Der Sommer des Jahrhunderts

Vor einigen Jahren ist ein Trend gestartet, ganze Bücher über einzelne Jahre zu schreiben. Mit diesen Büchern soll der „runden Geburtstage“ großer Ereignisse gedacht werden, etwa der 100-sten Wiederkehr des Ersten Weltkriegs, der 200-sten Wiederkehr des Wiener Kongresses oder 50-sten Wiederkehr der Studentenrevolution. In diese Reihe passt auch das Buch 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts von Florian Illies. Es unterscheidet sich aber dadurch, dass es sich nicht um ein historisches Überblickswerk handelt. Im Gegenteil ist es ein locker zusammengestelltes Kaleidoskop feuilletonistischer Episoden aus dem Jahr 1913, einem Jahr, das im Wesentlichen nur durch das Hintergrundwissen über das darauffolgende Jahr von Relevanz ist.

Ich selbst habe mir inmitten des Hypes rund um 2013 dieses Buch aus Neugier gekauft und es damals nicht bereut. Jetzt habe ich es aus einer Laune heraus wieder gelesen und werde lebhaft an den Satz erinnert: Ein Buch, das man ein einziges Mal gelesen hat, hat man entweder einmal zu oft oder einmal zu wenig gelesen. Hier ist letzteres der Fall: es verbergen sich eine Menge kleine Perlen in diesem Buch, die sich erst durch mehrmaliges Lesen wirklich erkennen lassen: lege, lege, relege et invenies. Und kurzweilig ist es außerdem noch. Es verleitet durch die Kürze seiner unzähligen Episoden ein wenig dazu, es in vielen sehr kurzen Abschnitten zu lesen. Das ist möglich, aber nicht klug. Seine Pracht entfaltet das Kaleidoskop dadurch, dass es seine ganze Vielfalt aufzeigt – das ist nur möglich durch die Wahrnehmung all der vielen Episoden nebeneinander.

Illies schreibt mit allen literarischen Methoden, die ihm ein Roman an die Hand geben würde. Neben seinen diversen wiederkehrenden Figuren verwendet er auch allerhand Stilmittel und greift episodenübergreifend Themen auf – so etwa das Zitat „Der Rest ist Schweigen“ aus dem akademischen Disput zwischen Freud und C.G.Jung, der zu Jahresbeginn ausbricht und sich nie wieder kitten lässt. Der Satz „Der Rest ist Schweigen“ taucht in der Folge immer wieder unvermittelt, aber nicht unpassend, auf und spannt so den Bogen über viele Schauplätze und über das ganze Jahr hinweg. Tatsächlich wird das Buch in einigen Rezensionen als Roman bezeichnet, es trägt aber vollkommen zurecht nicht diese Selbstbezeichnung und ist in der Spiegel-Bestsellerliste unter den Sachbüchern geführt worden.

Es kann kaum verwundern, dass das Buch dem Feuilleton entnommen zu sein scheint: der Autor Illies war jahrelang Leiter des Feuilletons der FAZ. Ähnliche Beobachtungen wie er sie über das Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs gesammelt hat, hat er bereits aus anderer Perspektive über seine eigene Jugendzeit angestellt: in seinem Erstlingswerk Generation Golf.

Illies entwirft ein Panorama des Jahres 1913, nach Monaten geordnet und mit wiederkehrenden Hauptpersonen. Sein Grundgerüst entnimmt er wahren Begebenheiten, die er leicht ausschmückt und mit sparsamer Erfindung ergänzt. Auf diese Weise entstehen hübsche Charakterstudien etwa von Franz Kafka, Ernst Jünger und Sigmund Freud, auf deren Spuren sich Illies begibt. Er wechselt zwischen den damals schon berühmten Persönlichkeiten wie Freud, Einstein oder Albert Schweitzer hin und her, und er bezieht auch solche Personen ein, die 1913 noch vollkommen unbekannt waren und erst später relevant für den Lauf der Welt werden sollen: neben Kafka etwa auch Hitler und Stalin. Von letzteren beiden erfindet Illies die Episode, dass sie sich im Januar 1913 bei einem Spaziergang durch Wien getroffen haben könnten – unstreitig ist der Fakt, dass beide sich niemals so nahe gekommen sind wie in diesem Monat.

Famos ist die enge Begleitung Kafkas durch das Jahr, die vor allem durch seine umfangreiche Korrespondenz mit seiner Verlobten Felice Bauer möglich wird. Prompt als die beiden sich ein Wochenende lang persönlich treffen lässt sich nichts mehr über sie aussagen, da in diesem Moment keine Briefe geschrieben werden. Aber abgesehen von diesen wenigen Tagen ergibt sich eine 360°-Ansicht von einem gnadenlos neurotischen und unsicheren Kafka, der sogar in seinem Heiratsantrag seitenweise Gründe aufzählt, warum Felice ihn unter keinen Umständen heiraten sollte (was sie auch nicht getan hat).

