Das Eiserne Königreich

Wie bereits vor kurzem angekündigt folgt hier ein Text zu Christopher Clarks Buch über die preußische Geschichte. Es ist das Buch, mit dem Clark einer größeren Öffentlichkeit in Deutschland bekannt wurde, ehe er mit seiner großen Studie zum Ausbruch des 1. Weltkriegs eine große Debatte zur 100. Wiederkehr dieses Ereignisses anstieß. Das Buch über Preußen habe ich bereits vor einigen Jahren gelesen und es nun wieder aus dem Regal gezogen, auch als Vorbereitung zu den Schlafwandlern, die ich mir in der Zwischenzeit zugelegt und nun auch begonnen habe.

Das Buch geht, von kleinen Ausnahmen abgesehen, streng chronologisch durch die preußische Geschichte, beginnend mit der Zeit der Reformation und der Konversion des brandenburgischen Herrscherhauses zum Calvinismus. Insbesondere ist dies die Zeit, in der durch Heiratspolitik diverse Anwartschaften auf später relevante Gebiete erworben wurde, namentlich auf das Herzogtum Preußen, das dem Staat später seinen Namen gab. Obwohl im Rückblick viele der dargestellten Schritte als hellsichtig und zukunftweisend erscheinen, handelt es sich vielmehr um die damals üblichen Verflechtungen europäischer Politik. Die künftige Machtstellung des Hauses Hohenzollern hat niemand voraussehen können und es gab keine gezielten Schritte in diese Richtung. Salopp könnte man eher von einem Anwartschaften-Sammeln sprechen, das damals betrieben wurde.

Relevant für den Aufstieg Brandenburg-Preußens waren mehrere Faktoren, die maßgeblich durch die starken Herrscherpersönlichkeiten bestimmt wurden. Darunter sind die Lösung der reichen Provinz Preußen aus der polnischen Herrschaft durch den Großen Kurfürsten, die religiöse Toleranz, die wiederum Einwanderer und deren Fähigkeiten anzieht, der Aufbau einer mächtigen Armee durch Friedrich Wilhelm I., die Organisation des Beamtenwesens und damit des gesamten Staatskörpers und auch ein ausgeklügeltes Bildungssystem. Die Mischung aus all diesen Faktoren hebt Brandenburg-Preußen in der Rückschau aus den sonstigen Mittelstaaten Deutschlands dieser Zeit heraus und war der Grundstein für die spätere Vormachtstellung.

All dies ist nicht denkbar ohne die sehr verschiedenen, und doch sehr begabten Herrscher dieser Zeit. Sie sollen hier nicht rezitiert werden. Ein Gegensatz, der mir vor der Lektüre von Clarks Buch nicht offensichtlich war, sei aber genannt: der Soldatenkönig war stets auf die Anhebung der Lebensverhältnisse seiner Untertanen bedacht, etwa bei der allgemeinen Schulpflicht und bei der Verbesserung der Infrastruktur. Dagegen ist Friedrich der Große ein Anhänger des Junkertums, der die Privilegien des Landadels achtet und verteidigt, etwa bei der Ernennung von Offizieren. In diesem Sinne ist der aufgeklärte, in die Zukunft weisende König der ältere – durchaus im Gegensatz zu dem Bild, das ich im Kopf hatte.

Parallel zu Clarks Arbeit habe ich erneut Sebastian Haffners Buch Preußen ohne Legende aus dem Regal geholt. Auch dies ein Buch, mit dem ich mich schon häufig befasst habe und das immer wieder neue Erkenntnisse bringt. Die Darstellung Haffners ist, wie alle seine Bücher, sehr klar und mit zum Teil sehr streitbaren Thesen – er hat das höchste erreicht, was ein Wissenschaftler mit seinen Texten leisten kann: er fordert den Dialog mit seinen Lesern heraus. Beispielsweise an der Stelle, als er die „wahre“ Persönlichkeit Friedrichs des Großen herausstellt: der Philosophenkönig der frühen Regierungszeit, der den „Anti-Machiavell“ schreibt, die Pressefreiheit verstärkt und die Folter abschafft – im Gegensatz zu dem gleichen König, der die Schlesischen Kriege aus reiner Staatsraison führt, alle Entscheidungen jederzeit selbst trifft, sein eigenes Wesen hinter dem Staat zurückstellt, sich als ersten Diener des Staates begreift und der darüber zum verbitterten Zyniker wird.

