Anmerkungen zu Adenauer

Zu vielen Personen der Zeitgeschichte sind Biographien erschienen, seien es lebende oder nicht. Alle sind auf ihre Weise bedeutend, schließlich wäre eine Biographie sonst eher belanglos. Andererseits gibt es diverse relevante Personen, die nicht durch Biographien erschlossen zu sein scheinen. Ein solches Beispiel ist Konrad Adenauer (1876-1967), der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, der in vielerlei Hinsicht eine bedeutende Persönlichkeit darstellt – allein die politischen Weichenstellungen, für die er während seiner Amtszeit in Westdeutschland gesorgt hat und die auf Jahrzehnte hinaus die Bundesrepublik definiert haben. Und dennoch gibt es nicht viele Untersuchungen über ihn.

Das Standardwerk ist eine zweibändige Biographie von Hans-Peter Schwarz, die bereits Ende der 1980er Jahre geschrieben wurde. Naheliegenderweise standen Schwarz damals nicht alle heute verfügbaren Quellen zur Verfügung, namentlich Unterlagen aus der Sowjetunion, der DDR und auch keine Verschlusssachen der Bundesregierung, die einer Sperrfrist unterlagen. Dennoch ist seine Arbeit noch immer diejenige Schrift, die als Hauptbiographie Adenauers zitiert wird. Schwarz hat außerdem eine verkürzte Fassung veröffentlicht, die „einsteigerfreundlicher“ gehalten ist und deutlich kürzer ausfällt (deren Titel hier zugegeben fälschlicherweise als Titel für diesen Text verwendet wurde). Daneben gibt es eine Art „Konkurrenzarbeit“ von Henning Köhler, von dem im Folgenden noch die Rede sein wird. Alle weiteren mir bekannten Biographien Adenauers sind bestenfalls Exkurse innerhalb größerer Gesamtdarstellungen der Nachkriegszeit oder der bundesdeutschen Geschichte, oder sie sind Teil von Essaysammlungen über alle deutschen Kanzler. Gemessen an der Bedeutung Adenauers erscheint mir dies als ein Mangel in der aktuellen Geschichtsschreibung – das ist nicht als Schmälerung von Schwarz‘ Biographie gemeint, sondern als Schließung der Lücke, die durch seit 1990 neu verfügbare Quellen entstanden ist. Andere Personen (exemplarisch genannt seien Helmut Schmidt, Bismarck oder auch Adolf Hitler) werden mit deutlich mehr Biographien gewürdigt – wobei natürlich nicht die Anzahl relevant ist, sondern die damit verbundene verschieden ausgelegte Quellenarbeit und folglich die ausdifferenzierte Sichtweise, die die aktuelle Wissenschaft auf die jeweilige Person hat.

Nun ist Adenauer insgesamt eine sehr gut beleuchtete Figur. Keine Darstellung der Bundesrepublik kommt ohne einen Abriss seiner Biographie aus und doch bleiben viele Fragen unbeantwortet. Das Werk von Schwarz ist hierbei äußerst aufschlussreich und es soll daher hier dargestellt werden. Dabei ist vorauszuschicken, dass in vielen Belangen Schwarz sehr wohlwollend formuliert. Insbesondere der Kölner Oberbürgermeister und der Familienvater Adenauer werden in den leuchtendsten Farben dargestellt. Erst der Machtmensch, der sich auf den Weg zur Kanzlerschaft macht, erfährt auch ausgiebigere negative Schilderungen. Dabei suche ich nicht aktiv nach den negativen Seiten – im Gegenteil ist es eine Wohltat, in einem Geschichtswerk auch über positive Persönlichkeiten lesen zu dürfen und nicht nur über Tyrannen und Despoten (diese sind aus historischer Sicht allerdings erschreckend häufig die relevanten Figuren).

