einer der besten Verbündeten Adenauers. Mit seinen teils radikalen Ansichten (sowohl streng national, aber auch mit einem strengen Blick gegen den Kapitalismus und gegen die Kirchen) verprellte er viele, mit denen er eine Machtbasis hätte aufbauen können. Für manche von Adenauers parteiinternen Konkurrenten wirkte Schumacher geradezu als ein Schreckgespenst gegen die Vorstellung einer großen Koalition, die angesichts der großen Probleme der jungen Bundesrepublik ausdauernd andiskutiert wurde. Auch den Alliierten gegenüber verhielt Schumacher sich wiederholt bemerkenswert ungeschickt, sodass Adenauer, trotzdem er gelegentlich unbequem war, als die bedeutend bessere Alternative gelten musste. In Schwarz‘ Darstellung wirkt Schumacher häufig derart ungeschickt, dass man sich fragen muss, woher er den großen Rückhalt innerhalb der SPD bezog.

Mit der Wahl zum Bundeskanzler ist Adenauer derart in das Rampenlicht getreten, dass die wesentlichen Schritte von nun an allgemein bekannt sind. Für Schwarz geht die Darstellung hier erst richtig los, aber für mich endet hier der hochrelevante Teil der Biographie. Die Lücken in meinem Adenauerbild sind geschlossen – einer der Gründe, warum der zweite Band noch einen Augenblick lang auf mein Lesen warten wird.

Der erste Band von Schwarz‘ Biographie endet mit der Unterzeichnung der Westverträge, die das große Ziel Adenauers waren: die Bindung an die Westalliierten aus Angst vor einer sowjetischen Übermacht, der die Bundesrepublik alleine nichts entgegenzusetzen hatte. Entsprechend brisant waren die Vorgänge rund um die Wiederbewaffnung Deutschlands, die von Schwarz mit extrem großer Lupe, fast schon im Tageszeitungs-Stil beschrieben werden. Dieses Kapitel ist trotz seiner Bekanntheit noch einmal sehr aufschlussreich. Häufig wird die Wiederbewaffnungsdebatte als Reflex auf den Korea-Krieg beschrieben – dem ist nicht so. Adenauer stieß entsprechende Gedanken bei den Alliierten und bei seinen Parteifreunden bereits früher an, da er einen 3. Weltkrieg befürchtete, wenn es kein Gegengewicht zur Sowjetunion und zur bewaffneten Volkspolizei der DDR gäbe. Die Planungen, die damals durchgeführt wurden, lesen sich aus heutiger Sicht wie Räuberpistolen; die Bundesregierung sollte im Kriegsfall etwa nach Kanada ausweichen, während Adenauer selbst an seinem Schreibtisch in Bonn auf die feindlichen Soldaten warten wollte.

Ähnliches gilt für die Kapitel über die EVG und die Stalin-Noten, wobei Schwarz darunter leidet, dass ihm nicht alle Archive, insbesondere der Sowjetunion, zugänglich waren. Umso bedauerlicher ist es, dass seine Arbeit noch das fast unangefochtene Standardwerk darstellt.

Eine neue Biographie über Adenauer, die neu erschlossene Quellen einbezieht, wäre wünschenswert. Stilistisch handelt es sich um eine hervorragende Arbeit, der dem Leser den ersten deutschen Bundeskanzler sehr viel näher bringt.

Glücklich ist dieser Ort

Die Graffiti aus Pompeji sind ein Glückfall für die Geschichtswissenschaft und die Linguistik. Dieser Satz muss sofort relativiert werden: die Graffiti sind natürlich nur aufgrund des Ausbruchs des Vesuv im Jahr 79 erhalten geblieben, da fast die ganze Stadt luftdicht unter heißer Lava begraben wurde – eine solche Katastrophe kann kaum als Glücksfall bezeichnet werden. Doch um es mit Goethe zu sagen: „Es ist schon viel Unheil in der Welt geschehen, aber wenig, das den Nachkommen so viel Freude gemacht hätte.“ Eine Zusammenstellung dieser Graffiti ist, mit wenig Kommentierung, dafür oft mit Zeichnungen der Fundsituation, unter dem Titel „Felix hic locus est“ erschienen. Im Gegensatz zur üblichen textkritischen Fachliteratur wird hier jedoch auf die diversen Klammern und Bemerkungen verzichtet, die zur Strukturierung und Ergänzung der Fundstellen dienen.