Als tiefe Zäsur wird von Clark der Friede von Hubertusburg nach dem Siebenjährigen Krieg beschrieben. Auch dies stark im Gegensatz zu meiner Wahrnehmung, die diesen Friedensschluss nur als einen von vielen betrachtet hatte. Tatsächlich stellt Clark überzeugend dar, wie viel sich dadurch schon in der Wahrnehmung der Zeitgenossen geändert hat, und wie viel stärker diese Zäsur in der Rückschau ist. Nach dem Krieg war die Balance in Europa erstmals seit dem Dreißigjährigen Krieg verändert worden, Preußen war zu einer Großmacht aufgestiegen: in der Tat, wenn eine Macht sich in einem mehrjährigen Krieg gegen drei Großmächte halten konnte, musste sie selbst eine Großmacht geworden sein. Aber Friedrich der Große wog sich dadurch nicht in Sicherheit, sondern war sich der Zerbrechlichkeit dieser Größe stets bewusst. Aber auch die anderen europäischen Mächte hatten sich verändert, Clark zieht etwa weitreichende Linien vom Frieden von Hubertusburg zum Dualismus während des 19. Jahrhunderts und, weniger offensichtlich und als ungewohnte These, zur Französischen Revolution.

Das Motiv, dass Preußen mehrfach in seiner Geschichte vor der Zerschlagung stand (etwa im Siebenjährigen Krieg, im Dreißigjährigen Krieg, nach Jena und Auerstedt, und eben nach dem Zweiten Weltkrieg – selbst die Gebietsverluste im Versailler Vertrag gingen nur zulasten Preußens), kehrt bei Clark oft wieder, und wird bereits im Vorwort als eine der Hauptaussagen herausgestellt. Deutlicher herausgearbeitet ist dies aber in Haffners Buch. Auch hier gibt es wieder den plakativen und streitbaren Punkt, dass Preußen „immer wegzudenken“ war. Sooft es in Krisensituationen kam, war es laut Haffner ein Staat, den man zugunsten der Rivalen aufteilen konnte. Es gab kein preußisches Volk, sondern nur preußische Bürger – ganz im Gegensatz zu den Franzosen, Russen oder auch den Sachsen und Bayern. Preußen war zusammengestellt aus den Erbschaften verschiedener Fürsten, aus Brandenburgern, Preußen, auch Ostfriesen und Rheinländern. Es gab keinen gewachsenen Staat mit Traditionen, sondern nur ein durch Zufälle, Politik und Krieg entstandenes Gebilde mit vielen Völkern. Nach den polnischen Teilungen war Preußen tatsächlich kurzzeitig ein Staat mit ca. 50% deutschsprachigen und 50% polnischsprachigen Untertanen – ein Zustand, der heute wenig beachtet wird und im scharfen Kontrast zum späteren Bismarck-Preußen steht. In diesem Sinne war es im 18. Jahrhundert der modernste Staat Europas, nämlich aufbauend auf einer hochmodernen und extrem integrativen Bürokratie – und im gleichen Sinne war es im 19. Jahrhundert rückständig, nämlich gerade kein Nationalstaat.

Preußische Patrioten gab es dagegen ab dem Siebenjährigen Krieg durchaus. Clark verbringt einen kompletten Abschnitt seines Buches mit diesem Aspekt, der mir für diese frühe Zeit durchaus ebenfalls fremd war. Trotz aller Künstlichkeit des preußischen Staats begannen die Untertanen sich mit Friedrich dem Großen zu identifizieren, besonders im Verlauf des Siebenjährigen Kriegs. Clark führt dies auf den allgemeinen Zeitgeist und die extremen Erfahrungen des Kriegs zurück; leider gibt er keine tiefer gehende Ursache an, wie dieser Patriotismus entstanden ist. Allerdings ist auch einzusehen, dass in der gleichen Phase auch der österreichische Patriotismus entstand und dass es eine Abgrenzung gegenüber den Nachbarn (besonders bei unterschiedlichen Sprachen) schon immer gab. Friedrich selbst ist dieser Patriotismus zuwider gewesen, besonders in Bezug auf die Bindung an seine Person. Dieser preußische Patriotismus sollte sich nie wieder von Friedrich dem Großen lösen, was ihm im Gegensatz zum deutschen Nationalismus oder dem Nationalgefühl anderer Staaten stets eine eigenartige Rückwärtsgewandtheit verlieh. Eine Darstellung des entstehenden deutschen Nationalgefühls in der Zeit der Befreiungskriege ist auch in dem ausgezeichneten Überblickswerk Der lange Weg nach Westen von Heinrich August Winkler zu finden.