Schwarz hat seine Biographie sehr fokussiert angelegt. Insgesamt ergeben seine Bände über 1800 Seiten, mit der Trennung der Bände im Jahr 1952. Schon dies lässt erkennen, dass es sich um eine politische Biographie des Bundeskanzlers Adenauer handelt, der eine Art „Ouvertüre“ zugestanden wird. Im ersten Band endet der 2. Weltkrieg nach gut 400 Seiten. Gemessen daran, dass ich besonders an dieser Vorgeschichte vor 1945 interessiert war, habe ich mich beim ersten Blättern durch das Werk darüber durchaus gewundert: Die letzten 22 Lebensjahre nehmen mehr als dreimal so viel Platz ein wie die ersten 69. Beim Lesen wurde mir der Grund für diese Fokussierung jedoch zusehends klarer. Der hier vorliegende Text kehrt das Verhältnis allerdings aufgrund meiner konkreten Interessenlage etwas um und behandelt entsprechend auch nur den ersten Band, der mit „Der Aufstieg“ überschrieben ist. Den zweiten Band hat Schwarz mit „Der Staatsmann“ betitelt, dieser soll hier nicht behandelt werden.

Die Jugend- und Studienjahre Adenauers sind in der Tat für alles spätere erstaunlich belanglos. Natürlich ist Adenauer ein Kind seiner Zeit und ein Produkt seiner Umgebung. Aber er ist darin in keiner Weise besonders. Sein Weg ist nicht vorgezeichnet, er selbst hebt sich nicht wesentlich von seiner Umgebung ab und wenig von seiner tatsächlichen politischen Ausrichtung scheint aus dieser Phase zu stammen. Er wächst jedoch als Rheinländer im besten und im schlechtesten Sinne auf: sein Dialekt, sein Humor und seine Heimatverbundenheit haben natürlich ihre Wurzeln schon in der Kindheit. Eine Aussage Bismarcks lässt sich aber auf Adenauer praktisch wörtlich übertragen: „Als normales Produkt unseres staatlichen Unterrichts verließ ich die Schule“. Und analoges gilt für das Studium der Rechtswissenschaften, das er, entgegen dem Humboldtschen Bildungsideal, als Brotstudium führte. Er strebte eine Stellung als Notar an und zog daher (und auch aus Geldnot) seine Studien möglichst stringent durch.

Schwarz arbeitet in diesem Zusammenhang die Charaktereigenschaften Adenauers sehr anschaulich heraus, die mir das bekannte, geradezu in Stein gemeißelte Denkmal wieder zu einer vollständigen Person werden lassen und mein Adenauerbild deutlich geschärft haben. Eine Art von „no nonsense“-Attitude, voller Fleiß und harter Arbeit, die ihn schon während seiner Studien auszeichnete und aufgrund der er sich außer einer Auslandsreise nur auf das nötige beschränkte; ein Interesse für die Naturwissenschaften (die während seiner Schulzeit in hoher Blüte standen), das er im Alter immer wieder im Rahmen von Erfindungen und Patentanträgen auslebte; auch ein Interesse an Lyrik und Kunst, jedenfalls von Künstlern, die er in seiner Schulzeit kennenlernen konnte: etwa Goethe und Heine, aber nichts von Brecht oder dergleichen; sein tiefer Katholizismus, ohne den er im damaligen Köln kaum aufwachsen konnte.

Sein Studium der Rechtswissenschaften schließt er in der gegebenen Zeit ordentlich ab, um den Beruf einsteigen zu können. Schon aus Geldgründen promoviert er nicht. Er führt als Bundeskanzler den Doktortitel, der ihm von diversen Universitäten ehrenhalber verliehen wird (insbesondere von der Universität zu Köln, für die Verdienste des Oberbürgermeisters um diese Hochschule und für ihre Neugründung). Wie Schwarz treffend schreibt „verwächst“ der Titel im Alter mit seinem Namen.

Wie Adenauer in die Politik gefunden hat, wird merkwürdig diffus und knapp beschrieben. Es scheint sich eine günstige Gelegenheit für den jungen Rechtsassessor ergeben zu haben, Beigeordneter der Stadt Köln zu werden. Warum er seinen Wunsch, Notar zu werden, aufgab, wird nicht erklärt und wie es gelungen ist, die Stadtratsfraktion des Zentrums hinter ihn zu bringen, bleibt ebenso unklar. Dabei wäre gerade dies eine spannende Fragestellung, zumal er in Schwarz‘ Darstellung unmittelbar vor der Wahl zum Beigeordneten noch als „ein unpolitischer junger Mann“ beschrieben wird. Er war offenkundig nicht einmal Parteimitglied des Zentrums, bevor er Beigeordneter wurde. Unabhängig davon ist klar, dass Adenauer sehr schnell großen Gefallen an seiner politischen Tätigkeit fand, die er entsprechend auch zeitlebens nicht mehr aufgeben konnte (wie schnell er nach der erzwungenen Ruhe der Hitlerzeit wieder in die Politik einstieg werden wir noch beleuchten).

