Martin Luther – Biographie von Hans Schilling

Es hat nicht viel gefehlt, dass aus mir ein Historiker geworden wäre. Mir gefielen die Berufsaussichten nicht besonders gut als ich mich gegen die Geschichtswissenschaft entschieden habe, und im Rückblick habe ich mich darüber auch nie geärgert. Als verhinderter Hobby-Historiker komme ich aber ohne meine Grunddosis historischer Fachliteratur immer noch nicht aus. Etwas abseits meiner normalen Hauptinteressen-Epochen stand aber schon seit ungefähr einem Jahr die neue Luther-Biographie von Heinz Schilling, mit dem Untertitel „Rebell in einer Zeit des Umbruchs“, auf meiner Liste. Aus einem Impuls heraus ist dieses Buch in der Prioritätsliste etwas nach vorne gerutscht, und während der letzten fünf Wochen habe ich mich also mit dem Beginn der Neuzeit in Deutschland befasst.

Ich hatte zu Schulzeiten schon die Bücher von Schilling in der Reihe „Das Reich und die Deutschen“ aus dem Siedler-Verlag gelesen, die ebenfalls die frühe Neuzeit abdecken („Aufbruch und Krise“ und „Höfe und Allianzen“). Ich habe beide Bücher als durchaus lehrreich, aber mit einem grausamen Schreibstil in Erinnerung. Insbesondere habe ich die Bände nie mehr in die Hand genommen, außer um nachlässig durchzublättern und die Bilder anzuschauen. Entsprechend war ich etwas zurückhaltend über Schillings Luther- Biographie. Zum Kauf überzeugt haben mich aber die vielen guten Besprechungen, die überraschenderweise auch den flüssigen Schreibstil loben. Im Rückblick muss ich sagen: ich muss Schilling eine neue Chance geben und die alten Bücher wieder aus dem Regal holen.

Ich hätte mich sicher nicht innerhalb so kurzer Zeit vollständig mit dem Lutherbuch befassen können, wenn nicht der Schreibstil ein sehr guter wäre. In dieser Hinsicht ist das Buch nur zu loben. Es behält einen klaren, objektiven historischen Stil, der lebendig ist ohne aber reißerisch-spektakulär zu werden. Hier geht ein großes Lob an den Autor. Am ehesten hatte ich Probleme mit den vielen Originalzitaten in frühneuhochdeutscher Orthographie und Wortwahl. Mit der Zeit wächst man in diese Texte hinein, aber für den in anderen Epochen bewanderten Leser (oder gar den Laien) ist dies eine etwas höhere Hürde.

Inhaltlich hatte ich mit wenig Neuerungen gerechnet. Immerhin kennt man die Eckdaten von Luthers Leben recht gut, wenn man sich etwas mit der deutschen Geschichte auseinander gesetzt hat – im Gegenteil kann man sich kaum gegen eine gewisse Lutherkenntnis wehren, wenn man ein Geschichtsbuch über Deutschland liest, das irgendeine Epoche zwischen 1517 und heute abdeckt. Und so sind es eher die kleinen Details, die die Lektüre dieses Buchen für mich zu einem Gewinn gemacht haben.

Beispielsweise ist es ein Gemeinplatz, dass Luthers Bibelübersetzung die hochdeutsche Sprache vereinheitlicht hat, dass Luther durch seinen eigenen sächsischen Dialekt so erfolgreich wurde. Ein Luther aus Oberbayern oder Friesland hätte wegen der Fremdheit seiner Sprache anderswo in Deutschland mehr Schwierigkeiten bekommen, als der Mann aus dem Grenzgebiet Sachsen-Thüringen-Hessen-Franken, der sich Vielen verständlich machen konnte. Dass aber seine Bibelübersetzung nicht aus Mangel an deutschsprachigen Bibeln, sondern aus dem Überfluss an schlechten Übersetzungen geschah und genau deswegen so erfolgreich wurde, war eine große Überraschung. Erst Luthers Übersetzung war lesbar und gut verständlich im Sinne des Bonmots, man müsse dem Volk aufs Maul schauen.

