Sprachen und was darüber gesagt werden kann

Durch Zufall bin ich diesen Sommer in der Buchhandlung über das Buch „Sprachen“ von Gaston Dorren gestolpert. Ein kleiner Reiseführer zu den Sprachen Europas, in dem insgesamt 67 Sprachen jeweils auf wenigen Seiten behandelt werden. Darunter sind die großen Sprachen nicht ausführlicher behandelt als die kleinen und vom Aussterben bedrohten. Jede erhält ein wenig Raum, in dem ihre Besonderheiten, Eigenheiten, ihre Geschichte oder ihre Bedeutung vorgestellt werden. Am Ende jedes Abschnitts gibt es eine kurze Liste von Lehnwörtern, die das Deutsche aus dieser Sprache übernommen hat, und ein Wort, das dem Deutschen noch fehlt. Eine wirklich hübsche Zusammenstellung mit vielen kleinen Einheiten von unnützem Wissen. Manchmal sind die einzelnen Sprachen nur der Aufhänger für Phänomene in größeren Familien, sodass man nicht immer etwas über die konkrete Sprache erfährt. Das tut dem Genuss aber keinen Abbruch.

Unter den vielen kleinen Informationen, die in der großen Zeit der Quizshows problemlos für höhere Gewinnbeträge ausgereicht hätten, seien nur erwähnt: dass das Finnische zwar viele Worte für „Schnee“ haben mag (wie die urban legend es auch für die Sprachen der Inuit postuliert), das Deutsche aber auch zwanglos sehr viele Worte für „Regen“ kennt; dass das Monegassische auf Initiative eines heimatverbundenen Geistlichen im Schulunterricht in Monaco verwendet wird – und nur dort (nicht von den offiziellen Institutionen, nicht im Radio, praktisch nicht in der Literatur); dass das Polnische eine der konsequentesten Sprachen ist, wenn es um ihre Transkription in Buchstaben geht (wenn es auch überhaupt nicht so aussieht) – deutlich konsequenter als Deutsch und Englisch.

 

Das Buch befasst sich ausschließlich mit den (noch) lebenden Sprachen Europas. Von Latein ist keine Rede. Ein vergleichbar hübsches Buch, das sich nur auf die Geschichte und Geschichten rund um die lateinische Sprache kapriziert, ist „Latein ist tot, es lebe Latein“ von Wilfried Stroh, das ich bereits vor einigen Jahren in den Händen hatte. In diesem Kontext ist es eine schöne Ergänzung zu Dorrens Buch. Seine Hauptthese ist, dass die lateinische Sprache nicht erst seit dem Ende des römischen Reichs eine tote Sprache war, sondern schon um die Zeitenwende faktisch gestorben ist, jedenfalls als gesprochenes klassisches Latein. Um die, auch noch heute so genannte, „goldene Latinität“ zu bewahren, das Latein von Cicero, Caesar, Sallust oder Vergil, wurde diese Schriftsprache gewissermaßen eingefroren, konserviert, da man sie für einen unübertreffbaren ästhetischen Höhepunkt hielt. Die späteren Autoren wurden bereits als stilistischer und sprachlicher Verfall empfunden, und die gesprochene Sprache entwickelte sich mit den Jahren immer weiter von diesem Idealbild fort. Schließlich wurden aus dem klassischen Latein die heutigen romanischen Sprachen wie Französisch, Spanisch und Italienisch (wenn der Übergang auch schleichend war: noch Dante sagte, er schreibe seine Verse in lateinischer Sprache).

Tatsächlich stellt die „goldene Latinität“ einen sprachlichen Höhepunkt dar, dem meiner Erfahrung nach die so genannte „silberne Latinität“ kaum nachsteht (wenn meine Übersetzungskenntnisse auch auf wenig brillantem schulischem Niveau stehen geblieben sind). Diese Phase wurde die gesamte Antike und bis in die Neuzeit hinein imitiert und als Vorbild festgehalten, so ist die Einhard-Biographie über Karl den Großen in einem makellos gedrechselten Latein verfasst. Das Auseinanderdriften von klassischem Idealbild und natürlicher Sprachentwicklung schlägt sich, abhängig von der Kunst der Autoren und ihrer Treue zum Vorbild, in den Abweichungen nieder, sowohl grammatikalisch, als auch lexikalisch oder in der Rhythmik (vgl. den Quantitätenkollaps).

Es ist aber auch offensichtlich, dass die hoch geschätzten Autoren wie Cicero nicht exakt so gesprochen haben wie sie schrieben – die hohe Literatur ist immer auch eine Kunstform gewesen, die sich von der gesprochenen Sprache unterscheidet. Sicher war das Sprachniveau Ciceros ein anderes als das der Soldaten Caesars, aber dass die lateinische Aussprache sich schon damals von der Schriftform entfernte, wird schon bei Catull (carmen 84, „hinsidias“) deutlich, wie auch einige Jahrzehnte später an den pompeijanischen Graffiti oder an der Cena Trimalchionis, die das Vulgärlatein für uns eingefangen haben.

 

Eine schöne Videoreihe zur Auffrischung meiner Lateinkenntnisse habe ich letztens bei youtube gefunden, sie ist aber auch in der Mediathek des bayrischen Rundfunks verfügbar.

Eigentlich eine Art Telekolleg-Kurs, zu dem es bei seiner Entstehung offenbar auch Begleitmaterial gab, der aus heutiger Sicht etwas hölzern wirkt und doch sehr stringent und kompakt die Eigenheiten der lateinischen Grammatik und Satzlehre offenlegt. Ohne Vorkenntnisse wird man während des ersten Grundkurses wohl sehr schnell abgehängt, ich konnte aber mit meinen verbliebenen Schulkenntnissen gut folgen. Nach drei Grundkursen mit jeweils 13 Videos ist die Grammatik für alle wesentlichen Zwecke vollständig erklärt. Im Aufbaukurs, der wieder aus 13 Videos besteht, werden jeweils kurze in sich abgeschlossene Texte aus der Mythologie übersetzt. Den Abschluss der Reihe bildet ein Übersetzungskurs mit kurzen Abschnitten und den zugehörigen grammatikalischen Analysen aus den bekannten Originaltexten, etwa Caesars Gallischer Krieg. Eine wirklich schöne Gelegenheit, die alten Kenntnisse zu reaktivieren.

 

Abschließend sei noch ein schöner youtube-Kanal erwähnt, der sich ebenfalls mit Sprachen und ihrer Entwicklung befasst. Der nativelang-Kanal hat wunderbare kleine Videos über alle Sprachen der Welt, darunter auch über die klassische Aussprache des Lateinischen (und woher wir darüber wissen können), oder, sehr sehenswert, über die Aussprache des Shakespeare-Englisch.

Daneben viele weitere, der Kanal ist nach wie vor aktiv und bleibt hochinteressant.

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