Adenauer war mit 30 Jahren jüngster Beigeordneter von Köln und legte weiter eine steile Karriere hin. 1917 wird er schließlich Oberbürgermeister, gemessen an seiner Herkunft ist dies damals im immer noch Wilhelminisch geprägten Deutschland ein sehr großer Erfolg. Als sich die Verhältnisse umstürzen, zeichnet er sich durch ein hervorragendes Krisenmanagement aus: er sorgt für die Verpflegung der Bevölkerung und der heimkehrenden und durchreisenden Soldaten, er arrangiert sich mit der alliierten Besatzung und kann dabei gleichzeitig das maximale für Köln herausschlagen, was Ressourcen und Mitspracherechte angeht. Hier scheint er erstmals ausgiebigen politischen Kontakt mit Franzosen und Briten gehabt zu haben, die ihn als Gesprächspartner schätzen und akzeptieren. Adenauer wird seit damals als politisches Schwergewicht in Deutschland wahrgenommen, insbesondere mit Blick auf die Dezentralisierung und als Gegengewicht zur Regierung in Berlin. Er unternimmt seine ersten außenpolitischen Gehversuche und positioniert sich des öfteren gegen Stresemann.

Über separatistische Bestrebungen Adenauers in den frühen 20er Jahren wird in jeder entsprechenden Abhandlung ausgiebig geschrieben. Die meisten Autoren sind sich darin einig, dass Adenauer kein Separatist war. Er ist stets für die Belange des Rheinlands eingetreten und war kein Anhänger einer allzu mächtigen Zentralregierung in Berlin. Von einer Abscheu gegen alles preußische, wie sie gelegentlich kolportiert wird, kann aber keine Rede sein (Schwarz zitiert einige Quellen hierzu). Auch wird Adenauer damit zitiert, dass aufgrund der politischen Gesamtlage und des damaligen politischen Chaos‘ möglicherweise die Rheinprovinz aus Preußen ausgegliedert würde, aber dann innerhalb Deutschlands bleiben müsste. Insbesondere sorgte sich Adenauer sehr um die Massenstimmung unter dem Eindruck von Arbeitslosigkeit und mangelnder Versorgung, und um die damit verbundene Tendenz, dass sich diese Rheinische Republik zu eng an Frankreich binden würde; nicht zu vergessen die Sorge, dass Frankreich auch von sich aus massiven politischen Einfluss in dieser Republik ausüben könnte. Insgesamt handelt es sich innerhalb des Textes von Schwarz um eine der komplexeren Passagen: die Motive scheinen nicht alle vollständig durchleuchtet, nicht alle Sichtweisen sind transparent geworden. Die Schlussfolgerung ist jedoch klar, im Gegensatz zu manch anderen Texten (so etwa Schulze), in denen es lapidar bei einem Satz der Art „Es steht außer Frage, dass Adenauer keine separatistischen Tendenzen hatte“ belassen wird.

In diesem Zusammenhang verlässt Schwarz kurz seinen sehr ausgewogenen Schreibstil und teilt einen Seitenhieb gegen seinen Kollegen Henning Köhler aus. Konkret übt er Kritik an der Dissertation Köhlers, in der von französischen Einflussagenten bei der Kölnischen Volkszeitung die Rede ist. Die Thesen Köhlers werden von Schwarz (und anderen, die er zitiert) als haltlos dargestellt, und zwar in verblüffend harschem Stil. Gemessen daran, dass Adenauer nur eine Randfigur in dieser Erzählung ist (und aus Symmetriegründen diese Erzählung nur ein Randaspekt in einer Adenauer-Biographie sein sollte), ist die Kritik an Köhler äußerst deutlich. Es ist selten, dass ich mich beim ersten Lesen über eine Textpassage so deutlich gewundert habe wie bei dieser. Ich weiß tatsächlich nicht, wieso die Schärfe hierher kommt. Tatsächlich hat Köhler eine eigene Biographie über Adenauer verfasst, die ich nicht aus eigener Anschauung kenne. Es scheint, eine Art akademischer Fehde zwischen den beiden Autoren zu geben.