In den Ruinen Pompejis finden sich Tausende von Graffiti an den Wänden, die heute noch lesbar sind. Dies lässt vermuten, dass auch die übrigen Städte der Antike voll von kurzen Botschaften, Grüßen und Beleidigungen waren, allerdings ist nichts mehr davon erhalten. Es wird auch nicht in den überlieferten Quellen erwähnt – ein Indiz wie normal die vielen kurzen Schriften an allen Wänden für den antiken Menschen gewesen sein müssen. Die Eigenart dieser Graffiti ist aber auch genau die fehlende Überlieferung: die Texte sind nicht wie die gewöhnlichen literarischen Quellen immer wieder abgeschrieben worden, sie mussten insbesondere nicht von mittelalterlichen Kopisten für erhaltenswert gehalten werden um bis zu uns zu reichen; die Texte wurden auch nicht wie die sonstigen Inschriften an Gebäuden und Triumphbögen für die Ewigkeit geschrieben. Nur durch den Zufall des Vesuvausbruchs wurden sie für die Ewigkeit konserviert: Werbung, Wahlaufrufe, Preislisten, Dichterzitate, Beleidigungen und Liebeserklärungen.

Linguistisch sind die Graffiti wertvoll, weil sie das gesprochene Latein konservieren. Der antike Mensch schrieb wie er sprach, für die hingekritzelten Schriften ohne Rücksicht auf die grammatikalischen Regeln und die präzise Konjugation. Hier werden Buchstaben verschluckt, da sie stumm sind, dort wird der Konjunktiv missachtet oder eine phantasievolle Rechtschreibung verwendet. All dies weist den Weg fort vom idealisierten Latein Ciceros und Caesars (idealisiert heute wie damals), das mit dem gesprochenen Latein schon nur noch wenig zu tun hatte. Tatsächlich kann man den Weg in das spätantike Vulgärlatein und hin zu den modernen Sprachen erkennen.

Auch Dichterzitate sind den Schreibern zwar präsent, aber oft verfehlen sie den Reim, d.h. die exakte Metrik der Verse. Unzählige Male wird etwa der Anfang der Aeneis auf die Wände geschrieben („Arma virumque cano“ bzw. „Contiquere omnes“) und es finden sich alle denkbaren und manche undenkbare Variante. Was das besondere an der Aeneis war, ist unbekannt. Möglicherweise war das Epos in der Stadt öffentlich vorgetragen worden, vielleicht war es eine Schullektion (auch auf andere Lektionen gibt es viele Hinweise).

Alle schriftlichen Quellen werden gerade dort spannend, wo Worte einmalig gebraucht werden, die ansonsten unbekannt sind. Da es sich in den Graffiti um „geronnene“ Alltagssprache handelt, finden sich besonders viele derbe und vulgäre Begriffe, die sich in den überlieferten Quellen kaum antreffen lassen. Vielfach lassen sich die Worte aus dem dürftigen Kontext erschließen (etwa wenn es sich um Graffiti an der Wand des Bordells handelt) oder aus Quervergleichen zu modernen Sprachen und zu den Anklängen bei gewagteren Dichtern wie Catull. Darüber hinaus muss nicht immer die wortwörtliche Bedeutung gemeint sein: so findet sich häufig die derbe Schmähung „cunnum linges“, die vermutlich eher im Sinne von „du bist ein Waschlappen“ zu verstehen ist. Ähnliches gilt schließlich auch für moderne Beleidigungen in der deutschen Sprache.

Auch die Tatsache, dass es überhaupt so viele Graffiti gibt, ist bemerkenswert. Sie setzt voraus, dass ausreichend viele Leute schreiben konnten und dass es ausreichend viele Adressaten gab, die lesen konnten. Bis in das späte Mittelalter hinein wären in Europa Graffiti nicht sinnvoll gewesen (erst danach schaukeln sich der Buchdruck und die Alphabetisierung gegenseitig auf). In antiken Städten war es offenkundig sinnvoll und nützlich, Preislisten und Wahlaufrufe überall sichtbar anzubringen. Dies gilt umso mehr, als dass viele der Schriften in griechischer Sprache oder zumindest in griechischen Buchstaben geschrieben sind. Die griechische Sprache muss in Italien eine ähnliche Stellung inne gehabt haben wie heute das Englische in Deutschland.

Insgesamt erhält man aus den Graffiti eine lebendige Schilderung alltäglicher Gedanken eines römischen Bürgers der Kaiserzeit. Was sich dort findet und was sich dort nicht findet (beispielsweise Gotteslästerungen und Schmähungen von Minderheiten) sagt viel über die damalige Welt aus. Die klassischen Quellen zeichnen bereits ein sehr scharfes Bild vom Römischen Reich, aber dieses Bild ist auch immer vor dem Hintergrund seiner Überlieferung zu sehen. Pompeji bietet daher einen neuen Blickwinkel und gleichzeitig einen, der nicht durch die Überlieferung mit beeinflusst wurde.