Die Nicht-Schlafwandler

Vor längerer Zeit hatte ich angekündigt, dass ich mich mit dem stark diskutierten Buch „Die Schlafwandler“ von Christopher Clark befassen wollte. In der Tat hat es etwas länger gedauert, die Diskussion in der Fachwelt scheint sich etwas beruhigt zu haben und das große Augenmerk auf den Ausbruch des Ersten Weltkriegs hat sich auf andere historische Jahrestage verlagert. Mein Zeitverzug ist dem Thema und dem Buch selbst geschuldet. Clarks Schreibstil ist hier ähnlich überzeugend wie in seinem Buch über Preußen, aber der Inhalt konnte mich weniger fesseln als ich erwartet hatte. Denn so schön Clark auch schreiben kann, besonders der mittlere Teil des Buchs ist bedingt durch seine inhaltlichen Schwerpunkte sehr zäh und recht undurchsichtig, sodass ich bei meinem ersten Anlauf durch das Buch dort stecken geblieben bin. Nun habe ich einen zweiten Anlauf erfolgreich hinter mich gebracht. Das Buch ist äußerst lehrreich und regt zur Diskussion an, sowie zum Quervergleich mit der restlichen einschlägigen Literatur. Es ist allerdings in meinen Augen kein solcher Klassiker wie das Preußen-Buch.

Bei meiner Beschäftigung mit der Julikrise habe ich neben Clark auch die einschlägigen Bücher von Golo Mann, Volker Ullrich, Michael Stürmer, Thomas Nipperdey, John Röhl und John Keegan hinzugezogen. Nicht alle sind noch auf dem aktuellsten Stand der Forschung, alle setzen leicht andere Schwerpunkte, und doch helfen sie bei der Einordnung dessen, was Clark zu Papier gebracht hat. Darüber hinaus hat Clark so viel Bewegung in die öffentliche Debatte gebracht, dass es zahlreiche Buchbesprechungen in den großen Zeitungen und Zeitschriften gab. Namentlich die Rezensionen von Ullrich und von Heinrich August Winkler werden im Folgenden gelegentlich eingebunden.

Die grundlegende Erkenntnis ist: der Ausbruch des Ersten Weltkriegs war eine hochkomplexe Angelegenheit. Clark selbst spricht von den kompliziertesten Vorgängen, mit denen es die Geschichtswissenschaft zu tun hat. Und die Auswirkungen der Julikrise auf die ganze Welt waren derart umfassend und nachhaltig, dass es seit jeher ein großes Interesse an der Aufarbeitung gab. Insbesondere waren alle Beteiligten daran interessiert, ihre eigene Rolle in möglichst günstigem Licht darzustellen. Hierzu hat beispielsweise in Deutschland die Politik der Alliierten nach dem Krieg beigetragen, die im Versailler Vertrag die Alleinschuld am Ausbruch des Kriegs auf Deutschland schoben (wenn auch aus formaljuristischen Gründen, um eine Rechtfertigung für die Reparationsleistungen zu haben, und wenn auch im §231 des Vertrags, der schon durch seine Nummer andeutet, dass es sich nicht um die wichtigste Bestimmung des Vertrags handelte – die psychologische Auswirkung auf die Deutschen war in den 20er Jahren dennoch eine unglaublich starke). All dies führt dazu, dass es eine unüberschaubare Fülle von Literatur über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs gibt. Schon Golo Mann schrieb Ende der 50er Jahre, dass kein anderes Ereignis so gründlich durchleuchtet worden sei – und seither ist mehr als ein halbes Jahrhundert an zusätzlicher Forschung und Quellenkritik geschehen. Ganze Forscherleben ließen sich allein mit der Lektüre der Schriften füllen, die zu diesem Thema erschienen sind, und phasenweise gab es Lehrstühle mit ausschließlich dem Forschungsauftrag der Kriegsschuldfrage (die sich jedenfalls nicht so einfach beantworten lässt und die auch Clark nicht zu beantworten beabsichtigt – am Ende mehr dazu).

Clarks Verdienst ist es, viele Quellen aus ganz Europa ausgewertet zu haben. Die meisten Bücher, die mir zur Verfügung stehen, konzentrieren sich aufgrund ihrer Ausrichtung vornehmlich auf Deutschland und dessen Akteure, oder auf Großbritannien. Clark zieht auch alle anderen Großmächte, deren Sichtweisen und Verstrickungen, ihre Vorgeschichte und Absichten heran und nutzt sogar serbische Archive (die schon aufgrund der Sprachbarriere nicht leicht zugänglich sein konnten). Die Arbeit, die hier in die Sichtung und Einordnung geflossen ist, verdient hohe Anerkennung. Dies verbreitert den Blick sehr stark und trägt zur Klarheit in manchen Punkten bei; teilweise verschleiert dies auch die Klarheit, da unermesslich viele Informationen und Akteure in die Studie eingehen – aber genau in dieser Vielzahl besteht auch die Komplexität dieser Krise, die schon die Zeitgenossen erkannt hatten. An vielen Stellen ist Clarks Darstellung verworren, manche Ereignisse werden mehrfach aus unterschiedlichen Sichtweisen geschildert, Nuancen werden aufgezeigt, aber lassen sich für den Leser nur unter großer Konzentration wirklich wertschätzen. Insgesamt gilt ein Dictum, das Clark auch in einem Überblicksvortrag (auf den ich später wieder zurückkomme) zitiert: „The problem is not that we know too little – it’s that we know too much.“