Später, im Rahmen der Weltwirtschaftskrise, ist Adenauer nach wie vor Oberbürgermeister von Köln und als solcher eine feste Figur auch in der Berliner Politik. In diese Zeit fällt eine private finanzielle Krise, da er sich massiv in Aktien verspekulierte. Mangels Interesse kümmert er sich nur wenig um seine Geldanlagen und lässt die Sache sehr lange schleifen. Erst spät bemerkt er seinen Fehler, den er aus eigener Kraft nicht korrigieren kann. Er ist sein Vermögen losgeworden und muss mit Hilfe von Bekannten seine Konten umschichten, was zu politischen Problemen führt: er hat die Schulden bei der Deutschen Bank, ist gleichzeitig Mitglied des Aufsichtsrats und die Stadt Köln hält ebenfalls dort Kredite. Das Problem wird schließlich mit Methoden aus der Welt geschafft, die an den berühmten „Kölschen Klüngel“ erinnern – nicht alle Schritte scheinen juristisch wasserdicht zu sein. Als er von den politischen Gegnern deswegen in die Mangel genommen wird, lässt er sich von der Deutschen Bank bescheinigen, dass kein Problem und kein Interessenkonflikt vorlägen. Den heute so genannten „red face test“ besteht er, aber die Angelegenheit hat ihn finanziell und politisch viel von seinem Rückhalt gekostet.

In Bezug auf das Erstarken der Nationalsozialisten teilt Adenauer die Abneigung der meisten damaligen Demokraten gegen Hitler, seine Parolen und seine Methoden. Er ist selbst Zielscheibe politischer Angriffe, auch weil er demonstrativ die jüdische Gemeinde Kölns unterstützt. Politisch ist er ähnlich wie von Papen überzeugt, dass sich Hitler „einfangen“ lassen würde, wenn man ihn in die politische Arbeit einbände. Damit legt Adenauer eine sonst ungewohnte Naivität an den Tag. Insbesondere scheint er trotz allem davon überzeugt gewesen zu sein, dass sich Hitler an die parlamentarischen Spielregeln halten würde. Beispielsweise war Adenauer als Vorsitzender des Staatsrates Teil des Dreimännerkollegiums, das über die Auflösung des preußischen Landtags zu entscheiden hatte. Da nach dem Preußenschlag Papen als Ministerpräsident und der nationalsozialistische Landtagspräsident für die Auflösung stimmten, die nach Lage der Dinge einen handlungsunfähigen Landtag hervorbringen würde, verließ Adenauer demonstrativ den Raum, in dem Glauben damit das Gremium beschlussunfähig zu machen und die Auflösung zu verhindern. Damit blieb er jedoch erfolglos, das Ergebnis ist bekannt.

Als Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, verengte sich der Spielraum für Adenauer zusehends. Er wird schließlich nach kurzer Zeit aus seinem Amt enthoben und stürzt, wie Schwarz schreibt, ins Bodenlose. Er wird aufgrund seiner politischen Vergangenheit und wegen seiner finanziellen Verstrickungen schikaniert, muss sein Privathaus in Köln aufgeben, da er den Kredit nicht mehr bedienen kann und flüchtet sich zu seinem Schulfreund, dem Abt des Klosters Maria Laach. Es kommt schließlich zu einer Vereinbarung mit den neuen Machthabern, die dem fast 60-jährigen eine schmale Pension zugestehen. Er kann sich ein Haus in Rhöndorf kaufen, in dem er mit seiner Familie zurückgezogen und als Privatier lebt. Den Garten, der heute gemeinsam mit dem Haus noch besichtigt werden kann, legt er in dieser Zeit an, außerdem widmet er sich wieder seinen Erfindungen. Politische Betätigung ist ausgeschlossen und jede seiner Regungen wird von der Gestapo genau verfolgt und überwacht. Da er den Demokraten und Widerständlern im Untergrund als einer der Ihren gilt (und das Regime das ebenso sieht), lebt er in der ständigen Angst um seine Familie und sein Wohl.

