Die Geschichte des frühen Christentums

Eine historische Epoche, die mich schon seit langem latent fasziniert hat, ist die Zeit des Urchristentums. Ab einem gewissen Punkt hatte sich das Christentum etabliert, es hatte sich weit verbreitet und der Geschichtswissenschaft stehen unzählige Quellen zur Verfügung – aber was war davor? Wie ist das Christentum so groß und so erfolgreich geworden? Ich habe lange Zeit mit einem gesunden Halbwissen in Bezug auf diese Fragen gelebt und wollte eines Tages die Lücken schließen. Mein Reiseführer in die Zeit der Anfänge des Christentums war ein Band mit Aufsätzen mehrerer französischer Historiker, der den Auftakt zu einer insgesamt 14-bändigen Reihe bildet. Sie lässt relativ wenige Fragen offen – die Texte gehen so stark ins Detail, dass die diversen angesprochenen Themen mehr als ausgiebig durchleuchtet werden. Zu manchen dieser Themen hatte ich schon im Vorfeld nur eingeschränktes Interesse, manchmal hat sich mein Interesse auch während der Lektüre verflüchtigt. Nachdem ich mit dem ersten Band, der die Zeit bis zum Jahr 250 behandelt, zuende war, habe ich nun eine Verschnaufpause zu diesem Gesamtkomplex eingelegt; zumal mich im Besonderen diese Frühzeit gereizt hat. Unter dem Strich habe ich viel dazu gelernt.

Der Anspruch der Reihe lässt sich ablesen an einer Bemerkung aus dem Vorwort des zweiten Bands, dass es bisher wenig Literatur zur Geschichte des Christentums gebe, „die über den Rahmen eines Lehrbuchs für studentische Zwecke hinaus geht.“ Von meiner akademischen Heimat, der Mathematik, ausgehend muss ich folgern, dass entweder die studentischen Lehrbücher in der Geschichtswissenschaft eher leichte Kost sind, oder dass hier der Anspruch sehr hoch hängt. Und in der Tat ist das Gesamtwerk nur an manchen Stellen im klassischen Sinne „erzählend“. Ein schönes sprachliches Bonmot aus dem ersten Kapitel sei aber dennoch nicht vorenthalten: „Die genaue Datierung der Geburt Jesu ist ein Unterfangen, das die zur Verfügung stehenden Quellen überfordert.“

Mit der klassischen Biographie des Jesus von Nazaret verhält es sich ähnlich wie mit der Geschichte des Christentums nach dem 4. Jahrhundert: es gibt eine ungeheure Menge Literatur dazu und auch viele der Primärquellen sind gut bekannt. Insofern lag hier nicht mein Hauptfokus bei der Lektüre des Buchs. Auf dem einen oder anderen Weg wird regelmäßig aus den Evangelien erzählt, sodass sich dem moderat Interessierten dort nur noch wenig neues verbirgt (als Beispiel gelte etwa dieses Buch von Rudolf Augstein). Danach beginnt jedoch, von gelegentlichen Schlaglichtern wie dem Martyrium Petri oder der Mission des Paulus abgesehen, das große Unbekannte. Und schon bei den Details aus dem Leben des Paulus wurde mir das Eis sehr dünn. Daher habe ich neben den entsprechenden Kapiteln auch die Apostelgeschichte und die Briefesammlung im Neuen Testament näher kennen gelernt. Dabei ist mir klar geworden, warum gelegentlich beschrieben wird, dass manche Briefe aus mehreren Schriften kompiliert wurden oder Einschübe und logische Brüche enthalten sollen. Darüber hinaus sind viele der Briefe unter fremdem Namen verfasst, sodass sich auch hier die Frage aufdrängt, warum manche Briefe in den Kanon des Neuen Testaments aufgenommen wurden und andere nicht. Leider ist dies eine Frage, die mir bisher unbeantwortet geblieben ist.

Eine Stelle, an der mein Halbwissen sich als falsch herausgestellt hat, ist die Behandlung verschiedener Strömungen innerhalb des Christentums, die man später als Häresien bezeichnet hat. Bisher war ich dem Eindruck erlegen, dass die Christen in der Zeit ihrer Verfolgung sich noch als Einheit darstellten – es gab so viel Druck von außen, dass sich gar keine unterschiedlichen Glaubensfragen entwickeln konnten. Nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt als dieser Eindruck: es gab im Gegenteil gar keine zentrale Instanz, die für die „eine“ Wahrheit hätte sorgen können. Die einzelnen Gemeinden und Gelehrten entwickelten ihre eigene Theologie und vertraten diese meist unbehelligt. Viele solche Glaubenssätze standen nebeneinander, lagen häufig im Streit miteinander, und erst nachdem das Christentum aus staatspolitischen Gründen nicht mehr ausdifferenziert sein durfte, wurden auf den ökumenischen Konzilien die bekannten Glaubenssätze festgelegt.

