Merowinger und Karolinger

Das Buch „Vom Reich der Franken zum Land der Deutschen“ von Hans K. Schulze ist ein Teil der Reihe zur deutschen Geschichte im Siedler Verlag. Die Reihe besteht aus 12 Monographien, die die Zeit von der Antike bis zum Bau der Berliner Mauer abdecken, und von insgesamt 10 renommierten Historikern verfasst wurde. Schon zu Schulzeiten habe ich mich mit dieser Reihe befasst, und noch heute schaue ich gern punktuell hinein. Darunter ist teilweise härtere Kost, aber es gibt auch große, mehrfach gelesene Highlights darunter, etwa die Untersuchung der Weimarer Republik von Hagen Schulze oder die Betrachtungen zum Deutschen Kaiserreich von Michael Stürmer. Diese sind sicherlich ebenfalls gesonderte Texte wert, wenn ich mich wieder einmal mit ihnen befasse. Hier soll es um die Merowinger und Karolinger gehen.

Schulze beginnt seine Beschreibung des Frankenreiches bei den Merowingern um Chlodwig. Im Gegensatz zu den anderen germanischen Königen der Antike ließ er sich katholisch taufen und stellte so die Integration mit der römischen Bevölkerung in seinem Reich her – die übrigen germanischen Herrscher bekannten sich zum arianischen Christentum und standen so stets im Gegensatz zum Gros ihrer Bevölkerung, sicher einer der Gründe für die Kurzlebigkeit der diversen Reiche, etwa der Ostgoten oder Vandalen. Es gibt einen kurzen Exkurs über die Ursprünge des Frankenreichs, das in der Spätphase des Weströmischen Reichs und während der Völkerwanderungszeit aus diversen Völkern und Gruppen entstanden ist, die irgendwann nicht mehr separat in den Quellen auftauchen. Andere Germanenreiche wurden in das Frankenreich integriert, darunter die Thüringer, Bayern und Friesen, deren fassbare Geschichte Schulze knapp, aber etwas konfus zusammenfasst. Daneben stellt er einen Abriss zur kulturellen und religiösen Kontinuität der Germanenreiche mit dem Römischen Reich dar, dieser wiederum ist sehr kompakt und sehr aufschlussreich. In Bezug auf die anderen großen Germanenreiche lässt sich Schulze nicht auf Näheres ein, dazu ist innerhalb der Reihe des Siedler-Verlags mehr bei Herwig Wolfram zu finden.

Insgesamt ist die Quellenlage zu den Merowingern eher dürftig. Nicht nur gibt es wenige Quellen, die vorhandenen Informationen sind häufig auch nicht zeitgenössisch, sondern aus den späteren Zeiten rückblickend und auch entsprechend beeinflusst aufgeschrieben. Das schlägt sich auch auf die Nachfolger Chlodwigs als fränkische Könige nieder: es gibt wenig darüber, außer der Nacherzählung von Herrscherfolgen und Verwandtschaftsverhältnissen (die Schulze uns dankenswerterweise überwiegend erspart).