Trotz aller Schikanen, die er erdulden muss, kommt es nie zu einer längeren Haft, auch nicht wegen der von den Nationalsozialisten unterstellten Dienstvergehen oder den Separatismusvorwürfen während seiner Zeit als Oberbürgermeister von Köln. Das Regime lässt ihn die meiste Zeit in Ruhe in Rhöndorf bleiben. Wie sehr er aber ausgeliefert ist, wird nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 deutlich. Adenauer ist daran unbeteiligt und hat sich aus allen Planungen herauszuhalten versucht. Er kommt dennoch gemeinsam mit seiner Frau in Haft, die er nur mit viel Glück übersteht. Er wartete in ständiger Angst um seine Familie (zwei seiner Söhne waren in der Wehrmacht eingesetzt) auf das, was ihm drohen würde. Schließlich wird er aus gesundheitlichen Gründen wieder entlassen, und er versucht unter dem Radar zu bleiben bis die Alliierten den Rhein erreichen. Seine Frau überlebt die Gefangenschaft ebenfalls, aber wird wenige Jahre später an den Spätfolgen der Haft sterben.

Schwarz‘ Darstellung ist immer wieder durchzogen von Bildbeschreibungen. Das ist nicht unüblich für Biographien, obwohl es sich meistens um eine einmalige Beschreibung handelt. Hier wird die Wandlung Adenauers vom Schulkind zum alten Mann nachvollzogen, inklusive der Einflüsse, die der besagte Sturz ins Bodenlose nach 1933 auf sein Äußeres hatte. Auch die Auswirkungen eines Verkehrsunfalls im Jahr 1917, die ihm die charakteristischen Gesichtszüge verpassten, werden beschrieben. Die Bildbeschreibungen sind ungewöhnlich und werden schließlich seltener, als Schwarz die Uhr seiner erzählten Zeit deutlich verlangsamt und daher weniger Informationen aus seinen Portraits zu ziehen sind.

Ein nur schwach beleuchteter Aspekt ist Adenauer als Familienmensch. Das liegt am Fokus der Biographie auf den politischen Werdegang des Bundeskanzlers, aber der Bereich wird auch nicht vollständig ausgeblendet. Tatsächlich war die Familie für Adenauer sehr bedeutsam, aber schon als Bürgermeister von Köln hatte er weniger Zeit für seine Kinder als er sich gewünscht hätte. Er war zweimal verheiratet und wurde beide Male Witwer (beide Frauen starben an schweren Krankheiten). Aus erster Ehe hatte er drei, aus zweiter Ehe weitere vier Kinder, die insbesondere in ganz unterschiedliche Generationen hineingeboren wurden. Seine jüngsten Kinder wunderten sich, so Schwarz, welch bedeutenden Vater sie hatten, als die Alliierten ihn nach dem 2. Weltkrieg regelmäßig zuhause besuchten und zur Rückkehr in die Politik aufforderten. Dagegen hatten die älteren Kinder den politischen Werdegang ihres Vaters fast vollständig mitverfolgen können und waren später gefragte Diskussionspartner Adenauers. Der Tod seiner Ehefrauen stürzte Adenauer in tiefe Krisen, einmal zum Ende des 1. Weltkriegs, das andere Mal während der Zeit des parlamentarischen Rats. Seine Kinder blieben ihm stets eine große Stütze, sie alle begleiteten auch noch den Bundeskanzler Adenauer in die berühmten Sommerurlaube in Italien.

Nach der Befreiung des westlichen Rheinufers suchen ihn praktisch sofort die Amerikaner auf, um ihn in sein altes Amt in Köln wiedereinzusetzen. Sie haben ihn auf einer Liste der politisch unbelasteten Deutschen geführt, um die Entnazifizierung voranzutreiben. Adenauer lässt sich nicht lange bitten, er wartet jedoch noch bis zur Kapitulation ab, um seine Söhne bei der Wehrmacht nicht durch seine politische Aktivität zu gefährden. Er führt die Amtsgeschäfte wieder wie in der Zeit vor 1933, aber er stößt des Öfteren mit den Briten zusammen, die schon bald die Verwaltung ihrer Besatzungszone, in der Köln liegt, übernehmen. Nach wenigen Monaten wird er sang- und klanglos entlassen, kurzzeitig verbieten die Briten ihm jede politische Betätigung.