Hierbei ist noch die Bemerkung relevant, dass Clark sich auf Politik und Diplomatie fokussiert. Bevölkerung und Massenstimmungen kommen höchstens am Rande vor. Das ist einerseits ein Versuch in Komplexitätsreduktion, andererseits auch die Konzentration auf die entscheidenden Akteure. Auch wenn es eine starke veröffentlichte Meinung gab, die Entscheidung lag bei den von Clark betrachteten Akteuren, nicht dezentral (und nicht einmal in Parlamenten, wie es heute wenigstens formal der Fall wäre).

Das Buch beginnt mit einer Betrachtung Serbiens und Österreich-Ungarns. Tatsächlich beginnt die Studie mit einer sehr detaillierten Schilderung des Mords an König Alexander von Serbien, die in einem historischen Roman kaum plastischer und spannender sein könnte. Die Hintergründe im Königreich Serbien sind nicht „well-known“, aber für die weiteren Entwicklungen nicht unwesentlich. Der Abriss der Vorgeschichte Österreich-Ungarns ist weniger reißerisch, aber erhellt ebenfalls viele Hintergründe, etwa über die Auswirkungen der Mitte des 19. Jahrhunderts eingerichteten Doppelmonarchie auf Verwaltung, Politik und Militär. Hier tauchen auch zum ersten Mal die Balkankriege auf, die in den späteren Kapiteln immer wieder aus verschiedenen Blickwinkeln diskutiert werden, ohne dass der rote Faden der Erzählung besonders gut heraus käme.

Als Clark in den beiden Kernstaaten der Julikrise im Jahr 1914 angekommen ist, verbreitert er seinen Fokus auf ganz Europa und untersucht die politische Gemengelage in den beiden Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg. Zunächst mit der grundsätzlich schon bekannten Nacherzählung der diversen Bündnisse in Europa, danach mit einer Überlegung, wer wo tatsächlich regierte und die Macht in der Hand hielt. Das Kapitel über die Vielstimmigkeit der Außenpolitik war das, in dem ich bei meinem ersten Versuch hängen geblieben war. Es gibt wenig Ereignisgeschichte, allenfalls in Gestalt der mehrfach unvollständig erzählten Marokkokrisen. In allen Großmächten, vielleicht mit der Ausnahme Großbritanniens, schien das völlige Chaos in der Außenpolitik zu herrschen – in Frankreich wechselten die Minister extrem häufig, in Deutschland handelten die Staatssekretäre auf eigene Faust und trieben die Staatsspitze in Bedrängnis (das sollte auch in der Julikrise so bleiben, so dass in den anderen Staaten gar die Frage aufkam: wer regiert in Deutschland? Tirpitz oder Bethmann?), in Russland konnte sich der schwache Zar gegen die wechselnden Schwerpunkte seiner Entourage nicht durchsetzen. In seiner Konfusion ist dieses Kapitel sehr erhellend, da es die Vielzahl der Akteure ungehindert darstellt. Auch den Zeitgenossen kann das Durcheinander in Europa unmöglich klar geworden sein.

Clark versucht, die Motivationen der vielen verschiedenen Akteure zu durchleuchten, aber er scheitert. Als Beispiel die Entstehung der Triple Entente: Clark beschreibt sie als den Versuch Großbritanniens, mit seinen ärgsten Widersachern in den Kolonialgebieten, Frankreich und Russland, zu Verständigungen zu kommen und sie durch Diplomatie einzufangen – die klassische historische Meinung ist, dass Deutschland durch viele ungeschickte diplomatische Schritte Großbritannien in die Arme seiner bereits feststehenden Gegner trieb. Warum aber hat der britische Außenminister Grey keinen Ausgleich mit Deutschland gesucht, so wie mit den anderen Großmächten auch? Eine mögliche Antwort findet sich bei Stürmer und bei Ullrich – Deutschland war einerseits kein Gegenspieler Englands auf der globalen Bühne, aber war innerhalb Europas entsprechend stark. Großbritannien suchte daher das Bündnis gegen die größte europäische Landmacht, um die Balance in Europa nicht zu gefährden. Ein anderer Aspekt war wieder die Vielstimmigkeit der Politik: die öffentliche Meinung war in allen Ländern sehr lautstark, ebenso die Militärs. Es war praktisch zu jeder Zeit unklar, ob die Falken oder die Tauben in einer Regierung die Oberhand hatten, das wirkte sich entsprechend diffus auf die Signale aus, die diese Regierung aussandte.