Die Aufklärung ist eine der großen Errungenschaften des klassischen Preußen. Dies wird in der Rückschau häufig vor dem Hintergrund des großen Militarismus oft übersehen. Clarks Einleitung zu dem zugehörigen Kapitel trifft auf die zentrale Ursache: „Die Aufklärung in Preußen hatte sehr viel mit gepflegter Konversation zu tun.“ Die Pressefreiheit, die Salons und der Umgang mit der Meinung anderer hat viel zur Modernität dieses Staates beigetragen. Moderne Gesellschaften leben von einer Diskussionskultur und neben den Vereinigten Staaten ist Preußen meiner Kenntnis nach eines der Länder dieser Zeit mit der größten Toleranz in diesen Dingen. Vielleicht ist Pressefreiheit ein zu starker Ausdruck, aber von einer nennenswerten Zensur kann kaum die Rede sein – Kritik am König und der Regierung wurde hingenommen. Auch dies ist stark beeinflusst durch den Herrscher, Friedrich den Großen, der bereits vor seiner Herrschaft von der Aufklärung stark geprägt war. Dass mit Kant und Hegel zwei der Exponenten deutschsprachiger Philosophie in Preußen arbeiteten, kommt sicher nicht von ungefähr – ich bin spontan überfragt, welcher Philosoph in Österreich gewirkt hätte. Das zentrale Motto der Aufklärung stammt von Kant: „Sapere aude!“ – in Kants eigener Übersetzung „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, oder in meinem Küchen-Latein vielleicht knapper und prägnanter: „Wage es, klug zu sein!“ Und aus dieser Aufklärung entspringt in der Krise nach der Niederlage gegen Napoleon die Reform-Ära von Stein und Hardenberg, die mit der Vielzahl an modernen Ideen in keinem anderen Staat dieser Größe in dieser Schärfe denkbar war. Das soll die Leistungen der anderen deutschsprachigen Staaten dieser Zeit nicht schmälern: auch in Bayern wurden neue Wege gesucht und beschritten. Die Abschnitte über die Emanzipation der Juden haben dabei immer wieder, wie auch in der Beschreibung anderer Autoren und Epochen eine seltsame Nebenerkenntnis: die Gleichstellung ist erfolgt oder wird angestrebt, aber stets schwingt in den zeitgenössischen Quellen auch das Ziel mit, dass die Juden doch zum Christentum bekehrt werden sollten. Dies ist aus heutiger Sicht besonders irritierend, da das moderne Bild der Gleichheit aller im Grunde nur das Ziel hat, eine angeblich „fehlgeleitete“ Anschauung korrigieren zu wollen. Dies ist keine Erkenntnis, die Clark neu herausgearbeitet hat – sie ist aber immer wieder irritierend.

Eine sehr eingehende und detaillierte Darstellung erfährt die Epoche der Befreiungskriege (inklusive einem sehr spannenden Exkurs über die Konvention von Tauroggen) und der Restauration nach dem Wiener Kongress, ebenso wie die Phase der 48er Revolution. Mit der klassischen Sicht auf die Ereignisse räumt wieder das Kapitel über die Kriege Bismarcks auf: im Gegensatz zu Bismarcks eigener Darstellung wird die Reichsgründung eher als Zufall und tagesaktuelle Reaktion geschildert denn als lang angelegter Plan. Ähnlich wie im Aufstieg Preußens zur Großmacht kann nach Clarks Analyse nicht mehr die Rede davon sein, dass es einen visionären Plan Bismarcks gab, der zwangsläufig in der Reichsgründung enden müsse – im Gegenteil ist Bismarck zu Beginn eher vorsichtig, vielleicht sogar ein Gegner der kleindeutschen Reichsgründung. In vielen, auch modernen Schilderungen wird Bismarck nach wie vor als der weitsichtige Staatsmann gezeichnet, der gegen alle Widerstände die bekannten Ergebnisse erreicht habe (etwas weniger pathetisch selbst bei Haffner) – allerdings ist Clark hier ganz auf der Linie der anerkannten modernen Geschichtsschreibung, namentlich etwa den Überblickswerken von Lutz und Stürmer.