Tatsächlich ist die Erkenntnis spannender, dass die merowingischen Könige sich mit der Zeit kaum noch durchsetzen konnten, die eigentliche Macht ging auf nachgeordnete Adlige über, die als maior domus (dürftig eingedeutscht als „Hausmeier“) bezeichnet wurden. Ursprünglich handelte es sich um Verwalter des königlichen Hofs, die schließlich immer umfassendere Rechte erstritten und sich durchsetzten. Zum 8. Jahrhundert hin etablierte sich innerhalb der Familie der Karolinger die Erblichkeit dieses Hausmeieramts, die Könige gerieten mehr und mehr in den Hintergrund. Aufgrund des fränkischen Erbrechts entstanden mehrere Teilreiche nebeneinander, wenn nach dem Tod eines Herrschers mehrere Söhne einen Teil des Erbes erhalten sollten. Die Idee des Gesamtreichs blieb unangetastet, aber jeder Erbe sollte einen gleichberechtigten Teil erhalten. Dies führte insbesondere auch zu unklaren Zugehörigkeiten der Randgebiete (gehörte etwa in dieser Phase Thüringen noch zum Reich dazu oder waren die Thüringer de facto unabhängig?). Auch die Karoliner als Hausmeier waren nicht von Beginn an unangefochten, sondern kämpften ihre Widersache nieder – etwas, das in den Quellen nur aus der Rückschau erkenntlich wird, und auch nur unter einer großen Schicht von karolingischer Geschichtsschreibung und zugehöriger Verklärung: sicherlich sind nicht alle Rückschläge und Niederlagen der Karoliner adäquat aufgezeichnet. Für mich war eine neue Information, dass die Karoliner zwischenzeitlich im Mannesstamm ausgestorben waren, so vererben sie sich über eine Nebenlinie, die auf den Bischof Arnulf von Metz zurück geht (aus Zeiten vor seiner Bischofsweihe). Auch eine überraschende Erzählung ist die vom Aufstieg Karl Martells, der den Hausmeiertitel von seiner Stiefmutter und seinem Stiefbruder usurpiert, nachdem er sich aus deren Gefangenschaft befreit hatte. Diese Durchsetzungsfähigkeit bewies er auch während seiner Herrschaft, als er die Araber bei Tours und Poitiers zurückschlug (was ihm, vermutlich eher zu Unrecht, den Nachruhm eintrug, das Abendland vor den Arabern gerettet zu haben, inklusive aller düster ausgemalten Szenarien, dass ganz Europa vom Islam beherrscht worden wäre; es ist ein Fall für alternative Geschichtsschreibung, ob es realistischerweise so hätte kommen können). Karl Martell selbst erscheint in den Quellen aber ebenfalls als eine eher typisierte Figur, ohne wirkliche individuelle Züge, sondern nur als Vorgänger der nachkommenden großen Karolinger-Herrscher.

Wertvoller als die dürftigen schriftlichen Quellen (die Schulze an einer Stelle bezeichnenderweise „trümmerhaft“ nennt) sind archäologische Befunde, von denen es bis heute immer neue gibt. Insbesondere Gräber und alte Siedlungen geben konkretere Hinweise auf die Umstände im Frankenreich, wenn es auch weniger über die eigentlichen Ereignisabläufe aussagt. Bedauerlicherweise lässt sich Schulze nicht übertrieben ausführlich über die Archäologie aus; möglicherweise ist das aber auch im Abfassungsdatum seines Buchs begründet, seit den 1980er Jahren ist auch bei diesen Befunden viel neues passiert.

Ein eigenes Kapitel befasst sich mit dem „Apostel der Deutschen“ Bonifatius (ein Attribut, das durchaus zu hoch gegriffen erscheint; es taucht folgerichtig bei Schulze auch nur als Überschrift auf). Dieser Mönch aus England sorgte sich um die Christianisierung östlich des Rheins. Westlich des Rheins war die Mission bereits aus römischer Zeit umfassend erledigt, aber an den Rändern des Römischen Reichs in den Wirren der Völkerwanderungszeit etwas verschüttet worden (so etwa in Bayern). Im Auftrag des Papstes missionierten Mönche aus England und Irland in Mitteleuropa, darunter war Bonifatius, der ursprünglich Winfrid hieß, einer von vielen. Im Unterschied zu den anderen berief er sich wesentlich auf seinen päpstlichen Auftrag und verband sich eng mit Karl Martell; er konzentrierte sich auf die Mission und Errichtung von Bistümern im heutigen Hessen und Thüringen. Als offiziellen Titel trug er den den Bischofs von Mainz, und bemühte sich als solcher auch um die Reform der fränkischen Kirchenorganisation (was ihn in Konflikte mit seinen Kollegen in den übrigen etablierten Bistümern brachte). Es werden die klassischen Erzählungen referiert, etwa die Fällung der Donareiche, sein Märtyrertod in Friesland und die noch heute aufbewahrte Bibel, mit der er den tödlichen Hieb abzuwehren versuchte. Dass diesem Themenkomplex eine hohe Relevanz zugewiesen wird, erscheint mir, bei Schulze und auch bei ähnlichen referierenden Werken zu diesem Thema, dennoch eigenartig. Natürlich ist die Ausbreitung des Christentums für den weiteren Verlauf der deutschen Geschichte durchaus relevant, aber die angelsächsische Mission kam wiederum auch nur unmerklich über die Elbe hinaus, jenseits dessen fand die Mission auch erst später statt. Ob Bonifatius wirklich eine derart herausgehobene Stellung innerhalb der deutschen Geschichte hatte?