Die angesprochenen Fehler Deutschlands auf der diplomatischen Bühne werden von Clark auch hier nicht verschwiegen. Über Jahre galt in Berlin die Gewissheit, dass Großbritannien, Frankreich und Russland sich nicht über ihre Einflusssphären in der Welt würden einigen können. Als es doch dazu kam, wurde die Isolation viel zu spät erkannt. Darüber hinaus war die Stimmung in der veröffentlichten Meinung sehr kriegerisch und neigte dazu, außer Kontrolle zu geraten (so etwa während des Panthersprungs von Agadir). Außerdem verhielt sich der Kaiser bekanntlich wie ein Teenager; die entsetzliche Großsprecherei, die sich mit der Angst vor der eigenen Courage abwechselte, trug nicht zur Verbesserung der Lage bei. Mit den Jahren erkannte Großbritannien, so Clark, dass der deutschen Regierung nur mit einer Politik der Stärke zu begegnen war. Auch wenn diese Einordnung etwas unbegründet im Raum stehen bleibt, gänzlich falsch scheint sie nicht zu sein. Insgesamt legt Clark eine verhältnismäßig zurückhaltende Bewertung der deutschen Außenpolitik an den Tag. Im Gegensatz zu einer Zeitungsrezension Winklers ist diese Einordnung Clarks aber nicht als revisionistisch einzuschätzen – das Wort erscheint mir im Gegenteil fast ein Kampfbegriff Winklers zur Einordnung von Clarks Studie insgesamt zu sein.

Als nächstes werden die Balkankriege und das „Pulverfass“ Europas näher unter die Lupe genommen. Als den ersten Auslöser des Chaos auf dem Balkan macht Clark den Angriff Italiens auf die osmanische Provinz Libyen aus. Die rückständige türkische Armee konnte Italien nichts entgegensetzen, auch aufgrund der damals hochmodernen Kampfmethoden, etwa des ersten Flächenbombardements aus der Luft. Für alle Welt wurde sichtbar, dass das osmanische Reich geschwächt war und seine Provinzen nicht mehr schützen konnte. Daher brach der erste Balkankrieg aus, in dem die Osmanen bis auf den winzigen Rest ihres europäischen Reichs zurückgedrängt wurden, der noch heute zum Staatsgebiet der Türkei gehört. Im zweiten Balkankrieg teilten die Balkanstaaten die Beute untereinander auf. Serbien tritt in Clarks Darstellung als der starke Aggressor gegen Österreich-Ungarn und gegen Bulgarien auf. Insbesondere bemerkt er, mit Blick auf die Julikrise, dass die Serben aus Sicht Österreich-Ungarns nur auf harte Ultimaten reagierten. Andererseits bleibt die Verwirrung zurück, dass der erste Schuss im zweiten Balkankrieg, ohne dass die Beweggründe in Clarks Darstellung klar geworden wären, durch die Bulgaren abgegeben wird.

Ein weiterer Aspekt an den Balkankriegen war das ambivalente Auftreten Russlands. Es trieb die Bündnisse der slawischen Staaten auf dem Balkan voran, um die Türkei und damit die Beherrschung der Meerengen zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer zu schwächen; es bekommt aber vor Ausbruch des ersten Balkankriegs noch Angst vor der eigenen Courage und warnt seine Verbündeten Serbien und Bulgarien vor den Folgen eines Kriegs. Österreich-Ungarn blieb in diesen Konflikten isoliert, auch ohne Unterstützung von seinem einzigen Verbündeten Deutschland. Es versuchte eine Eindämmungspolitik gegen Serbien, um die serbische Minderheit in Österreich-Ungarn unter Kontrolle halten zu können (hier liegt eine der Ursachen für die Gründung eines unabhängigen Albanien, das den Serben den Zugang zum Mittelmeer versperrte). Frankreich schließlich fördert die Rüstung in Russland, um seine eigene Defensive bei einem Krieg gegen Deutschland zu stärken. Hier findet sich ein bemerkenswertes Porträt des Ministerpräsidenten Poincaré, das auch sein Verhalten in der Julikrise erhellen wird: ein Machtpolitiker, der auf der Welle des Nationalismus während der Marokkokrise ins Amt gewählt wurde, aber danach innenpolitisch angeschlagen war; so stark er in der Außenpolitik auftreten konnte, so geschwächt war er im Innern. Er musste mit Bedenken auf die nächste Wahl und daher in eine unsichere Zukunft schauen.

In den Jahren 1912 bis 1914 verzeichnet Clark Entspannung im diplomatischen Europa. In den Augen der Zeitgenossen war nach den Balkankriegen ein weiterer europäischer Krieg eher unwahrscheinlicher geworden: die Diplomatie der Großmächte konnte Krisen verhindern oder wenigstens stark lokal begrenzen. Noch im Mai 1914 erklärte ein hoher Beamter im britischen Außenministerium, er habe in all seinen Dienstjahren nie ein so ruhiges internationales Umfeld erlebt.