Damit sind wir bei der Epoche angelangt, die sowohl bei Clark als auch bei Haffner (und auch im Tenor der heutigen Geschichtsschreibung – selbst in der zeitgenössischen Wahrnehmung Wilhelms I.) als der Anfang vom Ende Preußens gilt. Preußen ist nach der Reichsgründung in Deutschland aufgegangen, aber insbesondere endet damit die Geschichte Preußens als selbstständiger Staat. Auf dem Höhepunkt seines Einflusses verschwindet dieser Staat zugunsten des Staatenbundes geradezu von der Bildfläche. Es bleibt nur noch die Erinnerung an den Aufstieg und das Beibehalten der preußischen Staatskunst und Bürokratie. Alles, was an preußischen Tugenden hochgehalten wurde, wurde gleichzeitig als „deutsch“ umgewidmet, beide Begriffe wurden geradezu synonym. Die Entwicklung ist etwa an Wilhelm II. sichtbar, der sich in erster Linie als Deutscher Kaiser auffasste und erst in zweiter Linie als König von Preußen. Dies schlägt sich in Clarks Buch entscheidend dadurch nieder, dass es keine preußische Geschichtsschreibung mehr gibt: das Buch wird zu einer Gesellschaftsgeschichte mit einer lesenswerten Schilderung von Kultur und gesellschaftlichen Strömungen, mit einem Exkurs zum Hauptmann von Köpenick und den zugehörigen Implikationen, aber es findet praktisch keine Ereignisgeschichte mehr statt – diese wäre „deutsch“, nicht „preußisch“ und ist daher nicht im Fokus von Clarks Schrift. Tatsächlich ist es beinahe eine Überraschung, als das entsprechende Kapitel plötzlich und fast unvermittelt mit dem 1. Weltkrieg endet.

In Bezug auf Kunst und Kultur um die Jahrhundertwende steht Clark auf einem Standpunkt, den ich nicht vollständig teile. Er arbeitet einen starken Gegensatz zwischen der modernen Kunst, namentlich der impressionistisch beeinflussten Secessionisten, und der offiziellen Kunst mit ihren Kriegsdenkmälern und Kaiser-Wilhelm-Statuen heraus. Dieser Gegensatz ist unbestreitbar. Dass dieser Gegensatz aber zwischen der Regierung und der Bevölkerung verlaufen sei, wie Clark unausgesprochen zumindest andeutet, ist eine mir fremde Sichtweise. Tatsächlich ist hier der sehr lesenswerte Abschnitt von Volker Ullrich in seinem Buch Die nervöse Großmacht eine solidere und deutlich ausführlichere Analyse: die offizielle Kunst fand großen Anklang besonders bei der Mittelschicht des Kaiserreichs, bei den Patrioten und Konservativen, denen die moderne Kunst fremd oder abschreckend erschien. Ebenso fremd wie moderne Lebensentwürfe oder Veränderungen im Allgemeinen: das Erreichte zu sichern ist eine Grundtendenz in großen Bevölkerungsschichten des Kaiserreichs, was sich sehr gut mit der damaligen Geschichtsschreibung ergänzt, die die Reichsgründung als Höhepunkt eines langen Wegs zur Einheit aufgefasst hat. Aus dieser Tendenz folgt der Konservativismus, der von der Bevölkerung sehr stark getragen wurde. Dass die damals moderne Kunst heute so hoch geschätzt wird, ist Zeitgeist. Im Gegensatz dazu war die damalige Regierung ein Kind ihrer Zeit – besonders Wilhelm II. ist kein Monarch, dessen Wahrnehmung und Gefühlswelt deutlich von der Masse seiner Untertanen unterschieden gewesen wäre. Diese Rückwärts-Gewandtheit lässt sich bedauern und kritisieren, aber sie war nicht an die kleine Oberschicht gebunden, sondern tief in der Gesellschaft verwurzelt. Umgekehrt war es aber auch keine kleine Künstler-Elite und keine kleine Satiriker-Klientel, die Kritik an der konservativen Grundhaltung geäußert hätte – nicht ganz von ungefähr ist in der Weimarer Republik eine große gesellschaftliche Entwicklung entstanden, die lange vorher bereits angelegt war. Die Zerrissenheit der Weimarer Gesellschaft war schon im Kaiserreich angelegt, aber durch die dort vorhandenen Strukturen stark unterbunden. Es handelt sich um einen Punkt, der definitiv mehr Beleuchtung verdient – viele Sichtweisen sind in vielen Überblickswerken dargelegt. Eine einheitliche Betrachtung dieser gesellschaftlichen Entwicklung über die Epochengrenzen hinweg ist mir bisher nicht bekannt.

