Andreas Eschbach

Üblicherweise verbringe ich wenig Zeit mit dem Lesen von Romanen. Meistens lese ich Fachbücher, gerne historisch, oft auch mathematisch. Oder ich tobe mich bei der so genannten „Weltliteratur“ aus (und seien es manchmal nur die Klassiker wie Arthur Conan Doyle und Agatha Christie). Hin und wieder tauche ich auch in die reine Fiktion aktueller Romane ein. In diesen eher seltenen Fällen ist Andreas Eschbach einer meiner Lieblingsautoren.

Meine erste Begegnung mit Eschbach war „Das Jesus Video“. Tief in den 90er Jahren wurde mir dieses Buch empfohlen und ich war schnell von der Grundidee gefesselt: Ein Archäologe stößt bei einer Ausgrabung in Israel auf ein etwa 2000 Jahre altes Grab – in dem er als Grabbeigabe die Bedienungsanleitung zu einer Sony-Videokamera findet. Als sich bald herausstellt, dass es sich zumindest nicht offensichtlich um eine Fälschung handelt, beginnt ein großes, tief gehendes Rätselraten über Zeitreisen, Theologie, und die Frage, wer der Tote ist. Ich will hier nichts über das Ende verraten – ich hatte dieser Tage die schöne Erkenntnis, dass Eschbach offenbar in den nächsten Monaten eine Fortsetzung (oder: Vorgeschichte?) hierzu veröffentlichen wird, die den Titel „Der Jesus-Deal“ tragen soll.

Wenige Jahre später habe ich als nächste Eschbach-Erfahrung „Eine Billion Dollar“ gelesen. Auch hier eine fesselnde Grundidee: Ein Pizzalieferant aus New York erfährt, dass einer seiner Vorfahren vor 500 Jahren Geld angelegt hat, das durch Verzinsung inzwischen zu einem Gesamtvermögen von 1 Billion US-Dollar angewachsen ist (1000 Milliarden, nicht die englische Sprechweise). So weit, so klassische Folklore. Eschbach entwickelt daraus eine schöne Darstellung unseres modernen Wirtschaftssystems mit der moralischen Grundfrage: was fängt ein Einzelner mit so viel Geld an? Hat er eine Verpflichtung, das Geld zum Wohl der Menschen einzusetzen? Und wie soll er das anfangen? Auch hier soll nichts über das Ende verraten sein – nur so viel: die Lösung fand ich verblüffend unorthodox.

„Ausgebrannt“ hat mich später dazu verleitet, keine Formel-1-Rennen mehr zu verfolgen. Die Prämisse dieses Romans ist, dass die großen Ölfelder Arabiens sich dem Ende zuneigen und dadurch der Ölpreis am Markt ins unermessliche steigt. Nicht, dass es kein Öl mehr gäbe – es gibt an vielen Stellen der Welt noch große Ölreserven. Aber das billige Öl ist alle, es gibt keine Stellschraube mehr, mit der sich der Preis regulieren ließe. Hier ist die Grundfrage des Romans: wie gehen wir als Gesellschaft damit um? An welchen Stellen werden wir das merken, ohne es vorher ahnen zu können? Und wie umgehen wir diese Probleme?

Schließlich konnte ich beim Erscheinen von „Ein König für Deutschland“ nicht daran vorbei gehen: Hier hat Eschbach sich an einer politischen Fragestellung entlang gehangelt. Durch Manipulation von Wahlcomputern gelingt es einer Splitterpartei die Bundestagswahl zu gewinnen. Sie erhält eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag – wollte aber von Anfang an mit möglichst absurden Wahlversprechen auf die Unsicherheit der Wahlcomputer hinweisen. So ist die zentrale Wahlforderung die Einführung der Monarchie und die Wahl ihres Parteichefs zum König.

Bei all diesen Büchern, besonders beim letzten, hatte ich stets den Eindruck, dass Eschbach mit einer grandiosen Idee startet und ein hohes Erzähltempo vorlegt – sodass mir nach etwa 400 Seiten die Frage aufkam: „Wie will er das zu einem guten Ende führen“. Das Traurige war: er wusste es selbst nicht. Leider hat er auf die eine oder andere Weise das Ende nicht hinbekommen. Sei es, dass er die Idee nicht zu Ende gedacht hat, oder dass ihm die Luft ausging. Es ist in jedem der Fälle schade, dass die starke Grundidee nicht über die gesamte Länge des Buchs trägt. Der Erzählstil, die Charaktere und die Bilder in meinem Kopf funktionieren in jedem der Fälle reibungslos.

