Die athenische Demokratie

In meiner naiven Vorstellung war das antike Griechenland eine der schöneren Epochen der Weltgeschichte. Nachdem ich mich längere Zeit mit Kriegen, Intrigen und ambivalenten Persönlichkeiten befasst hatte, wollte ich etwas über die Hochkultur, über die Entstehung der Philosophie und der Demokratie lesen. All das gab es im alten Griechenland; aber die Lektüre hat mir meine Naivität dennoch gründlich ausgetrieben.

Im Studienbuch von Linda Günther nehmen kulturelle Dinge einen eher kleinen Raum ein, es werden Theater, Olympische Spiele und auch die Philosophen erwähnt, aber kaum in der Tiefe beleuchtet. Bei dem Buch handelt es sich eher um eine politische Ereignisgeschichte, die also auch und gerade all das beleuchtet, vor dem ich auf der Suche nach einer erbaulicheren Lektüre die Augen verschließen wollte. Und selbstverständlich gehört all das auch in eine umfassende Arbeit über die griechische Antike: die griechischen Stadtstaates (Poleis) haben sich fortlaufend untereinander bekriegt, Allianzen geschmiedet und gebrochen, die Staatsmänner haben Mehrheiten gesammelt, die Volksversammlung aufgestachelt, Steuern von den Verbündeten abgepresst. So groß die kulturellen Leistungen dieser Epoche sind, die politischen Verwicklungen sind keinen Deut geringer als in anderen Zeiten.

Ebenfalls einen relativ kleinen Raum nehmen die Heldengeschichten ein (schon die aus der wirklichen Historie, erst recht die aus den Mythen Homers). In der Folklore gibt es viele Erzählungen aus den Perserkriegen, etwa von der Schlacht bei Marathon („νενικεκαμεν“), von der Schlacht bei Thermopylae („Komm und nimm sie“ – „Μολον λαβη“; „Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl“ – „O ξειν αγγελειν Λακεδαιμονιοις οτι τηδε κειμεθα τοις κεινον πημασι πειθομενοι“), also insgesamt wie das verbündete Griechenland sich gegen die übermächtigen Perser erfolgreich verteidigte. Zwar werden die Perserkriege angemessen ausführlich beleuchtet, aber auch nicht übertrieben stark. Ein sehr viel stärkerer Fokus liegt auf dem Peloponnesischen Krieg, der die klassische Staatenwelt tatsächlich durcheinander mischte.

Abgesehen von Athen und Sparta ist in den meisten anderen Poleis ist die Quellenlage eher dürftig. Natürlich ist die klassische Vorherrschaft Athens mit verantwortlich dafür, dass es im Vordergrund der Überlieferung und der Geschichtsschreibung steht; durchaus ähnlich war es ja auch im Römischen Reich (Tacitus beispielsweise kümmert sich praktisch nicht um das Geschehen in den Provinzen, sondern fokussiert auf Rom und die kaiserliche Familie). Ein Verdienst der Darstellung Günthers ist darum, auch den Kontrast zu den restlichen Poleis zu suchen und die Quellenlage ausgiebig zu diskutieren. Natürlich lässt sich ohne belastbare Quellen nur eine Extrapolation anhand der vorhandenen Quellen leisten – sodass stets die Gefahr besteht, die Verhältnisse aus Athen und Sparta auf ganz Griechenland zu übertragen. Die Gefahr dabei liegt auf der Hand, zumal diese Verhältnisse so grundverschieden sind. Wie dürftig die Quellen grundsätzlich sind, ist daran erkennbar, worauf sich die Geschichtswissenschaft bei manchen Angelegenheiten bezieht: beispielsweise wird eine Erhöhung des Richtersolds von 2 auf 3 Obolen auf eine Randbemerkung in einer zeitgenössischen Komödie zurückgeführt. Es gibt offenkundig keine Akten, keinen aufgeschriebenen Beschluss, keine Rezeption in der Historiographie – nur diese Komödie, aus der der Sachverhalt implizit geschlossen wird. Aus neuzeitlicher Sicht („das tintenklecksende Säkulum“ ist auch schon einige Zeit her) eine beeindruckende Sache – selbstverständlich nur für den halbgebildeten Laien 🙂

Überhaupt trägt die Vielzahl der Poleis zum schwierigeren Verständnis bei; es ist eine der Eigenarten der Geographie Griechenlands, dass sich so viele kleine, nahezu autarke Stadtstaaten ausgebildet haben, die sich auch nie dauerhaft zu größeren Einheiten zusammengeschlossen haben. Die weitere Komplexität aufgrund der vielen handelnden Personen zieht sich wie ein roter Faden durch die griechische Geschichte – immer wieder gibt es ein Aha-Erlebnis mit bekannten Namen, die sich in das Gesamtbild einfügen lassen. Aber sehr häufig bleibt das ganze eine amorphe Masse von Namen, die sich manchmal sogar bei verschiedenen Personen wiederholen.