Adenauer lässt sich aber immer noch nicht in das Pensionär-Dasein entlassen. Er bringt seine Arbeit in die inzwischen gegründete CDU ein, die noch in ihrer Findungsphase ist: weder Parteiname, noch Abgrenzungen sind klar, es bestehen diverse Parteien in den verschiedenen Ländern, die sich zum Teil assoziieren, zum Teil auch nicht. Viele Parteimitglieder, darunter auch Adenauer, möchten die Trennung zwischen Katholiken und Protestanten aufheben, die noch im Zentrum, der reinen Katholikenpartei, bestanden hatte. Darüber hinaus ist es für lange Zeit unklar, welche der diversen Bewegungen sich zusammenfassen lassen. Die Liberalen finden sich überwiegend in der FDP wieder, die bayrischen Christen bleiben innerhalb der CSU separat, während sich in allen anderen Bundesländern (auch in der sowjetischen Zone) die unterschiedlichen christlichen Parteien unter dem Namen CDU versammeln, der von Adenauer zunächst abgelehnt wurde. Die Partei bleibt aber noch auf Jahre hinaus eine Sammlung verschiedener Strömungen und eigensinniger Köpfe, die sich nur zäh zusammenführen lassen. Die Bundes-CDU entsteht erst 1950.

Adenauer positioniert sich innerhalb der Partei mit einem Machthunger, der seit der Kölner Bürgermeisterzeit nicht überraschen darf. Seine Durchsetzungsstärke hatte sich damals aber stets auf seine Position als Oberbürgermeister bezogen, darauf, dass er seine Mitarbeiter und sein Wahlvolk hinter sich bringen musste. Für höhere Partei- oder Regierungsämter hatte er sich in der Weimarer Zeit nicht interessiert, obwohl er mehrfach als Reichskanzler gehandelt wurde (damals phasenweise ein politisches Himmelfahrtskommando). Sein Engagement für die CDU ist ungleich stärker. Woher diese Energie nach den schweren Rückschlägen seiner zweimaligen Entlassung, in seinem fortgeschrittenen Alter kommt, ist geradezu unerklärlich (ein Aspekt, der auch von Schwarz so beschrieben wird). Adenauer nutzt jede sich bietende Chance mit großer Schnelligkeit und mit großem Geschick aus. Gleichzeitig ist er dabei außerordentlich skrupellos. Er schreibt ein eigenes Parteiprogramm, das für die folgende Diskussion maßgeblich wird, er nimmt an richtungweisenden Gesprächen bei Parteifreunden und Amtsträgern teil und positioniert sich so als einer der führenden Köpfe seiner Partei. Als Beispiel sei eine Besprechung genannt, zu der der Wuppertaler Bürgermeister eingeladen hatte: Adenauer übernahm, da er eine Art Alterspräsident dieser Versammlung sei, sogleich den Vorsitz und damit die Initiative, lenkte das Gespräch daher in seine gewünschten Bahnen und entmachtete so den eigentlichen Gastgeber.

Der Höhepunkt seines Machtstrebens ist die Rhöndorfer Konferenz, zu der er nach der Bundestagswahl 1949 einlädt. Hier ist er selbst Gastgeber, er bestimmt die Teilnehmerliste (die aber nicht nur aus seinen Anhängern, sondern aus den führenden Köpfen unterschiedlicher Strömungen der CDU/CSU besteht) und er wird von verschiedenen Ohrenzeugen mit dem Satz zitiert „Ich will Bundeskanzler werden“. Es ergibt sich auch ein Geschacher um weitere Ämter, aber er bleibt nicht immer erfolgreich: Heinemann als Innenminister und Arnold als Bundesratspräsident kann er nicht verhindern. Als Heuss zum Bundespräsidenten vorgeschlagen wird, gab es, entgegen mancher Quellen, sicher kein „verblüfftes Schweigen“ – die Koalition mit der FDP war zwar nicht zwingend vorgezeichnet, ist aber damals ein Konsens über weite Teile der politischen Akteure hinweg. Heuss als einer der Exponenten der FDP durfte daher kein Überraschungskandidat gewesen sein, um diese Koalition anzubahnen.

