Glücklich ist dieser Ort

Die Graffiti aus Pompeji sind ein Glückfall für die Geschichtswissenschaft und die Linguistik. Dieser Satz muss sofort relativiert werden: die Graffiti sind natürlich nur aufgrund des Ausbruchs des Vesuv im Jahr 79 erhalten geblieben, da fast die ganze Stadt luftdicht unter heißer Lava begraben wurde – eine solche Katastrophe kann kaum als Glücksfall bezeichnet werden. Doch um es mit Goethe zu sagen: „Es ist schon viel Unheil in der Welt geschehen, aber wenig, das den Nachkommen so viel Freude gemacht hätte.“ Eine Zusammenstellung dieser Graffiti ist, mit wenig Kommentierung, dafür oft mit Zeichnungen der Fundsituation, unter dem Titel „Felix hic locus est“ erschienen. Im Gegensatz zur üblichen textkritischen Fachliteratur wird hier jedoch auf die diversen Klammern und Bemerkungen verzichtet, die zur Strukturierung und Ergänzung der Fundstellen dienen.

In den Ruinen Pompejis finden sich Tausende von Graffiti an den Wänden, die heute noch lesbar sind. Dies lässt vermuten, dass auch die übrigen Städte der Antike voll von kurzen Botschaften, Grüßen und Beleidigungen waren, allerdings ist nichts mehr davon erhalten. Es wird auch nicht in den überlieferten Quellen erwähnt – ein Indiz wie normal die vielen kurzen Schriften an allen Wänden für den antiken Menschen gewesen sein müssen. Die Eigenart dieser Graffiti ist aber auch genau die fehlende Überlieferung: die Texte sind nicht wie die gewöhnlichen literarischen Quellen immer wieder abgeschrieben worden, sie mussten insbesondere nicht von mittelalterlichen Kopisten für erhaltenswert gehalten werden um bis zu uns zu reichen; die Texte wurden auch nicht wie die sonstigen Inschriften an Gebäuden und Triumphbögen für die Ewigkeit geschrieben. Nur durch den Zufall des Vesuvausbruchs wurden sie für die Ewigkeit konserviert: Werbung, Wahlaufrufe, Preislisten, Dichterzitate, Beleidigungen und Liebeserklärungen.

Linguistisch sind die Graffiti wertvoll, weil sie das gesprochene Latein konservieren. Der antike Mensch schrieb wie er sprach, für die hingekritzelten Schriften ohne Rücksicht auf die grammatikalischen Regeln und die präzise Konjugation. Hier werden Buchstaben verschluckt, da sie stumm sind, dort wird der Konjunktiv missachtet oder eine phantasievolle Rechtschreibung verwendet. All dies weist den Weg fort vom idealisierten Latein Ciceros und Caesars (idealisiert heute wie damals), das mit dem gesprochenen Latein schon nur noch wenig zu tun hatte. Tatsächlich kann man den Weg in das spätantike Vulgärlatein und hin zu den modernen Sprachen erkennen.

Auch Dichterzitate sind den Schreibern zwar präsent, aber oft verfehlen sie den Reim, d.h. die exakte Metrik der Verse. Unzählige Male wird etwa der Anfang der Aeneis auf die Wände geschrieben („Arma virumque cano“ bzw. „Contiquere omnes“) und es finden sich alle denkbaren und manche undenkbare Variante. Was das besondere an der Aeneis war, ist unbekannt. Möglicherweise war das Epos in der Stadt öffentlich vorgetragen worden, vielleicht war es eine Schullektion (auch auf andere Lektionen gibt es viele Hinweise).

Alle schriftlichen Quellen werden gerade dort spannend, wo Worte einmalig gebraucht werden, die ansonsten unbekannt sind. Da es sich in den Graffiti um „geronnene“ Alltagssprache handelt, finden sich besonders viele derbe und vulgäre Begriffe, die sich in den überlieferten Quellen kaum antreffen lassen. Vielfach lassen sich die Worte aus dem dürftigen Kontext erschließen (etwa wenn es sich um Graffiti an der Wand des Bordells handelt) oder aus Quervergleichen zu modernen Sprachen und zu den Anklängen bei gewagteren Dichtern wie Catull. Darüber hinaus muss nicht immer die wortwörtliche Bedeutung gemeint sein: so findet sich häufig die derbe Schmähung „cunnum linges“, die vermutlich eher im Sinne von „du bist ein Waschlappen“ zu verstehen ist. Ähnliches gilt schließlich auch für moderne Beleidigungen in der deutschen Sprache.

Auch die Tatsache, dass es überhaupt so viele Graffiti gibt, ist bemerkenswert. Sie setzt voraus, dass ausreichend viele Leute schreiben konnten und dass es ausreichend viele Adressaten gab, die lesen konnten. Bis in das späte Mittelalter hinein wären in Europa Graffiti nicht sinnvoll gewesen (erst danach schaukeln sich der Buchdruck und die Alphabetisierung gegenseitig auf). In antiken Städten war es offenkundig sinnvoll und nützlich, Preislisten und Wahlaufrufe überall sichtbar anzubringen. Dies gilt umso mehr, als dass viele der Schriften in griechischer Sprache oder zumindest in griechischen Buchstaben geschrieben sind. Die griechische Sprache muss in Italien eine ähnliche Stellung inne gehabt haben wie heute das Englische in Deutschland.

Insgesamt erhält man aus den Graffiti eine lebendige Schilderung alltäglicher Gedanken eines römischen Bürgers der Kaiserzeit. Was sich dort findet und was sich dort nicht findet (beispielsweise Gotteslästerungen und Schmähungen von Minderheiten) sagt viel über die damalige Welt aus. Die klassischen Quellen zeichnen bereits ein sehr scharfes Bild vom Römischen Reich, aber dieses Bild ist auch immer vor dem Hintergrund seiner Überlieferung zu sehen. Pompeji bietet daher einen neuen Blickwinkel und gleichzeitig einen, der nicht durch die Überlieferung mit beeinflusst wurde.

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