Die Entwicklung der Demokratie in Athen war in gewisser Weise ein Sonderweg, wenn auch nicht vollständig einzigartig. Nach dem Tyrannensturz um 510 v. Chr. wurde der Alleinherrschaft, der Tyrannis tatsächlich abgeschworen (wiewohl zu beachten ist, dass dieser Begriff keineswegs negativ besetzt war). Die Reformen Drakons, Solons und schließlich des Kleisthenes etablierten die Machtstellung der Volksversammlung und verringerten den Einfluss der Adligen. Es handelt sich allerdings noch um eine Phase mit insgesamt fragwürdiger Quellensituation, vieles ist erst die Rezeption und Redaktion aus dem Blickwinkel des 4. Jahrhunderts v. Chr.

Als die Blütezeit der griechischen Antike gilt die Zeit der Hegemonie Athens, zwischen dem Perserkrieg von 490 v. Chr. und dem Peloponnesischen Krieg (430 – 404 v. Chr.). Die Geschehnisse in dieser Phase sind ausreichend bekannt, um hier nicht referiert zu werden (wenn auch im Detail viele spannende Geschehnisse verborgen sind, die eine Lektüre immer wieder lohnen). Die glanzvolle und mächtige Ausgestaltung Athens unter Perikles mit der prachtvollen Akropolis, dem Parthenon und den „langen Mauern“ sei genannt, die auch erkauft ist durch die Ausbeutung der Verbündeten im attischen Seebund – hierdurch erst wurden die Bauwerke möglich. Die Schattenseiten voller Großmachtphantasien, die Unterdrückung der formal gleichberechtigten Bundesgenossen und die Anzettelung von Kriegen dürfen hier ebenso wenig fehlen. Als der Peloponnesische Krieg endet, ist die Vormachtstellung Athens vergangen, die Stadt entgeht nur knapp der Vernichtung durch die siegreichen Spartaner. Hier wird eher die Realpolitik eine Rolle gespielt haben, dass Sparta ein Machtvakuum zu verhindern versuchte, und nicht das heroische Gedenken an die Führungsmacht Athen in den Perserkriegen (zumal die Heerführung damals bei Sparta gelegen hatte und nicht bei Athen).

Die Demokratie während dieser klassischen Phase war vorhanden und hatte tatsächlich einige Züge der modernen Herrschaftsform gleichen Namens. Allerdings waren nur die Vollbürger stimmberechtigt, nicht die Frauen, Sklaven oder Zugezogenen. Die meisten Ämter wurden durch Los, nicht durch Wahlen bestimmt; schließlich wurden Diäten für die Teilnahme an der Volksversammlung vergeben. Die Demokratie ist besonders unter Perikles als eine Art von „gelenkter Volksherrschaft“ aufzufassen, da Demagogen, darunter eben auch Perikles, es verstanden, die Volksversammlung auf ihre Seite zu ziehen und so fast als demokratisch legitimierter Alleinherrscher zu agieren. Allerdings ist diese Sichtweise der Antike noch vollständig fremd. Im Peloponnesischen Krieg werden die Entscheidungen der Volksversammlung zusehends erratisch, die militärische Niederlage erklärt sich unter anderem daraus, dass die siegreichen Strategen wegen religiöser Verfehlungen hingerichtet werden (und nicht nur einmal, Athen hat mehrfach seine gesamte Heerführung abgesetzt und hingerichtet). Aber selbst unter der erdrückenden Erfahrung der vernichtenden Niederlage bleibt die Demokratie der Standardfall, der nur kurz von tyrannischen oder chaotischen Zuständen unterbrochen wird – die athenische Demokratie hat sich als sehr stabil erwiesen.

Nach dem Peloponnesischen Krieg beginnt eine Phase, über die es sich aus dem politischen Blickwinkel eher deprimierend liest. Es ist ein unübersichtliches Gewirr von entstehenden und vergehenden Bündnissen, es gibt keine bipolare Staatenwelt mehr wie zuvor. Die Bedrohung durch das Perserreich ist nennenswert schwächer als zuvor, wenn die Perser auch mächtig bleiben und beispielsweise den Königsfrieden diktieren können. Nach einem Intermezzo mit der griechischen Hegemonialmacht Theben steigt Makedonien vom Rand der griechischen Welt auf (es galt schon als grenzwertig, ob die Makedonen als des Griechischen nicht mächtige Barbaren zu bezeichnen waren oder nicht). Dieser Aufstieg kristallisiert sich in Alexander dem Großen.