Überhaupt bewegen sich unverhältnismäßig viele der Akteure des Buches im Künstlermilieu, es tritt zwar der deutsche Kaiser, nicht aber sein Reichskanzler auf (nicht, dass das ein Verlust wäre). Das ist dem Feuilleton-Charakter des Buches geschuldet, erfordert aber eine gewisse Wikipedia-Zeit vom nur allgemeingebildeten Leser, der sich eben nicht tiefgehend in der Kunstgeschichte des Kubismus und Futurismus auskennt. Auch Details über die Literatenfamilie Mann (in der Thomas gerade den Zauberberg beginnt und Heinrich soeben den Untertan beendet), den Wiener Dichter Georg Trakl oder über den Lehrer James Joyce (der in Triest zu seinem Ulysses ermutigt wird, den er im Folgejahr tatsächlich in Angriff nimmt) lassen sich durch ein gewisses Fundament in der Wikipedia besser verkraften.

Ein schöner selbstreflexiver Moment des Buchs ist die Bemerkung, dass in diesem Jahr 1913 der Schöpfer des Kulturfahrplans geboren wird. In tabellarischer Form wäre Illies‘ Werk in den Kulturfahrplan zu gießen, und mit etwas literarischer Ausschmückung entspräche der Kulturfahrplan dem Buch von Illies. Ein wirklich ästhetischer Fixpunkt für meinen Geschmack.

Meistens hält Illies eine strenge zeitgenössische Perspektive ein. Was nach 1913 geschieht, ist seinen Akteuren unbekannt und wird auch durch ihn selbst meist ausgeblendet. Hin und wieder bricht er jedoch auch diesem Korsett aus, mal augenzwinkernd, mal prophetisch. Er erreicht dadurch den Verweis darauf, dass das Jahr erst im Kontrast zum Ersten Weltkrieg heute noch von Interesse ist (sicherlich hätte das Jahr 1912 mehr spektakuläre Ereignisse zu bieten gehabt – aber sein Abstand zum Weltkrieg ist größer, und sicher gewinnt das Buch gerade durch die Belanglosigkeit und Alltäglichkeit vieler seiner Inhalte).

Gelegentlich begibt Illies sich in die Vogelperspektive und blickt etwa losgelöst von allen Episoden auf die vier Zentren der Moderne (Paris, Berlin, München und Wien) und deren unterschiedliche Sicht auf die Welt. Ein anderes Mal zitiert er den Kunstkritiker Meier-Graefe und entspinnt daraus die treffende (und beinahe atemlose) Erkenntnis: „‘Bei dem Namen Picasso wird der Historiker der Zukunft stillhalten und feststellen: Hier hörte es auf.‘ Ende. Unvorstellbar, dass es nach der Formzertrümmerung des Kubismus noch einmal weitergehen könnte. Der große Autor, der vielleicht feurigste kunstkritische Stilist des Jahrhunderts, der ein Meister des Erzählens der ‚Entwicklung‘ der Kunst war, der sieht sie, ganz nüchtern, jetzt an ihr Ende gekommen. Dort, wo wir heute ihren Anfang sehen.

Das Kaleidoskop von 1913 setzt sich mit der Zeit zu einem Gesamtbild, einem Panorama der Epoche zusammen. Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ist hoch ambivalent, das macht ihren Reiz aus heutiger Betrachtung aus: sowohl hochmodern als auch rückwärtsgewandt; sowohl moralisch streng konservativ als auch alle Grenzen testend und überschreitend. Ganz richtig beschwört Illies nicht den „Abendglanz“, der in der Rückschau gern herbeigerufen wird: in der Sicht der Zeitgenossen war das Ende ihrer Welt durch den Krieg nicht absehbar, im Gegenteil. Ein großer Krieg galt als zunehmend unwahrscheinlich, die Welt und die Wirtschaft waren fast wie in heutiger Zeit verflochten und vernetzt. Die Kultur schritt von Höhepunkt zu Höhepunkt voran, das Fin de Siècle war vorbei, die vielen Kunstrichtungen gingen voran und wurden zunehmend abstrakter.

Eine gewisse Untergangsstimmung will Illies sich aber nicht entgehen lassen. Er zitiert die Weltuntergangsszenarien, von denen C.G.Jung träumt, und er führt eine zeitgenössische Novelle an, in der ein spannungsreiches Duell beschrieben wird, „empfindlich und feinschalig wie eine Frucht, die auf dem Südhange gereift ist“ – daraus macht er 1913 zum Jahr „am Südhang der Geschichte“. Als wollte er den Untergang am Horizont sehen können, der für die Zeitgenossen unsichtbar sein musste. Aber die latente Depression muss er bei seinen Künstlern nicht lange suchen, die Empfindsamkeit ist ihnen angesichts der immer weiter voranstürmenden Moderne ganz natürlich zu eigen. Und in der Tat waren einige Zeitgenossen ihrer Umwelt überdrüssig; in welcher Gestalt auch immer sie eine Veränderung wollten.

Das soll für den groben Eindruck genügen. Alles Weitere lässt sich nur durch das Buch selbst erleben – und erleben muss man das Buch, sodass man tatsächlich in das Jahr 1913 eintauchen kann (oder das, was Illies durch seine Auswahl und seinen Blickwinkel daraus gemacht hat). Ein Buch, das sich mit ein wenig Abstand wieder lohnen wird zu lesen.

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