Clark stellt auch hier die üblichen Ansichten der Geschichtsschreibung um: die beiden gegenüberstehenden Bündnisse (die in seiner Darstellung schon nicht aus dem Auftrumpfen Deutschlands entstanden waren) waren nicht so starr und unbeweglich wie es schien: zwischen Großbritannien und Russland kam es zu Spannungen aufgrund der Interessenskonflikte in Persien und China. Clark vermutet, dass die Abkommen nach ihrem Auslaufen 1915 nicht verlängert worden wären. Ohnehin erholte sich Russland sehr schnell von den wirtschaftlichen und militärischen Rückschlägen nach der Niederlage gegen Japan, und sowohl Großbritannien als auch die Mittelmächte sahen diesem Erstarken mit Unbehagen entgegen. Trotz des Scheiterns der Haldane-Mission zur Reduktion der deutschen Flottenrüstung kam es zu Annäherungen zwischen Großbritannien und Deutschland – das Scheitern Haldanes wirkt besonders in der Rückschau als Vorbote des Kriegs, in der Ansicht der Zeitgenossen wurde es weniger dramatisch empfunden.

Die vorhandenen Bündnisse, bei aller Bewegung, die Clark dort aufzeichnet, dominierten dennoch die Handlungen der Akteure. So ließ der britische Außenminister Grey 1912 die Warnung an Deutschland verlauten, dass die beiden Staaten im Kriegsfall Gegner wären. Diese deutliche Warnung wurde vom latent anglophilen Kaiser erschrocken aufgenommen, der daraufhin den berüchtigten „Kriegsrat“ mit seinen Generälen einberief. Von Röhl wird diese Besprechung, an der der Reichskanzler Bethmann-Hollweg nicht teilnahm, als Vorbereitung auf einen Angriffskrieg 1914 aufgefasst und dort zu einem zentralen Beweisstück bei der Argumentation der deutschen Kriegsschuld. Der Zeitverzug von eineinhalb Jahren wurde tatsächlich von Admiral Tirpitz gefordert, um die Abwägung zwischen deutscher Flottenrüstung und russischer Aufrüstung zu optimieren. Würde länger gewartet, wäre das Kräfteverhältnis der Gegner zu ungünstig. Die Runde ging auseinander mit dem Plan, diesen Angriffskrieg propagandistisch vorzubereiten – was nicht geschah. Schon der Begriff „Kriegsrat“ ist vom Reichskanzler im Nachhinein ironisch geprägt worden, einer der Teilnehmer notierte sich, das Ergebnis sei praktisch Null gewesen. Daher auch die herrschende Meinung, die auch von Clark unterstützt wird: die Besprechung war nach der britischen Drohung ein reflexartig erschrecktes Gerede ohne Folgen. Es gab keine vorangetriebene Aufrüstung, keine Propaganda, keine Umstellung der Wirtschaft. Schon beim nächsten Aufflackern einer Krise auf dem Balkan wenige Wochen später gab es kein Drängen auf Eskalation mehr. Die Grundidee der Militärs, dass der Krieg besser früher als später zu führen sei, war jedoch auch in der Julikrise noch präsent.

In dieser Phase drängten sowohl Frankreich als auch Russland die Serben zu einer Politik der Stärke auf dem Balkan. Clark nennt dies einen „geopolitischen Zündmechanismus“, den die beiden Großmächte auf dem Balkan gelegt hätten. In diesem „Balkan-Szenario“ wollte Frankreich, so Clark, sicherstellen, dass sich Russland als slawische Vormacht in einem möglichen Krieg mit Deutschland ebenfalls engagieren würde. Dies würde offensive Strategien Frankreichs gegen Deutschland ermöglicht haben. Allerdings stellt Clark auch klar, dass weder Frankreich noch Russland Pläne für einen Kriegsbeginn vorangetrieben hätten – solche Pläne gab es nicht. Das Spiel mit dem Feuer an diesem Zündmechanismus (in der älteren Literatur: dem Pulverfass) gab es jedoch schon.

Ein Grundprinzip der europäischen Diplomatie jener Zeit wird dabei deutlich: Alle Beteiligten waren im Unklaren über Absichten und Motive sowohl der Freunde als auch der Feinde. Sie sind durch Spionage und durch offizielle Kanäle gut über die Schritte der anderen Mächte informiert – aber alle Maßnahmen, die subjektiv zur höheren eigenen Sicherheit ergriffen werden, werden anderswo als aggressiv wahrgenommen. So geriet Europa in eine Spirale von Aufrüstung und Unsicherheit, die sich dann in der Julikrise fatal auswirken sollte. Keine der Mächte arbeitete wirklich auf einen Krieg hin, aber jede erwartete, dass der Krieg kommen würde – und möglicherweise in einer subjektiv ungünstigen Situation.

Solche Gedanken gab es in den meisten europäischen Staaten. Alle sahen sich mit dem Rücken zur Wand. Es waren viele Informationen aus den verschiedensten Kanälen verfügbar, aber sie wurden häufig falsch interpretiert oder in den falschen Kontext gesetzt – so stieg allseits die Furcht vor dem nächsten Krieg, die Rüstung wurde vorangetrieben, was wiederum anderswo registriert wurde.