Aus meinem ersten Kontakt mit Clarks Buch ist mir vor allem die Schilderung Hindenburgs in Erinnerung geblieben, die sich allem entgegenstellt, was die Geschichtsschreibung vorher zu bieten hatte. In den Standardwerken zur Endphase der Weimarer Republik (beispielsweise in Schulzes Darstellung) wird Hindenburg als der alte, senil werdende preußische Offizier behandelt, der die Weimarer Verfassung „hoch hielt wie die preußische Felddienstordnung“, da er von seinem Eid auf die Verfassung nicht abrücken wollte. Erst in der Weltwirtschaftskrise begann er, von seinen Vollmachten gemäß Artikel 48 der Verfassung Gebrauch zu machen. Clarks Darstellung geht ins genaue Gegenteil: Hindenburg als Opportunist, auf seinen eigenen Vorteil und sein Image bedacht, intrigant und explizit kein Produkt des alten preußischen Ideals. Es ist eine Seltenheit, dass ich mir Textstellen in meinen Büchern markiere – an dieser Stelle habe ich Markierungen von vor einigen Jahren wieder gefunden, die mein großes Erstaunen über diese überzeugend vorgebrachte Sichtweise ausdrücken.

In der NS-Zeit war Preußen aus dem täglichen Leben bereits im Wesentlichen verschwunden. Umso stärker wurde, besonders im 2. Weltkrieg, die Legendenbildung. Sowohl die offizielle Propaganda bediente sich der preußischen Geschichte, als auch der Widerstand. Interessanterweise verwendeten beide Seiten ähnliche Epochen für ihre Zwecke: die Zeit Friedrichs des Großen und die Zeit der Befreiungskriege. In einer Dokumentation des RBB über Preußen gab es ein Zitat, das sich an dieser Stelle in seiner vollen Länge lohnt: „Typisch preußisch waren jene Soldaten, die sich nicht am Putsch gegen Hitler beteiligt haben, obwohl sie die Katastrophe sahen. Ein preußischer Feldmarschall meutert nicht. Typisch preußisch waren die Attentäter, die ihrem Gewissen gefolgt sind, ihre Pflicht erfüllten und dafür sogar den Tod in Kauf nahmen. Typisch preußisch waren aber auch jene Militärs, die den Aufstand niedergeschlagen haben, gemäß Eid und Befehl und weiterkämpften bis zuletzt… und damit ist Preußen schließlich auch von der Landkarte verschwunden.“ All diese Aspekte können als preußisch gelten, die vielleicht überraschenderen davon haben wir hier nachgezeichnet, andere eher übergangen (besonders den Militarismus, für den ich wenig übrig habe – der aber unbestreitbar einer der zentralen Punkte an Preußen ist). Für die einen war die Erinnerung an Preußen die Zuflucht, die ihnen das NS-Deutschland nicht (oder nicht mehr) war. Für die anderen war die Erinnerung an Preußen das Vorbild, um auch in schlimmen Zeiten nicht aufzugeben, nicht ohne Grund war der einzige Farbtupfer in Hitlers Bunker ein Portrait Friedrichs des Großen. Gerade die unpassenden Aspekte wurden dabei ausgeblendet: die Toleranz und Aufklärung Friedrichs des Großen spielte für Hitler nicht die geringste Rolle.

Das Wegdenken-Können, das bei Haffner beschrieben wird, ist in der Rückschau besonders im Ende Preußens deutlich. Die Alliierten lösten den Staat 1947 auf, als er de facto schon lange nicht mehr existierte: seit 1932 gab es keine selbständige preußische Regierung mehr, seit 1945 waren auf dem ehemaligen preußischen Gebiet neue Länder gegründet worden. Vermisst wurde der Staat nicht. So integrativ er stets gewirkt hatte, so viele Länder und Völker ihm immer wieder erfolgreich einverleibt wurden um einen funktionierenden Staat zu bilden, so plötzlich war er verschwunden. Die Erinnerung an Preußen ist geblieben, und wie Clark beeindruckend darstellt ist es an vielen Stellen eine sehr ambivalente Erinnerung, oft eine ungerechtfertigt negative. Aber vermisst wird Preußen auch heute nicht. Es gab nur in einer kurzen Phase seiner Geschichte die wirklich überzeugten preußischen Staatsbürger, in der meisten Zeit waren es beispielsweise Brandenburger, Rheinländer oder eben insgesamt Deutsche. Clarks Buch ist ein Meisterwerk, das alle diese Fäden verknüpft, ohne unübersichtlich zu werden. Ein Buch, das ich nun zum zweiten Mal mit großem Gewinn gelesen habe.

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