Schon zuvor, im Parlamentarischen Rat, hatte Adenauer sich auch außerhalb seiner Partei positioniert. Sicher wurde er von vielen aufgrund seines Alters als Übergangskandidat betrachtet und daher mit seiner politischen Erfahrung als weiser alter Mann auf den Schild gehoben. Man kann streiten, ob es große Hellsichtigkeit oder großes Glück war, dass er Präsident des Parlamentarischen Rates wurde. Der SPD als stärkster Fraktion hätte das Präsidium zugestanden, aber Carlo Schmid übernahm lieber den Vorsitz des Hauptausschusses, da sich dort die meisten Inhalte entscheiden würden. Andererseits fanden die Alliierten im Präsidenten Adenauer den einen zentralen Ansprechpartner, nach dem sie gesucht hatten. Das Renommee und die Bekanntheit, die Adenauer aus diesem Amt zog, waren ihm bei den anstehenden Wahlen sicherlich nicht hinderlich.

Während der Nachkriegszeit und der ersten Legislaturperiode des Bundestags war Kurt Schumacher als SPD-Vorsitzender ungewollt einer der besten Verbündeten Adenauers. Mit seinen teils radikalen Ansichten (sowohl streng national, aber auch mit einem strengen Blick gegen den Kapitalismus und gegen die Kirchen) verprellte er viele, mit denen er eine Machtbasis hätte aufbauen können. Für manche von Adenauers parteiinternen Konkurrenten wirkte Schumacher geradezu als ein Schreckgespenst gegen die Vorstellung einer großen Koalition, die angesichts der großen Probleme der jungen Bundesrepublik ausdauernd andiskutiert wurde. Auch den Alliierten gegenüber verhielt Schumacher sich wiederholt bemerkenswert ungeschickt, sodass Adenauer, trotzdem er gelegentlich unbequem war, als die bedeutend bessere Alternative gelten musste. In Schwarz‘ Darstellung wirkt Schumacher häufig derart ungeschickt, dass man sich fragen muss, woher er den großen Rückhalt innerhalb der SPD bezog.

Mit der Wahl zum Bundeskanzler ist Adenauer derart in das Rampenlicht getreten, dass die wesentlichen Schritte von nun an allgemein bekannt sind. Für Schwarz geht die Darstellung hier erst richtig los, aber für mich endet hier der hochrelevante Teil der Biographie. Die Lücken in meinem Adenauerbild sind geschlossen – einer der Gründe, warum der zweite Band noch einen Augenblick lang auf mein Lesen warten wird.

Der erste Band von Schwarz‘ Biographie endet mit der Unterzeichnung der Westverträge, die das große Ziel Adenauers waren: die Bindung an die Westalliierten aus Angst vor einer sowjetischen Übermacht, der die Bundesrepublik alleine nichts entgegenzusetzen hatte. Entsprechend brisant waren die Vorgänge rund um die Wiederbewaffnung Deutschlands, die von Schwarz mit extrem großer Lupe, fast schon im Tageszeitungs-Stil beschrieben werden. Dieses Kapitel ist trotz seiner Bekanntheit noch einmal sehr aufschlussreich. Häufig wird die Wiederbewaffnungsdebatte als Reflex auf den Korea-Krieg beschrieben – dem ist nicht so. Adenauer stieß entsprechende Gedanken bei den Alliierten und bei seinen Parteifreunden bereits früher an, da er einen 3. Weltkrieg befürchtete, wenn es kein Gegengewicht zur Sowjetunion und zur bewaffneten Volkspolizei der DDR gäbe. Die Planungen, die damals durchgeführt wurden, lesen sich aus heutiger Sicht wie Räuberpistolen; die Bundesregierung sollte im Kriegsfall etwa nach Kanada ausweichen, während Adenauer selbst an seinem Schreibtisch in Bonn auf die feindlichen Soldaten warten wollte.

Ähnliches gilt für die Kapitel über die EVG und die Stalin-Noten, wobei Schwarz darunter leidet, dass ihm nicht alle Archive, insbesondere der Sowjetunion, zugänglich waren. Umso bedauerlicher ist es, dass seine Arbeit noch das fast unangefochtene Standardwerk darstellt.

Eine neue Biographie über Adenauer, die neu erschlossene Quellen einbezieht, wäre wünschenswert. Stilistisch handelt es sich um eine hervorragende Arbeit, der dem Leser den ersten deutschen Bundeskanzler sehr viel näher bringt.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s