Eines Tages werden wir alt sein.

Das Internet bietet jungen Künstlern aller Richtungen eine Plattform, die vor wenigen Jahrzehnten noch undenkbar war. Eine der Künstlerinnen, die aufgrund eines youtube-Mitschnitts bekannt wurde, ist die Poetry Slammerin Julia Engelmann. Sie ist Studentin und schrieb ursprünglich nebenher Gedichte. Als sie in Bielefeld ihren „Reckoning Text“ vortrug (aufbauend auf dem Refrain des „Reckoning Song“ von Asaf Avidan), wurde ihr Auftritt mitgeschnitten und hat inzwischen fast 10 Millionen Klicks gesammelt. Es handelt sich um ihren bekanntesten Text, er ist voller interessanter Gedanken, voller intelligenter und witziger Sprachspiele und er kann die Zuhörer begeistern und beeinflussen. Rundum einfach gelungen.

Aufbauend auf ihrem Internet-Ruhm hat Julia Engelmann inzwischen zwei Bände mit ihren Gedichten in Buchform veröffentlicht, sie geht auf Deutschland-Tour und es ist noch kein Ende abzusehen.

Das youtube-Video, das sie bekannt gemacht hat, ist hochinteressant. Die Autorin trägt ihren Text sehr gefühlvoll vor, sehr mitreißend, sehr spannend, höchstens ein wenig schnell. Und doch wird sichtbar, dass sie eine Rolle spielt: ihre Stimme ist zu Beginn brüchig, sie scheint nervös zu sein – gleichzeitig ist sie so souverän in ihrem Vortrag, mit einer offenbar ausgebildeten Stimme und vielen kleinen Finessen, die zum Flair des Auftritts beitragen. Sie spielt die Rolle der kleinen Studentin auf der großen Bühne und balanciert das mit einem perfekten Vortrag aus. Vortrag und Auftritt ergänzen sich auch inhaltlich: die junge Studentin drückt auf der großen Bühne das postulierte Lebensgefühl ihrer Generation aus. Und all dies natürlich auch als legitimes Mittel, um die Slammer-Konkurrenz zu gewinnen. Das soll jedoch nicht schmälern, wie sympathisch sie auch heute bei Live-Auftritten wirkt und wie stark ihre Texte sind. In Live-Auftritten streut sie auch Gesangseinlagen mit Gitarrenbegleitung in einem Singer/Songwriter-Stil ein, bei denen sie weiter positiv mit ihrer Stimme überraschen kann.

All ihre Gedichte gewinnen immens, wenn man sie von der Autorin gesprochen hört. In Textform geht leider sehr viel von dem Gefühl, vom Sprachwitz und von der angedachten Betonung verloren. Neben dem „Reckoning Text“ seien mindestens „Lass mal ne Nacht drüber tanzen“ und „Ich kann alleine sein“ genannt. Wie die Lyrische Hausapotheke Erich Kästners bieten Julia Engelmanns Gedichte Anlehnung für diverse Lebenslagen – es ist daher problematisch, unterschiedliche Gedichte hervorzuheben. Ein wiederkehrendes Thema ist aber der Versuch der verkopften Studentin aus dem Verkopftsein herauszukommen. Ein Impuls, der mir nicht fremd ist.

Für eine umfassende Analyse des „Reckoning Texts“ ist hier nicht der Ort. Die Kernaussage entspricht dem bekannten, aber nicht direkt erwähnten „Carpe Diem“: Nutze den Tag. Die vielen Möglichkeiten, die sich bieten, sollten genutzt und ausprobiert werden, bevor man es in einigen Jahren nicht mehr kann. An diversen Beispielen und in unterschiedlichen Abwandlungen wird diese Kernaussage variiert. Hier seien nur die geniale Harry Potter-Referenz

Ich bin so furchtbar faul
mein Patronus ist ein Schweinehund

genannt und die nicht minder geniale Zeile

Wer genau guckt, der sieht,
dass Mut auch bloß ein Anagramm von Glück ist

Letztere hat mich aufgeschreckt, als ich das Gedicht erstmals gehört habe.

Man kann über diese Zeile ausgiebig diskutieren, ich habe beispielsweise eine Besprechung gefunden, die diesen Aphorismus auf eine neoliberale politische Haltung hin deutet (was mir über das Ziel der Autorin hinauszuschießen scheint). Tatsächlich glaube ich, die Absicht des Texts ist, Lethargie abzulegen: ein Weg aus dem empfundenen Unglück ist, das Unglück selbst aktiv abwenden zu wollen – Mut wird nicht garantieren, dass Glück kommt, aber ohne Mut ist die Chance auf Glück viel geringer. Man würde in aller Lethargie darauf warten, dass das Glück zu einem kommt und müsste dann auch noch in der Lage sein zuzugreifen.

Alle diese Gedanken sind natürlich nicht neu, aber sie sind hier fabelhaft verpackt und dargestellt. Mir fallen nur zwei Varianten dieser Gedanken sein, die sich ähnlich tief in mir eingeprägt haben. Eine im Film über „Die fabelhafte Welt der Amélie“ mit dem schönen Satz

Das Glück ist wie die Tour de France:
man wartet so lange darauf und dann rast es vorbei.

Die andere in dem Gleichnis vom Lottogewinn, in dem ein Mann zu Gott betet, dass er wegen seiner Geldsorgen um einen Lottogewinn gebrauchen könnte. Über Wochen hinweg betet der Mann jeden Tag dafür, bis sich eines Tages der Himmel auftut und Gott zu ihm spricht: „dann kauf dir doch endlich einen Lottoschein!“ Und auch wenn Julia Engelmann eine leicht andere Zielrichtung mit ihrem Text verfolgt, so ist es doch vergleichbar:

Eines Tages werd ich alt sein und an all die Geschichten denken, die ich hätte erzählen können.

Alle von Julia Engelmanns Texten zeugen von tiefem Nachdenken über den jeweils behandelten Seelenzustand, und von einem ungeheuren Talent für Sprache. Ein Segen, dass sie aufgrund des Internets bekannt wurde und diese Berühmtheit länger als die oft zitierten 15 Minuten andauert. Gemessen daran, dass ich im Allgemeinen mit Prosa viel mehr anfangen kann als mit Lyrik, kann ich der Autorin kein höheres Lob aussprechen als dieses: diese Gedichte lese ich gerne und höre sie noch lieber.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s