Die Machtposition und der Erfolg Alexanders des Großen sind geradezu faszinierend anzusehen – beides erscheint vollständig unerklärbar. Mit allen Ambivalenzen, die auch ihm zu Eigen waren, ist er doch in der Rückschau zu einer fast mythischen Figur geworden. Dazu trägt auch sein früher Tod bei, der es ihm erspart hat, sein unermesslich großes Reich selbst zusammenhalten zu müssen – wer weiß, ob ihm das hätte gelingen können. Es kam anders, die Diadochenkämpfe sind wieder im Kontrast eine sehr deprimierende Lektüre. Der Reiz besteht hier aber darin, dass die griechische Kultur so große Räume durchdrungen hat und auf Jahrhunderte hin Einfluss genommen hat. Schließlich zerfallen alle Diadochenreiche nach und nach, viele fallen schließlich an das Römische Reich – eine ebenfalls gleichermaßen sehr faszinierende und sehr deprimierende Geschichte.

Über Jahrhunderte hinweg war die Rezeption alles Griechischen stilbildendes, grundlegendes Objekt aller gelehrten Beschäftigung. Philosophie und Wissenschaft wurden zur unbezweifelten Autorität, bis sie ab der Renaissance kritisch weiterentwickelt wurden; besonders im 19. Jahrhundert wurde die klassische Kunst imitiert, die wissenschaftliche Strenge wurde wieder belebt (vor allem in der axiomatischen Methode der Mathematik, aber nicht nur dort), und der Unterricht in altgriechischer Sprache an allgemeinbildenden Schulen wurde zum zentralen Element des Bildungskanons. Bei all dieser Rezeption erscheint es paradox, dass die Demokratiebewegung sich offenbar kaum auf die ursprünglichen griechischen Vorbilder stützte. Im Gegenteil gab es im 19. Jahrhundert eine große Fixierung auf die bestehenden Monarchien und das Gottesgnadentum, und wo die Demokratie Staatsform war, wurde sie eher als Weiterentwicklung der antiken Demokratie verstanden und nicht als Rückbesinnung: solche Überlegungen von einer tatsächlich gelenkten, nicht von der Massenstimmung beherrschten Demokratie finden sich etwa in der US-Verfassung mit der indirekten Wahl des Präsidenten. Möglicherweise war die Furcht vor dem Ableiten in Anarchie und Chaos hier maßgeblich, wie es sich in Athen während des Peloponnesischen Kriegs gezeigt hat, oder auch während der Spätphase der Römischen Republik. Tatsächlich haben schon die antiken Staatsphilosophen wie Platon und Cicero eher die Oligarchie als die Demokratie propagiert. Für mich war daran ein neuer Effekt, dass die Demokratie in Athen nach dem Peloponnesischen Krieg wieder hergestellt wurde und funktionierte wie in ihren besten Zeiten; tatsächlich haben die Makedonen die Demokratie in Athen abgeschafft, um die Einordnung in das Alexanderreich zu garantieren: die Demokratie galt den Makedonen als Grundursache für das Freiheitsstreben der Athener und für Aufstände gegen die Hegemonialmacht.

Darüber hinaus sind natürlich auch Elemente der direkten Demokratie wie die Volksversammlung nur in kleinen Stadtstaaten wie Athen oder Rom praktisch umsetzbar, was zur heutigen Ausgestaltung der repräsentativen Demokratie führt. Umgekehrt sind auch neuzeitliche Demokratien nicht gefeit vor Demagogie, vielleicht im Gegenteil. Aber die zusätzliche Stabilität, die sich heute beobachten lässt, ergibt sich auch aus der fest gefügten Beamtenwelt (in Deutschland etwa während der preußischen Reformen entstanden), da es keine Losverfahren zur Besetzung von öffentlichen Stellen mehr gibt. Die Kehrseite ist eine Art von Kastensystem. Die Demokratie in ihrer heutigen Form ist aber bei all ihren Schwächen eine funktionierende Herrschaftsform. Sie erträgt es, dass sie hinterfragt, verteidigt und verbessert wird, und dass niemand sie als gegeben hinnimmt. Die Abgründe, die von ihr wegführen, sind in der Historie vielfach gut zu sehen.

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