Aber Eschbach kann es auch besser. Das Paradebeispiel ist sein erster und insgesamt aus meiner Sicht bester Roman: „Die Haarteppichknüpfer“. Ein reiner Science-Fiction-Roman um eine Welt, in der die Männer aus den Haaren ihrer Frauen Teppiche für den Palast des Kaisers weben. Die Herstellung eines Teppichs dauert ein ganzes Leben lang, und der Erlös aus dem Verkauf bringt genug ein, dass die nächste Generation davon leben kann – bis der nächste Teppich fertig geknüpft ist. Eines Tages erscheint ein Raumschiff und erklärt, dass in einem Aufstand der Kaiser gestürzt und umgebracht wurde: die Gesellschaft wird dadurch grundsätzlich erschüttert. In vielen kleinen, sehr lose verknüpften Episoden entspinnt Eschbach ein Gesamtbild dieses Universums. Und erst mit den letzten beiden Episoden wird die Geschichte in ihrer Gesamtheit greifbar. Eine unbedingte Empfehlung für jeden, der sich auch nur in Ansätzen für solche Romane begeistern lassen kann.

Ähnlich faszinierend ist „Der Nobelpreis“, die Geschichte eines Mitglieds des Nobelkomitees, das mit der Entführung seiner Tochter erpresst wird, für einen bestimmten Kandidaten zu stimmen. Um sich diesen Entführern zur Wehr zu setzen, baut er eine Verbindung zu seinem Schwager auf, der soeben aus dem Gefängnis entlassen wurde. Der Roman lebt von seiner Erzählweise und lässt sich am ehesten mit dem klassischen englischen Begriff „whodunnit“ beschreiben – und doch kann das nur die Hälfte erzählen. Auch dieses Buch kann ich nur jedem ans Herz legen, der klug geschriebene Romane, oder spannende „page-turner“ sucht. Da es ohne gesellschaftskritische Töne und ohne ethisch-moralische Botschaft auskommt, ist es eine ganz klassische Urlaubslektüre – ohne einfach gestrickt oder schnell vergessen zu sein.

Schließlich konnte ich mit sehr über „Herr aller Dinge“ freuen. Auch dies ein Roman, in dem Eschbach seine Grundidee einfach zu Ende gedacht hat. Die Hauptpersonen sind Charlotte, eine Diplomatentochter, und Hiroshi, ein Informatiker aus kleinsten Verhältnissen. Ihre Wege kreuzen sich zufällig, aber sehr regelmäßig. Sie kennen sich schon aus Kindertagen und haben schon damals den Unterschied zwischen Arm und Reich überbrücken können. Es entsteht bei ihnen der Traum, diese Unterschiede in der Welt vergessen zu machen. Und die Lösungsmöglichkeit, die Hiroshi schließlich erkennt, ist hat mich tatsächlich überrascht. Aber schon kurz nach der Eröffnung dieser Lösung schlägt Eschbachs Ideenreichtum wieder zu: mit einem hoch interessanten Plot-Twist, den ich überhaupt nicht kommen gesehen habe (das ist kein Spoiler, ich glaube das wird niemand kommen sehen), der sich aber nahtlos ist die bis dahin erzählte Geschichte einfügt – gutes Geschichtenerzählen fast als Lehrbuch-Beispiel. So ungewöhnlich der Plot endet, so natürlich folgt er aus allem, was der Leser vorher erfahren hat. Eine vollständig zu Ende gedachte Geschichte, in ihren Konsequenzen ausgiebig dargestellt; Science-Fiction, die nicht in ihre eigene Karikatur abgleitet.

Vor wenigen Tagen habe ich meine Lektüre des neuesten Eschbachs beendet: „Todesengel“. Ich bin etwas zwiegespalten, aber es gilt wie schon zuvor: der Roman funktioniert. Er ist spannend, er ist interessant, die Charaktere sind scharf und natürlich gezeichnet. Kurz zur Handlung: in einer nicht näher bezeichneten Stadt (in der es bemerkenswerterweise eine Dominikstraße, eine Brunnerstraße, einen von-Metzler-Platz, und einen Jonny-K-Verlag gibt… got it?) werden Angreifer und Schläger von einer Gestalt auf frischer Tat erschossen, die von Überlebenden nur als „Engel“ bezeichnet wird. Die Gesellschaft teilt sich in Verteidiger und Verfolger dieses Engels, mit der moralischen Grundfrage: ist eine solche Tat als Zivilcourage gerechtfertigt? Ist es eine Form von Gerechtigkeit einen Gewalttäter während der Tat zu erschießen oder ist solche Selbstjustiz grundsätzlich zu verurteilen? Ich bin etwas darüber gestolpert, dass dieser Roman stellenweise wie ein Lehrstück daher kommt, das den Versuch macht mich von einer Meinung zu überzeugen. Das hätte nicht sein müssen – zumindest nicht so platt.

Trotz dieses eher durchwachsenen letzten Romans habe ich immer eine große Vorfreude auf neue Eschbach-Romane. Zumindest die oben genannten „guten“ Bücher kann ich uneingeschränkt empfehlen. Und auch zu den übrigen gibt es, wie ich weiß, eine große Fangemeinde. Jeder wird darunter ein Lieblingsbuch finden können, davon bin ich überzeugt. Und kurzweilige Unterhaltung bieten sie allemal. Viel Spaß damit!

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