Berlin Alexanderplatz

Nachdem ich nachhaltig durch Ulysses von James Joyce beeindruckt war, und auch diverse Sekundärliteratur dazu gelesen hatte, war ich neugierig auf den Einfluss, den Joyce mit seinem Werk auf andere Schriftsteller gehabt haben soll. Insbesondere der so genannte Bewusstseinsstrom (Stream of Consciousness), den er im letzten Kapitel anwendet, wird immer wieder als Inspiration für weitere moderne Romane genannt. Darunter ist als eines der meistzitierten Beispiele „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin.

Der Vergleich ist erlaubt: Döblin hat sich offenkundig von Joyce inspirieren lassen und ein Portrait der Stadt Berlin in den 20er Jahren geschaffen, ähnlich wie Joyce die Stadt Dublin im Juni 1904 dargestellt hat. In beiden Fällen wird die Geschichte anhand einiger weniger Bewohner erzählt, aber die Handlung als solche ist nicht das entscheidende. Es sind einzelne, dem Grunde nach gewöhnliche Schicksale, die nur als Kulisse für den eigentlichen Hauptdarsteller dienen: die moderne Großstadt. Bei Joyce ist dieses Motiv klarer, schon weil nur ein einziger Tag ohne besondere Vorkommnisse erzählt wird. Döblin hingegen flicht in seinen Text sehr einprägsame Darstellungen ein, in denen die Personen entweder chaotisch durch die Szene gezogen sind oder gar nicht mehr unterscheidbar sind.

Berlin Alexanderplatz verfügt hingegen über einen längeren Handlungsbogen und ist darin den klassischen Romanen deutlich verbunden. Der vom Herausgeber gewünschte und von Döblin nur zögerlich eingefügte Untertitel lautet „Die Geschichte vom Franz Biberkopf“. Dieser Biberkopf ist ein entlassener Strafgefangener, der sich geläutert fühlt und sich bessern möchte. Allerdings gerät er immer stärker auf die schiefe Bahn zurück, jeweils nach immer tiefer einschneidenden Erlebnissen mit der Halbwelt. In einer sehr klar durchkomponierten Struktur führt Döblin seine Leser in die wirre und widersprüchliche Gedankenwelt Biberkopfs ein, als Beispiel sei die sehr ambivalent verwendete Bedeutung des Wortes „anständig“ genannt. Er lernt regelmäßig Frauen kennen und will sie lieben, aber er bleibt ihnen gegenüber stets gewalttätig. Er versucht sich von der Halbwelt fernzuhalten und wechselt mehrfach seinen Wohnort, kann sich dem Milieu aber nicht entziehen. Den endgültigen Abstieg bringt ihm sein Bekannter Reinhold bei, der ihn während eines Einbruchs lebensgefährlich verletzt und verstümmelt. Biberkopf wird sich dennoch nicht von Reinhold und seinem Umfeld lösen können, bis es schließlich am Ende zur Läuterung kommt. Reinhold wird aus Hass gegen Biberkopf zum Mörder an dessen Freundin Mieze, er wird überführt, Biberkopf verliert seinen Lebenswillen und landet in der Irrenanstalt. Als er sie verlässt, ist er „wiedergeboren“.

Der Roman ist leichtere Kost als Ulysses – leicht verständlich ist er darum noch lange nicht. Auch hier fand ich es nützlich, einen „Reiseführer“ in Gestalt von Sekundärliteratur bei mir zu haben. Viele Motive des Romans, und auch die Unterscheidung zwischen Traum und Wirklichkeit, wurden mir erst dadurch deutlich. Der Text wimmelt vor Anspielungen auf klassische Literatur, auf zeitgenössische Lieder, auf die Bibel, auf naturwissenschaftliche Schriften und vieles andere mehr. Viele Motive werden subtil in den Text eingestreut, bevor sie einige Abschnitte später tatsächlich relevant oder überhaupt verständlich werden: beispielsweise wird Reinhold als einzige Person ausführlich beschrieben, nur von ihm könnte man aus dem Roman heraus eine Skizze zeichnen. Dies geschieht, als Biberkopf erstmals mit ihm spricht – doch schon einige Zeit zuvor tritt Reinhold unbewusst im Hintergrund auf, mit Satzfetzen und Handlungen, die ihn im Nachhinein identifizierbar machen (er bestellt Zitrone und Kaffee). Ähnliches gilt für die Parabel, die Biberkopf schon zu Beginn des Romans erzählt wird, aber erst zum Ende verstanden werden kann: Biberkopf selbst versteht die Geschichte sofort völlig falsch und zieht keine Schlüsse daraus. Erst am Ende, nach seiner Wiedergeburt, handelt er passend zu dieser Parabel. Er ignoriert beständig, was ihm wohlmeinende Zeitgenossen von Beginn an nahe legen.