Schon in den 30er-Jahren des 1. Jahrhunderts muss es eine Abspaltung gegeben haben, die auch in der Apostelgeschichte (Apg 6,1) erwähnt wird – das ist insofern bemerkenswert, als dass die Apostelgeschichte stets bemüht ist, alle Streitigkeiten zu übertünchen, ebenso wie ein Großteil der kanonischen Literatur und insbesondere die Evangelien: es wird die einige Christenheit postuliert, jeder Abweichler steht außerhalb des Glaubens. Nicht ganz umsonst wird das Gewand Jesu nicht zerteilt, sondern die Soldaten würfeln darum (Joh 19,24). Besagte Abspaltung schon unmittelbar nach der Kreuzigung besteht aus griechisch-sprachigen Judenchristen, die außerhalb der Gruppe um Petrus und Jakobus stehen, aktiv Mission betreiben und, für damalige Christen noch ungewöhnlich, scharfe Kritik am Tempelkult üben – wohl nicht ganz zufällig hat der erste christliche Märtyrer den griechischen Namen Stephanus (Apg 7, 59).

Die erste große Glaubensfrage ist allerdings hochberühmt: der Streit zwischen Paulus und der Gemeinde in Jerusalem, ob auch Heiden missioniert werden sollen und ob das alttestamentarische Gesetz auch für sie gelten soll. Dass in den diversen Schriften des neuen Testaments unterschiedliche Darstellungen des Apostelkonzils (Apg 15; Gal 2) vorkommen, war mir eine sehr neue Information; wenn man auch im Quellenstudium – und um nichts anderes handelt es sich dabei – niemals überrascht sein darf, dass verschiedene Autoren verschiedene Absichten mit ihrer Schrift verfolgen. Ohnehin sollte man sich wohl aufgrund der bekannteren Stellen in der Bibel nicht mehr von logischen Fallstricken überraschen lassen. Vielmehr ist meine Überraschung über die Darstellung des Apostelkonzils eine Aussage, wie wenig bekannt mir die diversen Paulusbriefe waren.

Viele weitere Streitigkeiten sollten folgen, darunter die Frage nach dem korrekten Datum des Osterfestes (am korrekten Tag im hebräischen Kalender oder am Sonntag nach dem Pessah-Fest?), die Frage nach der fortbestehenden Gültigkeit des alttestamentarischen Bundes, und sogar schon christologische Fragen – bis zum Arianismus ist es kein weiter Weg mehr. Allerdings gibt es die famosen Streitfragen über Geist und Wesen Jesu noch nicht – die genaue Ausformung der Trinität benötigt einige Jahrhunderte des Philosophierens.

Ein spannendes Kapitel handelt vom frühen Verhältnis zwischen Christen und Juden im damaligen Palästina. Die Zerstörung des Tempels im Jahre 70 wirkt wie ein Katalysator für das Auseinanderdriften, das Verhältnis zwischen beiden Gruppen radikalisiert sich innerhalb weniger Jahrzehnte nach diesem Ereignis massiv. Bis dahin gab es zwar Abgrenzungen und latente Spannungen, aber man lebte überwiegend nebeneinander. Ohne den Tempel war den Juden der Fixpunkt verloren gegangen und die Abgrenzung zu den Christen wurde als verschärft notwendig gesehen. Umgekehrt waren die Christen darauf bedacht, sich den Römern gegenüber von den Juden abzugrenzen, die gegen das Imperium rebelliert hatten. Dies ist an den Evangelien besonders gut ablesbar: beispielsweise ist der Römer Pilatus von der Unschuld Jesu überzeugt und will ihn freilassen, aber das Volk von Jerusalem fordert, aufgewiegelt von den Hohepriestern, „kreuzige ihn, kreuzige ihn“ (u.a. Mk 15, 14). Und dennoch sind die synoptischen Evangelien noch außerordentlich nahe an der hebräischen Tradition: besonders Matthäus zitiert ausgiebig aus dem Alten Testament.

Das Johannesevangelium fällt bekanntlich stark aus der Reihe der restlichen drei Evangelien heraus. Viele der dort entwickelten Gedanken wirken geradezu esoterisch, oder im Jargon: gnostisch. Ich habe erstmals eine Vorstellung davon bekommen, was der häufig beschriebene Gnostizismus tatsächlich sein soll – die Grundsätze verstanden habe ich allerdings nicht. Die Quellen erscheinen mir nach wie vor sehr wirr und unklar – das mag aber auch meiner Voreingenommenheit geschuldet sein, verbunden mit den aus heutiger Sicht eher erfolglosen Gnostikern. Christliche Texte würden möglicherweise ohne die heutige Omnipräsenz ihrer Ideen ebenso wirr erscheinen (etwa das Konzept der Eucharistie, des „Gott Essens“). Für mich war insgesamt die Sichtweise neu, dass das Johannesevangelium eine Art Kampfschrift gegen jene Strömung sei, dass Jesus nicht gleichzeitig Mensch und Gott gewesen sei – daher die häufigen Bezüge zum „Menschensohn“, das Blut und Wasser aus der Wunde am Kreuz (Joh 19,34) und anderes mehr. Ein früher Meilenstein auf dem Weg zum Glaubensbekenntnis von Nizäa.

Insgesamt handelt es sich um eine sehr erschöpfende Darstellung des Urchristentums in mehr als einer Hinsicht. Nur am Rande sei die Entwicklung des Gottesdienstes erwähnt, die ich mit großem Gewinn gelesen habe. Der nächste Band hält einige interessante Aspekte bereit, insbesondere bin ich an der Darstellung des Konzils von Nizäa interessiert. Allerdings ist vorher eine gewisse Atempause nötig.

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