Allerdings stellt Clark sehr deutlich heraus, dass die Zukunft offen war. Der Krieg war nicht unvermeidlich, auch wenn er in der Rückschau so erscheint. Weder die Julikrise selbst, noch der Kriegsausbruch in ihrer Folge waren zwangsläufig.

In der Beschreibung des Attentats von Sarajevo beginnt Clark ein fast journalistisches Kapitel in seiner Studie. Er nimmt die Abläufe des 28. Juni 1914 äußerst akribisch und sehr detailliert unter die Lupe, daneben bringt er die Erinnerung von Zeitgenossen an diesen Tag in einer Art von Blitzlichtmoment zur Sprache. Ähnlich wie bei den Anschlägen vom 11. September 2001 konnten sich viele daran erinnern, wo sie waren als sie vom Attentat auf den Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich und seine Frau Sophie Chotek erfuhren. Unabhängig von der nicht sonderlich hohen Meinung, die der Erzherzog in der damaligen Öffentlichkeit genoss, nahmen die Menschen Anteil am Schicksal des Thronfolger-Ehepaars. Auch die überlieferten letzten Worte Franz Ferdinands „Sopherl, Sopherl, sterbe nicht, bleib am Leben für unsere Kinder“ wurden stark rezipiert („these words went viral“ ist der Ausdruck, den Clark selbst in einem Vortrag dafür verwendet hat).

Die Attentäter waren eine Gruppe bosnischer Serben, die erfolglos ein Bombenattentat versuchten und später mit zwei Pistolenschüssen erfolgreich waren. Das Gift, das sie mit sich führten, wirkte nicht. Die österreichischen Untersuchungsrichter klärten binnen Tagen das Verbrechen auf und fanden Spuren der Attentäter nach Serbien. Der serbische Staat kooperierte zwar offiziell mit den Ermittlungen, aber war dabei objektiv gesehen eher zurückhaltend.

In Österreich-Ungarn wurden sofort Stimmen für einen Krieg gegen Serbien laut, auch der eher besonnene Regierungschef schwenkte auf diese Linie ein. Clark entwirft hier eine Art virtuelles Szenario (das sich in der Literatur aber auch an anderer Stelle findet, so etwas verklausulierter bei Keegan): hätte Österreich-Ungarn sofort Serbien angegriffen und in einer Art Kurzschlusshandlung Vergeltung für das Attentat genommen, hätte es auf der diplomatischen Bühne Verständnis ernten können. Allerdings kam es nicht so weit: Österreich-Ungarn verschleppte seine Reaktion nach den Ermittlungen und setzte zunächst eine diplomatische Mission nach Berlin in Gang, um bei den Verbündeten Rückendeckung zu suchen.

In Berlin erhielten die österreichischen Diplomaten den später berühmt gewordenen Blankoscheck. Kaiser und Reichskanzler erteilten ihn unter der Annahme, dass der Konflikt lokal begrenzt bleiben würde. Insbesondere der Kaiser unterstellte, dass sich keine der anderen Großmächte auf die Seite Serbiens und also der Mörder stellen würde – ein Reflex auf die antiquierten Vorstellungen von Ehre und Zusammenhalt unter Adligen. Die Deutschen unternahmen keine Vorbereitungen auf einen kommenden Krieg, aber wirkten auch explizit nicht deeskalierend auf ihre Verbündeten. Sicher spielte hier auch eine Rolle, dass Österreich-Ungarn als einzige verbliebene verbündete Großmacht nicht im Stich gelassen werden sollte. Der Großmachtstatus der Doppelmonarchie war ohnedies aufgrund der divergierenden nationalen Strömungen innerhalb des Vielvölkerstaates gefährdet, die Entente wartete geradezu auf ihren Zerfall. Auch vor diesem Hintergrund sah Österreich-Ungarn nur den Weg zum Krieg gegen Serbien, es hatte dabei keine Exit-Strategie; allenfalls war eine Strategie, die Rolle des Aggressors anderen zuzuweisen (zunächst an Serbien, später in der Krise an Russland – eine Strategie, die in ganz Europa auf ähnliche Weise anzuwenden versucht wurde). Tatsächlich hatte Österreich-Ungarn nicht nur keine Exit-Strategie, sondern gar keine Kriegsziele. Es wollte den Krieg als Vergeltung für das Attentat, wusste aber nicht, was es im Krieg wirklich erreichen wollte. Ähnlich schlecht war auch Deutschland sortiert, jedenfalls kam in der diplomatischen Korrespondenz während der Krise zwischen diesen Verbündeten auch kein Imperialismus vor, sondern nur die unmittelbare Kriegsvorbereitung.