Mit Karl dem Großen erreicht die Geschichte des Frankenreiches ohne Zweifel ihren Höhepunkt. Schulze betrachtet das Karlsreich in mehreren Kapiteln aus verschiedenen Sichtweisen: die Kriege, die Kaiserkrönung und die zugehörigen politischen Implikationen, die Kultur und das Leben im Karlsreich. Bis zur Kaiserkrönung führte Karl nahezu durchgängig Kriege an allen Grenzen seines Reichs. Den langwierigsten Krieg gegen die Sachsen, die sich in mühsamen Kleinkriegen (man könnte anachronistisch sagen „Guerilla“) gegen ihre Eroberung und Integration ins Frankenreich zur Wehr setzten. Für Karl ging es dabei nicht nur um die Eroberung neuen Landes, sondern auch um die Missionierung der Sachsen und um die Festigung seines umfassenden Herrschaftsanspruchs, auch über die direkten Grenzen seines Reiches hinaus. Tatsächlich wurde dieser Krieg gegen die Sachsen auch für die damalige Zeit sehr brutal geführt, sodass auch die kaiserfreundlichen Chroniken den Krieg nur unter Schwierigkeiten rechtfertigten. Auch Karl ließ, wie Bonifatius, ein heidnisches Heiligtum zerstören, bei den Sachsen war es die Irminsul, deren tatsächlicher Ort sich nicht mehr klären lässt. Schließlich schlug er Aufstände sehr blutig nieder (etwa das „Blutgericht von Verden“). Über den Feldzug Karls gegen die Araber gibt es bei Schulze sehr wenig Information, tatsächlich wird weder das Kriegsziel klar, noch der Verlauf (abgesehen von der eher kryptischen Bemerkung, dass auch in den Reichsannalen die Niederlage bei Roncesvalles beschönigt wird). Ein bemerkenswerter Mosaikstein dieser Erzählung ist aber, dass Karl mit seinem Heer auch zwischen den Kriegsschauplätzen pendelte: nach dem Feldzug in Spanien zog er 2000km weit nach Sachsen zurück um einen Aufstand niederzuschlagen – und das bei den damaligen Wegverhältnissen und mit dem Reisen verbundenen Beschwernissen (auch wenn es noch keine scheren Plattenpanzer wie im späten Mittelalter und in modernen Ausstellungen gab; Panzerreiter waren allerdings ebenfalls noch in der Unterzahl, der Großteil hatte sich zu Fuß zu bewegen und am Ankunftsort kampfbereit zu sein). Schließlich gibt Schulze eine Abhandlung zur Unterwerfung der Bayern, die sich mehr als eine politische Intrige mit eher dubiosem Ablauf liest, und einen Text zum Krieg gegen die Awaren, der zum Verschwinden dieses Volks aus den Quellen binnen weniger Jahrzehnte geführt hat. Offenbar wurde auch die fossa carolina (der Versuch eines Kanalbaus im Rhein-Main-Donau-Gebiet) als strategisches Großprojekt für den Krieg gegen die Awaren geplant. Die Franken hatten durch die Eingliederung der Friesen in ihr Reich und in ihr Heer auch Know-How im Bereich der Seekriegsführung und der Schifffahrt gewonnen.

