Ein Känguru geht um in Europa.

Die Känguru-Chroniken sind eine bissige Satire auf Gesellschaft und Politik während der Abfassung, der Zeit um 2010. Im Gegensatz zu meinen sonst üblichen Vorgehensweisen habe ich die drei Teile als Hörbuch gehört und nicht gelesen – das hatte den immensen Vorteil, dass ich den Autor bei der Arbeit verfolgen konnte. Marc-Uwe Kling spricht die verschiedenen Charaktere in unverwechselbarer Weise, sodass der Humor noch stärker hervor tritt. Durch geschickte Pausen und Stilmittel wirken die kurzen Episoden noch stärker als in Buchform (wie mir ein Vergleich mit  einer ausgeliehenen Druckausgabe gezeigt hat).

Das Werk besteht aus drei Teilen: den Känguru-Chroniken, dem Känguru-Manifest und der Känguru-Offenbarung. Zu Beginn handelt es sich um lose verbundene Episoden, die sich während des zweiten Teils fast unmerklich zu einem kohärenten Handlungsfaden verdichten, bis der dritte Teil fast konventionell eine geschlossene Handlung (sogar inklusive Cliffhangern) hat. Die grobe Handlung besteht darin, dass ein Kleinkünstler eine WG mit einem kommunistischen Känguru führt. Das Känguru hat zum Nachbarn einen kapitalistischen Pinguin, der im Lauf der Zeit zu seinem Erzfeind wird. Gleichzeitig gründet das Känguru als Rebellion gegen die herrschenden Verhältnisse ein so genanntes „asoziales Netzwerk“ und verübt „Anti-Terror-Anschläge“.

Stilistisch versucht Kling verschiedenste Varianten für seine Episoden. Dies geschieht bewusst und wird im Buch auch fast immer vermerkt. Beispielsweise finden sich gelegentlich Fußnoten des Lektors, in denen Vorschläge für Änderungen gemacht werden, oder ein Polizist „Schmidtchen“ taucht auf und wird sofort als der übliche Sparringspartner in Detektivromanen abgestempelt. Daneben werden running gags aufgebaut, die über extrem weite Handlungsbögen hinweg wiederholt werden und dennoch funktionieren. Als Beispiele sei die Wortschöpfung „pentizikulös“ genannt, oder „la vache qui rit“ Julia Müller. Die Reichhaltigkeit an Nebenfiguren trägt ebenfalls zum Erfolg der Geschichten bei, da die relevanten Nebenfiguren mit der Zeit an ausreichender Tiefe gewinnen – so etwa die Kneipenbesitzerin Herta, die Söhne integrationswilliger türkischer Eltern Friedrich Wilhelm und Otto Von, oder der Grundwehrdienstleistende Krapotke. Auch weitere Highlights wie der „witzig“-Stempel oder die falsche Zuordnung bekannter Zitate seien genannt. Nicht alle Finessen sollen hier verraten werden, es gibt viel zu entdecken 🙂

Regelmäßig diskutiert das Känguru in stringenter Logik über seine Weltsicht, bricht aber auch oft aus seiner Logik aus und verhält sich kindisch. Ähnliches gilt für Kling selbst, der sich regelmäßig als Chronisten bezeichnet und dabei das Känguru als sein Alter Ego verwendet – und sei es nur im Rahmen der Entwicklung der Kino-Preise oder beim Auftreten und Vergehen von Szene-Kneipen.

Eindeutig der beste Part ist der zweite Teil, das Känguru-Manifest. Es erfordert nicht zwingend, den ersten Teil zu kennen (obwohl es überhaupt nichts schadet). Erst der dritte Teil baut vital auf den beiden vorhergehenden auf und zeigt leider die eine oder andere Länge – andererseits ist dies möglicherweise ein bewusstes Stilmittel in ironischer Anlehnung an epische Erzählungen wie „Der Herr der Ringe“ oder Harry Potter; diese beiden und diverse weitere Werke werden sehr lebhaft und andauernd zitiert. Die schönste Anlehnung ist ein Kapitel im zweiten Teil, das eine fast perfekte Kopie des Stils von Franz Kafka ist (was vom Känguru sehr bald bemerkt und reflektiert wird), um einen Handlungsbogen zu untermalen, der eine scharfe, beißende Kritik an der Arbeitsmarktpolitik darstellt.

Insgesamt muss ich sagen, ich hatte großen Spaß an diesen Hörbüchern. Würde ich sie weiterempfehlen? „Also wenn ihr mich fragt…“ – „Wir fragen dich nicht.“ Schluss. Aus. Applaus. Nach Haus.

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