Allerdings dauerte es auch nach dem Blankoscheck noch Wochen bis Österreich-Ungarn tatsächlich Schritte gegen Serbien unternahm – das Ultimatum, das bewusst als unannehmbar für Serbien konzipiert war, wurde zurückgehalten bis ein Staatsbesuch Poincarés in Russland beendet wäre. Es gab jedoch genügend Agenten in allen Hauptstädten Europas, dass der Text des Ultimatums bereits vorher durchgesickert war. Insbesondere war das Ultimatum, als es überreicht wurde, kein Schock mehr für die Entente (anders als in der älteren Literatur gelegentlich dargestellt wird und anders als manche der Akteure selbst in ihren Memoiren geschildert haben).

Dass das Ultimatum damals als unannehmbar galt, versucht Clark durch einen Vergleich mit jüngeren Ultimaten, etwa eines der Nato an Serbien Ende der 1990er Jahre, abzuschwächen. Dass er hierbei mit zweierlei Maß misst, scheint für seine Studie keine Rolle zu spielen – da aber sein vorher vorgebrachter Einwand, dass die Geschichte stets offen ist, auch hier gilt, ist ein solcher Anspruch an die damalige Diplomatie nicht zulässig. Zwar mag es später auch schärfere Tonarten in der Diplomatie gegeben haben, aber in der damaligen Zeit war ein solches Ultimatum tatsächlich (fast im Wortsinne) unerhört. Und es war auch noch so gemeint wie es verstanden wurde.

Als die Serben das Ultimatum erhalten hatten, trat dort eine Vermeidungsstrategie an den Tag. Der Regierungschef versuchte in der Provinz abzutauchen, die restliche Regierung war gewillt allen Forderungen nachzugeben. Als aber aus Russland Signale kamen, die den Serben den Rücken stärkten, wurde eine sehr geschickte Antwort konzipiert. Der Ton der Antwortnote Serbiens war sehr konziliant, es wurden oberflächlich viele Zugeständnisse an Österreich-Ungarn gemacht, aber es gab auch viel Verschleierung. Nur der härteste Punkt des Ultimatums, der als Angriff auf die Souveränität des Staates Serbien aufzufassen war, wurde klar abgelehnt. Die Antwort wurde erst unmittelbar vor Ablauf der Frist fertig, sie wurde aus Zeitnot sogar handschriftlich überreicht, da keine Zeit mehr für die Drucklegung oder eine maschinelle Abschrift blieb. Unmittelbar danach erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg.

Tatsächlich war der deutsche Kaiser nach Lektüre der Antwortnote überzeugt, dass damit jeder Kriegsgrund wegfalle. Wenn man die sonstigen großsprecherischen Randnotizen Wilhelms II. liest, erscheint das geradezu verblüffend. In der Tat wollte der Kaiser diesen Krieg nicht führen (zumindest nicht als europäischen Krieg), wenn er auch nicht unschuldig war an vielen Schritten, die auf diesen Weg geführt hatten. Umgekehrt zeigt sein Verhalten während der Julikrise auch, dass der Kaiser keine Rolle in diesen politischen Vorgängen spielte – im Gegensatz zu den Grundaussagen Röhls drehte sich Deutschland nicht einzig und allein um die Person des Kaisers. In der Tat wurde er sogar von den Entscheidungen ferngehalten, wurde auf seine Nordlandfahrt geschickt und nahm eher eine formale Position ohne Befugnisse während der Krise ein. Der enge Fokus Röhls lässt keinen scharfen Blick auf das Kaiserreich und den Ersten Weltkrieg zu.

Russland hatte sich schon auf den Krieg vorbereitet, während das Ultimatum an Serbien noch lief. Durch die Mobilisierung wurden alle anderen Armeen Europas ebenfalls in Bereitschaft gesetzt, insofern deutet auch Keegan die russische Generalmobilmachung als den entscheidenden verschärfenden Schritt für die Krise. Diese Wirkung musste auch für die russische Regierung klar sein, die Beweggründe sind ähnlich wie in Deutschland: wenn der Krieg schon sein müsste, dann sollte er lieber früher als später sein, zu Bedingungen, die man jetzt in der Hand hatte. In Russland herrschte die Befürchtung, dass Serbien als befreundeter Staat verloren gehen könnte, dass es in Österreich-Ungarn in den nächsten Jahren zum Umsturz kommen könnte, mit kaum absehbaren Folgen für den Balkan und die slawischen Völker dort. Insbesondere würde Russland am Bosporus vor vollendeten Tatsachen stehen können (eines der Schreckgespenster für die Regierung in St. Petersburg, das bereits im zweiten Balkankrieg aufgekommen war).

Tatsächlich war der Zar lange unentschlossen und widerrief die Planungen seiner militärischen Berater mehrfach: er ordnete zunächst eine militärisch nachteilige Teilmobilmachung an, um die Situation nicht zu forcieren, er setzte auch den Befehl zur Generalmobilmachung für einen Tag aus, nachdem er ein Telegramm des deutschen Kaisers mit Vermittlungsvorschlägen erhalten hatte. Schließlich ließ der Zar sich aber aus Furcht vor einem Angriff auf Russland und durch das starke nationale Pathos beeinflussen.