Das Kapitel über das Heerwesen ist als solches ebenfalls sehr aufschlussreich. Die Soldaten waren grundsätzlich die freien Franken, es gab kein Berufsheer im späteren Sinne. Aber da sich die Krieger selbst mit Rüstungen und Waffen ausstatten mussten, war es gerade für die Armen ein Problem, in den Krieg ziehen zu müssen. Durch eine Art von Heeresreform gab es mit der Zeit Abstufungen darin, sodass sich jeder Franke, der in den Krieg zog, entsprechend seiner Möglichkeiten beteiligen konnte. Ursprünglich finanzierte sich der Krieg (wie auch in späteren Kriegen üblich) aus den Beutezügen nach erfolgreichen Schlachten, aber diese Beute lohnte sich irgendwann für die Soldaten nicht mehr. Viele begaben sich aus wirtschaftlicher Not heraus in die Abhängigkeit oder gingen ins Kloster, um vom Heereswesen befreit zu werden – ein Verlauf, der auch den fränkischen Adligen nicht recht gewesen sein konnte. Gleichzeitig entstehen hier die Anfänge des Feudalismus und des Vasallentums (das aus tieferen sozialen Schichten stammen muss, da „Vasall“ im Keltischen „Knecht“ bedeutet). Die Frage, welche Begabungen Karl der Große selbst als Heerführer und strategischer Schlachtenlenker hatte, muss wohl unbeantwortet bleiben; seine großen Operationen und Heeresmärsche waren allerdings offenkundig erfolgreich, große offene Feldschlachten waren selten, da meist schon der Ruf des fränkischen Heeres und die bekanntermaßen qualitativ hochwertigen Waffen der Franken ausreichten, um den Feldzug für die Franken erfolgreich zu gestalten.

Die Umstände der Kaiserkrönung Karls des Großen an Weihnachten 800 sind oft diskutiert worden und sollen nicht umfassend rezitiert werden. Eine Hauptrolle dabei spielte der Papst, der sich als Kaisermacher inszenierte und geradezu als Gegenleistung für die Hilfe in einer Notsituation den Kaisertitel an den mächtigsten Fürsten Westeuropas vergab (ähnlich wie bei Karls Vater Pippin dem Jüngeren – nicht „dem Kurzen“ – der dafür zum König gekrönt wurde). Diplomatisch bedeutete dies einen Drahtseilakt für Karl den Großen, der sich nicht auf einen Konflikt mit dem oströmischen Kaisertum in Byzanz einlassen wollte. Hier liegen die Anfänge der komplexen Herrschertitulaturen des Mittelalters und der frühen Neuzeit: in Karls Fall lautete sie „Kaiser, der über das Römische Reich herrscht, und König der Franken und Langobarden“. Diese Titulatur sollte nicht nur den entsprechenden Anspruch Karls abdecken, sondern musste auch diplomatisch und innenpolitisch unangreifbar sein: Karl wollte sich nicht als Kaiser der Römer verstanden wissen, um seine fränkische Herkunft demonstrativ herauszustellen. Der Gegensatz zu Byzanz und der Kaiserin Irene führte aber bis zum Ende von Karls Herrschaft zu einer friedlichen Koexistenz: die Idee, dass es ein einziges Römisches Reich gebe, blieb bestehen, aber es gab wie in der Antike zwei Kaiser, einen im Westen und einen im Osten. Gegenseitige Usurpationen waren nicht beabsichtigt. Aber Karl war auch in einem historisch geschickten Zeitpunkt gekrönt worden, als Byzanz gerade stark mit sich selbst beschäftigt war (die Legitimität der Kaiserin Irene wurde stark diskutiert und ausgefochten). Schulze gibt schließlich noch eine Übersicht über Karls de facto Residenz Aachen, die natürlich nicht mit Rom oder Byzanz mithalten konnte – das war auch nicht der Anspruch. Aber allein die Tatsache, dass hier der Kaiser residierte, zog Künstler, Gelehrte und fremde Gesandte an. Die Kaiserpfalz mit ihrer oktogonalen Pfalzkapelle ist entsprechend berühmt. Die Kaiseridee wurde aber nicht so fest mit Aachen verknüpft wie sie mit Rom verknüpft blieb. Auch wenn sich das gesamte Mittelalter hindurch die deutschen Könige auf Aachen beriefen und dort gekrönt werden sollten, so blieb die Kaiserkrönung durch den Papst in Rom ein Fixpunkt für das gesamte Mittelalter.

Überhaupt wirkt die Zeit um 800 wie mit einem Blitzlicht erhellt, nicht nur in Schulzes Darstellung, in den Quellen, auch in meiner eigenen Wahrnehmung ist das so. Nicht nur innerhalb des Frankenreiches gibt es ein recht klares Bild von den Verhältnissen dieser Zeit, auch die Herrscher in Byzanz und Spanien (Kaiserin Irene und Kalif Harun al-Raschid) sind hier klar sichtbar. Für die Zeit vorher und nachher ist das Bild deutlich diffuser.