Luther kam zu Lebzeiten kaum über den Horizont Sachsens und Thüringens hinaus. Nur eine Reise als Rom, die er noch als Mönch antrat, führte ihn aus Deutschland heraus, danach waren seine weitesten Reisen die zum Reichstag nach Worms und zur Feste Coburg während des Reichstags in Augsburg. In einer Zeit, in der die Welt rapide größer und immer kosmopolitischer wurde, hat sich der einflussreichste Mann Deutschlands, wenn auch jahrzehntelang durch die Reichsacht gezwungenermaßen, in einem extrem kleinen Gebiet bewegt. Auch dies ein Aspekt der Persönlichkeit Luthers, die Schilling sehr gut heraus arbeitet.

Ein weiteres Beispiel ist die Modernität von Luthers Rechtfertigungslehre. Allgemein bekannt ist das Wort von „sola scriptura, sola gratia, sola fide“ – nur durch Glauben, nur durch die Gnade Gottes und nur durch den Inhalt der Schrift findet der Mensch Erlösung. Ablasshandel ist also unnütz und sogar Sünde. Der tiefere Blick zeigt, dass diese Erkenntnis grundsätzlich unterstellt, dass der Mensch böse ist, und gute Werke nicht nur unnütz, sondern sogar möglicherweise schädlich für das Seelenheil sind. Luther wandte sich also gegen die damals neue humanistische Sichtweise vom vernunftbegabten Menschen, der seine Handlungen logisch durchdenken und zum Besseren wenden kann. Die Humanisten konnten insbesondere eine Selbstverantwortung und damit die individuelle Freiheit für jeden Menschen folgern. Luther sieht diese Selbstverantwortung nicht, sondern folgert aus jeder menschlichen Handlung die Sünde, die sich erst durch Gottes Gnade lindern lässt. Diese Erkenntnis hat mein bisheriges Bild vom modernen, in die Zukunft (nämlich weg von den korrupten Auswüchsen des allmächtigen Renaissance-Papsttums) weisenden Luther stark revidiert – im Gegenteil, Luther weist in die Vergangenheit der urchristlichen Texte, die ganz auf die Endzeit ausgerichtet sind. Und Luther sieht sich selbst als den Propheten dieser Endzeit, der von der einmal als richtig erkannten Wahrheit keinen Millimeter weit abrücken kann. Kompromisse sind ihm fremd.

Schillings Buch ist gespickt mit kleinen Überraschungen dieser Art, die in die bekannte Geschichte eingestreut sind. Und auch die Einblicke in die Persönlichkeit Luthers sind spannend. In der protestantischen Folklore gilt Luther als der große, standfeste und im wesentlichen „nette“ Mann, der die Kirche reformieren und auf ihre alte Basis stellen wollte. Die Kompromisslosigkeit, mit der er seinen neuen (aus seiner Sicht: alten) Glauben verteidigt hat, war damals aber in dieser Form entscheidend, damit sich die neue Konfession behaupten konnte. Dass diese Kompromisslosigkeit auch zu den entsetzlichen Schriften über die Bauern (weil sie sich gegen die Ordnung in der Welt stellten) und später über die Juden (weil sie sich nicht zum Evangelium bekehren lassen wollten) geführt hat, ist ein Aspekt der Persönlichkeit Luthers, der sonst in dieser Schärfe nicht besonders stark heraus gestellt wird.

Insgesamt ist Schillings Buch ein sehr bedeutender Beitrag zu den anstehenden Lutherfeierlichkeiten zum Jubiläum der Reformation 2017. Übrigens, auch dass dieses Jahr nicht unbedingt das entscheidende Datum in der Entstehung von Luthers Gedankenwelt und Reformation ist, wird sehr überzeugend deutlich. Besonders die Kapitel zur Bildung von Luthers reformatorischen Ideen sind lesenswert (das schreibe ich, ohne die restlichen Kapitel entwerten zu wollen; alle haben ihre spannenden und neuen Aspekte). Ein großes Buch, das Lust auf mehr Beschäftigung mit dieser Epoche macht.

Und in den nächsten Jahren werden wir um die Beschäftigung mit dieser Zeit sicher nicht herum kommen 🙂 Zumal auch der Anhang in Schillings Buch zeigt, dass es noch viele unerforschte Details des frühes Protestantismus gibt. Mehr als einmal schreibt Schilling, dass eine umfassende Analyse der Quellen und Faktenlage wünschenswert wäre, dass er sie aber im Rahmen dieses Buches nicht leisten kann. Es bleibt also noch viel zu tun und viel zu erforschen. Tatsächlich schöne Aussichten!

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