Immer wieder gibt der Text Vorahnungen für das künftige Schicksal Biberkopfs – ebenfalls ohne, dass diese sofort verstanden werden können. Das Hausmeisterehepaar etwa, das scheinbar zusammenhanglos im Roman auftritt, und das sich zunächst widerstrebend, dann aber immer bereitwilliger an den Aktionen einer Diebesbande beteiligt, bis es unerwartet verhaftet wird, ist eine klare Parallele zu Biberkopfs Weg. In beiden Fällen halten die Personen sich zu Unrecht für deutlich klüger als die restliche Halbwelt und als die Polizei, sie biedern sich den Diebesbanden an und entsagen der bürgerlichen Arbeit, halten ihr Handeln aber immer für „anständig“. Bei ihrer Verhaftung betrachten sie sich jeweils als die Hintergangenen und sind sich keiner Schuld bewusst. Vergleichbare Parallelen gelten auch für die Mordgeschichte aus dem Rheinland, die zum Mord Reinholds an Biberkopfs Freundin passt.

Ein sehr lesenswerter Abschnitt ist die Schlachthofszene, die im Roman immer wieder aufgegriffen wird und deren Bilder Biberkopf immer wieder in den Sinn kommen. Wenige Sequenzen sind so eindringlich wie diese. Und wenige Sequenzen sind so bedeutungsschwanger: Berlin ist ein Schlachthof für Menschen und Seelen – Biberkopf ist verurteilter Mörder und wirkt daher als Schlächter – Biberkopf sieht sich selbst als Opfer der Umstände, der wie das Vieh angetrieben wird – beim Mord Reinholds an Mieze wird sein Opfer mit den gleichen Adjektiven beschrieben wie das Vieh in der Schlachthofszene – der Satz „wie dies [das Vieh] stirbt, so stirbt er [Biberkopf] auch“. Aber nach seiner Läuterung erkennt Biberkopf auch den Unterschied und verhält sich wachsamer als zuvor, wachsamer als das unwissende Vieh: „Augen auf“.

Besonders in letzterer Hinsicht ist das Buch eine Art Bildungsroman: Biberkopf steht am Ende als veränderter Mensch da. Insofern ist das Buch moralisierend und es nimmt den Leser auf Biberkopfs Reise mit – mit allen Irrungen und Wirrungen, die sich dort finden lassen. Grundsätzlich halte ich wenig von Büchern mit solcher Art von Message. Sie ist jedoch so versteckt und im Text verborgen, dass man sie sich als Leser mit viel Mühe erarbeiten muss: fast wie Biberkopf selbst (wenn auch ohne die schweren körperlichen Verletzungen und emotionalen Verluste).

Neben all diesen strukturellen Aspekten ist das Buch ein sehr reichhaltiges Portrait der Gesellschaft der Zeit. Als Gelegenheitsarbeit verkauft Biberkopf etwa rechtsradikale Zeitungen, ohne sich jenseits von Parolen kritisch mit der Politik auseinanderzusetzen. In einer anderen Sequenz werden die Lebensläufe von Mietern eines Mehrfamilienhauses beschrieben: Austauschbarkeit der Personen als Beispiel dafür, dass Biberkopfs Geschichte nur eine von immens vielen möglichen Geschichten wäre. Dies ist ebenfalls eine starke Parallele zu Ulysses, wo in einem Kapitel beliebige Bürger Dublins auf ihrem Weg begleitet werden, ohne dass einer von ihnen besonders wäre. In Döblins Werk prägt sich in der heutigen Rückschau eine Anspielung auf den Gewinn in der preußischen Lotterie im Jahr 1957 besonders ein…

Erwähnenswert ist auch die Sprache von Berlin Alexanderplatz, die in jedem Moment den Dialekt der Stadt festhält. Döblin spielt virtuos mit verschiedenen Ebenen, sehr vulgären Ausdrücken gleich neben umständlichen oder veralteten Begriffen. Gleichzeitig tropft die Ironie zwischen den Zeilen aus fast jeder Seite. Aber nicht nur der Dialekt, auch die Geschwindigkeit der Stadt ist in diesem Buch eingefangen: durch schnelle Wechsel, schnelle Schnitte wie in einem heutigen Actionfilm, wird die Schnelllebigkeit dargestellt, auch die Überforderung, die Biberkopf am Anfang des Romans erlebt. Zeitungsausschnitte und Liedzeilen, die ohne Kontext in den Haupttext eingestreut sind, verstärken diesen Effekt. Untermalt wird das ebenfalls durch den sprunghaften Bewusstseinsstrom, der eingangs erwähnt war.

All dies ist nur ein Abriss dessen, was sich in Berlin Alexanderplatz verbirgt. Man merkt dem Text seine Konstruktion deutlicher an, als das bei Ulysses der Fall war. In dieser Hinsicht war Joyce der deutlich bessere Komponist – die Leistung Döblins soll dadurch nicht geschmälert sein. Das Buch erzählt eine Geschichte, die das Berlin der 20er Jahre so aufzeigt, wie es an manchen Stellen offenbar tatsächlich war. Im Text verbirgt sich noch vieles, das mir bisher verborgen geblieben ist – es ist noch viel zu entdecken für einen neuen Durchlauf.

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