Schulze gibt längere Abschnitte über die Welt in dieser Zeit: die Rechtsprechung, die durch Karl den Großen und seine Herzöge gesetzt wurde, das Staatssystem mit den regionalen Grafen und umherreisenden überwachenden „Beamten“, das Reisekönigtum (das erst im höheren Alter Karls durch die Residenz in Aachen abgelöst wurde, auch nachdem das Reich fest gefügt und Karls Herrschaft unangefochten war). Auch die vielen neu gegründeten Siedlungen nach der unruhigen Völkerwanderungszeit werden dargestellt, etwa die damals mit Waldrodung verknüpften Ortsnamen, die auf -roth, -wald oder ähnliches enden; das Leben war stark diktiert von der unwirtlichen Natur, dem daraus folgenden geringen Ernteertrag und den daher ständig drohenden Hungersnöten. Aber die Bevölkerung wuchs in dieser Zeit stetig, wie sich aus den oben bereits angesprochenen archäologischen Befunden herleiten lässt. Das Handelsnetz war vorhanden und wurde durch das stabile Frankenreich begünstigt, darunter auch die Bemühungen Karls um ein besseres Straßennetz (das natürlich ebenso dem Heer und der staatlichen Verwaltung genutzt hätte). Der Handel verlief zwischen Skandinavien und dem Orient, bevorzugt über die Wasserstraßen, aber aus moderner Sicht darf man sich kaum Illusionen über das Volumen dieses Handels machen. Im Vergleich zum Römischen Reich waren der technische Stand und das Handwerk eher rückschrittlich, viel Detailwissen, etwa im Münzwesen und im Straßenbau, war verloren gegangen. In den Siedlungen gab es häufig Universal-Handwerker, sodass alle wesentlichen Tätigkeiten autark erledigt werden konnten, die Spezialisierung auf bestimmte Handwerke kam erst in den Städten des hohen Mittelalters wieder auf. Schließlich folgt ein Exkurs zur Gesellschaftsstruktur im Frankenreich, die auf sehr strikten Prämissen aufbaute und insbesondere eine Schicht von unfreien Sklaven hatte (auch das Wort stammt aus dieser Zeit). Oft zwang wirtschaftliche Not oder Kriegsgefangenschaft die Leute in diese Abhängigkeit, ein Ausbruch daraus war in dieser Zeit noch durch Kriegstüchtigkeit oder durch die Kirche in manchen Fällen möglich; Schulze thematisiert kurz auch den offenkundigen, und auch damals schon erkannten Widerspruch, der sich aus der Sklaverei im christlichen Glauben ergibt, ohne dass eine wirkliche Lösung gefunden wurde.

Auch die Kultur und die Bildung erlebten eine kurze Blütephase in der Zeit um 800. Die Rückbesinnung auf das Studium antiker Autoren führte zur so genannten Karolingischen Renaissance. Auch zur Förderung der Christianisierung wurde das klassische Latein wieder zum Ideal erhoben, an dem sich auch die zeitgenössischen Schreiber orientierten (es sei alleine Einhard genannt, der Verfasser der berühmten Karlsbiographie). Auch die damals entwickelte karolingische Minuskel diente diesem Zweck, um durch Einfachheit und Klarheit in den Texten die Verbreitung von Wissen zu erleichtern. Sie hat nahezu jede der modernen Schriftarten zumindest mit beeinflusst. Schulze erwähnt, dass in einer Größenordnung von 7000 Handschriften aus dieser Zeit überliefert sind, eine für mich bemerkenswert hohe Zahl. Gelesen und geschrieben wurden sie praktisch ausschließlich von Geistlichen, aber auch die Bildung von Adligen wurde gefördert (die Anekdote, dass Karl der Große im hohen Alter erfolglos versuchte, schreiben zu lernen, ist bekannt). Schon aus logistischen Gründen war eine Bildung der breiten Masse oder gar eine Schulpflicht damals unmöglich.