Nach der russischen Mobilisierung folgte fast automatisch die deutsche. Dennoch glaubte die deutsche Staatsspitze phasenweise, den Krieg lokalisieren zu können. Aufgrund missverständlicher Äußerungen des britischen Außenministers glaubte der Kaiser, dass England neutral bleiben würde. Es wurde sogar erwogen, vom Schlieffenplan abzuweichen, um einen Krieg nur im Osten führen zu können. Als das Missverständnis aufgeklärt wurde, lief der Aufmarsch ab wie geplant, es wurden Ultimaten an Belgien gegeben und schließlich brach der Krieg gegen die Entente aus.

Hier noch eine Bemerkung zum Schlieffenplan, der von Clark nur kurz gestreift wird. Eine tiefere Analyse findet sich bei Keegan und ein wahrer Verriss bei Haffner. Der Plan war der einzige, den die deutsche militärische Führung für einen europäischen Krieg hatte. Er sah einen schnellen Feldzug im Westen gegen Frankreich vor, bevor alle Kräfte gegen Russland geworfen werden würden. Bizarrerweise gab es keine andere Planung: wenn also, wie in der Julikrise, eine Kriegsgefahr im Osten entstand, musste aus militärischen Gründen ein Angriffskrieg im Westen begonnen werden (ein Defensivkrieg gegen Frankreich wäre aufgrund der Bündnissituation auch in der Julikrise im Bereich des Möglichen gewesen). In der Tat: die deutsche Führung erwartete in der Krise einen kurzen Krieg im Osten und begann einen großen Krieg im Westen. So war die Politik und Diplomatie aufgrund der mangelnden Flexibilität des Generalstabs außerordentlich eingeschränkt. Auch Bethmann Hollweg erklärte während des Kriegs, er habe sich von den Militärs zum Krieg gedrängt gefühlt – sowohl vom Zeitpunkt als auch von der Art und Weise her betrachtet („Ja, die Militärs“; übrigens ein Zitat, das sich bei Clark irritierenderweise nicht finden lässt; es weist auf die besondere Forcierung der Krise durch Deutschland hin).

Mit den wechselseitigen Kriegserklärungen endet Clarks Studie. Die titelgebenden Schlafwandler tauchen erst im allerletzten Absatz des Buches auf und erscheinen nach der Lektüre nicht mehr sonderlich glaubwürdig – die Akteure waren tatsächlich keine Schlafwandler, die unbewusst einen unsicheren Weg gingen. Sie waren sich über die Wirkung ihrer Schritte deutlich im Klaren, wenig geschah wirklich zufällig oder war unausweichlich, wenn auch die Schritte nicht immer rational waren oder unter unvollständiger Information litten.

In der Geschichtswissenschaft ist Clarks Studie auf ein geteiltes Echo gestoßen. Clark polarisiert, und das ist in gewisser Weise der beste Beitrag, den er leisten konnte: er regt die Diskussion an und fordert zum Widerspruch heraus. Ein verbreiteter Vorwurf ist, dass er die Verantwortung der deutschen Regierung herunterspielt (bis hin zum oben schon angesprochenen Vorwurf des Revisionismus) und insbesondere den Einfluss der russischen Mobilmachung als bedeutender bewertet als den Blankoscheck an Österreich. Über den Wahrheitsgehalt lässt sich vortrefflich streiten (eskaliert die Krise erst mit der Mobilmachung oder gibt es ohne den Blankoscheck überhaupt keine Krise?).

Ein weiterer Kritikpunkt, den man in der Tat teilen muss, ist die weitgehende Konzentration Clarks auf Politik und Diplomatie. Die Bevölkerung taucht praktisch nur am Ende im nicht vorhandenen Augusterlebnis auf (das immerhin eine hoch relevante Feststellung) und punktuell als veröffentlichte Meinung, die die handelnden Politiker vor sich her trieb. Insofern schreibt Clark eine überraschend altmodische Studie, ohne Berücksichtigung von Strukturen und Gesellschaftsaspekten. Das diskreditiert das Buch nicht per se, aber es verengt den Fokus so weit, dass einige andere Fakten unter den Tisch gefallen sein könnten. Hier ist aber auch die große Leistung Clarks in Rechnung zu stellen, die in der Aufarbeitung unermesslich vieler Quellen aus staatlichen Archiven besteht. Liest man das Buch als eine aufbereitete und kommentierte Quellensammlung aus diesen Archiven, ist es ein äußerst wertvoller Beitrag zur Geschichtswissenschaft und mag als Grundlage weiterer Studien in der Zukunft dienen.

Schließlich gibt es den Kritikpunkt, dass Clark, auch wenn er keine Anklageschrift verfassen wollte, doch einen Schurken in seinem Drama hätte: die Serben. Ullrich führt diesen Punkt in seiner Rezension an, ohne ihn jedoch belastbar zu begründen. Mir selbst war dies beim lesen nicht aufgefallen, die Serben erschienen mir kaum mehr und kaum weniger involviert als alle anderen Beteiligten. In der Tat haben die Attentäter von Sarajevo serbische Verbindungen, aber die von Ullrich beschriebenen negativen Wertungen und Akzente gegen Serbien kann ich nicht wiederfinden.

