Sinhtgunt und Aelfgyva

Kürzlich habe ich mich durch den Wikipedia-Artikel über den Teppich von Bayeux faszinieren lassen. Der Teppich stellt die Eroberung Englands durch die Normannen im Jahr 1066 dar, und erzählt fast comic-artig von der Begegnung der späteren Könige Harald und Wilhelm, vom Tod Edward des Bekenners, von der Invasion der Normannen in England und der Schlacht bei Hastings. In Auftrag gegeben wurde der Teppich von den normannischen Herrschern nach ihrem Sieg, sicher auch um ihre Herrschaft zu legitimieren (etwa sichtbar daran, dass der Vasalleneid Haralds für Wilhelm aufgeführt wird, sodass nur Wilhelm der Eroberer Herrscher über England sein kann und nicht sein Vasall Harald). In der Schlachtdarstellung bricht der Teppich ab, er war ursprünglich noch etwas länger und endete vermutlich mit der Krönung Wilhelms zum König von England.

Die Texte sind in lateinischer Sprache geschrieben und scheinen von einem mittelenglischen Muttersprachler zu stammen, wie sich aus Namens- und Städtebezeichnungen ablesen lässt, ebenso wie aus der Benamung der Normannen als „Franzosen“ – sicher keine Selbstbezeichnung der Eroberer, auch wenn sie französisch sprachen. Die Angelsachsen und insbesondere Harald werden in recht positivem Licht dargestellt, etwa hilft er Ertrinkenden aus dem Meer, er erscheint nicht machtgierig als er zögert nach der angebotenen Krone zu greifen, und in der Schlacht stirbt er einen als ehrenvoll erachteten Tod (allerdings gibt es auch die Lesart, dass er wie ein Verurteilter Eidbrecher starb, nämlich durch einen Lanzenstoß durch das Auge). Man erfährt aus dem Teppich einige historische Details in Bezug auf Kleidung, Rüstung, Barttracht oder Schiffbau, es hat sich sogar rekonstruieren lassen, dass der Halleysche Komet erwähnt wird (unter dem lapidaren Text “isti mirant stella”). Der Teppich ist außergewöhnlich interessant für die Geschichtswissenschaft und die Kunstgeschichte. Und auch vom ästhetischen Standpunkt ist es ein sehr ansprechendes Werk, in das eine Menge Arbeit geflossen ist.

Ein interessantes Detail ist die Anekdote von Aelfgyva und dem Kleriker. Es ist unklar, was die entsprechende Szene darstellt – in der lateinischen Beschreibung, die mit eingestickt ist, fehlt das Verb: „Ubi unus clericus et Aelfgyva“. So ist es unklar, ob der Kleriker Aelfgyva schlägt oder ihr über die Wange streichelt. Beides ist aus dem Bild heraus denkbar. Offenkundig ist die Szene in irgendeiner Weise anzüglich, da auf der Bordüre eine nackte männliche Figur sitzt, die den Kleriker zu imitieren scheint. Es ist unbekannt, wer Aelfgyva ist, aber offenkundig war die dürre Andeutung auf dem Teppich für die Zeitgenossen mehr als ausreichend, um Bescheid zu wissen. Insbesondere war die Geschichte wohl nicht belanglos – und doch wissen wir heute nichts weiteres darüber.

Eine kurze Suche bei google hat gezeigt, dass sich viele intelligente Leute bereits damit befasst haben, aus der Szene und dem dürftigen Kontext möglichst viel Information herauszulesen (nur zwei Beispiele). Das ist außergewöhnlich interessant, aber es wird immer ein Stochern im Trüben bleiben, da niemand mehr die wahre Geschichte erzählen kann.

Um thematisch sehr weit zu springen – ein ähnliches Stochern im Trüben findet bei der Interpretation der Merseburger Zaubersprüche statt. Es handelt sich dabei um einen der ältesten Texte in deutscher Sprache (“von höchster sprachlicher und mythologischer Altertümlichkeit”), geschrieben um das Jahr 900. Mangels vergleichbarer Texte ist nicht einmal eindeutig festzustellen, in welchem Dialekt die Verse aufgeschrieben wurden. Die Handschrift erscheint auf den Buchdeckeln eines Kodex und ist daher möglicherweise nur eine Fingerübung für den Schreiber in seiner Muttersprache (im Gegensatz zum sonst geschriebenen Latein), eines Textes, den er entweder auswendig kannte oder von einer verlorenen Vorlage abschrieb. Es handelt sich um einen Heilungszauber und um einen Zauber, der Fesseln lösen soll, jeweils eingeleitet durch eine kurze mythische Rahmenhandlung.

In dieser Rahmenhandlung werden heidnische Götter genannt, darunter Wotan und Freia, aber auch eine Sinhtgunt. Diese ist sonst nirgends belegt und unbekannt, sie taucht nur hier auf. Und schon beim Namen stochert man im Trüben, da die Buchstabenfolge -nht- nirgends sonst belegbar ist und nicht zu den Lautgesetzen der althochdeutschen Sprache passen will. Daher wird zumeist stillschweigend dieser Name verbessert zu Sinthgunt, allenfalls mit markierter Stellung der veränderten Buchstaben.

Auch hier gibt es die wildesten Theorien, die praktisch alle ohne Verankerung an Fakten auskommen müssen, oder die ihre Verankerung erst in sehr großer Entfernung haben. Und auch ansonsten sind viele der Beteiligten unbestimmt: die Handschrift könnte anstelle von „Friia“ auch „Frua“ bedeuten und damit nicht die Göttin Freia, sondern einfach eine Frau; „Phol“ könnte einen Gott dieses Namens bezeichnen oder eher ein Fohlen, mit dem Wotan geritten wäre (im Text: „Phôl ende Wuodan fuorun zi holza“ – auch hier wird stillschweigend das h in „Phol“ eingefügt, das in der Handschrift oberhalb der Textzeile steht, möglicherweise schon in der Handschrift eine Korrektur).

Zwei immens interessante Details aus dem Mittelalter, die sich nie mehr klären lassen werden und die jeweils nur eine einzige Quelle haben, über die wir sie überhaupt kennen. Ein Indiz, wie vielschichtig die Geschichtsschreibung ist und wie vielschichtig das Wissen der Menschheit ist, das wir verloren haben. Ich war sehr an die „Haarteppichknüpfer“ von Andreas Eschbach erinnert und muss dennoch ergänzen: beide genannten Details sind für das zentrale Verständnis des Mittelalters im wesentlichen belanglos. Spannend sind sie trotzdem.

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