Das ganze Mittelalter hindurch und bis in die heutige Zeit wurde Karl der Große als ein Idealbild des Herrschers portraitiert. Franzosen und Deutsche beginnen ihre Geschichtsschreibung als eigenständige Nationen mit ihm und seinem Reich. Und er dient noch heute als ein Symbol für das geeinte Europa (so etwa beim Aachener Karlspreis), wenn auch seine europäische Einigung ganz andere Ursachen hatte als unsere heutige. Aber er ist eben ein Idealtypus, dessen Überhöhung auch aus den vorhandenen (zeitgenössischen und moderneren) Quellen subtrahiert werden muss. Am ehesten erhält man eine individuelle Schilderung Karls bei Einhard, trotz aller dort vorhandenen Lobhudelei. Die von Schulze in seiner Kapitelüberschrift aufgeworfene Frage „Karl der Große oder Charlemagne“ ist aber mindestens anachronistisch (und Schulze weiß das), denn Karl war weder Deutscher noch Franzose, er war Franke, er sprach die fränkische Sprache und verband sein Bewusstsein der fränkische Kultur auch mit den kaiserlichen Traditionen.

Nach Karls Tod ging es mit dem Zerfall seines Großreiches relativ schnell. Das scheint ein Fixpunkt in der Geschichtsschreibung zu sein, in gewisser Weise ist es aber natürlich auch die Definition einer Blütezeit, dass die Blüte irgendwann verschwindet. Ludwig der Fromme, Karls Alleinerbe, herrscht zunächst noch unangefochten, aber er gerät nach einigen Jahren in Konflikte mit seinen Söhnen über den Erbteil des jüngsten Sohnes Karls des Kahlen. Bis zu dieser Enkelgeneration Karls gelingt Schulze eine sehr durchsichtige Darstellung, bevor es immer weiter in Zersplitterung und auch in die Auseinandersetzungen mit äußeren Feinden übergeht. Auch im Text spricht Schulze von Schneisen, die der Historiker durch das Dickicht schlagen müsse, und von der quellenarmen Zeit, die er behandelt. Im ersten Moment scheint die Lektüre wieder recht deprimierend, wenn auch weniger dramatisch als im Fall des antiken Griechenlands in ähnlicher Zersplitterungs- und Niedergangssituation – beim Frankenreich erscheint dies eher als der Normalfall, zu dem das Reich nach der Hochblüte unter Karl dem Großen zurückkehrte.

Zur Verwirrung in dieser Zeit tragen einerseits die vielen verschiedenen Herrscher bei, die aber nur wenige verschiedene Namen tragen: im Wesentlichen handelt es sich um Ludwig, Lothar, Karl und Pippin. Einige von ihnen tragen Ordnungszahlen, die aber nur innerhalb ihrer Teilreiche stringent verwendet werden, andere tragen Beinamen, die ihnen oft erst in der späteren Geschichtsschreibung verliehen wurden – wie komplex muss die Quellenlektüre sein. Durch einen abgedruckten Stammbaum der Nachfahren Karls des Großen erhellt Schulze das Geflecht etwas, aber die Verwandtschaftsverhältnisse, die entstehenden und vergehenden Bündnisse bleiben kompliziert. Es sind viele unterschiedlich starke Herrscher am Werk, manche mit unglücklich kurzen Regierungszeiten, andere mit schwacher Startstellung nach einer Reichsteilung. Häufig wird nach der Kaiserwürde gegriffen, die aber stets als höchstes, unteilbares Gut aufgefasst wird. Sie verliert aber realpolitisch schon in der Enkelgeneration Karls des Großen an Glanz und wird schließlich zum Spielball italienischer Adliger. Innerhalb des (idealbildlich als einig vorgestellten) Frankenreichs entstehen binnen einiger Jahrzehnte klar abgegrenzte Königreiche, die sich gegenseitig die Einmischung verbeten. Die lokalen Adligen werden stärker, die Königsmacht schwächer, phasenweise bestimmen die Adligen, wer zum König erhoben wird, etwa wenn ein König abgesetzt und aus einem benachbarten Reichsteil ein neuer Herrscher herbeigerufen wird. Eine Frühform dieser Entwicklung sind die Straßburger Eide (die auch eine Frühform der deutschen und der französischen Sprachentwicklung markieren), da Karl der Kahle und Ludwig der Deutsche vor ihren Heeren die Loyalität zum geschlossenen Bündnis miteinander schwören und ihre Heere als Zeugen anrufen – sie sind in ihrer Machtstellung auf den Rückhalt ihrer Heere zwingend angewiesen.