Eine schöne Ergänzung zu Clarks Buch ist ein Vortrag, den er an mehreren Universitäten bereits gehalten hat.

Dort skizziert er detailliert die Abläufe des 28. Juni 1914 und die Hintergründe der Attentäter, bevor er erklärt, warum er das Buch zu der bereits extrem großen Bibliographie zu den Ursachen des Ersten Weltkriegs hinzugefügt hat. Er möchte sich nicht auf die Suche nach der Schuld machen, sondern eher nach den Ursachen forschen. Nicht das „warum“ (denn daraus folgt sofort „wer“), sondern das „wie“ steht für ihn im Vordergrund. Und in der Tat, die Geschichte ist viel zu komplex um einem einzelnen Akteur, oder auch einer separaten Gruppe von Akteuren, die Schuld zuzuweisen. Es gibt keinen Täter wie in den Romanen von Agatha Christie. Oder wie schon Schulze formuliert hat: „Die Frage nach der Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs, die bis heute die Gemüter bewegt, ist töricht gestellt. Schuld können nur einzelne verantwortlich handelnde Menschen haben und die Ursachen des Ersten Weltkriegs sind viel zu weit gefächert, als dass einzelne verantwortliche Politiker namhaft zu machen wären.“

Ein weiterer Aspekt, den Clark im Vortrag herausstellen kann, ist dass das Thema uns heute näher ist als vor 30 Jahren. Damals herrschte der Kalte Krieg, die Welt war bipolar und relativ klar aufgeteilt. Heute gibt es eine multipolare, komplexere Situation, ähnlich wie vor dem Ersten Weltkrieg. Die Julikrise wurde durch einen terroristischen Anschlag ausgeübt, von Tätern, die zum Selbstmord bereit waren. Und das Missverständnis, dem Clark offenbar begegnen wollte, ist, dass die Szenerie zwar alt wirkt (Männer mit Uniformen, Straußenfedern auf den Hüten und so weiter), aber dass diese Geschichte noch immer lehrreich ist und zu uns sprechen kann.

Insofern ist die Studie Clarks eine sehr wertvolle, hervorragend recherchiert und sehr lehrreich, auch für das heutige Verständnis von der Welt. Über die inhaltlichen und argumentativen Schwächen lässt das nicht ohne weiteres hinwegsehen; allerdings ist es auch sehr weit hergeholt, wenn man Clark Revisionismus unterstellt, oder dass er die Schuld am Krieg von Deutschland weglenken wollte. In der Tat beleuchtet er die Julikrise so, dass man unmöglich von einer Alleinschuld der Mittelmächte sprechen könnte – aber das hat in den letzten Jahrzehnten ohnedies niemand mehr ernsthaft behaupten wollen. Tatsächlich ist die Gegenposition zu Clark, dass eine Schuldfrage sehr wohl relevant wäre, mit der expliziten Bejahung der rhetorischen Frage, ob es wirklich nötig sei, die beteiligten Staaten nach ihrer Schuld zu sortieren und zu bewerten; hier ist tatsächlich explizit Clark zuzustimmen: die Schuldfrage ist natürlich für das Verständnis der Historie relevant, kein Zweifel; aber die Schuldfrage ist für die Lehren, die man aus der Geschichte zieht, vollkommen belanglos. Hier stößt man schnell auf das Grundproblem: was soll die Geschichte leisten? Der Historiker ist ein rückwärtsgewandter Prophet, wer die Geschichte nicht versteht, kann die heutige Welt nicht verstehen. Aber eben hierfür ist das „wie“ entscheidend und nicht das „wer“. Und wenn der Krieg schon vorbei ist und alle jemals daran Beteiligten tot sind – was soll dann die Schuld, wenn es keine Sühne mehr geben kann? Das bedeutet aber explizit nicht, dass man sich nicht dessen bewusst sein soll, was im Krieg geschah und wie es dazu kommen konnte. Denn nur daraus lassen sich die Lehren ziehen, die man aus der Geschichte ziehen muss (das wird analog umso deutlicher beim Zweiten Weltkrieg, bei dem gottlob niemand über die Schuld diskutiert).

Irritierend ist die Begeisterung, die aufgrund dieses angeblichen „Freispruchs“ durch Clark entstanden ist. Diesen Freispruch gibt es in der Studie nicht, aber was würde er auch nützen? Weder die Bundesrepublik Deutschland noch die heutige deutsche Bevölkerung wird heute noch für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs verantwortlich gemacht. Es geht nicht mehr ernsthaft um Schuld und Sühne, der Krieg kann ohnedies nicht ungeschehen gemacht werden. Es ist Geschichte. Die Geschichte dient der Erklärung der heutigen Welt. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

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