Der letzte Herrscher über das gesamte Fränkische Reich war durch dynastische Zufälle Karl der Dicke, der aber mangels Durchsetzungskraft bald abgesetzt wurde. Danach ist der bedeutendste der Teilherrscher Arnulf von Kärnten, der mir bisher als einer von vielen Diadochen vorkam, aber tatsächlich eine sehr bedeutsame Stellung innehatte. Er war ein illegitimer Nachkomme der Karoliner, aber konnte diesen Makel durch seine Machtpolitik ausgleichen. Er war klug genug, nicht nach allen Teilreichen zu greifen, sondern konzentrierte sich auf das Ostfränkische Reich und das Kaisertum. Nach seinem frühen Tod bleibt in Ostfranken nur noch Ludwig das Kind als letzter Karolinger, der sich aufgrund seiner Jugend tatsächlich nicht mehr durchsetzen konnte. Nach seinem frühen Tod war das Auseinanderdriften der Teilreiche so weit gediehen, dass die ostfränkischen Adligen aus ihrer Mitte neue Könige wählten und keine Karolinger mehr aus Westfranken herbeiriefen. Über Konrad I. ging dann die Herrschaft auf die Ottonen über.

In seinem letzten Abschnitt geht Schulze schließlich auf die vielgestaltigen äußeren Bedrohungen ein, die das gesamte Frankenreich im 9. Jahrhundert bedrohten; die inneren Bedrohungen durch Teilungen, Nachfolgekämpfe und dergleichen wurden bereits ausgiebig dargestellt. Dazu zählen die Wikingerzüge durch ganz Europa bis nach Bagdad, die sich seltsam ambivalent zwischen Handel und Plünderung befinden. Dazu zählen die Sarazenenzüge durch das gesamte Mittelmeer. Dazu zählen schließlich auch die Ungarneinfälle, die besonders für das Ostfränkische Reich gefährlich waren. Ursprünglich waren die Ungarn von Arnulf von Kärnten als Kriegshilfe gegen die Mähren herbeigerufen worden, sie waren aber nach Arnulfs Tod nicht mehr zu bändigen. Die Kämpfe in den Grenzmarken wurden heftiger und erreichten in der hier behandelten Zeit nicht einmal ihren Höhepunkt. Die Bedrohungen kamen von allen Seiten auf das Fränkische Reich zu, auch weil offenbar wurde, dass das Gesamtreich zu groß und zu schwach geworden war, um ihnen standzuhalten.

Die spätkarolingische Zeit war eine Zeit der Übergangs, einerseits mit dem Verfall der kulturellen Errungenschaften Karls des Großen, andererseits aber auch als Ausgangspunkt für die ausgebildete Identität der heute noch vorhandenen Volksgruppen in Westmitteleuropa. Von hier stammen die ältesten sprachlichen Zeugnisse, der Aufstieg des Adels und seine Machtposition nahm hier ihren (bei den damaligen Verwaltungsverhältnissen wohl unvermeidbaren) Anfang. Die Fliehkräfte in der spätkarolingischen Zeit waren so stark geworden, dass wohl auch ein charismatischer Herrscher wie Karl der Große dem wenig hätte entgegensetzen können.

Schulzes Darstellung ist eine sehr klassische Geschichtsschreibung mit weitem Blick und vielen neuen Erkenntnissen. Sie ist stilistisch hervorragend und weitet gleichzeitig den Horizont in Bezug auf die diversen Ursachen für die später vorhandenen mittelalterlichen Strukturen. Selbst die chaotische Endphase kann er stringent und klar darstellen, den meisten anderen Überblicksdarstellungen gelingt insoweit kaum, dass am Ende dennoch ein „blinder Fleck“ bleibt. Insgesamt handelt es sich um eines der Highlights in der Reihe des Siedler-Verlags.

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